26.09.1983

DDR-KREDITDer dritte Mann

Über einen Strauß-Spezi hat die DDR den CSU-Vorsitzenden für das Milliardenkredit-Geschäft geködert. *
Mißmutig und schweigsam trottete Franz Josef Strauß neben Helmut Kohl her.
Fünf Stunden längstens hätte der gemeinsame Waldspaziergang vor zwei Wochen durchs Bayrische dauern sollen. Nun waren sie schon neun Stunden unterwegs, über Berg und Tal, durch dunklen Tann - der Bundeskanzler und der Ministerpräsident hatten sich verlaufen.
Der Gesprächsstoff war ihnen längst ausgegangen. Ohnehin hatte es, meinte Strauß, nichts wirklich Wichtiges zu bereden gegeben.
Erschöpft, "an der Grenze der physischen Leistungsfähigkeit" sei er gewesen, gestand der 68jährige Strauß später Vertrauten in der CSU-Landesleitung. Kohl dagegen, 15 Jahre jünger, genoß den Fußmarsch. Besonderen Spaß fand er daran, gab er vor seinen Freunden zum besten, wie Franz Josef neben ihm fast schlappgemacht hätte.
Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. War früher Kohl der Geschmähte, so demütigt nun er den CSU-Vorsitzenden in einem fort.
Strauß hat noch immer nicht verwunden, daß ausgerechnet Kohl ihn vor scharfen Angriffen aus der eigenen CSU wegen des Milliardenkredits für die DDR in Schutz nahm. Nur zu gern spielte sich Kohl beim CSU-Parteitag im Sommer als Verantwortlicher auf, für den Strauß lediglich Auftragsarbeit erledigt habe.
Das Problem FJS hält Kohl im wesentlichen für erledigt, gelegentliche Quertreibereien aus München seien natürlich noch möglich.
Bestätigt fühlt sich der Kanzler durch Meldungen aus Bayern. Im Franz-Josef-Land gelte es inzwischen als chic, sich zur Strauß-Gegnerschaft zu bekennen. Der "Verrat von Strauß an den Grundsätzen der Partei" (CSU-Dissident Franz Handlos) hat die Autorität des Vorsitzenden nachhaltig geschwächt. Zu abrupt war sein Wechsel vom Gegner der Ostpolitik hin zu Erich Honeckers Partner, der das SED-Regime mit einem Milliarden-Darlehen stützte, ohne Gegenleistungen _(1977 bei einem Besuch des togolesischen ) _(Staatspräsidenten Gnassingbe Eyadema ) _((M.) auf Gut Spöck; mit Strauß (vorne ) _(rechts). )
auszuhandeln. CSU-Senior Hermann Höcherl: "Ihm ist der Instinkt abhanden gekommen. Das ist schlimm, wenn das einem im Alter passiert."
Da haben andere ein bißchen nachgeholfen. Das "Schiebergeschäft auf dem schwarzen Markt", wie der CSU-Bundestagsabgeordnete Ekkehardt Voigt den Deal mit der DDR anprangerte, war nicht von Strauß allein eingefädelt worden. Dem Kanzleramtsminister Philipp Jenninger hat es Kohl zu danken, daß es so schlecht steht um Strauß.
Gleich bei Amtsübernahme im vorigen Oktober war Jenninger, im Kanzleramt auch für die Deutschlandpolitik zuständig, von seinem SPD-Amtsvorgänger Hans-Jürgen Wischnewski in die Geheimnisse der deutsch-deutschen Beziehungen eingeweiht worden. Einen Tag lang erläuterte der Sozialdemokrat, worauf der Unionspolitiker in dem heiklen Bereich achten müsse - so auch auf das Projekt einer deutsch-deutschen Bank. In diesem Institut sollte die Bundesrepublik für Kredite geradestehen, die sich die Partnerin DDR auf internationalen Geldmärkten besorgen würde.
Im Dezember, beim Antrittsbesuch in Ost-Berlin, fragte der neue Kanzleramtsminister den SED-Wirtschaftsspezialisten Günter Mittag, wie es denn um den Devisenbedarf der DDR stehe. Mittag winkte ab - offenbar wollte sich der Polit-Bürokrat vor Bonner Neuwahlen nicht allzu eng mit der neuen Regierung einlassen.
Nach dem 6. März aber bekundeten die Ost-Berliner lebhaftes Interesse, sie drängten, man solle doch das komplizierte Vorhaben einer gesamtdeutschen Bank fallenlassen und lieber bei westdeutschen Geldinstituten Darlehen besorgen.
Jenninger sagte grundsätzlich ja. Mit der neuen Bonner Regierung sei, erläuterte der CDU-Minister den SED-Leuten, überhaupt gut zurechtzukommen. Denn sie stehe, anders als die Regierung Schmidt/Genscher, in der Deutschlandpolitik nicht unter Erfolgszwang. Ein großes Problem aber gebe es - in München.
Dort schwadronierte Strauß zu jener Zeit noch, Kontinuität in der Deutschlandpolitik dürfe es nicht geben, da sei jetzt die Wende fällig. Schließlich habe er ja nicht 13 Jahre lang die Ostpolitik der Sozialliberalen bekämpft, um sie dann zu unterstützen.
Jenninger beriet mit SED-Funktionären, wie der Bayer wohl umzudrehen sei. Der Bonner gab den Ost-Berlinern zu verstehen, sie sollten sich doch selbst um Strauß bemühen. Der Mann habe in der Vergangenheit schon manches Mal seine Fähigkeit zu pragmatischer Politik bewiesen. Den Milliardenkredit könne es nur mit, nicht gegen Strauß geben.
Die DDR-Machthaber ließen sich etwas einfallen. Der in Ost-Berlin residierende Ost-West-Händler Paul Gerlach wollte hilfreich sein. Und auch der gute Draht zu einem Strauß-Freund bot sich an. Über die Identität dieses Kontakters schweigt sich Strauß auch heute noch aus. "Der dritte Mann", wie der CSU-Vorsitzende ihn nennt, sei ihm in der Kreditsache stets hilfreich zur Seite gestanden.
Der dritte Mann heißt Josef März, wohnt im oberbayrischen Rosenheim, ist Herr über ein Fleischwaren- und Brauerei-Imperium mit Niederlassungen in Togo, Zaire und Gambia (geschätzter Jahresumsatz: etwa eine Milliarde Mark) und zählt zu den alten Spezis von Franz Josef Strauß.
März ist auch mit der DDR gut im Geschäft. Die Ost-Berliner verhökern über ihn zu günstigen Bedingungen Schlachtvieh für die Bundesdeutschen und andere Westeuropäer.
Im pompösen Gästehaus des Fleischhändlers, Gut Spöck am Rinsersee bei Rosenheim, trafen DDR-Emissäre mindestens zweimal unter strengster Geheimhaltung mit bayrischen Repräsentanten zusammen. Einmal war Strauß mit von der Partie, einmal auch Honeckers Finanzagent, Staatssekretär Alexander Schalck-Golodkowski.
Einstweilen gibt es im Kanzleramt nur Spekulationen, womit die DDR über März den CSU-Chef für das Milliardengeschäft gewinnen konnte. Ein "guter Schuß Abenteuerlust" habe bei Strauß eine Rolle gespielt, mutmaßen die einen; "der Spaß, selber etwas zu gestalten und Kohl zu zeigen, wie man so etwas macht", erklären andere die Motive.
Dazu kommt das Rätselraten über angebliche Provisionen, die im Rahmen des bei Banken Normalen geflossen seien. Und es gibt Gerüchte über ein Verfahren, das bei anderen Geschäften üblich sei: Ost-West-Händler Paul Gerlach in Ost-Berlin etwa soll, nach Erkenntnissen von Sicherheitsbehörden, zuweilen Wert darauf legen, daß ein Teil von Provisionen diskret an die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) weitergeleitet werde.
Auch so ist der Schaden für Franz Josef Strauß groß genug: Die Gegenleistungen der DDR, das erfuhren die Bonner letzte Woche aus Ost-Berlin, werden magerer ausfallen als erhofft; nur Kinder, nicht aber Rentner, sollen vom Zwangsumtausch befreit werden. Hat sich der Handel also für Strauß gelohnt?
Beim Waldspaziergang mußte der CSU-Chef dem CDU-Kanzler zugestehen, daß er keine großen Sprünge mehr machen wolle. Auch wenn das Bundeswirtschaftsministerium, nach einer Anklage gegen Otto Graf Lambsdorff wegen Vorteilsannahme in der Flick-Affäre, bald neu besetzt werden müßte, will Strauß in Bonn nicht mehr antreten.
Als Lambsdorff-Nachfolger hätten dann der baden-württembergische FDP-Chef Jürgen Morlok oder der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht eine Chance. In der Union wächst der Druck, das Wirtschaftsressort mit einem CDU-Mann zu besetzen, das lasse die Koalitionsvereinbarung auch zu.
Strauß hofft, er könne - zum Lohn für seinen Verzicht auf ein Bonner Amt - dann doch noch seinen Einfluß wahren: Er möchte, gegen den Widerstand von FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher, das Dreierkollegium der Parteivorsitzenden von CDU, CSU und FDP institutionalisieren - als regelmäßig tagendes oberstes Lenkungsgremium der Koalition.
1977 bei einem Besuch des togolesischen Staatspräsidenten Gnassingbe Eyadema (M.) auf Gut Spöck; mit Strauß (vorne rechts).

DER SPIEGEL 39/1983
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