25.04.1983

KANADASterben auf französisch

In der frankokanadischen Provinz Quebec ist Französisch einzige offizielle Sprache. Über die Einhaltung des umstrittenen Gesetzes wacht eine Sprachenpolizei.
Vom Ehemann hatte das Krankenhaus ein Schreiben bekommen: Jean Charles Larose bedankte sich für die sorgsame Pflege, die seine Frau im Montrealer St. Marys Hospital erhalten hatte, wo sie, im Frühjahr 1981, an Speiseröhrenkrebs gestorben war.
Tochter Huguette Larose Guy dagegen kam anderthalb Jahre später mit der Polizei: nicht etwa wegen mangelhafter medizinischer Behandlung, sondern weil man mit ihrer Mutter nicht ausschließlich französisch gesprochen hatte. St. Marys, eine englische Institution, habe der Todkranken das Recht verweigert, "auf französisch zu sterben".
Angezeigt hatte Huguette Larose Guy das Hospital bei der "Commission de surveillance de la langue francaise", deren 35 Überwachungskommissare darauf achten, daß die Bürger der Provinz Quebec nicht gegen das Gesetz 101 verstoßen. Im August 1977, ein knappes Jahr nach Übernahme der Regierungsmacht durch die Quebec-Separatisten verabschiedet und stufenweise eingeführt, macht "loi 101" Französisch zur einzigen offiziellen Sprache der sechs Millionen Einwohner zählenden Provinz.
Die Sprachenpolizei beorderte Ärzte und Krankenschwestern des angesehenen Hospitals zu dreitägigen Anhörungen hinter verschlossenen Türen. Das Urteil nach monatelangen Recherchen erging jetzt in einem 90seitigen Report: Frau Larose war während ihrer letzten Lebensmonate auf der Intensivstation zu 34 Prozent der Zeit von Schwestern betreut worden, die nur unzureichend französisch sprachen.
Die Sprachbürokraten gaben St. Mary's vier Monate Zeit, sich zu bessern, also mit ihren Patienten 100prozentig französisch zu reden. Doch der Aufsichtsrat des Krankenhauses, John Pepper, wehrte sich: "Vor den Gerichten dieser Provinz bis zum höchsten Gericht des Landes" werde man gegen die Entscheidung ankämpfen.
Die Frage, wieviel Prozent Französisch beim Sterben in Quebec gesprochen werden muß, ist ein neuer Tiefpunkt im alten Streit um Sprache und Minderheitenrechte in Kanada. Erst 1969 wurde Französisch als zweite offizielle Landessprache eingeführt - zum Erstaunen und zum nur mühsam unterdrückten Ärger jener acht kanadischen Provinzen und Territorien, in denen der Anteil der Frankokanadier unter zehn Prozent liegt. Die "Anglos" - vornehmlich im weiten kanadischen Westen - empfanden S.151 die Bilingualität als französische Expansion.
Lediglich in der Provinz Quebec verlief der Sprachenstreit mit entgegengesetzten Fronten, denn von den rund 6,3 Millionen Frankokanadiern leben über fünf Millionen in Quebec. Schon in den 60er Jahren hatte die gut 80prozentige frankophone Mehrheit der Provinz gegen die Dominanz des Angelsächsischen in Berufs- und Geschäftsleben aufgemuckt. Die privilegierte Klasse der Anglos - symbolisiert durch die am Berghang über den Armenvierteln Montreals gelegenen Steinhäuser des englischen Westmount - machte jahrelang nicht den geringsten Versuch, das Quebecer Französisch "derer da unten" zu lernen.
1969 unternahm die Regierung der "Union nationale"-Partei den ersten Versuch einer stärkeren Verbreitung des Französischen, keineswegs freiwillig, sondern bedingt durch den aufkeimenden Nationalismus und das Emanzipationsbestreben der frankophonen Bevölkerung. Die Liberalen folgten 1974 mit dem schon schärferen Gesetz 22. Doch beide kanadatreuen Regierungen gingen nicht annähernd so weit wie die Separatisten, deren loi 101 das Überleben der Quebecer Frankophonie nun für alle Zukunft garantieren soll. Die Sprachenpolizisten sehen sich denn auch als "gute Samariter", so Surveillance-Chef Cholette, deren einzige Intention es ist, die Rechte der französisch-sprachigen Quebecer zu schützen.
Die guten Samariter, bei denen bisher rund 15 000 meist anonyme Anzeigen eingingen, sorgen seit 1977 dafür, daß Anglos und englisch-assimilierte Emigranten wie Deutsche oder Polen ihre Sprache aus dem täglichen Leben verschwinden sehen.
Touristen aus den USA, die das nur eine Autostunde entfernte Montreal besuchen, finden keine zweisprachigen Straßenschilder mehr - so als gelte das Motto: Recht geschieht dem Anglo, der sich verirrt. Das Tourismus-Büro von Montreal klagte bereits über die Folgen: Die chronisch einsprachigen Amerikaner brächten ihre Dollar jetzt immer mehr ins englischsprachige Toronto.
Bis 1987, so ordnete das Verkehrsministerium an, müssen alle Halteschilder mit der Aufschrift "Stop" verschwinden. Gestoppt wird dann legal nur noch bei "Arret", obwohl empörte Linguisten meinen, daß "Stop" korrekteres Französisch sei als "Arret".
Zwangsweise mußten auch Geschäftsleute Französisch einführen, dürfen ihr Dasein und ihre Ware legal nur noch auf französisch anpreisen, es sei denn, das Angebot verlange nach einer zweiten Sprache: China-Restaurants beispielsweise dürfen ihre Speisekarten weiterhin neben französisch auch chinesisch beschriften.
Gejagt wird derzeit in Quebec besonders der Apostroph des englischen Genitivs. Aus Harry's Bar muß Harrys Bar werden. An der Fassade des renommierten Montrealer Kaufhauses Ogilvy's klafft zwischen dem y und dem s eine frankophone Lücke.
Die Warenhauskette Eaton's hatte die Zeichen der Zeit schon frühzeitig erkannt und auf den Apostroph freiwillig verzichtet. Den guten Eindruck zerstörte sie allerdings wieder, als ihre Hausdetektive einen der wichtigsten Minister der Separatistenregierung beim Diebstahl einer Sportjacke einfingen - und dann die Frechheit hatten, ihn bei der Polizei anzuzeigen.
Das Gesetz 101 beschränkt auch die Rechte der Arbeitgeber: Sie dürfen nicht mehr von französischen Bewerbern Englischkenntnisse verlangen, es sei denn, sie sind als Qualifikation für den Job - beispielsweise im Kundendienst - notwendig. Der Arbeitgeber muß aber genau definieren, wieviel Englisch wirklich nötig ist - verlangt er zuviel, droht ihm eine Anzeige bei der Sprachenpolizei.
Umgekehrt hatten Anglokanadier nach dem Gesetz größte Mühe, ihre Jobs zu behalten. Das Krankenhaus St. Marys mußte schon vor gut eineinhalb Jahren die Schwesternhelferin Joanne Curran und die Krankenschwester Patricia Beckford entlassen. Wie alle anderen Anglos in einem halböffentlichen Betrieb hatten sie sich einem Französisch-Test unterziehen müssen und waren knapp durchgefallen. Erst nachdem Patienten in langen Anhörungen bestätigt hatten, daß keine Sprachbarrieren vorhanden seien, gab sich die Sprachenpolizei zufrieden, die beiden Schwestern wurden wieder eingestellt.
Fälle wie diese sorgten dafür, daß sich Quebecs Anglos mittlerweile als unterdrückte Minderheit vorkommen. Wohl zu unrecht, denn auch im angeblich zweisprachigen Kanada ist es für Frankophone außerhalb Quebecs immer noch schwierig, "etwas Komplizierteres als eine Briefmarke zu erhalten", so Max Yalden, der als Trudeaus Sprachbeauftragter für die Pflege des Französischen zu sorgen hat.
Dennoch, in Quebec, wo Ministerpräsident Levesque neuerdings wieder häufiger über die Trennung von Kanada spricht, packen viele Anglos die Koffer. Seit 1976 sind 113 000 aus Quebec weggezogen - einer von ihnen war der Schriftsteller Henry Beissel, der sich nicht diktieren lassen wollte, welche Schule seine Kinder besuchen dürfen.
Als jemand, der in Deutschland geboren und aufgewachsen sei, so erzählte er der englischsprachigen "Gazette", hasse er jede Reglementierung. Es sei ihm unmöglich, länger in Quebec zu leben.

DER SPIEGEL 17/1983
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 17/1983
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KANADA:
Sterben auf französisch

  • Sozialer Brennpunkt Folsterhöhe: Kinderarmut in "Saarbrooklyn"
  • Kanada: Sturm sorgt für atemberaubenden Himmel
  • Mexikanischer Drogenboss: Lebenslange Haft für "El Chapo"
  • Neue Bahnansagen: Eine Stimme für 20 Millionen Fahrgäste täglich