15.08.1983

„Poesie ist so wichtig wie Essen und Trinken“

Der Schriftsteller Michael Ende und seine Gemeinde *
Ein korpulentes Ei thront auf einem Sessel, von Fahnen feierlich umweht. Gesichtslose kleine Straßenpassanten stehen davor wie lauter Schlamuffen und staunen es ehrfürchtig an.
Szenen wie diese und Fabelwesen wie der "Löwenengel" hören sich an wie Erfindungen Michael Endes. Doch sie stammen von seinem Vater, dem Maler Edgar Ende (1901 bis 1965), der in Hamburg aufwuchs, Rom liebte, in München lebte und zu den wenigen bedeutenden Surrealisten in Deutschland zählt.
Angelehnt an die "metaphysische Malerei" des Italieners Giorgio de Chirico malte Edgar Ende visionär geweitete Seelenlandschaften und Traumfiguren mit kühlen Farben und der eisigen Genauigkeit, mit der er seinen Imaginationen "objektive Realität" verleihen wollte. 1936 verboten ihm die Nazis, seine Bilder auszustellen oder zu verkaufen. Als Heilgymnastin brachte seine Frau die Familie bis nach 1945 durch.
In der Maler- und Literaten-Boheme der inneren Emigration in Schwabing ist Michael Ende, Jahrgang 1929, aufgewachsen. 1940 kam er auf das humanistische Max-Gymnasium und blieb schon in der Sexta sitzen. Er wurde Jungvolk-Pimpf und scheiterte am Kruppstahl-harten Jugendideal des Führers. Denn alle Schulgreuel und alle Schlappschwanz-Schmach, die den empfindsamen Bastian der "Unendlichen Geschichte" bedrücken, hat der empfindsame Michael Ende original durchlitten.
Der Junge, der in der Turnstunde "wie ein Mehlsack" am Kletterseil hängt, der Außenseiter, der von den Lehrern "vor allen lächerlich gemacht" wird - das war kein anderer als der Autor selbst. Erst nach dem Krieg, in den letzten zwei Schuljahren, fand er auf der Waldorfschule in Stuttgart Erlösung.
Bis heute haben sich die Wunden, die kompensatorischen Tagträume und solitären Schmöker-Wonnen jener Tage bei ihm so frisch erhalten wie seine Ressentiments gegen die pädagogischen Repräsentanten der Erwachsenenwelt. Noch heute könnte man in seinem Gesicht den Jungen erkennen, der er war, wenn er es nicht hinter einem knisternden Erhard-Eppler-Bart verbergen würde. Wie kein anderer schien er von Anfang an prädestiniert, für Kinder zu schreiben und ihre Partei zu ergreifen.
Doch Michael Ende wollte es erst einmal anders. Nach Schauspiel-Lehre und Provinzbühne wollte er dem Theater Stücke schmieden, die den zuchtmeisterlichen Ansprüchen des Brechtschen Dramas genügen sollten. Als das hartnäckig mißlang, "fraß ich mich vollkommen fest". Erst der Auftrag, eine Bilderzählung für Kinder zu betexten, brach den Bann. Frei von überreizten Ambitionen kam Ende locker ins Fabulieren. Auf einmal strömte er über von so erheiternd-hintersinnigen Einfällen wie den "Scheinriesen", die immer kleiner werden, je näher man ihnen kommt.
Er erzählte die Saga vom schwarzen Findelkind Jim Knopf, das von dem Lokomotivführer Lukas adoptiert wird und auf der Lok Emma, die auch schwimmen und fliegen kann, in China und in den rot-und-weiß-gestreiften Bergen bedeutend mehr erlebt als mit Neckermann. Wo immer sie aufkreuzen, verbreiten Jim und Lukas good will und Versöhnlichkeit. Sogar Frau Mahlzahn, den Drachen, bekehren sie zur Sanftmut. Der Erfolg war da.
Doch der Jugendbuch-Preisträger sah sich bald in eine Kontroverse verstrickt, die ihn 1971 schließlich außer Landes nach Italien trieb - die Kontroverse um die Doppelnatur der Phantasie und ihrer Produkte, zu denen Ende im Grunde auch Kunst und Religion zählen würde. Sind Phantasiegeschichten, wie die Schmalspur-Marxisten der Studentenrebellion behaupteten, bloß Opium für die Jugend? Girlanden und Lampions zur Verzierung trister Verhältnisse? Fluchtwege aus der Realität und aus der Menschenpflicht, diese Realität zu verändern?
Oder ist die Phantasie nicht vielmehr, wie Ernst Bloch lehrte, der positive Ausdruck dessen, was Menschen hier auf Erden schon ersehnen? Müßte sie also nicht der Leuchtturm sein, der dem politischen Handeln die Richtung weist?
Michael Ende fand und findet es "borniert, solche Gegensätze zu konstruieren". Er glaubt, "daß Poesie und Kunst für den Menschen so lebensnotwendig
sind wie das Essen und das Trinken". Jede "gelungene künstlerische Leistung" spiele immer auch "eine therapeutische Rolle", weil sie Menschen helfe, ihre Lebenskrisen zu bewältigen und mehr Klarheit zu gewinnen über sich und ihren "wahren Wunsch".
Denn Ende, vom Anthroposophen Rudolf Steiner beeinflußt und auf vertrautem Fuß mit allen Mystikern von Meister Eckhart bis Madame Blavatsky, wendet sich an die "Innenwelt", nicht an den politischen Tatendrang. Nicht die politisch-ökonomischen Machtverhältnisse sind nach seiner Ansicht vor allem schuld an den Plagen und Gefahren der Gegenwart. Schuld hat die "Innenwelt-Zerstörung", haben die "falschen inneren Einstellungen" der Zeitgenossen - ihre rastlose materielle Gier und ihr feindselig-selbstgerechter Eifer, alles Schlimme den anderen und anders Gearteten anzulasten: "Erst wenn sich diese Einstellungen ändern, können sich die politischen und sozialen Zustände wirklich bessern."
In Italien, dem "ewigen Gezänk daheim" entrückt, hoffte er auf den mediterranen Zusammenklang von Realem und Phantastischem, auf die Verschmelzung von Sinnlichem und Mystischem, die schon sein Vater in Rom - und im Surrealismus - gesucht hatte.
In den Albaner Bergen, nicht weit vom Sommersitz des Papstes, richtete Ende sich mit seiner Frau, der Schauspielerin Ingeborg Hoffmann, in einem kleinen Landgut inmitten von Olivenhainen ein. Der Einfluß seiner Frau wurde für ihn unentbehrlich und bestimmend. In "Die unendliche Geschichte" und in "Momo", berichtet er, sei kein Absatz hineingelangt, "den sie nicht laut vorgesprochen und gutgeheißen hat".
Trotzdem ist es dem Paar in der "Casa Liocorno" ("Haus Einhorn") nicht vergönnt, ungetrübt Zweisiedelei mit Hunden und Schildkröten zu betreiben. Das liegt nicht nur daran, daß trampende Fans dort gehäuft "mit Schlafsack und Gitarre vor der Tür stehen und sagen: 'He, Michael, wir wollen mit dir reden'". Doch es hängt ganz entschieden damit zusammen, daß die Resonanz von Endes Büchern keine literarische Erscheinung ist, sondern eine kultische.
Nicht Werbetrommeln, nicht kommerzielle Strategie und, nein, auch nicht die schriftstellerische Potenz des Autors haben seine Werke zu dem gemacht, was sie sind. Die Geschichte des von Ende bewunderten Franz Kafka über den Kaufmann Samsa, der sich in einen Käfer verwandelt, wäre großartig, auch wenn sie nie jemand gelesen hätte. Den Texten Endes dagegen haucht erst der Leserkreis den Lebensatem ein.
Der Kulturkritiker Hermann Bausinger spricht sogar von "Placebo-Effekten": Wie Patienten, die wirkstofflose Pillen einnehmen, verspürten die Leser von Endes schlichter Prosa Wirkungen, die im Text gar nicht angelegt seien. Die Leser selbst sähen die Dinge in Endes Legenden hinein, von denen sie beeindruckt seien, und schrieben dies dem Autor gut. Viel stärker als sonst in der Literatur, meint Bausinger, würden Endes Werke vom Publikum "mitproduziert" - was freilich für die volkstümlichsten Erzählungen, für Märchen und Sagen schon immer gegolten hat.
Michael Ende ist sich dessen in aller Bescheidenheit bewußt. Doch überkommen ihn auch Stimmungen, da glaubt er, aus dem bewundernden Raunen des Leservolks die Stimme eines höheren Wesens zu vernehmen, die ihn zu dichterisch-prophetischer Mission beruft. Dann nennt er seinen Bastian Bux in einem Atemzug mit Odysseus und "tut, als käme die 'Unendliche Geschichte' gleich hinter dem Alten Testament" (Filmproduzent Eichinger).
Daß so viele Leser das Buch für etwas Sakrales halten, ist auch der Hauptgrund, warum dem Autor vor der Verfilmung der "Unendlichen" graut. Seine Gemeinde könnte sich verraten fühlen, wenn ein Werk, das sich gegen den kommerziellen Rummel der Gegenwart wendet, nun selbst "erbarmungslos vermarktet" werde: "Ich könnte mir selbst kein einziges Wort mehr glauben. Ich könnte keine einzige Zeile mehr schreiben. Für mich steht meine moralische und künstlerische Existenz auf dem Spiel."
Er und sein Verleger hätten dem zuverlässig vorbeugen können, wenn sie die Verfilmungsrechte nicht verkauft hätten. Aber welcher noch so gestrenge Fan wollte dem Autor nachträglich noch verübeln, daß er dieser Versuchung nicht Felsenbeißer-fest widerstanden hat?
Michael Ende ist kein Heiliger, auch wenn ihn noch so viele seiner Leser zu ihrem Guru machen wollen. Auch die Versuchung, eine solche Rolle zu übernehmen, ist groß - zumal für einen gelernten Schauspieler. Doch bisher sind Anwandlungen dieser Art noch immer von Skepsis und Selbsterkenntnis verscheucht worden: "Ich kann nicht der intime Freund von ein paar tausend Menschen sein, der Beichtvater und Tröster bei Seelenkummer."
Es müsse genügen, meint er, daß er sich als Schriftsteller bemühe, "den Menschen ein neues Gefühl für ihren Wert und ihre Bedeutung zu geben", damit sie sich nicht "in einem Anfall von Nihilismus und Barbarei selbst vernichten". Denn Michael Ende weiß sehr wohl, daß Phantasien erst dann endgültig verloren ist, wenn keine Menschen mehr nach Phantasien kommen, weil es keine Menschen mehr gibt.

DER SPIEGEL 33/1983
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