26.09.1983

Wie Harakiri

Die bundesdeutschen Volleyball-Nationalspielerinnen, konzentriert beim SV Lohhof, kämpfen sich näher an die Weltelite heran. Der Preis ist Schinderei. *
Beifall brandete auf, wenn die blonde Volleyballspielerin wieder einen gegnerischen Schmetterball im Hechtsprung, Zentimeter über dem Boden, abfing und in die Höhe baggerte, Sekunden später zweieinhalb Meter hoch schnellte und selber zielsicher den Ball über das Netz drosch.
Aber Rekordnationalspielerin Silvia Laug (236 Länderspiele), die auffallendste und vielseitigste deutsche Spielerin des Abends, durfte nur im Vorspiel ihres Vereins Viktoria Augsburg gegen den ungarischen Betriebsklub VTM Szolnok auftreten. Später betraten Bundestrainer Andrzej Niemczyk, 39, und seine Nationalmannschaft ohne Silvia Laug die Augsburger Sporthalle und gerieten in ein 0:3-Debakel gegen Japan.
Das Nationalteam, für das die Augsburgerin nicht mehr spielen darf, bereitete sich in insgesamt 57 Länderspielen mit einem Aufwand von 220 000 Mark auf die Europameisterschaften letzte Woche in der DDR vor. Dort stießen die Bundesdeutschen als beste im Westen erstmals in die Endrunde der erfolgreichsten sechs vor. Die Olympia-Qualifikation konnten sie nicht mehr schaffen. Und für ihre Leistungssteigerung zahlen sie einen hohen Preis.
"Warum darf Silvia Laug nicht mehr in der Nationalmannschaft spielen", fragte der Augsburger Sportjournalist Rainer Einfeldt den Bundestrainer. "Weil sie nicht mehr bei Lohhof spielt?" Silvia Laug, 28, hatte den SV Lohhof, Leistungszentrum der bundesdeutschen Volleyballerinnen, 1982 verlassen, ihrem neuen Klub Augsburg zum Bundesliga-Aufstieg verholfen und "wieder richtig Spaß am Volleyball gefunden", Freude, die ihr in Lohhof vergangen war.
Lohhof war 1980 gerade abgestiegen, als der Deutsche Volleyball-Verband seine Bundesliga aufstockte. Verbandspräsident Roland Mader, 39, der in München die "Fernseh-System-Gesellschaft" betreibt, erfand das Modell Lohhof: Möglichst die besten Bundesspielerinnen sollten in einem Klub zusammengefaßt werden, unter optimalen Bedingungen trainieren und den Kern der Nationalmannschaft bilden.
"Anders geht nicht", vertrat der aus Polen stammende Bundestrainer das Konzept. Niemczyk hatte seine außerordentlichen Fähigkeiten in Lodz nachgewiesen: Mit Nachwuchsspielerinnen war er fünfmal in Folge aufgestiegen und polnischer Meister geworden. Darauf übernahm er die polnische Nationalmannschaft und führte sie bei der Europameisterschaft auf den vierten Platz.
Mader holte den Erfolgstrainer 1981 nach Lohhof und hoffte, er werde den Volleyball-Boom in der Bundesrepublik endlich in internationale Erfolge umsetzen: Seit dem Olympia 1972 in München verzwölffachte sich allein die Zahl der im Verband organisierten Spieler auf etwa 300 000. Niemczyk erhielt als Coach der Nationalequipe und der wichtigsten Klubmannschaft unbeschränkten Einfluß. "Frauen bringt man schneller über die Leistungsschwelle", sagte er. "Männer blocken eher ab."
"Ich verspreche euch die deutsche Meisterschaft", führte er sich ein. Mit neuen Spielerinnen aus anderen Vereinen und Importen aus den USA erspielte Lohhof 1982 und 1983 überlegen Meistertitel und Pokal. Aber die Mannschaft aus dem Münchner Vorort verfälschte auch den Wettbewerb: Der Rest der Bundesliga hatte es mit der Nationalmannschaft zu tun.
Ein internationaler Durchbruch fällt im Volleyball schwerer als in anderen Mannschaftssports: Unter 150 Mitgliedern des Internationalen Verbandes zählen außer fast allen Ostblock-Mannschaften, Japanerinnen und Chinesinnen auch Peru, dazu Kuba und die USA zur Weltklasse.
In vielen Ländern erlernt der Nachwuchs die Technik überdies in der Schule. "Hier muß jede Neue im Verein noch Technik lernen", verglich die aus Polen stammende Nationalspielerin Danuta Niemitz. Dabei ist mangelnde Technik keinesfalls wie im Fußball durch besonderen Einsatz auszugleichen. Der Ball muß mit den Unterarmen (Baggern) oder gespreizten Fingerspitzen (Pritschen) präzise zugespielt werden. Denn spätestens mit dem dritten Kontakt muß er, um Fehler zu vermeiden, ohne den Boden berührt zu haben, über das Netz. Ein Kicker kann dagegen beliebig quer und zurück spielen.
Niemczyk ("Ich bin ein harter Hund") erhöhte das Training in Lohhof auf 20 und 23 Wochenstunden, die mindeste Voraussetzung für internationale Erfolge. Kraftübungen mit 75 Kilo und mehr oder an einem vom Trainer entwickelten Spezialgerät sind noch der leichtere Teil.
Denn bei ständig wiederholten Hechtsprüngen nach Schmetterbällen hat sich noch jede blaue Flecken geholt; zum Schmettern, Blocken, Zuspielen, zur Einübung neuer Spielzüge gehört äußerste Konzentration, und nichts belastet härter als Konzentration über längere Zeit. "Zum Lesen habe ich einfach keine Lust mehr", winkte Nationalspielerin Regina Vossen erschöpft ab, "und an Ausgehen mag ich gar nicht mehr denken."
Doch Leistungstraining bedeutet Schinderei und ist für längere Zeit nur erträglich, wenn sich Erfolgserlebnisse einstellen, das Betriebsklima stimmt, wie bei Profis auch die berufliche Karriere oder Privilegien wie im Ostblock davon abhängen. "Es wird überall viel verlangt und immer viel geschrien", verglich Danuta Niemitz Leistungstraining in Ost und West, "aber das muß man wohl."
Ständige Kränkungen ("Mit dir Arschloch kann man nicht Volleyball spielen") und "übelste Beschimpfungen" (Laug) vergifteten jedoch die Lohhofer Atmosphäre.
Nach Wiederholungsfehlern traf der Ball schon mal absichtlich eine an den Kopf, eine andere ins Kreuz. Da tröstete es die Deutschen kaum, daß sie in Japan beobachteten, wie japanische Spielerinnen sogar Prügel bezogen.
"Auch das Wir-Gefühl kam kaum zustande", beklagte Silvia Laug. Spielerinnen, die mal aufmuckten, zogen alle Kritik auf sich, vor allem sie als Mannschaftskapitän mit der Verpflichtung, dem Trainer Klagen der Spielerinnen vorzutragen. "Andere, die sich voll unterwarfen, durften alles." Fachlich, darauf läßt keine etwas kommen, gibt es keinen Fähigeren als den Trainer, der aus dem Ostblock kam; "aber das Menschliche" vermissen sie.
Er finde "Voraussetzungen wie im Ostblock", begründete Niemczyk seine Erfolge. Spielerinnen, habe er ihnen erklärt, seien für ihn "Material" und "zuerst einmal Nummern". Bevor er allein oder mit einigen von ihnen etwa im Fernsehen auftritt, habe er geseufzt: "Müssen wir wieder bißchen Schau machen." So blieb das Bild von den fröhlichen Lohhofer Volleyball-Maiden erhalten, denen nichts mehr Spaß macht als Volleyball bei Niemczyk.
Aber unter körperlicher und psychischer Be- und Überlastung bröckelte das Lohhofer Modell. Es gab Bänderrisse, Rücken und Knie versagten bei einzelnen; einige Spielerinnen stiegen ganz aus. Zwei Mädchen zogen freiwillig das Nationaltrikot aus, weil sie Beruf und WM-Vorbereitung nicht mehr vereinbaren konnten.
Mittlerweile beansprucht der Bundestrainer die Nationalspielerinnen 120 Tage im Jahr in einem Sport, der keine Chancen auf nennenswerte Sondereinnahmen verspricht. Volleyball-Präsident Mader versprach deshalb Zuwanderinnen, in Lohhof werde auch ihre berufliche Ausbildung gewährleistet. Zwei Spielerinnen arbeiten in seiner Firma, andere in befreundeten Unternehmen. Sie erhalten genügend Zeit für Training, Spiele und Lehrgänge.
Auch kleine Zimmer vermittelte Mader in einem Viermädelhaus gegenüber der Sporthalle. Dafür behielt der Klub bis zu 500 Mark von ihrer Aufwandsentschädigung (300 bis 1400 Mark) ein. Die umfängliche Betreuung schuf zugleich Abhängigkeit.
Jedenfalls verlor Lohhof seit 1982 acht Spielerinnen, mehr als eine volle Mannschaft: Zwei Amerikanerinnen kehrten in die USA zurück, vier suchten sich andere Vereine, eine erwartete Nachwuchs, eine fiel länger verletzt aus.
Silvia Laug war in Lohhof eine Ausbildung als Krankengymnastin zugesagt worden. Ein Wartejahr verbrachte sie statt dessen als Arzthelferin, bevor sie schließlich eine Massageschule besuchte. Doch die zuständige Behörde räumte ihr nicht mehr als 42 Fehltage im Ausbildungsjahr ein. Sie versäumte dann wegen ihrer Volleyball-Verpflichtungen 78 Tage und mußte das Examen drei Monate später allein nachholen. Als sie deshalb das Morgentraining ausließ, verlangte der Trainer: "Das interessiert mich nicht, du mußt trotzdem Leistung bringen."
Niemczyk setzte sie als Kapitän in Lohhof ab. Während der Weltmeisterschaft 1982 in Peru "hab' ich mir den Hintern auf der Bank breitgesessen", berichtete Silvia Laug, während andere spielen durften, obwohl sie unter einer Salmonellen-Infektion litten. Die Bundesdeutschen wurden Vierzehnte.
Silvia Laug kündigte in Lohhof aus "persönlichen und beruflichen Gründen". Ohne Aussprache feuerte Niemczyk sie aus der Nationalmannschaft und ließ die Lohhoferinnen sogar über ein Hausverbot gegen sie abstimmen. Der Trainer warf ihr "mangelnden Trainingseinsatz" vor und erklärte: "Ich kann keine Minimalistinnen gebrauchen." Klubmanager Zeitler trat nach: "Sie steht gerne im Rampenlicht."
Mit neuen, frisch gedrillten Spielerinnen wurde Niemczyk dennoch wieder Deutscher Meister. Aber bei internationalen Wettbewerben gerieten die Lohhoferinnen unter Psychodruck und reagierten mit Nervenflattern. Im Europacup verloren sie gegen Slavia Preßburg, das sie in Privatspielen schon dreimal besiegt hatten. "Es schien, als hätten sie alles vergessen", wunderte sich Niemczyk, "was wir trainiert haben."
Im Vorbereitungsspiel gegen Japan rügte der Bundestrainer "Doppelblock, das ist gegen Asiaten wie Harakiri". Der japanische Cheftrainer Shigeo Yamada, dessen Mannschaft vormittags im Training gegen die Deutschen gespielt hatte, gab dagegen zu bedenken: "Im Training waren die Deutschen viel stärker." Einige Spielerinnen räumten ein, was Niemczyk nicht wahrhaben wollte: "Wir hatten Angst, ausgewechselt zu werden." Schon nach einem Fehler hatte der Trainer sie zurück auf die Bank geholt.
Auf die Europameisterschaft wurden die Nationalspielerinnen deshalb zusätzlich von einem Psychologen vorbereitet, der ihnen Selbstvertrauen zu suggerieren versuchte. "Es ist leichter, die Muskeln zu trainieren", erkannte der Trainer, "als den Kopf." Im ersten EM-Spiel siegte Niemczyks Kränzchen auch gegen die favorisierten Polinnen.
Den Grund zum Erfolg legten drei eingebürgerte Spielerinnen: Terry Place-Brandel hatte 289 Länderspiele für die USA bestritten, bevor sie den deutschen Verbandspressewart Christian Brandel ehelichte, Danuta Niemitz war mit ihrem ebenfalls deutschstämmigen Ehemann aus Polen zugewandert; Marina Staden war mit der UdSSR zweimal Junioren-Europameisterin geworden, bevor sie einen Deutschen heiratete. Voll parteilicher Phantasie argwöhnte die "Schweriner Zeitung" aus der DDR beim Klassenfeind schon "stark zweckgebundene Ehen".
Im zweiten Spiel verloren die Deutschen allerdings wieder 0:3 gegen Titelverteidiger Bulgarien. Sogar Niemczyk sprach wegen verpfuschter Chancen von einem "psychologischen Problem".
Immerhin kämpfen die Volleyballerinnen wesentlich erfolgreicher als die Männer, die sich nicht einmal für die Europameisterschaft qualifizierten. Der Verband hatte kürzlich ihren Bundestrainer entlassen, weil er sich nicht "von den Arbeitsmethoden des Ostblocks auf die des Westens umstellen" könne. "Bei uns muß man die Spieler anders anfassen und seine Maßnahmen auch begründen", erklärte Mannschaftskapitän Burkhard Sude.

DER SPIEGEL 39/1983
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