15.08.1983

„Er ist ein Rabauke, aber auch ein Hasenfuß“

Durch offene Intervention, Entsendung von Hilfstruppen oder Putschversuche hat Libyens Staatschef Gaddafi den meisten Staaten zwischen Sahara und Äquator zu schaffen gemacht. Sein erneuter Griff nach dem Wüstenstaat Tschad trifft auf den Widerstand der USA und Frankreichs, das 500 Soldaten in Marsch setzte. *
Es war zur Stunde der Diebe, als die 30 Soldaten der ehemaligen afrikanischen Großmacht Frankreich den Schari-Fluß überquerten. Gegen vier Uhr früh gingen sie südlich der Tschad-Hauptstadt Ndjamena an Land. Die Stadt schlief. Der Kommandant war zufrieden: weit und breit kein Journalist, kein Photograph. Der Beginn eines neuen Kapitels der französischen Afrika-Politik vollzog sich ohne Aufsehen.
Bei aller Geheimnistuerei aber war nicht zu verschleiern: Die sozialistische Regierung in Paris, vor gut zwei Jahren mit dem Versprechen angetreten, mit der "interventionistischen Politik" des konservativen Präsidenten Giscard zu brechen, traf Anstalten, mit Waffengewalt in eine ferne Krise einzugreifen.
Bis zum Wochenende waren rund 500 Mann vom 3. und 8. Fallschirmjäger-Regiment der französischen Marine-Infanterie im Tschad gelandet - angeblich, um tschadische Soldaten auszubilden, in Wahrheit eher, um mitzukämpfen, wenn es für Präsident Hissein Habre um die politische Existenz geht. Drei Jahre nachdem Giscard d'Estaing die französischen Truppen vom Tschad-See abgezogen hatte, war Frankreich erneut, was es nach den Worten des Giscard-Nachfolgers Francois Mitterrand nie wieder werden wollte: "der Oberpolizist von Afrika".
Diesmal ging es nicht nur - wie in der langen Geschichte französischer Kolonialkriege - gegen rebellische Stammeskrieger. Diesmal riskierte Paris den bewaffneten Konflikt mit der libyschen Volksdschamahiria, die seit Jahren den zentralafrikanischen Krisenherd anheizt.
Denn die Invasionsarmee, die letzten Donnerstag - zum zweitenmal innerhalb von knapp zwei Monaten - die 800 Kilometer von der Hauptstadt entfernte Provinzstadt Faya-Largeau eroberte, operierte unter dem Feuerschutz der libyschen Luftwaffe.
Zum Sturm auf Faya-Largeau waren auch reguläre libysche Verbände mit modernen sowjetischen Panzern angetreten: Der "Krieg der Häuptlinge", wie Mitterrands Außenminister Claude Cheysson den Konflikt zwischen Habre und seinem Vorgänger Gukuni Weddei noch unlängst abschätzig nannte, schien im 18. Jahr weltpolitische Dimension zu gewinnen. Der Tschad, ein fast menschenleeres Riesenland - 4,4 Millionen Einwohner, fünfmal so groß wie die Bundesrepublik -, das nicht mal von den Strömen des Welttourismus berührt wird, war drauf und dran, zum Krisenherd erster Ordnung zu werden - als ob er bei Nicaragua und nicht mitten in Afrika läge.
Denn während die Franzosen sich zum Eingreifen rüsteten, wurde auch die westliche Supermacht mobil: US-Präsident Ronald Reagan schickte zwei seiner superteuren Spähflugzeuge vom Typ Awacs unter Jägergeleitschutz in den Sudan.
Frankreichs Mitterrand hatte zunächst eine Waffen-Luftbrücke nach Ndjamena eingerichtet, als Faya-Largeau im Juni zum erstenmal gefallen war. Da Habre sich über die halbherzige Unterstützung der Franzosen beschwerte, spendierte Washington Waffen im Wert von 25 Millionen Dollar.
Alsdann ermunterten die USA die befreundete Chaoten-Republik Zaire, rund 1500 Soldaten in den Tschad zu schicken. Staatschef Mobuto Sese Seko, den Vereinigten Staaten verpflichtet, kam dem Verlangen umgehend nach.
Doch der Beitrag der Zaire-Soldaten zum Entsatz des bedrängten Tschad-Regimes blieb vorwiegend symbolisch. Deshalb drängte Washington die Franzosen, sich stärker zu engagieren. "Der Tschad", sagte Ronald Reagan, "gehört nicht zu unserer primären Einflußsphäre, sondern zu der Frankreichs." Franzosen und Amerikaner müßten - bei allem, was sie sonst trenne - diesmal an einem Strang ziehen.
Weil im Pariser Elysee-Palast die Botschaft aus dem Weißen Haus nicht sogleich gehört wurde, setzten die Amerikaner den in Paris und Washington gleichermaßen wohlgelittenen frankophilen Staatschef des Senegal, Abdou Diouf, auf die Franzosen an. Diouf sollte dem engagierten Drittwelt-Freund Mitterrand
deutlich machen, daß seine französische Intervention im Tschad mit breiter Zustimmung der Schwarzafrikaner rechnen könne.
Vorigen Donnerstag landete auch noch Zaires Mobutu in Paris, um den Franzosen noch einmal darzulegen, was sie schon längst wußten: daß "der Tschad das Opfer einer libyschen Aggression geworden" sei, das man "nicht im Stich lassen" dürfte. 500 Mann, meint auch Mobutu, reichten nicht aus, um die Libyer zu stoppen.
Libyens Staatschef Muammar el-Gaddafi stritt zwar rundheraus ab, daß seine Streitkräfte an der Schlacht um Faya-Largeau beteiligt gewesen seien, aber auf Satellitenphotos waren deutlich die Panzer- und Lkw-Kolonnen mit arabischen Schriftzeichen zu erkennen, die sich von den beiden libyschen Garnisonen El-Dschauf und El-Katrun aus auf Faya-Largeau zubewegten.
Gefangene sagten aus, die Hälfte der Angreifer habe aus Einheiten der "Islamischen Legion" bestanden, einer Art Fremdenlegion, die Gaddafi zur "Befreiung der Dritten Welt" gegründet hat. Anfang vergangener Woche präsentierte das Habre-Regime in Ndjamena einen abgeschossenen libyschen Fliegermajor, der zugab, auch Napalm-Angriffe gegen Faya-Largeau geflogen zu haben.
Gaddafi wütete über den "unverschämten imperialistischen Überfall" - doch die Franzosen haben Kredit. Ihnen nehmen die Afrikaner imperiales Verhalten weit weniger übel als etwa den USA. Wichtiger noch: In Afrika hat Gaddafi sogar unter antiwestlichen Machthabern kaum noch Freunde. Seine politischen Extravaganzen haben den "kopflosen Irrläufer" (so Marokkos König Hassan über Gaddafi) in die Isolation getrieben.
Das zeigte sich beispielsweise auf den Gipfelkonferenzen der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) in Tripolis und Addis Abeba, auf denen Gaddafi beide Male als Kandidat für das Präsidentenamt durchfiel. Das zeigte sich auch nach dem Einmarsch libyscher Truppen nach Ndjamena im Dezember 1980, den mehrere afrikanische Staaten mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Libyen beantworteten.
Die Empörung über die Vereinnahmung des durch jahrelangen Bürgerkrieg geschwächten Nachbarlandes war damals zwischen Sahara und Sambesi nahezu einhellig. Die senegalesische Tageszeitung "Le Soleil" rief dazu auf, "dem libyschen Imperialismus eine Abwehrfront entgegenzusetzen". Und selbst die linke Regierung der Volksrepublik Benin geißelte die "libysche Sklavenhändler-Einstellung".
Die Afrikaner haben guten Grund, Gaddafi zu fürchten. Zwischen Mittelmeer und Äquator gibt es nur wenige Länder, in denen er nicht schon mal versucht hätte, ein Regime zu stürzen oder eine Rebellion zu entfachen (siehe Karte Seite 90). Ein übergreifendes Konzept aber war - abgesehen von seinem religiös-revolutionären Messianismus - nicht zu erkennen. Gaddafi half Republikanern gegen Monarchisten (in Marocko), Moslems gegen Christen (in Gambia), Arabern gegen Araber (im Sudan), Atheisten gegen Moslems (in Äthiopien) und dem Gewaltherrscher Idi Amin von Uganda gegen die Invasionstruppen Tansanias.
Wirkliche Erfolge hat Gaddafi dabei selten erzielt. Das Uganda-Abenteuer endete für schätzungsweise tausend Mann seiner Armee in tansanischer Gefangenschaft. Von rund einem Dutzend Mordanschlägen und einem halben Dutzend Putschversuchen gegen den sudanesischen Präsidenten Numeiri gelang kein einziger. Ägyptens Staatschef Anwar el-Sadat wurde nicht von libysch inspirierten Verschwörern umgebracht, die Gaddafi nach Sadats eigener Bekundung reihenweise auf ihn angesetzt hatte, sondern von fanatischen ägyptischen Moslems.
Erst in den letzten zwei, drei Jahren lassen Gaddafis Rankünen eine Hauptstoßrichtung erkennen: Im Zentrum seines revolutionären Aktionismus scheint die Vision von "Vereinigten Staaten von Nordafrika" zu stehen.
Das Konzept orientiert sich an der "Dreikreis-Theorie", die Gaddafis Idol, der große Gamal Abd el-Nasser, einst erdachte und das vom "Historischen Forschungszentrum" in Gaddafis Hauptstadt Tripolis weiterentwickelt wurde. Die drei Kreise stehen für Arabismus, Panislamismus und Panafrikanismus. Sie umfassen fast ganz Nordafrika und den größten Teil der Sahara-Randstaaten zwischen Dakar und Djibouti.
Das Denkmodell enthält etliche Ungereimtheiten. Es läßt etwa die Frage nach der Rolle Algeriens offen, dem Libyen zwar freundschaftlich verbunden ist, das Gaddafi gleichwohl teilweise für sein Großreich verplant hat.
Daß Gaddafis undurchsichtiges Gedankengebäude durchaus realpolitische Bedeutung gewinnen kann, zeigte sich nach der Besetzung Ndjamenas Ende 1980, als er plötzlich bekanntgab, die "Brudervölker" des Tschad und Libyens hätten sich entschlossen, ihre Staaten miteinander zu vereinen. Frühere Vereinigungsprojekte dieser Art - mit Ägypten, Syrien, Tunesien - waren letzten Endes stets Phantasmagorien geblieben. Diesmal aber standen libysche Truppen in dem fremden Land.
Der Libyer ließ seine Beute nach einem
Jahr wieder los, um die Antipathie bei den Afrikanern abzubauen, die ihm den Weg zur OAU-Präsidentschaft versperrte.
Auch weitab von den eigenen Grenzen ist Gaddafi tätig geworden. Der Putschist Jerry Rawlings, der zu Silvester 1981 in Ghana die Macht an sich riß, bekannte offen, er habe sich vor dem Umsturz mit Gaddafi beraten.
Und Ende vorletzter Woche übernahm in Obervolta Hauptmann Thomas Sankara die Macht, ein Freund von Jerry Rawlings. Er erklärte, daß Oberst Gaddafi, den er mehrmals in Tripolis besucht hatte, als Mensch, Politiker und Revolutionär einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht habe. Sankara: "Man kann viel von ihm lernen."
Der nächste Stoß aus Libyen wird - wieder mal - im Sudan erwartet. Gaddafi-Kenner in Kairo glauben, daß der Libyer den Tschad lediglich als Operationsbasis für den Rachefeldzug gegen seinen Feind Numeiri benutzen will. Ägyptens Präsident Husni Mubarak hat deshalb letzte Woche erneut bekräftigt, er werde einen Angriff auf den Sudan als einen Angriff gegen Ägypten werten.
Während in der sudanesischen Hauptstadt Khartum die beiden amerikanischen "Awacs"-Aufklärer eintrafen, die Gaddafis Kriegsschauplätze aus großer Höhe betrachten sollen, liefen in der nubischen Wüste gemeinsame Manöver der ägyptischen, sudanesischen, omanischen und somalischen Streitkräfte mit Einheiten der US-Army an, ging im Mittelmeer auf der Höhe von Tripolis der amerikanische Flugzeugträger "Eisenhower" in Stellung.
Gaddafis Außenminister Abdul Ati Al-Ubeidi erklärte auf die SPIEGEL-Frage, ob seine Regierung tatsächlich den Befehl gegeben habe, die amerikanischen "Awacs"-Maschinen abzuschießen: "Ja, das ist richtig. Wir haben den klaren Befehl an unsere Luftwaffe gegeben, jede amerikanische Maschine abzuschießen, die in unseren Luftraum eindringt. Denn wir betrachten die USA als Aggressor."
"Gaddafi", zitierte jedoch die "Washington Post" einen Topbeamten aus dem State Department, "ist ein Rabauke, aber auch ein Hasenfuß" - auch ein Eingeständnis, daß Gaddafi bei allem Irrationalismus in Washington doch auch als Staatsmann eingeschätzt wird, der gefährliche Abenteuer rechtzeitig beenden kann.
Die Bestätigung für diese These kam Donnerstag aus Tripolis. Der "Bruder Oberst", so meldete die staatliche libysche Presseagentur "Janaa", wolle Frieden für den Tschad. Alle Beteiligten sollten sich nun zusammensetzen und über den Frieden nachdenken. Und Gaddafi sei auch einverstanden, wenn die französische Regierung dabei eine führende Rolle spiele.
[Grafiktext]
GADDAFI IMMER DABEI MAROKKO Westsahara SENEGAL GAMBIA GUINEA SIERRA-LEONE LIBERIA MAURETANIEN MALI OBERVOLTA ELFENBEIN-KÜSTE GHANA TOGO BENIN ALGERIEN NIGER NIGERIA TUNESIEN LIBYEN Von Libyen besetzt: Aozou-Streifen Faya-Largeau TSCHAD Ndjamena ZENTRALAFRIKA KAMERUN Libyscher Militärstützpunkt Bangui In Bau befindliche "Wehrmauer" ÄGYPTEN SUDAN UGANDA ZAIRE ÄTHIOPIEN Libysche Militärhilfe SOMA-LIA KENIA Militärische Interventionen durch: libysche Truppen Gaddafis "Islamische Legion" Von Libyen unterstützte Putsche, Aufstände und Attentate Kilometer
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 33/1983
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