18.04.1983

Wagner - ein J. R. der Gründerzeit

Er bramarbasiert wider Juden und Welsche und postuliert schon 1849 einen „National-Sozialismus": In einem englischen Monumentalfilm, der im Herbst als zehnteilige TV-Serie nach Deutschland kommt, spielt Richard Burton einen zynischen, herrischen Richard Wagner - einen für Deutschland „sehr gefährlichen Mann“.
Der "Grüne Hügel" ist getürmt, in der Festspiel-Scheune wird der grausliche Lindwurm Fafner montiert, und der Herr des Hauses, Richard Wagner, läßt sich, zum Juxen aufgelegt, auf einem "Schwimmwagen" der Rheintöchter über die Bühne kutschieren. Cosima lächelt schief.
Doch am Abend vor der Bayreuther "Ring"-Uraufführung verabschiedet sich der Professor Nietzsche vom Hause Wahnfried - sorgenvoll. "Sie sind gefährlich, Wagner", sagt er, "Sie sind ein gefährlicher Mann."
"Sie reden von Göttern", fährt er fort, "obgleich Sie wissen, es gibt keinen Gott außer Wagner. Aber Sie haben die Macht, Narren davon zu überzeugen, sie könnten Götter werden." Und: "Ich möchte nicht verantwortlich sein für Ihre Wirkung auf eine Nation, die nach Macht schnüffelt."
Also spricht Nietzsche, gegen Ende eines englischen Film-Werkes von beinah "Ring"-Maßen (zehn Stunden) und Wagnerscher Opulenz (rund 30 Millionen Mark Produktionskosten). Es ist nicht ganz der historische O-Ton Nietzsches, aber die Sätze bergen die Botschaft des Films: Am Erbe Wagners berauschte sich Hitler.
Als zehnteilige TV-Serie wird "Wagner" (Titel) im Herbst beim III. Programm des Bayern-Fernsehens anlaufen, mit Anschluß-Möglichkeit für die anderen Dritten. Ein Dutzend Länder, von Dänemark bis Korea, hat das Monumentalwerk schon eingekauft, eine vier- bis fünfstündige Kino-Fassung ist projektiert.
Letzte Woche gab der englische "Wagner"-Regisseur Tony Palmer, 40, seinen Zehn-Stünder in der Londoner Film-Akademie zu einer ersten Ansicht frei - rechtzeitig zum 100. Todesjahr des Bayreuther Meisters und sicher nicht zum freudigen "Hojotoho" aller seiner Jünger.
Denn Palmers Musik-Heros ist nicht aus knieender Haltung gefilmt, mit verklärender Linse. Ein zynischer, herrischer, trickreicher Macho stampft da eisenstirnig seiner Karriere nach, über Berge von Geliebten und Gläubigern - ein sächsischer J. R. der Gründerzeit.
Der Waliser Hollywood-Haudegen und Whisky-Vernichter Richard Burton, knapp zehn Zentimeter größer als der wahre Wagner, nimmt sich des Vornamen-Vetters in maliziöser Wonne an; mit schildkrötenhafter Starre im verwüsteten Antlitz markiert er Titanismus, mit sardonischer Mafioso-Eleganz den Mann von Welt.
Nur beim Dirigieren macht er eine traurige Figur - schmerzgepeinigt, berichtet der Regisseur Palmer, brach Burton nach solchen Szenen in Tränen aus. Eine Krankheit der Rückenmuskulatur ließ nicht zu, daß der Kino-Pultlöwe souverän den Taktstock schwang.
Palmers Film erzählt die letzten 34 Jahre in Wagners Leben, vom Aufstand in Dresden (1849), bei dem der Königl.-Sächsische Capellmeister als nationalrevolutionärer S.207 Feuerkopf auf die Barrikaden ging, bis zum Tod (1883) des gravitätischen "Staatsmusikanten" (Karl Marx) in Venedig - "so historisch genau, wie wir konnten", sagt Regisseur Palmer.
Er drehte möglichst an Original-Orten, in der Wesendonck-Villa zu Zürich, in Wien und München, in den Schlössern des Wagner-Sponsors Ludwig II., im Wagner-Haus in Triebschen am Luzerner See und in Venedig; Dresden wurde in Ungarn nachgestellt, "Wagner" ist eine west-östliche Koproduktion.
Ein komplexes Gesamtkunstwerk bietet sich dar, kennerisch im Detail, leitmotivisch strukturiert, mit visionärrauschhaften wie grotesk-farcenhaften Szenen, mit Tischgesprächen in fabelhafter Kammerspiel-Manier, großen Tableaus in ironisiertem Opern-Bombast, mit einem reisenden Konzertflügel als "running gag" - und schwelgerischer Film-Musik (Komponist: R. Wagner).
Palmer, einst BBC-Angehöriger, hatte sich schon mit Dokumentarfilmen über Komponisten (Britten, Walton, Strawinsky) hervorgetan, auch mit einer 17teiligen TV-Serie "All you need is love" über 100 Jahre Popmusik (SPIEGEL 16/ 1978). "Ich weiß", sagt er, "wie Komponisten arbeiten."
Sein Drehbuch-Autor Charles Wood, 50, ist auf Englands Bühnen als sarkastisch-surrealer Nestbeschmutzer bekannt, Kinogänger schätzen seine Szenarios zu Filmen wie "Help]" (mit den Beatles) und "Der gewisse Kniff". Zum Kameramann bestellte sich Palmer einen italienischen Zaubermeister, den "Apocalypse Now"-Photographen Vittorio Storaro.
Um Experten-Segen einzuholen, waren Palmer und Wood zunächst mit dem Drehbuch nach Bayreuth gepilgert, zum Richard-Enkel Wolfgang Wagner. Der ließ sich, einen Tag lang, von den beiden das Drehbuch vorspielen und zeigte sich nicht im mindesten erschreckt über den "Dallas"-Wagner - im Gegenteil:
"Wenn ihr die wahre Geschichte meines Großvaters erzählen würdet", sagte er, "würde sie keiner glauben." Und wo würde wohl sein Großvater heute arbeiten und Karriere machen? "Nicht in Bayreuth, sondern in Hollywood."
Rat über die Richard-Gattin Cosima holte sich Palmer bei ihrer Erbfolgerin, der (mittlerweile verstorbenen) Winifred. Sie hatte über ein Jahrzehnt lang mit Cosima zu Tische gesessen - unbehaglich: Cosima schwieg und dominierte, sie sei "eiskalt" gewesen.
Als schweigende Sphinx führt Palmer dann auch seine Film-Cosima - Vanessa Redgrave - ein, mit der typischen schiefen Kopfhaltung, wartend, lauernd auf den Tag der Machtergreifung. Eine pikante Munkel-Geschichte aus dem Hause Wahnfried setzt Palmer ans Ende ihres Ehelebens.
Danach war Wagner nicht einsam über dem Manuskript "Über das Weibliche im Menschlichen" zusammengebrochen, sondern nach einer Eifersuchts-Szene Cosimas: Im Film schwenkt sie empört einen Brief des "Parsifal"-Blumenmädchens Carrie Pringle, Wagner greift sich ans Herz, aus.
Schauspielerisch ist "Wagner" weitgehend eine Hitparade. Marthe Keller spielt eine betörend schöne Mathilde Wesendonck, ein ungarischer Lokalmatador, Laszlo Galffi, träumt den Märchenkönig als Sensibilissimus von Wahnsinns Gnaden, Ronald Pickups Professor Nietzsche verkörpert sanft die Stärke der Vernunft.
Höchst ironisch und sublim wird am Hofe Ludwigs Theater gespielt, von drei geadelten alten Herren der englischen Bühne, von Sir John Gielgud, Sir Laurence Olivier und Sir Ralph Richardsson; ihre Kamerilla ist ein absolutes Kabinett-Stück.
Palmers Zuneigung im Film gehört der ersten Wagner-Gattin, der ergebenen, getretenen Minna (Gemma Craven): Das Thema der "zerstörten Unschuld" fasziniert den hageren, gescheitelten Junggesellen, und er meint, Wagner habe sich sein Leben lang Minnas wegen mit Schuldgefühlen geplagt.
Wer in den "Dornbusch" Wagner greife, in diesen "sehr unsympathischen Charakter", sagt Palmer, könne jedenfalls eines nicht ignorieren, den Politikus Wagner: "Er fühlte sich immer im Zentrum der politischen Bühne", er war ein "gefährliches politisches Tier".
Palmer läßt Wagner schon ziemlich früh als national-imperialistischen, antisemitischen, antiwelschen Bramarbas agieren und sich spreizen. Bereits als Volkstribun beim Dresdner Aufstand postuliert er "unseren Nationalismus, unseren National-Sozialismus", und die Musik spielt dazu, sehr diskret, ein paar Takte aus dem "Horst-Wessel-Lied".
In einer leitmotivischen Vision, quer durch die zehn Film-Stunden, hämmert ein feurig umwaberter Mime dazu an Nothung, dem "neidlichen Schwert" - so andeutend die "zukünftige historische Bedeutung Wagners" (Palmer).
Hitler hat sich bedankt. Bayreuth, ließ der Führer wissen, habe das "geistige Schwert geschmiedet, mit dem wir fechten".

DER SPIEGEL 16/1983
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