04.07.1983

SOWJET-UNIONNichts vergessen

Erstmals dürfen Deutsche in Gruppen die Gräber gefallener Angehöriger besuchen. *
In Tambow, 400 Kilometer südöstlich von Moskau, ist das höchste Gebäude der Getreidespeicher. Hier stehen eine Farbenfabrik, ein direkt dem Innenministerium unterstelltes Gefängnis, und demnächst gibt es auch ein "Intourist"-Hotel.
Ein Teil der Einwohner lebt in Holzhäusern, Bauern zuckeln auf Pferdewagen durch die Straßen, manche Lkw-Fahrer kleben sich Stalin-Bilder an die Windschutzscheibe - eine Kleinstadt wie andere auch in der großen Sowjet-Union.
Die Front des Zweiten Weltkrieges blieb rund 200 Kilometer vor Tambow stehen, irgendwann fielen auch Bomben auf die Stadt. Gleichwohl ist die Vergangenheit gegenwärtig.
Im Heimatmuseum etwa ist das Gewehr des Tambower Scharfschützen Jewgenij Nikolajew zu sehen, der während der deutschen Belagerung Leningrads jeden seiner Treffer mit einem weißen Kreuz auf dem Schaft markierte, 324 insgesamt. Da sind Photos der in der Nähe von Tambow geborenen Partisanin Soja Kosmodemjanskaja, die mit 17 Jahren von den Besatzern vor Moskau gefangen und gehängt wurde.
Jedes Jahr am 22. Juni, dem Jahrestag der deutschen Invasion, gedenkt die Tambower Jugend der Opfer. Auf dem Soldatenfriedhof preisen dann Veteranen die Friedenspolitik der Partei, die Kapelle der am Ort stationierten Luftwaffe spielt die Nationalhymne, und Junge Pioniere mit roten Käppis legen Blumen auf die Gräber derer, die "ihr Leben für unsere Ehre gegeben haben".
In Tambow gibt es aber auch, höchst ungewöhnlich für die Sowjet-Union,
Gräber der Invasoren, die andernorts fast ausnahmslos eingeebnet sind: 985 316 Deutsche sind laut Oberkommando der Wehrmacht auf dem Boden der UdSSR gefallen - kein einziges Grab ist nach Auskunft der Behörden noch zu finden.
Nur an deutsche Soldaten, die in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft gestorben sind, erinnert hier und da noch eine Grabstelle: Insgesamt sind jetzt 1265 Gefangenengräber bekannt. Doch 1 110 000 Soldaten sind aus russischem Gewahrsam nicht mehr zurückgekehrt.
Zwölf von ihnen liegen auf dem Petropawlowski-Friedhof in Tambow: der Soldat Karl-Herrmann Eichendorf aus Oberbayern zum Beispiel, der Gefreite Hans-Erich Preis aus Zwickau und der Hamburger Leutnant Heinz-Günter Fritz, alle gestorben zwischen August 1946 und August 1947.
Sie sind mit Japanern und Italienern auf einer kleinen Fläche gebettet, die durch einen niedrigen Zaun von den russischen Ruhestätten abgegrenzt ist. Auf jedem Grab wächst eine rote Geranie, im Sand steckt ein Nummernschild.
Diese Woche kommt zum erstenmal eine Gruppe von 15 deutschen Touristen in die Stadt: Hinterbliebene der in Tambow Begrabenen. Delegierte des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) begleiten sie, mit Namensplättchen im Gepäck, die an den Gräbern befestigt werden sollen.
Sie dürfen auch noch Gräber in Kirsanow (466 tote Gefangene) und bei Morschansk (100 auf zwei Plätzen) besuchen, beide rund 100 Kilometer von Tambow entfernt.
Den Angehörigen bietet sich überall ein ähnliches Bild auf den Friedhöfen: Geharkter Boden, die flachen Steinränder der Gräber weiß gestrichen. In Kirsanow pinselten Arbeiter ein Steinkreuz mit Jesus-Bild an, das italienische Kriegsgefangene schon nach dem Ersten Weltkrieg errichtet hatten. Auf den Anlagen dürfen die Verwandten Gottesdienste veranstalten - alles zusammen ein "klarer Akt von Goodwill der Sowjets", so der Kulturattache der Bonner Botschaft in Moskau, Hagen Graf Lambsdorff.
Lange Jahre hatten VDK und Deutsches Rotes Kreuz darum gerungen. Nach Abschluß des Moskauer Vertrages ließen die Sowjets 1972 erste Besucher auf ein Gräberfeld des Moskauer Friedhofs Lublino, auf dem 476 in Gefangenschaft verstorbene Offiziere bestattet sind - seither Ziel von Staatsgästen aus Bonn, die dort, wie in dieser Woche auch Kanzler Kohl, Kränze niederlegen.
Später machten die Sowjets auch den Friedhof Krasnogorsk nahe der Hauptstadt mit 211 deutschen Grabstellen zugänglich. Das Sowjetische Rote Kreuz sagte jüngst zu, westdeutsche Informationen über weitere Gräber zu überprüfen.
Als Grund für die zögernde Freigabe noch vorhandener Grabhügel zur Besichtigung nennt ein Bonner Diplomat in Moskau die "Mixtur aus Ressentiments und sagenhafter organisatorischer Schlamperei auf beiden Seiten".
Die Deutschen waren außerstande, Listen mit den Namen der 325 000 in der Bundesrepublik begrabenen sowjetischen Gefangenen aufzustellen, obwohl ihre 325 Ruhestätten gepflegt werden. Erst vor kurzem übergab die Bonner Botschaft dem Sowjetischen Roten Kreuz einige Belegungspläne.
Die Sowjets wiederum brauchten lange Zeit, um die in der UdSSR noch vorhandenen Gräber überhaupt ausfindig zu machen, weil es in Moskau keine Unterlagen gibt. Doch als zum Beispiel der Hauptgeschäftsführer der "Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde", Ernst von Eicke, sich nach dem Todesort seines Vaters direkt bei der Stadtkommandantur von Kiew erkundigte, legte ein General ihm eine Kriegsgefangenen-Akte des Lagers Darnica mit dem Namen des Vaters vor.
Der Beisetzungsort war abgeräumt, wofür der Sowjetgeneral um Verständnis bat. Gegenüber den deutschen Invasoren, die Millionen Sowjetbürger umbrachten, zeigen die Russen eine "noch immer währende ungeheure Sensibilität" (so ein Bonner Vertreter).
Auch wenn der Kreml längst wieder normale Beziehungen mit der Bundesrepublik unterhält, die Russen meist die Deutschen mehr bewundern als verachten: Für manchen Sowjetbürger ist die Pflege der Friedhöfe von "Faschistenhorden" (Propaganda-Formel) noch immer ein Greuel. Bislang weigerten sich die Funktionäre, eine Gedenktafel für alle gestorbenen Krieger, gleich welcher Nation, in Moskau installieren zu lassen.
"Unmißverständlich und abschließend" (so der Volksbund) erklärten die Sowjets 1982, es gebe keine "oberirdisch erkennbaren deutschen Kriegsgräber aus der Zeit der Kampfhandlungen", was nach Aussage des VDK "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" zutrifft.
Die Deutschen hatten auf ihrem Rückzug selbst zahlreiche von ihnen angelegte Friedhöfe planiert, um der Roten Armee keine Anhaltspunkte über Verluste zu liefern. Andere Gräber, Birkenkreuz mit Stahlhelm, walzten sowjetische Panzer nieder, teils aus taktischen Gründen, teils aus Haß gegen die Nazi-Okkupanten, die ganze Dörfer ausgerottet hatten.
Die Rotarmisten bestatteten auf den Schlachtfeldern liegengebliebene Tote in _(In Alma Ata. )
längst vergessenen Massengräbern. Dasselbe geschah mit den eigenen Opfern - entgegen dem russischen Brauch, Angehörige und Freunde feierlich zu bestatten und lange zu beweinen. Lediglich Soldaten, die in Hospitälern oder nach Kriegsschluß starben, bekamen einen Platz auf einem Soldaten-Friedhof.
Für die anderen errichteten die Überlebenden monströse Heldendenkmäler, etwa die 81 Meter hohe "Mutter Heimat" in Wolgograd. In nahezu jeder Stadt steht eine Gedenktafel, in der die Namen aller gefallenen Einwohner eingemeißelt sind. In größeren Orten der Sowjet-Union, wie auch in Tambow, brennt zur Erinnerung an die Opfer am Grab des Unbekannten Soldaten eine Ewige Flamme, bewacht von uniformierten Schülern, meist die Kalaschnikow im Arm. Immer gilt der Satz, der allenthalben auf Wandinschriften zu lesen ist: "Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen."
Auch der Toten in der Bundesrepublik wird gedacht: Im westfälischen Stukenbrock, wo sich ein Stammlager für sowjetische Kriegsgefangene befand (65 000 Tote), veranstalten Tausende Bundesbürger, darunter Bundeswehrsoldaten, jedes Jahr zum Jahrestag des Kriegsbeginns eine Gedenkfeier, zu der auch sowjetische Militärs anreisen.
In der Sowjet-Union waren bislang solche Treffen zwischen Feinden von einst nicht möglich - eine Versöhnung über den Gräbern, die der Volksbund propagiert, findet nicht statt.
Doch auch an die Kriegsgefangenen in Tambow, Kirsanow und Morschansk erinnern sich Einheimische noch, wenn auch präzise Angaben über Gesamtzahl oder Todesursachen fehlen ("Darüber haben wir keine Unterlagen", so ein Funktionär).
Der Bürgermeister von Morschansk, Jewgenij Sosedow, 42, weiß, daß die Deutschen in einem Barackenlager am Ufer des Flusses Kaschma lebten, wo sich heute der örtliche Rinder-Sowchos befindet. Die Gefangenen seien mit Einheimischen für den Bau eines Flußdeiches eingesetzt worden. In Kirsanow bauten die "Plennis" Wohnhäuser.
In Tambow entsinnt sich ein Ingenieur, 35, der Berichte seiner Großmutter. Danach lebten die gefangenen Japaner, Italiener und Deutschen auf dem Gelände des heutigen Stadions "Revolutionäre Arbeit" in Zelten. Tambower hätten trotz eigenen Mangels den Insassen Brot zugesteckt.
Funktionäre erinnern sich anders: Die Gefangenen hätten nur in den Krankenhäusern gelegen. Die Verwundeten seien aus den Zügen Richtung Osten in Tambow ausgeladen worden.
Um die Toten kümmert sich zuweilen die Bevölkerung noch heute. Gläubige Russen, so sagt der Bürgermeister von Kirsanow, Pjotr Schelakow, besuchen an kirchlichen Feiertagen auch die Gräber der Deutschen.
In Alma Ata.

DER SPIEGEL 27/1983
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