06.06.1983

„Ein kräftiger Schub für die Vergangenheit“

SPIEGEL-Report über die neue Geschichtsbewegung in der Bundesrepublik *
Seit zwei Jahrzehnten dürfen West-Berliner auf dem notdürftig von Ruinenschutt geräumten Gründstück Wilhelmstraße 102 bis 106 das Autofahren üben - ohne Führerschein, ohne Fahrlehrer und gegen mäßige Gebühr. Wo einst das von Schinkel umgebaute Prinz-Albrecht-Palais gestanden hatte, empfiehlt sich die "Autodrom"-Direktion vor allem "blutfrischen Anfängern".
Dagegen erhebt sich jetzt Protest in West-Berlin. Denn das verschwundene Palais beherbergte während der NS-Zeit die Zentrale von Reinhard Heydrichs Sicherheitsdienst (SD). Bei einer offiziellen Anhörung forderten die meisten Teilnehmer mit Verve und Sachverstand vom West-Berliner Senat den Bau einer "längst überfälligen" Gedenkstätte.
Das Bürger-Begehren erhellt mehr als nur eine lokale Spezialität des größten deutschen Freiluftmuseums für neuere Geschichte namens Berlin. Es illustriert beispielhaft ein überall in der Bundesrepublik keimendes historisches Interesse, das sich unversehens und quer zur noch immer landläufigen Politikerklage von der Geschichtslosigkeit der jüngeren Generation entwickelt.
Im Recklinghausener Stadtteil Hochlarmark machte sich, gestützt vom städtischen Kulturreferat, ein "Geschichts-Arbeitskreis" von 20 Bergarbeitern und Bergarbeiterfrauen an die Arbeit. Beharrlich über drei Jahre hinweg trugen sie persönliche Erinnerungen, Photos, Miet- und Arbeitsverträge, Flugblätter und Zeitungsartikel zum "Hochlarmarker Lesebuch" zusammen. Untertitel der auf 350 Druckseiten versammelten Geschichten zu hundert Jahren Ruhrgebietsgeschichte: "Kohle war nicht alles."
Längs der Werra betrieben 18 hessische Jugendliche ihre regionale "Spurensicherung": Während eines gemeinsamen Bildungsurlaubs erforschten sie diesseits und jenseits der zwischendeutschen Grenze, was wohl "Thüringen mit Nordhessen zu tun" hat, und befragten neben anderen hüben einen Prinzen von Hessen und drüben Arbeiter einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. Im westfälischen Lünen begaben sich Gymnasiasten ins Stadtarchiv, um die NS-Vergangenheit der Kommune zu studieren.
In Oldenburg engagierten sich Bürger im Alter zwischen 19 und 89 Jahren in einem "Verein zur Erforschung und Bewahrung der Geschichte der Glasindustrie und ihrer Arbeiter". Im Berliner Stadtteil Borsigwalde treffen sich, angestiftet und finanziert vom Museumspädagogischen Dienst der Stadt, Bewohner und ehemalige Borsig-Arbeiter regelmäßig zum historischen Gesprächskreis, der bereits eine Ausstellung ("Wir entdecken unsere Geschichte"), eine Ton-Dia-Schau, ein Videoband und eine lokalgeschichtliche Sammelmappe zum Thema "Borsig und Borsigwalde" unter die Mitbürger brachte.
In Solingen gründeten zwei Lehrer und ein Student eine "Geschichtswerkstatt". Ihr erstes Werkstück: eine Ausstellung und eine Broschüre über "Fremdarbeiter in Solingen 1939 bis 1945". Im Taunus befragten Pfadfindergruppen über Monate hinweg ältere Einwohner der Orte Bad Soden, Bad Schwalbach und Hofheim nach ihren Erinnerungen an die Nazi-Zeit und veröffentlichten die eindrucksvollsten Interviews zusammen mit Photos und Zeitdokumenten unter dem Titel "... als wenn nichts gewesen wäre".
Allen diesen Projekten, so unterschiedlich ihre Gegenstände und die Motive ihrer Teilnehmer sonst sind, ist mindestens viererlei gemeinsam: *___Sie erarbeiten Geschichte ausschließlich von unten, aus ____der Sicht und wenn möglich unter aktiver Beteiligung ____derjenigen, die sie erlebt haben; *___sie zielen nicht aufs Große und Ganze nationaler ____Herrschaft und Kultur, sondern auf die möglichst genaue ____Rekonstruktion eines begrenzten Milieus in Gemeinde, ____Landstrich oder Wohnviertel; *___sie versuchen, sich zugleich mit der eigenen Geschichte ____der eigenen Identität zu versichern - der eines ____Berufsstandes, einer Dorfbevölkerung, einer ____Fabrikbelegschaft; und *___sie verstehen sich, oft in scharfer Abgrenzung zur ____Historikerzunft, als Erinnerungsarbeiter, die im ____letzten Augenblick mit dem Notizblock oder auf dem ____Tonband festhalten, was _(Mitglieder der Berliner ) _("Geschichtswerkstatt" bei der ) _(Vorbereitung einer Ausstellung. )
sonst kaum eine Quelle bewahrt: das widersprüchliche Puzzle vom Leben der "kleinen Leute".
Wie vielfältig die Themen der Spurensucher sein können, belegen Programm und Publikationen des "Regionalgeschichtlichen Arbeitskreises" in Konstanz, der sich als Mittler zwischen der akademischen Geschichtsforschung und der Amateurbewegung versucht. Sein erklärtes Ziel ist es, "historische Lebensformen und Verhaltensweisen der Menschen gegenüber ihrer Umwelt in die aktuelle Diskussion über das ''Wohin'' unserer Gesellschaft einzubringen".
Das geschieht über Exkursionen zu Stätten des Bauernkrieges in Oberschwaben ebenso wie durch die Mitarbeit an neu entstehenden Heimatmuseen. Die Mitglieder sammeln bäuerliche Gerätschaften und notieren bäuerliche Alltagserfahrungen, sie beschreiben bauliche und soziale Veränderungen in städtischen Wohnvierteln und erforschen die Judenverfolgung in Bodensee-Gemeinden.
Nach Beobachtungen des in Stuttgart lehrenden Geschichtsprofessors Axel Kuhn "beginnen momentan viele Leute zu begreifen, daß ihnen ihre Geschichte weggenommen worden ist". Damit sie sie wieder zurückbekommen, hat Kuhn zusammen mit anderen Historikern vor vier Jahren die Franz-Mehring-Gesellschaft gegründet, die sich ausdrücklich zu dem "Versuch" bekennt, die "Geschichte derjenigen zu schreiben, die sie bisher weitgehend passiv erfahren haben, meist als Leidende im wörtlichen Sinne".
Was bei den Stuttgartern noch nach professioneller Dienstleistung klingt, liest sich in der Selbstdarstellung der "Berliner Geschichtswerkstatt" (100 Mitglieder) bereits wie das Programm einer Selbsthilfe-Gruppe, deren gemeinsamer Schlüssel zur Vergangenheit persönliche Betroffenheit ist: "Wir wollen unsere Geschichte erkunden, ob wir dabei auf den Schutt alter Resignation stoßen oder ob wir in früherem Aufbegehren unsere eigenen Hoffnungen wiederfinden."
Studenten, Akademiker mit und ohne feste Anstellung, Sozialarbeiter, Lehrer, Bibliothekare, aber auch zunehmend Leute aus dem Schöneberger Wohnquartier, in dem die Berliner Geschichtswerker jüngst einen Laden anmieteten, beteiligen sich an den zahlreichen Unternehmungen des Vereins, der im vergangenen Jahr erstmalig mit einer Ausstellung über Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg an die Öffentlichkeit trat.
In diesem Jahr kurbelt die Halbjahrhundert-Distanz zur Machtergreifung Hitlers die Geschichtskonjunktur zusätzlich an. Allein in West-Berlin finden 1983 über 50 Veranstaltungen, Ausstellungen und Vortragsreihen zu diesem Thema statt, darunter gleich drei Spurensicherungs-Projekte der Geschichtswerkstatt zu "Widerstand und Alltag im Faschismus" am Beispiel ausgewählter Wohnbezirke.
Bundesweit erweist sich auch der 1973 vom damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann gestiftete und seitdem von der Hamburger Kurt A. Körber-Stiftung achtmal organisierte "Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte" als kräftiger Motor der Bewegung. Auch hier signalisieren die sozial- und alltagsgeschichtlichen Themenstellungen der letzten Jahre sowohl den veränderten Zugriff auf als auch das gewachsene Interesse an Geschichte: "Wohnen im Wandel" (1978), "Feierabend und Freizeit im Wandel" (1979), "Alltag im Nationalsozialismus 1933 bis 1939" (1980/ 81) und schließlich in diesem Jahr "Die Kriegsjahre in Deutschland".
Die Ergebnisse der Schülerforschungen füllten allein im letzten ausgewerteten Wettbewerb 150 000 Bogen Papier mit Beschreibungen des Alltagslebens zwischen dem Ende der Weimarer Republik und dem Beginn des Krieges. Fast 13 000 Teilnehmer lieferten insgesamt 2172 Arbeiten ab. Doch was die Juroren noch mehr verblüffte, war die Tatsache, daß pro eingereichtem Text zeitgeschichtliche Interviews mit durchschnittlich zehn älteren Menschen geführt und verarbeitet worden waren.
Dieser massenhafte Dialog zwischen Großeltern und Enkeln, der einer bis weit in die Provinz reichenden Geschichtsbewegung Wind unter die Flügel bläst, hat vor allem zwei Ursachen: Für die Jüngeren ist das Fragen leichter geworden, weil sie anders als die 68er Generation mit ihrem "Wie konntet ihr?" nicht mehr auf moralische Schuldzuweisungen aus sind. Und die Älteren, mehrheitlich zur HJ-Generation gehörig und daher ledig der schlimmsten NS-Verstrickungen, sind im Rückblick auf ihre Jugend mitteilsam.
Für den Essener Historiker Ulrich Herbert bedeutet die gegenwärtige "Phase des Atemholens" erst das "eigentliche Ende der Nachkriegszeit". Nach mehr als drei Jahrzehnten hektischer Beschäftigung mit dem Vorwärtskommen beginne jetzt quer durch die Generationen eine Rückschau - das, so Herbert, "große Überlegen, wie und wo wir eigentlich hierher gekommen sind".
Anders ließe sich nicht erklären, wieso auf Rundfunkaufforderungen hin während der letzten Jahre über hundert Bundesbürger Bereitschaft erklärten, ihre intimsten Erinnerungen im Fernsehen preiszugeben: ihre Tagebucheintragungen. Fünf solcher Lebensberichte aus den Jahren zwischen 1933 und 1955 setzte der Regisseur Heinrich Breloer in der Reihe "Mein Tagebuch" für eine Gemeinschaftsproduktion von WDR und NDR ins Bild - die individuelle Zeitgeschichte der Charlotte L., die 1945 um den "geliebten Führer" trauert, ebenso wie das Kriegstagebuch des Ewald H., der mit romantischen Vorstellungen von Volk und Kameradschaft in den Zweiten Weltkrieg zieht und an der Ostfront den Zusammenbruch seiner heroischen Pose ("Ich verlange nach berstender Not, aber nicht nach dem Heldentod") erlebt, ehe ihn 1943 eine Kugel tödlich trifft.
Was da zutage gefördert wurde - im Falle des Ewald H. aus einer eisernen Kiste, die seine Witwe 40 Jahre später fürs Fernsehen öffnete -, war Authentisches buchstäblich vom Rand der Geschichte: von Leuten, wie sie in den Wochenschauszenen der NS-Zeit höchstens unter der jubelnden Menge am Straßenrand oder in den endlosen Kolonnen der Soldaten zu sehen gewesen waren. Nun rücken sie von der Peripherie ins Zentrum, mit ihrer ganz persönlichen Version von Geschichte.
Nicht immer wird dabei die Vergangenheit so einfühlsam zurückgeholt wie in den Breloer-Filmen. Zumal bei Alternativgesinnten unter den Spurensicherern kommt leicht ein Feierabendhistorismus auf, der nicht gerade forschungsträchtige Ansätze aufweist - von modischer Nostalgie bis zur bitter-ernst gemeinten These, daß die Vergangenheit ohnehin mehr und Besseres zu bieten habe als die Zukunft. Die verbreitete Sehnsucht nach dem Einfachen, Kleinen und Unkomplizierten beflügelt ersichtlich das Interesse am Volksleben von ehedem, das in unzähligen Bilder-Büchern
auf Hochglanz gebracht wird.
"Alltagsgeschichte", so warnt der Hagener Geschichtsprofessor Lutz Niethammer vor "romantischen Kurzschlüssen", könne da "leicht zu einer Gleichung mit zwei Unbekannten werden: Einstieg über einen undurchschauten Alltag von heute, Ausflippen über einen nicht rekonstruierbaren Alltag von gestern". Ebenso leicht freilich kann eine beim verblichenen Alltag ausgeborgte "Abfolge statischer Genrebildchen" (Niethammer) zur bloßen Garnierung gängiger Geschichtsdogmen werden - wie in jener fünfbändigen, die Zeit zwischen 1600 und 1945 darstellenden "Geschichte des Alltags des deutschen Volkes", die der Nestor der DDR-Wirtschaftsgeschichte Jürgen Kuczynski, 78, in den vergangenen drei Jahren vorlegte.
Darin wird historischen Alltagsbefunden, in beeindruckender Menge aus unzähligen Einzelwerken herausgelesen und zusammengestellt, lediglich ein Belegcharakter zugebilligt für die Lehren der marxistischen Klassiker. Dabei zeigen gerade neuere Forschungen über den Arbeiter-Alltag etwa der zwanziger und dreißiger Jahre, daß die wirklichen Verhältnisse häufig quer sowohl zur marxistischen als auch zur bürgerlichen Geschichtsschreibung verliefen.
Verwunderlich ist jedenfalls nicht, daß im vergangenen Jahr Streit um die vom Hamburger Senat unterstützte Ausstellung "Vorwärts und nicht vergessen" aufkam. Die in den Hallen einer stillgelegten Maschinenfabrik eindrucksvoll inszenierte Rückschau galt dem Alltag und der Arbeitswelt Hamburger Arbeiter "um 1930", einer Epoche, da die 52-Stunden-Woche Regel und die KPD im Hamburger Hafen ausgesprochen populär waren.
Die "antidemokratische Rolle der Kommunisten" wurde nach Meinung von Gewerkschaftlern dabei von den Ausstellungsautoren ignoriert, ebenso und dementsprechend auch die Bedeutung der sozialdemokratischen Gewerkschaftsarbeit - so sehr, daß die IG Bergbau und Energie die "Grenze zum politischen Masochismus" überschritten sah. Die Leitung der Ruhrfestspiele Recklinghausen verzichtete deshalb kürzlich darauf, die Ausstellung ins diesjährige Programm zu übernehmen. Derweil legen die deutschen Sozialdemokraten, ihrerseits von der Geschichtsbewegung erfaßt, geradezu Heißhunger auf die eigene Parteigeschichte an den Tag.
An Rhein und Ruhr beginnt gerade eine von prominenten Sozialdemokraten _(Im Stadtarchiv von Lünen/Westfalen. )
finanzierte Ausstellungsgruppe mit ihrer Sammlung (private Photos, Mitgliedsbücher, Fahnen, alte Arbeitskleidung) für eine historische Schau mit dem Titel "Eine Woche Hammerschlag", die im Frühjahr 1984 im ausgedienten Maschinenhaus der Dortmunder Zeche Zollern II "Arbeiterleben und Demokratie" in Nordrhein-Westfalen zwischen 1815 und 1933 beleuchten soll.
Vom Unterbezirk Speyer, der einen historischen Wettbewerb ausschrieb, bis zur "Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen" im schwäbischen Rems-Murr-Kreis, die eine Dokumentation über das Frauenarbeitslager Rudersberg erarbeitete, von den Bad Homburger Jusos, die Erinnerungen alter Genossen an die Nazi-Zeit notierten, bis zum ostfriesischen Sozialdemokraten Werner Vahlenkamp, der die Geschichte seiner regionalen Parteiorganisation vor dem Ersten Weltkrieg erforschte, "geht seit kurzem ein kräftiger Schub für Vergangenheit durch die Partei" - so Horst Schmidt, Sekretär der Historischen Kommission beim SPD-Parteivorstand.
Vorbilder für die von Sozialdemokraten, zunehmend aber auch von Gewerkschaften vorangetriebene Spurensicherung sind einerseits die englischen History-Workshops, andererseits die bereits Hunderte von örtlichen Zirkeln umfassende "Grabe-wo-du-stehst"-Bewegung in Schweden.
Bereits Mitte der sechziger Jahre entstand die erste britische Geschichtswerkstatt im gewerkschaftseigenen Ruskin College in Oxford als Zusammenschluß sozialistischer Historiker und geschichtsinteressierter Laien. Ihr Ziel: Mit Methoden der sogenannten Oral history, durch Befragungen und Interviews nämlich, die mündlichen Zeugnisse über den Beginn der Arbeiter- oder der Frauenbewegung, über schon legendäre Streiks, aber auch über den Alltag der Streikenden bei denjenigen einzusammeln, die normalerweise keine Autobiographien hinterlassen.
In Schweden ist 1978 ein Buch mit dem Titel "Gräv där du star" ("Grabe, wo du stehst") erschienen, das die Geschichtsbewegung zündete. Autor Sven Lindquist hatte bei Recherchen zur Geschichte der schwedischen Zementindustrie entdeckt, wie wenig da außer dem Fabrikantenstandpunkt überliefert war. Nach den Unternehmens-Chroniken, so Lindquist, beschränkte sich "der Beitrag der Arbeiter zur Entwicklung der Zementindustrie hauptsächlich darauf, unrealistische Forderungen zu stellen".
Dieses geklitterte Bild von den sozialen Kosten der Industrialisierung mochte Lindquist, dessen Großvater noch als Zementarbeiter malocht hatte, so nicht stehenlassen. Er verfaßte ein Handbuch und eine Aufforderung für Arbeiter, ihre Geschichte in die eigenen Hände zu nehmen. Der Arbeiterbildungsbund organisierte fachkundige Hilfe für die in rascher Folge überall entstehenden Geschichtsgruppen - beispielsweise der Steinhauer im westschwedischen Bohusland, die den Alltag ihrer Eltern und Großeltern in monatelanger Arbeit aus Polizeiakten, Gerichtsprotokollen und den Erinnerungen älterer Mitbürger rekonstruierten und später sogar fürs Laientheater dramatisierten.
Daß solche, von Historikern oder örtlichen Kulturanimateuren behutsam moderierte Selbsttätigkeit nicht nur verschüttete Traditionen freilegen hilft, sondern auch ein neues Heimat- und Selbstgefühl weckt, belegen auch die Erfahrungen der Hochlarmarker Bergmannsgruppe im Ruhrgebiet. Während der Arbeit an ihrem Lokal-Geschichtsbuch, sagt Fritz Weiße, "sind wir von Schritt zu Schritt mutiger geworden, weil alle gemerkt haben, daß die Erinnerung futsch ist, wenn wir''s nicht machen".
Das Zurückholen von längst Verdrängtem führt mitunter zu Komplikationen, wie der Bochumer Historiker Michael Zimmermann weiß. Er erläutert das am Beispiel einer Frau, die auf einem von Nachbarn ausgeborgten alten Photo plötzlich ihren Vater in der Uniform des kommunistischen Rotfront-Kämpferbundes entdeckte: "Das war für die ein richtiger Schock, und beinahe wäre sie aus der Gruppe weggeblieben."
Wie fließend und gleichzeitig faszinierend die Übergänge zwischen familiärer und regionaler Geschichte sein können, erlebte die Stadt Recklinghausen: Wochenlang wurde über das Gut und Böse bei den Kämpfen zwischen Roter Ruhrarmee und Reichswehr im Frühjahr 1920 in den Leserbriefspalten der Lokalpresse debattiert, als sei''s gestern gewesen - ausgelöst allein durch die knappe Beschreibung im "Hochlarmarker Lesebuch", den "Vormarsch der Reichswehrtruppen" _(Mitglieder des "Hochlarmarker ) _(Geschichtskrei-ses" (Recklinghausen). )
hätten "Terror und Mord" markiert.
Und wo, wie in Stuttgart, nach jahrzehntelanger Wurstelei endlich mit 30 000 Mark Druckkostenzuschuß eine mehr als tausend Seiten starke offiziöse "Stadtchronik 1933-1945" erscheint, nach dem Zufallsprinzip aus der NS-Presse jener Jahre zusammengestoppelt, regt sich bereits im Vorfeld massiver Widerspruch: Die kalendarische Fleißarbeit, so eine Alternativgruppe um den parteilosen Stadtrat Eugen Eberle, 74, sei "völlig untauglich" für Forscher wie Bevölkerung, weil sie "Hintergründe verschweigt" und die Geschehnisse der Nazi-Zeit "verharmlosend entschärft".
Auf die insgesamt identitätsstiftende Kraft solcher Kontroversen und die örtliche Aktualisierung von noch weitgehend ungeschriebener Unterschicht-Geschichte setzen, wiederum, besonders sozialdemokratisch verwaltete Kommunen: In Hamburg plant, finanziell unterstützt vom SPD-Senat, eine Initiative von Gewerkschaftern die Errichtung eines "Museums der Arbeit", das in einer alten Fabrik im Arbeiterviertel Barmbek unterkommen soll. Und im Ruhrgebiet, weiß Historiker Herbert, "wird einem regionale ''Geschichte von unten'' seit einiger Zeit förmlich aus den Händen gerissen".
Die "FAZ", eh der Überzeugung, daß Geschichte Angelegenheit der Gebildeten zu bleiben habe, mokierte sich denn auch über die allenthalben entbrannte "Stadtseelensuche", das "Wühlen in der Vergangenheit". Gewichtigerer Widerspruch regt sich dagegen unter Historikern, und zwar sowohl gegen Methoden als auch gegen Maßstäbe der geschichtsbewegten Basis und mit ihr kooperierender Zunftkollegen. Wie riskant der Versuch sein kann, sich längst vergangener Alltäglichkeiten und ihrer Bedeutsamkeit für historische Kontinuität allein über die Erinnerungen von Zeitzeugen zu bemächtigen, verdeutlichte Historiker Herbert unlängst auf einer Berliner Tagung zu Fragen von Alltags- und Industriekultur mit einem Beispiel aus seiner gegenwärtigen Forschungsarbeit: _____" Ich hab'' da so einen, der hat beim Nürnberger Prozeß " _____" gegen Krupp mal ausgesagt. Von dem habe ich die ganze " _____" Personalakte. Als ich ihn interviewte, hat der mir das " _____" Hohe Lied des Antifaschismus erzählt, und dann guck'' ich " _____" in die Akte rein - ich glaub''s nicht, ein ganz anderer " _____" Mensch: 1932 in die Partei eingetreten, DAF " _("Deutsche Arbeitsfront", ) _(Einheitsgewerkschaft der ) _(Nationalsozialisten. ) _____" - Vertrauensmann, ich weiß nicht, was noch, bis ganz " _____" zum Schluß. "
Doch nicht nur die menschliche Neigung, die eigene Biographie nach rückwärts zu schönen und zu begradigen, macht den Umgang mit mündlichen Quellen zu einem besonders schwierigen und die Verantwortung des Historikers herausfordernden Geschäft - auch die Verliebtheit des Interviewers ins Bizarre oder in aparte Details kann ihn leicht dazu verführen, ein beliebiges Stückchen für die ganze Geschichte zu halten.
Bereits vor anderthalb Jahren warnte Hans-Ulrich Wehler, Professor für Geschichtswissenschaft in Bielefeld, vor "romantisch verklärendem Pseudorealismus", der sich "liebevoll-borniert" in "antiquarische Details der Proletarierexistenz" vertiefe und dabei unscharf, unsystematisch "auf der Jagd nach Exzerpten" verzettele. Unlängst stieß Kollege Jürgen Kocka, Sozialgeschichtler ebenfalls in Bielefeld, mit demselben Vorwurf der Theorielosigkeit nach: Die neuen Alltagshistoriker neigten zur "nostalgischen Idyllisierung der vorindustriellen Lebenswelt" und befänden sich mehr oder minder auf der "Flucht vor der Anstrengung des Begriffs".
Diese pauschale Schelte vom Hof der Bielefelder Historikerschule unterschlägt freilich, daß all diese Risiken seit langem gerade von jenen Forschern methodenkritisch benannt worden sind, die erfolgreich Oral history betreiben, Alltagskultur für untersuchenswert halten und sich dem Ansatz "Geschichte von unten" trotz aller Ungenauigkeit des Begriffs verpflichtet fühlen. Lutz Niethammer: "Natürlich gibt''s auch von unten keine Instant history - so als ob man einem alten Mann nur das Mikro hinzuhalten brauchte und dann spräche aus dem roten Großvater der Weltgeist selbst."
Und Martin Broszat, Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, replizierte auf die "philiströse Verengung des Wissenschaftsbegriffs der Historie" beim Sozialgeschichtler Kocka: Die Geschichtswissenschaft, obwohl seit 20 Jahren verstärkt dem Thema Arbeiterbewegung zugewandt, wisse noch immer viel zu "wenig darüber, wie die Ärmsten der Armen, die am meisten abhängen, wie die benachteiligten nichtorganisierten Volksmassen, kurz: wie das ganze Proletariat aussah".
Die bereits arbeitenden Geschichtswerkstätten wollen indessen, wenig bekümmert durch den akademischen Streit, zur bundesweiten "Vernetzung" schreiten. Bereits im vergangenen November trafen sich in Göttingen 60 Universitätshistoriker und Delegierte örtlicher Initiativgruppen. Die dabei verabredete "bundesweite Geschichtswerkstatt" will ausdrücklich den weiteren "Austausch mit Nicht-Historikern vorantreiben" helfen. Nach Ablauf des Trauer- und Gedenkjahres 1983 ist ein großes "Geschichtsfest" geplant, 1984 in West-Berlin. _(Wehrpaß, Tagebuch und Hochzeitsphoto ) _(eines Wehrmachtoffiziers (aus der ) _(Fernsehserie "Mein Tagebuch"). )
Mitglieder der Berliner "Geschichtswerkstatt" bei der Vorbereitung einer Ausstellung. Im Stadtarchiv von Lünen/Westfalen. Mitglieder des "Hochlarmarker Geschichtskrei-ses" (Recklinghausen). "Deutsche Arbeitsfront", Einheitsgewerkschaft der Nationalsozialisten. Wehrpaß, Tagebuch und Hochzeitsphoto eines Wehrmachtoffiziers (aus der Fernsehserie "Mein Tagebuch"). Ich hab'' da so einen, der hat beim Nürnberger Prozeß gegen Krupp mal ausgesagt. Von dem habe ich die ganze Personalakte. Als ich ihn interviewte, hat der mir das Hohe Lied des Antifaschismus erzählt, und dann guck'' ich in die Akte rein - ich glaub''s nicht, ein ganz anderer Mensch: 1932 in die Partei eingetreten, DAF

DER SPIEGEL 23/1983
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DER SPIEGEL 23/1983
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