10.01.1983

Der unbekümmerte Außenseiter

SPIEGEL-Redakteur Schultz-Gerstein über das Phänomen Gerhard Zwerenz
Zu den großen Schriftstellern der deutschen Nachkriegsliteratur wird er nicht gezählt, die Fach-Lexika nennen seinen Namen nur der Vollständigkeit halber, und seit 25 Jahren, die er nun schon im Literatur-Geschäft ist, gehen Preise und Ehrungen wie selbstverständlich an ihm vorbei.
Mehr als 50 Bücher mit einer Gesamtauflage von rund 2 Millionen Exemplaren hat der Schriftsteller Gerhard Zwerenz geschrieben, ein ehrenwertes Mitglied des deutschen Literaturbetriebs ist er dennoch nicht geworden.
In der Tat hat Zwerenz, was in den besseren Kulturkreisen als schicklich gilt, stets vermissen lassen.
So hat er sich, indiskutabel für einen seriösen Schriftsteller, als handfester Pornograph betätigt, der um Schwänze und Mösen nicht lange herumredet und auch das für eine achtbare schriftstellerische Leistung hält, beim Leser eine Erektion zu erzielen.
Nicht minder schwerwiegend sind Zwerenz' fortgesetzte Verstöße gegen das Standesdenken der Literatenkaste, bei der schon als verdächtig gilt, wer nur, wie der oft geschmähte Simmel etwa, den Poeten-Ruf der Auserwähltheit durch Erfolge bei der Masse beschmutzt oder wer, wie eben Zwerenz, die Dichter-Legende vom zähen Ringen mit dem Werk durch Schnell- und Vielschreiberei in Verruf bringt.
Jetzt krönt Zwerenz seine Massenproduktion gar mit einem seit Jahresbeginn monatlich erscheinenden Buch-Periodikum, das zwölf Sternzeichen-gerechte Titel mit "erotischen Kalendergeschichten" umfaßt.
Obwohl oder weil er unbekümmert auch dort verkehrt, wo ein Literat sich tunlich nicht blicken läßt, ist Zwerenz ein Phänomen, das über den Literaturbetrieb mehr lehrt als manche "Publikumsbeschimpfung".
Während Kollegen wie etwa Handke das Titanenhafte ihres Berufes bereits in dem von den übermenschlichen Anstrengungen des Dichtens gezeichneten Gesicht geschrieben steht, verkörpert Zwerenz den instinktiven Widerstand gegen großmächtiges Geist-Gehabe.
Seit seiner Flucht aus der DDR (1957) hat der Sohn eines Bergarbeiters, der gelernte Kupferschmied und ehemalige Volkspolizist immer wieder die westdeutschen Schriftsteller kritisiert, weil ihnen Dichten "soviel wie nicht stinken" bedeute.
Auch ideologisch ist er für den wendigen Literaturbetrieb eine Zumutung gewesen und bis heute geblieben.
Als zu Apo-Zeiten westdeutsche Schriftsteller den Kommunismus entdeckten und, wie etwa Enzensberger, hymnisch das kubanische Modell feierten, wiederholte Zwerenz nur, was er aus Erfahrung schon Jahre zuvor gesagt hatte, daß kommunistische Staaten Diktaturen seien und er sich mit Diktaturen nun einmal nicht anfreunden könne.
Als in den 70er Jahren, wer im Literaturbetrieb auf sich hielt, selbstverständlich links und gegen die Springer-Presse war, schrieb Zwerenz 1971 in seiner Autobiographie "Kopf und Bauch": "Es gibt auch rechts noch honorige Leute." Und ohne Furcht, auf irgendeiner falschen Seite zu stehen, stellte er fest: "Wer bei Springer vernünftig argumentiert und nicht so laut schreit, macht vielleicht keine steile Karriere, bleibt aber in Arbeit und Brot."
Wer, wie Zwerenz, weder einem ideologischen noch einem ästhetischen Lager angehört oder gar vorsteht, der hat im Literaturbetrieb auch nicht die Lobby, die ihn in Bestenlisten hineinwählt oder in Preisgremien durchboxt. Solche Leute pflegen in der Öffentlichkeit ein Schattendasein zu fristen.
Aber eben darin besteht das Phänomen Zwerenz, daß ein Autor, der von den Literaturverwaltern als Straßenköter S.135 eingestuft wird, daß ein Autor, ohne dem Clan der Suhrkamp-Kultur anzugehören, in der Öffentlichkeit einen Stammplatz behauptet, dem sogar "Bild" Tribut zollte, als sie im August für berichtenswert hielt, Zwerenz sei aus dem Deutschen Schriftstellerverband ausgetreten.
Daß Zwerenz in der Bundesrepublik bekannt ist wie ein bunter Hund, liegt an seiner Unfähigkeit, sich nach den taktischen Regeln des Prestigedenkens zu verhalten.
Er schreibt für den "Playboy" nicht anders als für die "Frankfurter Rundschau", für "Konkret" genauso wie für "Penthouse", und es gibt vom "Stern" bis zum "Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel" kaum ein Blatt, das Zwerenz noch nicht beliefert hätte.
Auch das Reputation heischende Schriftsteller-Ideal, in einem renommierten Verlag und in gediegener Ausstattung zu erscheinen, ist Zwerenz so wenig geläufig, daß seine Bücher weit über die deutsche Verlagslandschaft verstreut sind.
Und seit zwei Jahren veröffentlicht Zwerenz seine Werke fast ausschließlich nicht nur als Taschenbücher, sondern obendrein bei Verlagen - Goldmann und Moewig -, die im Literaturbetrieb das Ansehen von Lore-Romanen genießen, dafür freilich auch am Bahnhofskiosk präsent sind.
Aber dann wieder taucht Zwerenz unversehens an seriösem Ort, im ZDF-Kulturmagazin "Aspekte", auf und kommentiert die umstrittene Preisverleihung an Ernst Jünger.
Ein Mann mit solcher medialen Omnipräsenz, der überdies auch noch in Fassbinders TV-Filmen "Berlin Alexanderplatz" und "Bolwieser" mitgespielt, der sich in der ARD-Serie "Solo für Spaßvögel" als Komiker versucht und zur Abwechslung ein Fernseh-Feature über den ökonomischen Abstieg der Stadt Offenbach gemacht hat, der gerät leicht in den Verdacht, einer von denen zu sein, die auf jeder Welle mitschwimmen.
Tatsächlich ist Zwerenz, nach Fassbinders Tod etwa, sofort mit einem Fassbinder-Buch zur Stelle gewesen ("Der langsame Tod des Rainer Werner Fassbinder"), oder er hat, als Gabelbieger Uri Geller die Öffentlichkeit magnetisierte, ganz fix mit einem Buch über "Magie, Sternenglaube, Spiritismus" reagiert.
Nur ist Zwerenz mit seinen Schnellschüssen nicht einer Konjunktur nachgejagt, sondern umgekehrt kam immer mal wieder eine Konjunktur für Themen, die er längst abgehandelt hatte. Das Magie-Buch, bereits 1956 noch in der DDR geschrieben, und die Fassbinder-Chronik, kontinuierlich entstanden seit 1974, mußte Zwerenz nur aus der Schublade ziehen, um schnell am Markt zu sein.
Dennoch ist er den Geruch des PRhungrigen Nachahmungstäters nie recht losgeworden.
Als im August Reiner Kunze wegen der allzu DDR-untertänigen Friedenspolitik des Vorsitzenden Engelmann aus dem Schriftstellerverband austrat und Zwerenz ihm wenige Tage später nachfolgte, da war für die "Zeit" und "FAZ" sogleich klar, daß Zwerenz nur von dem Medien-Rummel profitieren wollte, den Kunze ausgelöst hatte.
Unterschlagen wurde freilich, daß Zwerenz bereits im Juni, als es den Krach im Schriftstellerverband öffentlich noch gar nicht gab, sowohl im WDR-Fernsehen als auch in der "Stuttgarter Zeitung" den Rücktritt Engelmanns gefordert und eben die Vorwürfe der DDR-genehmen "Demutshaltung" bis hin zur "Sklavensprache" erhoben hatte, mit denen, sinngemäß, auch Kunze später seinen Austritt begründete.
Aber im Literaturbetrieb traut man ihm nun mal nicht über den Weg. Und sonderbar ist eigentlich nur, daß sie Zwerenz nicht einfach ignorieren.
Seine Bücher sind durchweg keine Kunstwerke, sondern handwerkliche Arbeiten eines fleißigen Mannes mit vagabundierenden Interessen, die sich auf Astrologie oder Bodenspekulation (in dem Frankfurt-Roman "Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond") genauso richten wie auf das Innenleben Walter Ulbrichts oder das Geschlechtsleben Rasputins. Egal, welchen Stoff Zwerenz verarbeitet, das Resultat ist nie umstürzend, aber auch selten langweilig.
Auch wenn Zwerenz als Aufklärer mit Erkenntnissen hervortritt, etwa, daß "politische Weltfremdheit ebenso fatal werden kann wie gläubige Anfälligkeit für Weltanschaung", reißt er einem nicht geradezu den Schleier von den Augen. Der ganze Mann ist das blanke Gegenteil einer staunenswerten Attraktion, seine Arbeiten sind gerade so exklusiv wie, sagen wir, Vierfruchtmarmelade.
Nach seinem künstlerischen Selbstverständnis gefragt, erzählt Zwerenz dann auch nicht von Goethe und Euripides, sondern von Zwerenz, und der ist nun mal gelernter Kupferschmied.
Seine Kunst? "Das ganze Können des Kupferschmieds besteht darin, aus einem Stück Kupferblech Formen herzustellen. Und dafür hat man Holzhämmer, verschiedene Eisenhämmer, eine unerhörte Anzahl verschiedener Amboß-Arten. Das eigentliche Treiben des Kupferbleches besteht ja darin" - es spricht immer noch der deutsche Schriftsteller Zwerenz über Literatur -, "die Form mit erst dem Holzhammer, dann mit dem Eisenhammer in das Blech hineinzuschaffen. Von der Schriftstellerei habe ich immer exakt das gleiche Verständnis gehabt. Und wenn ich eine Geschichte geschrieben habe, die mir Spaß macht, dann habe ich exakt dieses Lustgefühl, wie ich es hatte, wenn ich eine Wärmeflasche oder eine Vase oder einen Teller aus Kupfer getrieben hatte. Mehr ist bei mir nicht drin."
Ein Autor, der seinen Beruf ohne Mystifikationen ausübt - "Ich arbeite mit dem Kopf. Aber was das mit Kunst zu tun haben soll, versteh' ich nicht" - und dazu ein klares Bewußtsein seiner begrenzten Talente hat, der wirkt unter deutschen Schriftstellern so deplaciert, daß er schon wieder ein Mysterium ist.
Es kann dann passieren, daß dem ungeliebten Zwerenz, dem Ekel Alfred des deutschen Literaturbetriebs, plötzlich auch mal höchste Sympathien entgegenschlagen wie in dem Stoßseufzer, "daß es in der Bundesrepublik so wenig Zwerenze gibt". Und so etwas steht dann nicht irgendwo, sondern im "Merkur". Das ist die "Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken".

DER SPIEGEL 2/1983
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