23.05.1983

SÜDAFRIKADu Feigling

Erbitterter „Bruderzank“ unter den Buren: Rechte stehen gegen noch Rechtere. *
Connie, gib zu, daß du lügst!" schrie Piet Koornhof, Südafrikas Minister für Schwarzen-Angelegenheiten, in rollendem Afrikaans. Drohend stand er vor seinem früheren Kabinettskollegen Cornelius Mulder, der nach seinem Rausschmiß aus der regierenden Nationalen Partei (NP) zu der noch rechteren Konservativen Partei (KP) gewechselt war.
"Du redest Blödsinn", konterte der Beschuldigte und holte ebenfalls tief Luft. Gerade noch rechtzeitig trat ein Polizist zwischen Minister und Ex-Minister, beides frühere Rugby-Spieler.
"Komm zurück, du Feigling!" rief Connie dem Widersacher noch hinterher, während Polizeiverstärkung die bereits raufenden Anhänger von KP und NP trennten: burischer Wahlkampf in Waterberg, einem von drei Bezirken, in
denen Nachwahlen für das weiße Parlament in Kapstadt stattfanden.
Die burische Einheitsfront ist zerbrochen. Mehr als die Hälfte der Weißen spricht Afrikaans als Muttersprache. Einig im calvinistischen Glauben, bestimmten diese Buren mehr als drei Jahrzehnte lang das politische Geschehen in der Südafrikanischen Republik.
Doch spätestens seit der Abspaltung eines starken rechten NP-Flügels unter Führung des früheren Ministers Andries Treurnicht vor gut einem Jahr und der Gründung der Konservativen Partei "ist der Monolith angeknackst", so die liberale englisch-sprachige Zeitung "Rand Daily Mail".
Seitdem belegen "Verligte" (Erleuchtete) und "Verkrampte" (Altmodische) einander öffentlich mit wüsten Beschimpfungen, oft auch mit Faustschlägen. Die einen wollen etwas weniger Apartheid, die anderen noch mehr. Nur die offizielle Opposition, die Progressive Föderale Partei (PFP), die noch niemals an der Regierung war, will die ins Gesetzbuch geschriebene Rassenungleichheit ganz abschaffen.
Vor allem Arbeitsminister Stephanus Botha wurde Zielscheibe der "Verkrampten", weil die Apartheid gerade in seinem Bereich gelockert wurde, etwa durch die Zulassung schwarzer Gewerkschaften.
Nur knapp verteidigte der Minister seinen Wahlkreis Soutpansberg gegen den Ultra Tom Langley von den Konservativen. Doch im Nachbarbezirk Waterberg siegte der promovierte Calvinisten-Pfarrer Andries Treurnicht (Spitzname: "Dr. No") mit fast 50prozentigem Stimmenvorsprung vor dem NP-Mann Eben Cuyler.
Schlimmer noch: In den beiden ländlichen Wahlkreisen zusammen ernteten die KP und deren noch rassistischere Schwester Herstigte Nasionale Party (HNP) ebenso viele Stimmen wie die Regierung. "Eine vereinigte Rechte hätte nun eine reelle Chance, der Regierung gefährlich zu werden", kommentierte Johannesburgs "Sunday Times".
Daß es wahrscheinlich nicht dazu kommen wird, ist wiederum nur dem alten Burenübel "Broedertwis" (Bruderzank) zu verdanken: HNP und KP bekämpfen einander mindestens ebenso erbittert wie den gemeinsamen Feind. "Steinzeitmenschen", urteilte Treurnicht über die HNP-Konkurrenz, die Schwarze öffentlich als Kaffern und Affen beschimpft.
Absurd erscheinen die Vorwürfe der Rechts-Parteien gegen Premier Pieter Willem Botha: Weil er das starre Rassendogma seit seiner Amtsübernahme 1978 gelockert hat, sei er ein "Ausverkäufer" und übe "Verrat am weißen Mann". Vielen Weißen in Waterberg und Soutpansberg gelte schon "ein Schwarzer auf dem Bürgersteig" als verderbliche Rassenintegration, so die "Rand Daily Mail".
Dabei bekennt sich auch die NP unerschütterlich zur Apartheid, wenn auch einer kosmetisch geschönten. Vorwiegend praktische Erwägungen haben Veränderungen erzwungen. Nicht zuletzt profitierte die überwicgend weiße Geschäftswelt von der steigenden Kaufkraft der Schwarzen. In einigen Bereichen sind Schwarze bereits die bei weitem wichtigsten Kunden.
So machen die Lebensmittel- und Möbelabteilungen der größten Warenhausketten OK-Bazaar und Checkers mittlerweile bis zu 80 Prozent ihres Umsatzes mit schwarzen Käufern. In der Nähe der (nach wie vor separaten) Schwarzen-Bahnhöfe wurden ganze Straßenzeilen für schwarze Kundschaft ausgerichtet.
Umstrittenster Punkt im Kampf der burischen Brüder ist die von Premier Botha jetzt im Parlament eingebrachte neue Verfassung, obschon dort von der Rechtsstellung der Schwarzen nicht mal die Rede ist - so als ob es diese Bevölkerungsmehrheit nicht gebe. Allerdings sollen Asiaten, meist indischer Abstammung, und Mischlinge in eigenen Parlamenten gemeinsam mit der weißen Volksvertretung politisch mitreden dürfen. Tonangebend bleibt jedoch ein mächtiger weißer Präsident.
Gezielt bringen die Botha-Gegner die seit eh und je auch biblisch untermauerte reine Apartheidslehre ins Spiel. "Können wir es zulassen, daß ein Moslem weißen Christen Gesetze aufzwingt?" fragten etwa rechte Apartheidsapostel. Und, Gipfel der Schreckensvision: "Eine Sitzung des Kabinetts könnte mit einem Koran-Spruch eröffnet werden."
Die Kritik der "Verkrampten" bremst die sanfte Apartheidsreform Bothas nochmals. Der Stadtrat von Pretoria etwa beschloß, 17 öffentliche Parkanlagen für Schwarze zu schließen. Anfang der siebziger Jahre waren die "Whites only"-Schilder an den Eingängen abmontiert worden, weil zu einer internationalen Sportveranstaltung auch Schwarze aus dem Ausland erwartet wurden.
Künftig werden schwarze Hilfspolizisten und Stacheldrahtbarrieren dafür sorgen, daß nur Weiße und allenfalls schwarze Kindermädchen "in Begleitung weißer Kinder" die gepflegten Rasenflächen in Pretorias Innenstadt benutzen.

DER SPIEGEL 21/1983
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