08.08.1983

ANTHROPOLOGIEConans Rache

Der berühmteste Schwindel der Wissenschaftsgeschichte, die Affäre um den „Piltdown“-Menschen, wird wieder aufgerollt: Es gibt einen neuen Hauptverdächtigen. *
Als im Jahre 1901 Englands Queen Viktoria nach 64jähriger Herrschaft starb, war das Empire auf dem Höhepunkt seines weltweiten Einflusses und seiner Blüte. Britannien setzte die Maßstäbe in Mode und Moral, beherrschte die Meere und war, zumindest sah man es so in London, die Wiege der Zivilisation.
Nur eines fehlte dem britischen Hochgefühl noch: der Nachweis, daß sich die Entstehung des Menschen, der Übergang vom Affen zum Homo sapiens, in englischer Urlandschaft vollzogen habe.
Sieben Jahre nach dem Tod der beliebten Victoria wurde auch dieser Traum noch wahr. Aus einer Kiesgrube bei Piltdown in Sussex barg der Rechtsanwalt und Amateurgeologe Charles Dawson ein Knochenfragment, das er drehte, wendete und identifizierte - als Teil eines kräftigen, uralten menschlichen Schädels.
Die flache Kieskuhle, in der Dawson anfangs nur Feuersteine vermutet hatte, wurde zu einer archäologischen Goldgrube. Mehr Knochen kamen zum Vorschein, die Dawson, unterstützt von seinem wissenschaftlichen Mentor Arthur Smith Woodward, einem Altertumsexperten am Britischen Museum in London, erfolgreich zusammenfügte.
1912 präsentierten die beiden einer staunenden Weltöffentlichkeit den sogenannten Piltdown-Schädel als das "missing link", das evolutionäre Verbindungsglied zwischen dem Affen und dem Menschen: Der "Eoanthropus Dawsoni",
wie er nach seinem Entdecker benannt wurde, habe 200 000 bis eine Million Jahre zuvor in der späteren Grafschaft Sussex gelebt, behaupteten die Forscher, zur größten Erleichterung ihrer Landsleute. Denn Funde wie der 1907 bei Heidelberg ausgegrabene Kieferknochen eines Vormenschen hatten schon "vermuten lassen", wie die Londoner "Daily Mail" letzte Woche schrieb, "daß der erste bekannte Mensch womöglich kein Engländer war, sondern - schlimmer noch - vielleicht ein Deutscher".
Die Piltdown-Lehre, in der Folgezeit nur von einigen Experten zaghaft angefochten, hatte vier Jahrzehnte Bestand. Erst Anfang der fünfziger Jahre belegten moderne Methoden der Altersbestimmung, daß der Schädel aus Sussex allenfalls 50 000 Jahre alt war - und mehr noch: Kiefer und Zähne des nicht so alten Engländers stammten von einem Orang-Utan und zeigten so deutliche Spuren von nachträglicher Bearbeitung, daß der Archäologe Le Gros Clark seinerzeit verwundert fragte, wie der Betrug den prüfenden Augen und Mikroskopen der Wissenschaftler derart lange hatte verborgen bleiben können.
Zum Urheber der relativ plumpen Piltdown-Fälschung wurde der Amateurgeologe Dawson erklärt. Höchstwahrscheinlich hatte er, wie jüngst der amerikanische Altertumsforscher Jay Gould von der Harvard University mutmaßte, kundige Komplicen. Vertraut mit der Kuhle und mit der Gegend von Piltdown war beispielsweise auch der Jesuitenpfarrer und Altertums-Experte Pierre Teilhard de Chardin. Auch er habe, meint Gould, vielleicht bei der Schädelbearbeitung geholfen.
Doch nun taucht, neben Priester und Anwalt, noch ein weiterer, ein Hauptverdächtiger in der für die Wissenschaft äußerst peinlichen Piltdown-Affäre auf. Hält die Beweisführung stand, wie sie jetzt erstmals in der Septemberausgabe der US-Wissenschaftszeitschrift "Science 83" vorgetragen wird, so entpuppt sich das Ganze als der geniale Streich eines Mannes, der die Wissenschaft seiner Zeit buchstäblich bis auf die Knochen zu blamieren trachtete.
Die Vermutung stützt sich auf gründliche Recherchen. Sieben Jahre lang hat der amerikanische Gelehrte Dr. John Hathaway Winslow, 50, sämtliche Spuren im Piltdown-Fall überprüft; er fahndete in zeitgenössischen Berichten - und auch in zu jener Zeit verfaßten Kriminalromanen - nach neuen Hinweisen.
Winslows Fazit: Kein Geringerer als Sherlock-Holmes-Erfinder Sir Arthur Conan Doyle sei für den Piltdown-Betrug verantwortlich. Doyle habe die Fossilien passend gemacht, sie in der Kiesgrube deponiert, ihre Entdeckung lanciert und später sogar das Ganze als Fälschung zu entlarven gesucht.
Der hochangesehene, 1902 geadelte Schriftsteller Doyle besaß, wie Winslow erläutert, "Wissen, Können und vor allem die Phantasie", die nötig waren, eine "wissenschaftliche Posse solchen Ausmaßes" in Szene zu setzen.
Doyle hatte Medizin studiert, den Arztberuf aber nur für kurze Zeit ausgeübt und sich dem Schreiben und dem Spiritualismus zugewendet. Die Knochen-Fundstelle von Piltdown war ihm wohlvertraut, die Grube lag nur knapp 15 Kilometer von Crowborough entfernt, wo Doyle in einer ehemaligen Dentisten-Praxis Wohnung bezogen und eine umfangreiche Kiefersammlung vorgefunden hatte. Durch einen in Piltdown lebenden Freund wußte der Schriftsteller auch von der Existenz und den geologischen Ambitionen des Anwalts Dawson. Gleichfalls war ihm nicht verborgen geblieben, daß die Leute von Piltdown Fossilien und Schädel aus der Kuhle sammelten und damit handelten.
Der nun als Romancier tätige Mediziner hegte einen tiefen Groll gegen die englischen Wissenschaftler. Er verzieh ihnen nicht, daß sie seine Erlebnisberichte von spiritistischen Seancen, medial Begabten und übersinnlichen Begegnungen als Unfug abtaten.
Der Lord-Schriftsteller, dessen Sherlock-Holmes-Romane hernach Generationen in Bann zogen, sann auf nachhaltige Rache. Er wollte, so Winslow, "die Wissenschaftler in die eigene Grube fallen" sehen. Nichts schien dafür besser geeignet als die Knochen-Kuhle von Piltdown.
Ausgestattet mit dem Mediziner-Wissen, wie Schädel und Kiefer einander zugeordnet sind, und der Gewißheit, daß jemand an den Knochen aus der Kiesgrube interessiert war und danach suchen würde, hat Doyle die zur Entdeckung bestimmten Knochen offenbar mit der Feile passend gemacht und sie dann heimlich in der Kiesgrube placiert, wie Archäologe Winslow darlegt.
Das dicke Schädelstück stammte von der in London lebenden amerikanischen Schädel-Expertin und -Händlerin Jessie Fowles, die der Schriftsteller Doyle seit Jahren kannte. Den Kiefer eines jugendlichen Orang-Utan-Weibchens, dessen Alter später auf rund 500 Jahre angesetzt wurde, beschaffte Doyle sich von dem britischen Ost-Indien-Experten Cecil _(Links: Rekonstruktion; rechts: ) _(vermeintlicher Schädel-Fund. )
Wray, der die Affenfossilien aus dem Orang-Utan-Stammland Borneo mitgebracht hatte.
Dawson fand den zur Entdeckung bestimmten Kiefer, paßte ihn dem Schädelstück an. Die Kombination wurde als echt anerkannt. Die Experten waren begeistert und Doyle in seiner Ansicht über Leichtgläubigkeit und Kritiklosigkeit der Wissenschaftler bestätigt.
Doch komplett konnte Sir Arthurs triumphale Rache nur sein, wenn seine Fälschung nachher auch öffentlich enttarnt würde. So sann er auf den Enthüllungs-Coup, der den hohen Ansprüchen britischen Humors gerecht zu werden und gleichzeitig die englischen Wissenschaftler gründlich zu lackmeiern versprach.
Der begeisterte Kricket-Spieler Doyle arrangierte einen zweiten Fund in der Kiesgrube von Piltdown: einen großen Knochen in Form einer Kricket-Kelle, der nach Doyles Plan in den Entdeckern die lächerliche Vermutung keimen lassen sollte, der Piltdown-Mensch habe offenbar schon dem britischen Nationalsport gehuldigt.
Zunächst lief es wie geplant. 1914 gab die Grube tatsächlich das merkwürdig geformte Bruchstück eines Elefanten-Oberschenkelknochens frei. Doch wie zuvor beim Schädel waren die Experten auch diesmal sogleich von der Echtheit überzeugt. Erfreut stuften die Archäologen Dawson und Smith Woodward den Fund als ein "höchst wichtiges Beispiel für die handwerkliche Fertigkeit" der Menschen aus der Piltdown-Epoche ein.
Nur ein englischer Wissenschaftler wagte damals vorsichtigen Widerspruch. Er glaubte an dem neuen Knochenfund frische Bearbeitungsspuren entdeckt zu haben, konnte sich zudem "nicht vorstellen, welchen Nutzen ein Gerät haben könne, das aussieht wie ein Kricket-Schläger". Doch der Einwand fand keinen Zuspruch, Doyle blieb als Fälscher unentdeckt. Weitere Bemühungen, das Gaunerstück aufzuklären und die Wissenschaftler bloßzustellen, unternahm er offenbar nicht.
Auffällige Parallelen zu den Piltdown-Funden, der Örtlichkeit und den handelnden Personen finden sich jedoch in Doyles Werk, so in seinem Abenteuer-Roman "The Lost World". Darin läßt der Autor beispielsweise eine Romanfigur sagen, daß "Knochen sich so einfach fälschen lassen wie Photographien, wenn man nur schlau genug ist und sein Handwerk versteht".
Doch die angesprochenen Wissenschaftler waren keine Doyle-Leser oder verstanden nicht den Hinweis. Zu ihrer Entlastung führten die Getäuschten und Leichtgläubigen später an, der Roman sei erst nach den Piltdown-Funden abgefaßt, wahrscheinlich sogar durch sie inspiriert worden.
Winslow bewies jetzt das Gegenteil. Doyle hat den Roman schon vor dem Archäologen-Skandal geschrieben. Das damals in London erscheinende "Strand Magazine" begann mit dem Abdruck des Textes acht Monate vor dem entscheidenden Kiefer-Fund. Winslow: "Es war eine Vorhersage, keine Nacherzählung."
Links: Rekonstruktion; rechts: vermeintlicher Schädel-Fund.

DER SPIEGEL 32/1983
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