06.06.1983

SCHULENLiberale Form

Die hessische SPD wagt noch mal ein Stückchen Bildungsreform: die „Offene Schule“. *
In der Bildungspolitik hatten die hessischen Sozialdemokraten selten Fortune. Wann immer sie voraus sein wollten, gerieten sie in Schlamassel: mit der übereilten Einführung der Gesamtschule ebenso wie mit der Ankündigung ideologieüberfrachteter Rahmenrichtlinien für den Deutschunterricht oder Gesellschaftslehre.
Kultusminister Ludwig von Friedeburg stolperte darüber, und Ministerpräsident Holger Börner hatte viel zu tun, bei verunsicherten Eltern und Schülern den Eindruck zu verwischen, "die hessische Schule sei ein fröhliches Kommen und Gehen wie ein Wiener Kaffeehaus".
Der hessische Staatsgerichtshof stoppte obendrein die Reform der gymnasialen Oberstufe; den Verfassungshütern reichte der Deutsch- und Literaturunterricht nicht für die nach dem Elternrecht gebotene "umfassende Allgemeinbildung der Kinder" hin. Und erst im April blockierte der Verwaltungsgerichtshof auch noch eine Lieblingsidee der Schulreformer, die landesweite Einführung der Förderstufe in den Klassen 5 und 6: In Kassel kann der Start nun frühestens in einem Jahr erfolgen, weil nicht alle amtlichen Unterlagen ordnungsgemäß den Behördenapparat durchlaufen hatten.
Die Reformbegeisterung ist längst verflogen bei den Genossen. Sie haben ganz andere Sorgen, seit der Koalitionspartner FDP abgesprungen ist und Regierungschef Börner sich mit einem Minderheitskabinett über den Sommer quälen muß - und bei den für September angesetzten Neuwahlen auch den letzten Zipfel der Macht riskiert.
Ausgerechnet in dieser tristen Phase wird in Hessen noch einmal eine pädagogische Neuerung dargeboten: die von der FDP erfundene, von der SPD realisierte "Offene Schule", amtlich eine "Gesamtschule besonderer Prägung".
Das Modell vereinigt zum ersten Mal erklärtermaßen Erfahrungen der staatlichen Schulreform mit ungewöhnlichen pädagogischen Ideen und Methoden der alternativen und freien Schulen. Die Konzeption stammt noch aus der sozialliberalen Ära in Hessen. Die FDP wollte damit die "liberale Form der Gesamtschule" sicherstellen. Nach den Sommerferien, zum neuen Schuljahr, beginnt die erste Schule dieses Typs im Kasseler Stadtteil Waldau mit dem Unterricht für 130 Schüler in sechs fünften Klassen. Jährlich soll ein neuer Schülerjahrgang hinzukommen.
Von integrierten Gesamtschulen wie Köln-Holweide oder Göttingen-Geismar, die unter den westdeutschen Gesamtschulen schon eine Sonderstellung einnehmen, ist die Unterrichtsorganisation nach dem Team-Kleingruppen-Modell entlehnt und fortentwickelt. Die Kinder der Offenen Schule sitzen in kleinen Klassen, maximal 23 Schüler (vormals 30 bis 32), bilden aber während des Unterrichts je nach Neigung und Interesse obendrein Kleingruppen.
Jeweils sechs Parallelklassen eines Jahrgangs bilden eine Großgruppe, mit separaten Klos und gesondertem Lehrerzimmer, einer gruppeneigenen "Sozial- und Verkehrsfläche" mit Ruhezonen und Spielecken und vor allem einem eigenen Klassenzimmer für jede Klasse.
"Der häufige Wechsel der Räume", so Dieter Grobe, Leiter der Kasseler Planungsgruppe, "ist ein Nachteil vieler herkömmlicher Gesamtschulen." Das neue System einer "Schule in der Schule" dagegen soll "Vermassung" verhindern und den Schülern "räumliche Sicherheit" geben.
Zu jeder Großgruppe gehört ein festes Lehrerteam von zwölf bis 13 Lehrern, jede Klasse hat zwei Klassenlehrer, die mindestens 80 Prozent der Stunden unterrichten. Die Planer versprechen sich von dem Verzicht auf verschiedene Fachlehrer, wie sie bislang üblich waren, eine festere "und damit für beide Seiten verbindlichere" Beziehung zwischen Schülern und Pädagogen - alles ganz anders als in den Lernfabriken, die sich Bildungsreformer früher hatten einfallen lassen.
Bei alternativen Versuchen etwa der Freien Schulen haben die staatlichen Planer die Öffnung des Unterrichts abgeguckt - mehr Freiheiten für die Schüler, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung. Erstmals führt eine staatliche Lehranstalt so etwas wie gleitende Arbeitszeit ein: Irgendwann zwischen 7.30 und 8.45 Uhr können die Jungen und Mädchen eintrudeln und, bei Spiel, Klönschnack oder Hausaufgabenbetreuung, "langsam warm werden mit der Schule" (Pädagoge Grobe).
Der traditionelle Unterricht im 45-Minuten-Takt mit häufig wechselnden Fächern wird, ähnlich der Waldorf-Pädagogik, abgelöst durch Doppelstunden. Dazwischen liegen zwei große Pausen, 30 Minuten Spiel- und 65 Minuten Mittagsfreizeit. Nach Ende des Pflichtunterrichts um 14.40 Uhr bieten Lehrer und Sozialpädagogen, aber auch begabte Väter und Mütter, dazu Handwerksmeister, Techniker, Künstler, Förderstunden und Hobby-Kurse, Arbeitsgemeinschaften oder auch Hausaufgabenhilfe an - Ganztagsschule mit uneingeschränkt freiwilligem Charakter.
Außergewöhnlich ist auch der Versuch, drei bis vier Stunden in der Woche, sogenannte Projektstunden, vom klassischen Fächerkanon auszusparen und für "Freies Lernen" zu reservieren, nach den individuellen Wünschen der Schüler. Da können Themen vertieft oder Spiele hervorgekramt werden, wie es gerade beliebt. "Die Sozialform ist dabei den Schülern freigestellt", so das Konzept im Pädagogen-Jargon, "auch der Rückzug auf sich selbst ist denkbar."
Was den Hessen in Kassel vorschwebt, ist das Bild einer "positiven Gesamtschule, so wie sie sein soll", wie auch der Dortmunder Schulforscher Klaus-Jürgen Tillmann meint. Daß die staatlichen Planer bei Freien und Alternativen abgeschrieben haben, um diesem hehren Ziel nahezukommen, erscheint dem Erziehungswissenschaftler da nur als
"notwendige und angemessene Reaktion".
Zurückhaltender beurteilt Kultusminister Hans Krollmann das Modell, dem selbst die CDU-Opposition nicht das "Recht" verweigern möchte, "erprobt zu werden" (der Landtagsabgeordnete Wolfgang Windfuhr). Dem SPD-Kultusminister würde schon genügen, wenn sich herausstellte, "daß man aus vorhandener Schule etwas machen kann".
Denn das haben die hessischen Genossen aus ihrer leidvollen Erfahrung mit der Gesamtschule gelernt: Wenn Eltern, Schüler und vor allem die Lehrer nicht mitmachen und die "Menge zusätzlicher Arbeit und Belastungen" auf sich nehmen, nützt auch das beste Konzept nichts. Dann wird die "Orchidee im Gemüsegarten", wie Krollmann den neuen Schultyp heißt, schnell dahinwelken.

DER SPIEGEL 23/1983
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