23.05.1983

„Sie sind eine wirkliche Schriftstellerin“

SPIEGEL-Redakteur Christian Schultz-Gerstein über Aufstieg und Fall der Karin Struck *
Der Abschied fand in aller Stille statt. Mitte März kündigte die Schriftstellerin Karin Struck in einem Brief an Verleger Siegfried Unseld dem Suhrkamp Verlag die Zusammenarbeit auf.
Was vor Jahren in den Kulturredaktionen noch Aufsehen erregt hätte, war jetzt nicht einmal mehr eine Meldung wert. Die literarische Öffentlichkeit nahm von Karin Strucks Suhrkamp-Abschied mit keinem Wort Notiz.
Auch Verleger Unseld weinte der einstigen Erfolgsautorin und Lieblingsfrau des Literaturbetriebs keine Träne nach. "Ich nehme zur Kenntnis, daß sich von nun an unsere Wege trennen", bestätigte er, das Kündigungsschreiben erhalten zu haben.
Die Literaten sind der Struck überdrüssig geworden. Nichts wäre ungewöhnlich an diesem Vorgang, wenn die Bücher der Struck inzwischen jene Qualitäten eingebüßt hätten, derentwegen sie von der Kritik als bedeutende Schriftstellerin gefeiert worden war.
Die verzweifelt rücksichtslose Mitteilungswut, mit der Karin Struck noch ihre intimsten Privatangelegenheiten der Öffentlichkeit entgegenschleuderte, riß die Rezensenten gleich bei ihrem ersten 1973 erschienenen Buch "Klassenliebe" zu enthusiastischen Lobeshymnen hin.
"Ein Buch wie eine Person", schwärmten damals die Literaturkritiker und priesen das leidenstolle Ungestüm der jungen Autorin: "Hier schreibt jemand ums Leben, wie man ''ums Leben rennt''."
Ehrlichkeit, Selbstpreisgabe, eine "fast selbstmörderische" Offenheit, kurz, das Höchstpersönliche wurde zum literarischen Gütesiegel der Karin Struck.
Im vergangenen Jahr erschien ihr letztes Buch "Kindheitsende". Nicht anders als in "Klassenliebe" packt Karin Struck auch in diesem "Journal einer Krise" aus, was andere allenfalls ihrem besten Freund anvertrauen.
Von ihren beträchtlichen Schulden erfährt man genauso wie von ihrem vernichtenden Eheleben oder von den Schrecken einer Abtreibung. "Ein Buch wie eine Person" ist "Kindheitsende".
Doch die Rezensenten, die wenigen, die Karin Struck überhaupt noch zur Kenntnis nahmen, fühlten sich jetzt von eben der Intimität, die sie einmal gerühmt hatten, "zum Voyeur degradiert".
Wenn ein Autor mit derselben Begründung erst hofiert und später verrissen oder keines Blickes mehr gewürdigt wird, dann kann man nur schließen, daß die Quelle von Lob und Tadel irgendwo anders als in seinen Büchern liegen muß.
Tatsächlich tuschelten die Eingeweihten der Literaturszene schon über Karin Struck, ehe ihr erstes Buch überhaupt erschienen war.
Die Literaturzeitschrift "Akzente" hatte vor der Publikation des Romans "Klassenliebe" eine Passage abgedruckt, der zu entnehmen war, daß die Autorin sich mit einem Literaturredakteur, einem gewissen Z., eingelassen hatte und schwanger war.
Die Identität dieses Kollegen Z. beschäftigte fortan die Literaten um so mehr, als auch der vollständige Struck-Roman keine eindeutigen Anhaltspunkte lieferte.
Jahrelang wurde über den Z. der "Klassenliebe" spekuliert, so lange, daß Gerhard Zwerenz, auf den man immer wieder tippte, 1977 - immerhin vier Jahre nach Erscheinen der "Klassenliebe" - an die Öffentlichkeit ging und im "Playboy" entnervt klarstellte, nicht er sei dieser Z., sondern "mein Freund A. A.".
Dieses inoffizielle Klatschinteresse an Karin Struck spiegelt sich dann auch in den offiziellen Rezensionen von "Klassenliebe" wider.
Da wurde nicht ein Roman besprochen, sondern eine Person, nicht Stil, Form, Aufbau, Sprache und innerer Zusammenhang bewertet, sondern die radikale Offenheit einer Frau, die von dem damals noch auf linke Etikette achtenden Literaturbetrieb um so heftiger umarmt wurde, als sie der Arbeiterklasse entstammte.
Auf diese Offenheit, mit der Karin Struck auch ihre Körpermaße und ihr Hochgefühl enthüllte, "nackt mit geöffneten Beinen in der Sonne (zu) liegen", reagierten die Literaten wie auf ein Angebot, das heißt, sie gebärdeten sich in ihren Besprechungen wie eifersüchtige Liebhaber, die einander auszustechen versuchen.
Die Literaten fielen über den Struck-Liebhaber und Literaten, also Kollegen, Z. her, weil der ein Literat war. Rezensenten schwärzten in Rezensionen Rezensenten bei Karin Struck an: Die wollten sie nur der "Literatenboheme" ausliefern.
Das öffentliche Privatinteresse an der Schriftstellerin Karin Struck in ihrer Eigenschaft als unverhüllt offene Frau, das sich anfangs als Literaturkritik gerierte, lockte schnell auch literaturfremde Elemente an.
So präsentierte die Zeitschrift "Jasmin" Nacktphotos von Karin Struck, ein Novum immerhin in der "Literatur"geschichte.
Reporter besuchten sie zu Hause und schrieben erfüllte Berichte, die sich etwa so lasen: "Eine schöne Frau, mit ihrem kupferfarbenen, langen, lockigen Haar, den klaren Augen, die sich fest und aufmerksam auf Freunde und Fremde
richten ..." Ein anderer Struck-Porträtist eröffnete dem Publikum, daß die Schriftstellerin sich von ihrem Mann trennen werde, nachdem sie ihn kennengelernt hatte.
Als weibliche Attraktion war Karin Struck allenthalben begehrt. Sie wurde von einer Podiumsdiskussion zur anderen weitergereicht, ohne daß die Veranstalter sich groß um ihre fachliche Kompetenz gekümmert hätten.
Bei einem deutsch-jugoslawischen Literaturgespräch war sie, ohne selber zu wissen, was sie da sollte, genauso dabei wie bei einem ZDF-Colloquium über die Bedeutung von Träumen.
Karin Struck setzte den Rummel um ihre Person in den Glauben um, eine große Schriftstellerin zu sein. Sie fühlte sich als Kollegin von Proust, Brecht und Gorki.
Ihr zweiter Roman, "Die Mutter", 1975 erschienen, war denn auch mit zusammengebissenen Zähnen geschrieben, war gekennzeichnet von dem Willen, unvergängliche Literatur zu schaffen.
Die Rezensenten traten verlegen von einem Bein aufs andere. Sie gestanden, daß die Lektüre der "Mutter" "quälend" sei, "eine schier unzumutbare Strapaze"; sie leugneten ja gar nicht die Massenansammlung von Stilblüten. Wäre Karin Struck als Schriftstellerin im Literaturbetrieb je ernst genommen worden, dann hätten die Kritiker bei all den Mängeln, die sie in der "Mutter" entdeckten, das Buch als literarische Fehlleistung einstufen müssen.
Doch statt dessen wurden sie wieder privat. Die Rezensenten lockerten die Dienst-Krawatte, indem sie erklärten, mit der Rezensentenhaltung könne man der "Mutter" nicht begegnen; und genauso außerdienstlich nahmen sie auch Karin Struck nicht als Schriftstellerin, sondern als Frau, die sie erst für "schutzlos" befanden, um ihr dann "Sorge und Schutz" anzudienen, weil sie, das heißt natürlich ihr Buch, "bemuttert werden möchte".
Karin Struck freilich fühlte sich als Dichterin bestätigt, zumal ihr Verleger Unseld nach der "Mutter"-Lektüre begeistert telegraphiert hatte: "Sie sind eine wirkliche Schriftstellerin."
Tatsächlich war sie innerhalb des Suhrkamp Verlages nach dem Erfolg der "Klassenliebe" (verkaufte Auflage: 100 000) von einer gemeinen Taschenbuch-Autorin zur kostspieligen Hardcover-Dichterin avanciert und mit der Startauflage von 20 000 Exemplaren der "Mutter" in die erste Reihe der Suhrkamp-Autoren vorgerückt.
Nichts deutete darauf hin, daß der Literaturbetrieb sich von Karin Struck abwenden könnte. Auch ihr dritter Roman "Lieben" entsprach ja in seiner alle Tabus mißachtenden Offenheit wieder ganz dem Geschmack der Literaturkritiker.
Doch plötzlich, ohne Vorankündigung, konnte die Offenheit keiner mehr ertragen.
"Der totale Mangel an Diskretion" wurde nun gerügt, "Karin Strucks Offenheit" als "unerträglich kokett" abqualifiziert, man wollte "dieses wehleidige Gezeter" nicht länger hören, "die Wortwut einer Trend-Schreiberin" ging den Kritikern auf die Nerven, und auch Verleger Unseld schickte kein Glückwunsch-Telegramm mehr.
Was war geschehen, daß die zuvor so nachsichtigen Rezensenten jetzt mit unnachsichtiger Härte die Schriftstellerin Karin Struck abmahnten, in einem Ton, als hätten sie schon immer über ihre Bücher die Nase gerümpft?
Nichts war geschehen, nur gab es, als 1977 "Lieben" erschien, an Karin Struck nichts mehr zu bemuttern, die Schutzlosigkeit ihrer Bücher verwandelte sich in den Männerphantasien nicht mehr in das Bild der schutzlosen jungen Frau, man konnte nicht mehr den Gönner und Retter spielen, denn Karin Struck war eine erfolgreiche Schriftstellerin geworden. Seit der Literaturbetrieb sich nicht mehr der Person, sondern den Büchern widmete, geriet Karin Struck genauso zügig aus dem Geschäft, wie sie hineingekommen war.
Schon ihre 1978, ein Jahr nach dem "Lieben"-Debakel, erschienene Erzählung "Trennung" fand nur mehr pflichtgemäße Beachtung, die Rezensenten hießen nicht mehr Böll oder Handke, für Karin Struck wurde nur noch die zweite Kritiker-Garnitur aufgeboten.
Waren von "Lieben" trotz aller Verrisse immerhin noch 30 000 Exemplare verkauft worden, waren es bei "Trennung" nur noch knapp 10 000. Statt der Auflagen wuchs das Schulden-Konto beim Suhrkamp Verlag. Als Karin Struck 1982 endlich wieder ein Manuskript ablieferte, lehnte Unseld ab. Das Werk mit dem Titel "Zwei Frauen", das dann im kleinen Tende-Verlag erschien, hielt er "für mißlungen".
Die Karriere der Karin Struck endete vorläufig, wie sie vorläufig begonnen hatte, damit, daß man von ihren Büchern absah.
Mit der schutzlosen Frau aber, an der die Literaten sich einst ergötzt hatten, ist heute kein Staat mehr zu machen.
Hoch verschuldet, lebt Karin Struck von der finanziellen Unterstützung einer Schriftsteller-Kollegin. _(Auf einer Podiumsdiskussion, 1977; ) _(links: die Karikaturistin Marie Marcks. )
Auf einer Podiumsdiskussion, 1977; links: die Karikaturistin Marie Marcks.

DER SPIEGEL 21/1983
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