06.06.1983

„Der Stephansturm im Türkensturm“

SPIEGEL-Redakteurin Inge Cyrus über die Wiener Jubelfeiern zum 300. Jahrestag des Sieges über die Türken *
Der Schädel des Großwesirs Kara Mustafa bleibt im Depot", entschied Architekt Hans Hollein. Als Gestalter der Superausstellung "Die Türken vor Wien" im Künstlerhaus verkniff er sich das makaberste Gedenkstück an das Heldenjahr 1683.
Im übrigen aber ist den Österreichern beim 300. Jubelfest des historischen Triumphes über die Türken vor der Reichshauptstadt Wien keinerlei Aufwand zu groß. Volle sechs Monate - bis weit in den Herbst hinein - werden sie pausenlos feiern, was sie seit je am liebsten feiern: sich selbst im Glanz des Sieges über ihre Feinde.
Schon in den letzten Wochen ging es hoch her: Die Fassade des Künstlerhauses am Wiener Karlsplatz wurde zu einem drei Stock hohen Türkenzelt umgestaltet, vor dem Rathaus marschierte und spielte eine echte Janitscharen-Kapelle auf. Die Cafes offerierten "Türkenkoch mit Sultaninensauce", in den Wirtshäusern floß der "Türkenblut-Wein" (vorher: "Stierblut") in Strömen.
Gleich 13 Ausstellungen in und um Wien - Motto: "Gemma Türken schauen" - widmen sich wahllos allem, was wenigstens entfernt mit Türkischem zu tun hat, seien es Roßschweife oder Turbane, Krummsäbel oder Tamburine, Harnische oder Stickereien. Dazu kommen an die 30 einschlägige Buch-Neuerscheinungen, bis zu 450 Seiten stark.
"Kein Motto der letzten Jahre hat Österreichs Verlage so sehr angespornt", sagt Kulturredakteur Volkmar Parschalk vom Sender ORF. Und sogar die rote DDR will naschen am Geschäft mit dem 1683er Pech der Ungläubigen: Sie liefert die Liebesbriefe des polnischen Entsatzheer-Chefs, des Königs Jan III. Sobieski, an seine Königin Marysienka, den "einzigen Trost meiner Seele und meines Herzens".
Unverdrossen wärmen Wiens Zeitungen die heroische Story von Anno dazumal auf - so simpel wie schon ihre journalistischen Vorgänger in den Gedenkjahren 1883 und 1933:
Im Frühsommer 1683 war der Heerbann des Sultans unter dem Großwesir Kara Mustafa durch Ungarn gen Wien ("Das Tor zum Abendland") gezogen. Die nach der ersten Türkenbelagerung 1529 modernisierte und nun schnell in Verteidigungszustand versetzte Festung an der Donau hielt sich 61 Tage lang, vom 14. Juli bis zum 12. September, gegen eine Belagerung durch 200 000 bis 230 000 osmanische Krieger.
Angeführt vom heute noch bewunderten Stadtkommandanten Ernst Rüdiger Graf Starhemberg und vom gleichfalls bewunderten Bürgermeister Johann Andreas von Liebenberg, verteidigten sich um die 20 000 Wiener Soldaten und Bürgerwehren bis zum vorletzten Blutstropfen und kämpften in Mauerbreschen angeblich so dicht an dicht, daß nicht einmal die Toten umfallen konnten.
Schließlich tauchte am Kahlenberg das teils kaiserliche, teils polnische Christenheer auf, wohnte brav der heiligen Messe bei und bereitete alsdann dem heidnischen Spuk ein rasches Ende. Üblicher Schlußsatz: "Europa war gerettet!"
Das glückliche Wien konnte in seiner jüngeren Geschichte wohl derart wenige Heldengestalten hervorbringen, daß es immer wieder gern den liebgewordenen Ablauf der schrecklichen Türkenbedrohung verinnerlicht.
"Es ging uns beim diesjährigen Trizentenarium nicht so sehr um neue Erkenntnisse als um neue Akzente", rechtfertigt der Wiener Osmanen-Experte Günter Düriegl die längst stereotype Schilderung der Türkenstory. Diese neuen Akzente sind verständlich - ein Rückblick auf frühere Türkenjahre zeigt, wie konsequent sich der reproduzierte Siegesjubel der jeweils herrschenden Ideologie anzupassen weiß.
Anno 1883, als Wien von einer selbstbewußten liberalen Bürgerschaft regiert wurde, standen die Leistungen der Liebenbergschen Stadtverwaltung im Mittelpunkt der Feiern. Unterton: Nicht den Truppen der Monarchie, sondern den Bürgern war die Rettung des Abendlandes zu danken.
Anno 1933 dann, mitten im Ständestaat des christlichsozialen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß, gerieten die Türkenfeiern zum Kreuzzug: Das Hauptverdienst am gerade noch rechtzeitigen Eintreffen des 65 000 Mann starken Entsatzheeres fiel nun dem Kapuzinerpater und päpstlichen Legaten Marco d'Aviano zu. Und die Messe am Kahlenberg war den Jubiläumsrednern fast wichtiger als die nachfolgende Schlacht.
Das fortwährende Gerede über die besiegten "Ungläubigen" ließ beinahe vergessen, daß in Wahrheit zwei Großreiche, das habsburgische und das osmanische, um die Macht gekämpft hatten.
Ältere Wiener erinnern sich, daß sie vor 50 Jahren halbnackt und gefesselt als "gefangene Christen" im Festzug mitmarschierten, um solcherart die Grausamkeit der heidnischen Invasoren zu illustrieren. Ähnlichen Zwecken diente das Hörspiel "Der Stephansturm im Türkensturm", das der Priesterdichter Heinrich Suso Waldeck eigens schrieb. Darin ringen der Erzengel Michael und Satan sehr dramatisch um die Stadt Wien, wird Österreich zum immerwährenden Bollwerk gegen den Osten stilisiert.
1983, im Zeitalter des Massentourismus und der Gastarbeiter-Wanderungen, reduziert sich der Schrecken beinahe schon zur Idylle, weicht religiöser Fanatismus einer toleranten Neugier.
"Der Glaube an den Heroismus ist uns nach 1945 verlorengegangen", sagt der neue SPÖ-Unterrichtsminister Helmut Zilk, "wir sehen heute das Jahr 1683 nicht bloß als militärisches Ereignis, sondern als Zusammentreffen zweier Welten und ihrer Menschen." Wien sei 1683 kurzfristig eine "Nahtstelle zwischen Orient und Okzident" gewesen.
Die Veranstalter geben sich also betont kosmopolitisch, wollen "freundliche Gesten gegenüber den einstigen Gegnern setzen", so Architekt Hollein.
Dies empfiehlt sich schon deshalb, weil inzwischen in Österreich vielerorts jedes zehnte Kind einer Gastarbeiterfamilie entstammt - annähernd 30 000 Türken leben in und um Wien.
Gottlob sind die Österreicher routiniert im Umgang mit Leuten, auf deren Kosten sie sich zu amüsieren pflegen, weil sie irgendwann mal mit ihnen fertig wurden. So gelangen voriges Jahr etliche Ausstellungen zum Gedenken an die brutale Austreibung der Protestanten während der Gegenreformation zufriedenstellend heiter.
Fürs Türkenjahr ließen sich die Festveranstalter denn auch mehr Harmloses als Provokantes, mehr Bombastisches als Peinliches einfallen. Die Superausstellung im Wiener Künstlerhaus, die allein 3,5 Millionen Mark kostet, konzentriert sich auf die Schaustellung osmanischen Prunks und osmanischer Zivilisation - nichts von Blutvergießen und Kriegsgreuel auf beiden Seiten, nichts von den 100 000 Menschen, die dem Türkenkrieg in Niederösterreich zum Opfer fielen. Die gezeigten osmanischen Waffen scheinen vor allem dekorativen Zwecken gedient zu haben, die osmanischen Zelte einer Demonstration kultivierten Wohnens.
Alle 20 Minuten läuft im abgedunkelten Parterre des Ausstellungsgebäudes eine ästhetische multimediale Türkenschlacht ab. Bei Marschmusik treten schöne polnische Flügelreiter im Lichtkegel auf, Kettenhemden blitzen, niemandem widerfährt Böses.
Lediglich ein Gipspferd ist elegant zum Sterben hingesunken. Und am Ende dröhnt mächtig die "Pummerin", die legendäre große Glocke des Stephansdoms. Sie läutet Sieg, und es kümmert niemanden, daß sie 1683 noch gar nicht dabei war, weil sie erst 1711 aus erbeuteten Türkengeschützen und -kugeln gegossen wurde.
Wer nachher dringend der Erholung bedarf, erfährt im obersten Stockwerk der Ausstellung, wieviel Vortreffliches der Österreicher von heute direkt oder indirekt den Türken verdankt - nämlich Flieder und Roßkastanien, die Schellendecken der Pferde, Mozarts Türken-Singspiel "Zaide", den Klang ihrer Militärmusik und natürlich auch das Cafe.
Wegen des letzteren sind die Wiener sowieso bereit, alles Türken-Ungemach ihrer Vorväter zu verdrängen, denn was wäre die österreichische Hauptstadt ohne den Kaffee, der hier zum "Bestandteil der Volksseele wurde wie das Bier in Bayern, der Whisky in Schottland, der Wein am Rhein", so der Literat Hans Weigel.
Seit gut zwei Jahrhunderten bezeichnen die Wiener einen gewissen Franz Georg Kolschitzki als ihren ersten Kaffeesieder. Der Mann, ein gebürtiger Pole, soll sich - so steht's in Schulbüchern - am 13. August 1683 in Muselmanenkleidung aus der umzingelten Stadt geschlichen, das Türkenlager unerkannt durchquert und eine wichtige Nachricht zum kaiserlichen Oberbefehlshaber, dem Herzog Karl von Lothringen, aufs jenseitige Donauufer gebracht haben. Dafür sei er später mit Säcken voll Türkenkaffee belohnt worden.
Man weiß längst, daß diese Legende falsch ist, daß Wiens erster Kaffeesieder
nicht Kolschitzki hieß, sondern Diodato. Auch war er kein tapferer polnischer Kundschafter, sondern ein windiger armenischer Spion, der sich im Januar 1685 ein "Ausschankprivileg" sicherte.
Trotzdem lassen sich die Wiener den innigen Zusammenhang zwischen bitterem Tod und süßem Kaffee nicht ausreden. Das Türkenjahr ist geradezu identisch geworden mit einem Kaffeehausjahr, in dem Kolschitzki Arm in Arm mit dem Großwesir Kara Mustafa die Hauptrolle spielt. "Legenden erhalten sich oft länger als Wahrheiten", lobte die offizielle Cafetier-Festschrift "300 Jahre Wiener Kaffeehaus". Auch SPÖ-Bürgermeister Leopold Gratz befand: "Wir bekennen uns weiterhin zu Kolschitzki. Wenn die Schweizer die Wiese zeigen, wo Wilhelm Tell geschossen hat, dann ist auch die Geschichte mit dem Wiener Kaffeehaus wahr."
Noch ist kein Ende des seltsamen Türken-Festivals abzusehen. Im niederösterreichischen Schloß Pottenbrunn sind gerade 5000 Zinnsoldaten in der Schlachtordnung von 1683 aufmarschiert, auf den Wiener Festwochen geigt die türkische Solistin Suna Kan.
Den Höhepunkt des orientalischen Zaubers schließlich wird im September der österreichische Katholikentag mit dem Auftritt des Papstes bringen: Der Thron des Heiligen Vaters, so hört man, soll am Wiener Heldenplatz unmittelbar neben dem Denkmal des Prinzen Eugen stehen, der sich in der Schlacht um Wien seine ersten Meriten erwarb, bevor er der ganz große Türkenbesieger wurde.
"Ja, wo ist er denn geblieben, der Erz- und Erbfeind des Jahres 1683?" wundert sich der Schriftsteller Peter Ebner inmitten des Übermaßes an brüderlichen Umarmungen. Allenfalls entdeckt man ihn zwischen den Buchdeckeln der neuen österreichischen Geschichtsschreibung, wo manchenorts noch immer "der alte blutige Himbeersaft in Strömen fließt", so der ungarnstämmige Journalist und Historiker Stephan Vajda.
Während Vajda sehr wohl feststellen konnte, daß "christliche Barmherzigkeit die christlichen Truppen nicht im geringsten daran hinderte, verwundete und kampfunfähige Türken unverzüglich zu erschlagen", benehmen sich die Wien-Verteidiger bei den österreichischen Historikern weiterhin honorig.
Wie eh und je werden die Frauen ausschließlich von den Osmanen vergewaltigt, die Köpfe Unschuldiger ausschließlich von den osmanischen "Rennern und Brennern" abgeschlagen - obschon das alles auch die Christen taten.
Moralische Entrüstung beim Militärregime in Ankara ist darob ohnehin nicht zu befürchten. Dort nämlich herrscht eitel Wonne über das Wiener Heidenspektakel: Die Zahl der österreichischen Türkei-Touristen ist in den letzten Wochen um 35 Prozent gestiegen.
Von Inge Cyrus

DER SPIEGEL 23/1983
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