12.09.1983

PRESSEGrünes Gewölbe

Auf 317 Seiten listet eine hausinterne Untersuchungskommission die „Stern“-Pannen beim Reinfall mit den gefälschten Hitler-Tagebüchern auf. *
Lückenlose Aufklärung" versprach "Stern"-Herausgeber Henri Nannen seinen Lesern im Mai, nichts dürfe "vertuscht und nichts verschwiegen werden".
Doch seither warten die "Stern"-Leser vergeblich auf Rechenschaft, wie es zum Ankauf und Abdruck der gefälschten Tagebücher Hitlers kommen konnte.
Am Freitag letzter Woche wurde der Redakteursversammlung zwar fast zehn
Stunden lang die 317-Seiten-Dokumentation einer hauseigenen Untersuchungskommission verlesen. Bevor aber auch die Leser etwas aus dem Pannenbericht erfahren, soll die Schwarte erst zu einem "Stern"-Bericht verarbeitet werden.
Unbequem ist das Ergebnis für den "Stern" allemal. Die fünf Kommissare, vier "Stern"-Redakteure und der frühere Hamburger Justizsenator Ulrich Klug, berichten frisch drauflos.
Daß es überhaupt, unter teils bizarren, teils lächerlichen Umständen, zu diesem größten Schwindel der Pressegeschichte hat kommen können, führen die Hausdetektive auf ein Zusammenwirken harter kommerzieller Interessen und einer illustriertentypischen "Knüllermentalität" zurück.
Sie werfen dem früheren Vorstandsvorsitzenden Manfred Fischer und dem heutigen Vize Jan Hensmann vor, daß sie das Projekt eigenmächtig mit "Stern"-Reporter Gerd Heidemann angebahnt und Entscheidungsbefugnisse der Redaktionsleitung souverän mißachtet haben.
"Alle eingebauten Sicherungen", so ergaben die Nachforschungen, seien "ausgeschaltet" worden. In aller Heimlichkeit wurde der "Stern"-Redakteur Thomas Walde, ein Politologe, mit der redaktionellen Oberaufsicht betraut. Der stellvertretende Verlagsleiter Wilfried Sorge übernahm die organisatorische Abwicklung, die Chefredaktion erfuhr zunächst nichts.
Als die Redaktionsspitze schließlich eingeweiht wurde, zeigte sich Chefredakteur Peter Koch zwar verärgert, befand den - später vehement von ihm verteidigten - Tagebuchfund aber für "gut". Zweifel an der Echtheit kamen nicht auf.
Der Kardinalfehler sei gewesen, so die Hausermittler, daß vom plötzlichen Auftauchen der angeblichen Hitler-Tagebücher bis zu ihrer "marktschreierischen", "kritiklosen Ausschlachtung" die journalistischen Belange stets "den geschäftlichen Interessen untergeordnet" worden seien.
In der Hoffnung auf "das große Geschäft", die "Goldgrube" Hitler, habe die Unternehmensleitung von Gruner + Jahr (G + J) bis zuletzt rigoros in die Kompetenzen der Chefredaktion hineinregiert. Herausgekommen sei dabei, bis zur Entlarvung des Schwindels, Geschichtsschreibung "aus der Sicht einstiger Nazi-Größen", voran des "wahnsinnigen Kriegsverbrechers und notorischen Lügners" Hitler.
Ex-Vorstandschef Fischer sieht das, wie er durch seinen Anwalt zu Protokoll gab, alles ganz anders. Er sei nur für die Beschaffung der Tagebücher zuständig gewesen und hätte, wenn er nicht darum bemüht gewesen wäre, seine Pflichten verletzt. Die redaktionelle Prüfung, Bearbeitung und Präsentation sei dann allein Sache der Chefredaktion und der mit den Tagebüchern befaßten Redakteure gewesen. "Wenn ich boshaft wäre", so Fischer, "würde ich sagen, der Bericht ist ein Stück typischer ''Stern''-Journalismus."
Wie auch immer, unbestreitbar ist jedenfalls die Feststellung der Ermittler, die wenigen Beteiligten hätten schließlich die "Wirklichkeit nur noch selektiv wahrgenommen". Alle Warnzeichen seien mißachtet worden - und davon habe es genug gegeben.
Am Anfang stand die Absage der Redaktionsleitung an den "Nazi-Tick" von "Stern"-Reporter Gerd Heidemann. Statt sich die Skepsis - und das von der Chefredaktion verfügte NS-Themenverbot für Heidemann - zu eigen zu machen, ließen sich Fischer und später auch sein Nachfolger Gerd Schulte-Hillen von dem Journalisten einwickeln. Der Reporter konnte unkontrolliert auf Beschaffer-Tour gehen. Seine Hitler-Spesen wickelte er zeitweise unter dem Tarnwort "Grünes Gewölbe" ab. Im Februar 1981 lag das erste Tagebuch von Fälscher Konrad Paul Kujau aus Stuttgart vor. Fischer ließ die erste Million für weitere Bände springen.
Die Kladden enthielten fast durchweg grotesk Banales. Aber Zweifel kamen _(Bei der Präsentation der gefälschten ) _(Hitler-Tagebücher am 25. April in ) _(Hamburg (l.: "Stern"-Redakteur Walde). )
bei den Gruner + Jahr-Verwertern noch immer nicht auf. So unoriginell, redeten sich die Herren ein, sei "der Spießbürger Hitler" eben gewesen. Auch die mickrigen Kunstledereinbände machten niemanden stutzig: Hitler habe schließlich auch "sonntags Kartoffelsuppe" gegessen.
Als ein Redaktionskollege später die billigen Kunststoff-Initialen "AH", noch dazu mit einem falschen "A", auf zwei Einbänden monierte, wußte Heidemann genau Bescheid: Der angeblich in Südamerika überlebende NS-Reichsleiter Martin Bormann habe ihm selbst erzählt, "der Führer" sei darüber auch schon verärgert gewesen, weil die Buchstaben wie "IH" ("Idiot Hitler") aussähen. Deshalb seien sie nur zweimal verwendet und dann weggelassen worden.
Im März oder Anfang April 1983 brachte Heidemann plötzlich eine Dublette mit: Ein zweibändiges Tagebuch für die Zeit vom Januar bis Juni 1935 war schon da; nun lag noch ein einbändiges für dieselbe Zeit auf dem Tisch, mit weitgehend identischen Eintragungen über Seiten hinweg.
Heidemann beseitigte den in Hamburg aufkeimenden Argwohn mit der Erklärung, Hitler habe mehrfach Doppelbände für dieselbe Zeit geschrieben, einen für die Partei, einen für sich.
In Wahrheit hatte sich ein mit Kujau bekannter Sammler in den Besitz des zuerst gefälschten Bandes gebracht. Er weigerte sich, das kostbare Stück herauszurücken. Als Heidemann den Band dann doch mitbrachte, hatte Fälscher Kujau die Lücke inzwischen mit einer zweibändigen Nachproduktion geschlossen.
Selbst als die ersten Fälschungsbefunde vom Bundeskriminalamt schon vorlagen, wußte es Heidemann noch einmal besser: Der Klebstoff neueren Datums an einer überprüften Urkunde sei offenbar beim späteren unachtsamen Hantieren an das Dokument geraten, und die sogenannten optischen Aufheller im Papier eines Telegramms habe es entgegen der BKA-Annahme schon im Dritten Reich gegeben.
Es war nichts zu machen: Die Beteiligten klammerten sich unbeirrbar an die scheinbar günstigen, sporadisch und - nach Aufkauf von 25 Bänden - viel zu spät eingeholten Gutachten, vor allem von Graphologen. Die "Stern"-Kommission wertet die Art der Vergleichsanalysen nun, gestützt auf ein Obergutachten, als "grobe Fahrlässigkeit".
Zuviel Geld stand schließlich auf dem Spiel: Unversehens waren statt der zunächst bezifferten 2,2 Millionen Mark für 27 Bände schon 9,34 Millionen Mark für zuletzt 60 Bände ausgegeben worden.
Über das Geld wurde, wie die Kommission feststellte, nur schlampig Buch geführt. 700 000 Mark gingen weg, ohne daß Tagebücher vorgelegt wurden; die Daten für das Eintreffen der meisten Bände waren nachträglich nicht mehr feststellbar. Die Klärung strafrechtlicher Vorwürfe gegen Heidemann, der wegen Betrugsverdachts in Untersuchungshaft sitzt, blieb beim Kommissionsbericht jedoch ausgeklammert.
Als Nannen dann doch einmal Zweifel an Heidemanns Ehrlichkeit beschlichen, beschwichtigte Vorstandsvorsitzender Schulte-Hillen den Herausgeber, das habe schon alles seine Richtigkeit.
Der G+J-Chef sei seiner Sache sicher gewesen, so der Bericht, weil sein Vorgänger und späterer Aufsichtsratsvorsitzender Fischer der eigentliche "Urheber" der Tagebuch-Beschaffung gewesen sei. Fischer wiederum habe sich beim "allmächtigen Mehrheitsaktionär", Bertelsmann-Inhaber Reinhard Mohn, Rückendeckung geholt. Insofern sei die G+J-"Koppelung an die Bertelsmann AG eine der Ursachen des späteren Desasters" gewesen.
Nannen wurde von Fischer zunächst nicht informiert, weil Heidemann und Walde ihn für zu geschwätzig hielten. Gegen Chefredakteur Peter Koch hatte der Konzernchef politische Vorbehalte.
Eher zufällig wurde die Redaktionsführung dann doch eingeweiht, weil sie Heidemann im Mai 1981 nach dem Papst-Attentat des Türken Mehmet Ali Agca in die Türkei abkommandieren wollte. Um den Reporter für die Hitler-Recherchen freizuhalten, wurde Nannen von Hensmann im Urlaub verständigt, die Chefredakteure Koch, Felix Schmidt und Rolf Gillhausen bekamen zu ihrer Verblüffung die ersten vier, fünf Tagebücher präsentiert.
Von da an, sagt Fischer heute, sei das Tagebuch-Projekt "das Baby der Chefredakteure" gewesen. Die Kommission sieht es anders: Der Redaktionsleitung seien die Beschaffung und Bearbeitung nicht in allen Einzelheiten offenbart worden, Zahlungen erfolgten ohne Rücksprache, Heidemann und sein Ressortleiter für "Zeitgeschichte", Thomas Walde - für Fischer eine Art "Seriositätssiegel" -, hätten Exklusivverträge erhalten, nach denen sie sich Mitarbeiter selbst aussuchen konnten.
Nannen kommt im Untersuchungsbericht denn auch ganz gut weg - "zu gut", wie er kokettiert -, so daß er ein Kommissionsresümee schon vorletzte Woche unter Hamburger Journalisten zirkulieren ließ. Wortlaut: _____" Eine Sonderstellung zwischen Verlag und Redaktion " _____" nimmt ... Henri Nannen ein. Da er als Vorstandsmitglied " _____" nicht eher als die Chefredaktion informiert worden war, " _____" hatte er mit der Beschaffung der Bücher nichts zu tun. " _____" Als "Herausgeber", der in der redaktionellen Bearbeitung " _____" nichts zu sagen hatte, trifft ihn auch keine " _____" Verantwortung für die Form der Veröffentlichung. Dennoch " _____" hatte er versucht, neutrale und angesehene " _____" Zeitgeschichtler für die Bearbeitung des Stoffes " _____" heranzuziehen, was jedoch daran scheiterte, daß das von " _____" Sonderverträgen geschützte Ressort "Zeitgeschichte" keine " _____" Bereitschaft zeigte, die erwarteten Lorbeeren mit neuen " _____" Zuzüglern zu teilen. " _____" Im übrigen ist dazu festzustellen, daß Nannen, wie " _____" alle übrigen auch, niemals Zweifel an der Echtheit hatte " _____" und mit seinen Zweifeln an der finanziellen Lauterkeit " _____" Heidemanns beim gläubigen Vorstandsvorsitzenden auf " _____" völlig taube Ohren stieß. "
"Unerhört" fanden es "Stern"-Kollegen, daß Nannen, wenn er schon keine Rücksicht auf die vereinbarte Vertraulichkeit nehme, nicht auch weniger schmeichelhafte Passagen zitiere. So ermittelte die Kommission, selbst nach dem eindeutigen Nachweis der Fälschung durch das Koblenzer Bundesarchiv habe Nannen die gerade angelaufene "Stern"-Serie über Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß einfach weiterlaufen lassen wollen - nun eben ohne Verweis auf die Hitler-Tagebücher.
Erst auf massive Intervention von Kollegen sei der Andruck gestoppt, die Lkw-Fracht mit Zehntausenden "Stern"-Exemplaren zurückgerufen und die Ausgabe eingestampft worden.
Nannen hat dieser Version "entschieden widersprochen". Er habe im "Stern" lediglich im nachhinein schildern lassen wollen, warum man die Heß-Version der falschen Tagebücher auch für echt habe halten können (daß nämlich Hitler vom England-Flug seines Stellvertreters gewußt habe). Auf den Protest Gillhausens und des Kollegen Arnim von Manikowsky, eines Historikers, habe er die Idee wieder fallenlassen.
Ginge es nach Nannen, müßte die Untersuchung beim "Stern" noch einmal ganz von vorn beginnen. Der vorgelegte Bericht enthalte nämlich "eine Reihe von Fehlern". Nannens Vorschlag zur Güte: ein neuer Ausschuß - und "mindestens zwei Mitglieder mit der Befähigung zum Richteramt".
Bei der Präsentation der gefälschten Hitler-Tagebücher am 25. April in Hamburg (l.: "Stern"-Redakteur Walde).

DER SPIEGEL 37/1983
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