26.09.1983

Gefühle glauben an einen glücklichen Ausgang

Burghard Schlicht über Alexander Kluges „Die Macht der Gefühle“ Burghard Schlicht, 37, Publizist, Drehbuchautor, Dozent an der Münchner Filmhochschule, lebt in Frankfurt. *
Alexander Kluges neuer Film ist ein Traktat über die Urahnen aller Gefühle, die Liebe und den Schmerz und deren Abkömmlinge: Raserei, Hoffnung, Trauer, Erlösung, Leid, Vaterlandsliebe, Eifersucht, Leidenschaft, Wut, Gier und so weiter. Merkwürdigerweise kommt ein Gefühl, das in seiner Unbestimmtheit viele andere Filme bestimmt, nicht vor: die Angst.
Mit einer Vielzahl von Geschichten, Dokumenten, Kommentaren, Anekdoten, Sprüchen, Interviews versucht Alexander Kluge, die Arbeitsweise der Gefühle vorzuführen: gewissermaßen eine illustrierte Prachtausgabe der Gefühlswelt, die in eigentümlicher Verknüpfung das Miteinander, Durcheinander und Gegeneinander der Gefühle darstellt und wie sie um zehntausend Ecken herum mit der Hilfe von widersprüchlichen und unzuverlässigen Bündnispartnern versuchen, zu ihrem Recht und zur Gerechtigkeit zu gelangen.
So heißt es etwa von Knautsch-Betty, einer Prostituierten, die ihren Beruf mit Sorgfalt ausübt, weil sie von ihrem Zuhälter Schleich "um ihrer selbst willen gekauft" wurde: "Bettys Berufsgeheimnis: erstens Sanftheit; zweitens Kenntnis; drittens kein besonderes Gefühl. Man braucht viel Gefühl, um das zusammenzubringen."
Die Verwirrung der Gefühle, ihre Blockade, das Erinnerungsvermögen, das Gegenteil und die Unvergleichbarkeit der Gefühle, ihr Zusammenhang: Das sind die teilweise paradoxen Verhältnisse, die die Bilder und Töne in Kluges Film vorwärtstreiben.
Die treibhausmäßig herangezüchtete "Reinheit der Gefühle" führt nach Kluges Ansicht geradewegs in die Katastrophe. Gleich zu Anfang sehen wir zu den Klängen von Wagners "Parsifal" ein Hochhausmassiv sich über dem Ufer eines Flusses erheben. Die Assoziation zur Gralsburg liegt nahe. Die bedrohliche Schönheit des blutigen Erlösungsmythos löst Beklemmung aus.
Gleich darauf schon führt Kluge vor, was die Macht des "reinen Gefühls" ebenso wie die Macht einer "reinen Rationalität" (einer technokratisch verstandenen Rationalität) bewirkt. "In jeder Oper, die von Erlösung handelt", sagt Kluge, der die Oper als ein "Kraftwerk der Gefühle" versteht, "wird im fünften Akt eine Frau geopfert." Später, beim Brand des Opernhauses, entdeckt Feuerlöschkommandant Schönecke, der sich schon "als Junge gefragt hatte, was in dem Gral steckt", daß es nur die Schraubenmutter ist, mit der der Kelch des Grals am Stiel befestigt ist.
"Die Macht der Gefühle" ist ein Film, der "quer zu den Genres" steht. Es ist Kluges Überzeugung, daß Filme sich nicht im Getto eines Genres beengen lassen, sondern viele Möglichkeiten ausnutzen sollten. Er kompiliert Dokumentarfilm, Spielfilm und Experimentalfilm, wobei er sich innerhalb der Genres der verschiedensten Darstellungsweisen bedient. Seine Mittel sind so eigenwillig und persönlich, daß man nur sagen kann: So hätte Kluge das gemacht. Aber nichts liegt ihm ferner als die Stilisierung einer bestimmten, vollendeten Machart.
Zum Beispiel: Ein Panzerwagen. Im Schutz des Panzers Soldaten. Durch eine Gasmaske hindurchgesehen, das Bild also mit entsprechender Maske. Offensichtlich ein Zitat aus einem Kriegsfilm. Bild schwarzweiß, bräunlich-violett eingefärbt. Darauf folgt: Kind mit verbranntem Gesicht. Das Kind zieht ein Stofftier zu sich. Es stirbt. Dokumentarisch/Farbe.
Jetzt ein Zitat aus Fritz Langs "Nibelungen" (1924): Eigentümlich verfremdetes Bild, schwarzweiß, bräunlich-violett eingefärbt. Hagen mit dem Kind der Kriemhild. Kommentar: "Dieses Kind lebt nicht mehr lang."
Mit Pfeil und Bogen erschießt Attilas Bruder den Dankwart, tödlich getroffen erschlägt dieser den Bruder des Königs. Hagen erschlägt das Kind des Hunnenkönigs, Kriemhilds Söhnchen. Jemand hält den Kopf des enthaupteten Gunther hoch. Kriemhild erschlägt Hagen ...
Nach diesem Gemetzel zeigt Kluge die "Trauer über das Vorgefallene", dokumentarisch, Farbe, beste Bildqualität: Trauerfeier. Vom Ministerpräsidenten geführt, die Witwe. Der Fraktionsvorsitzende Kohl und der Fraktionsvorsitzende Wehner. Der Bundeskanzler Schmidt und der Vizekanzler Genscher. Eine Geometrie der Trauer. Gefühle in den Fesseln des Rituals und der Konvention. Keine Ahnung von Schmerz. Der Bundeskanzler scheint einzuschlafen. Das Gefühl der Trauer hat sich erledigt.
Ist das Personal der "zusammengesetzten Geschichten" verhältnismäßig prominent (O.E. Hasse, Fraktionsvorsitzender, Aida, Rudolf Forster, Gilda aus "Rigoletto"), so bilden die Personen der inszenierten Spielfilmepisoden eine Art Lumpengesindel, das im Schatten der Hochbauten Babylons nach dem Glück gräbt. Kommentar: "Alle Gefühle glauben an einen glücklichen Ausgang."
Ein nicht unerheblicher Teil dieses Lumpengesindels hat mit dem Verbrechen Bekanntschaft gemacht. Da ist die Angeklagte G. (Hannelore Hoger), die - versteht man ihre Gefühlslage richtig - lediglich als Akt der Kommunikation einen Schuß abgab: Sie wollte ihrem geliebten, aber betrunkenen Ehemann wohl einfach mitteilen, daß sie auch noch da sei. Bedauerlicherweise traf sie sich dabei ins Bein und anschließend ihren Ehemann, dessen inzestuöse Beziehung zu ihrer gemeinsamen Tochter sie begrüßte, in die Brust.
Vor Gericht nun soll diese ihre Darstellung überprüft werden. Ein durchaus verständnisvoller Richter versucht, die blutige Tat psychologisch zu motivieren, den Akt des Gefühls auf eine Ebene rationalen Verständnisses zu heben. Das Ergebnis der Untersuchung bleibt offen, zwar ist das Tatgeschehen nicht zu bestreiten, aber das Gefühl sagt: "Man darf an einen Mord niemals fest glauben."
Die übrige Gesellschaft setzt sich zusammen aus Opfern und Tätern, Rettern, Helfern, Widerständlern: Die weggeworfene Geliebte, die Selbstmord begehen will, ohnmächtig gefunden und von ihrem Retter vergewaltigt wird ("durch fremde Schuld gerettet"); Knautsch-Betty, Kluges kühle Version des Typs "eine Seele von einer Hure"; ihr Zuhälter, der Pelzeinbruchs-Spezialist Kurt Schleich; Mäxchen, eine Mode-Direktice, interessiert daran, ihre persönlichen Beziehungen auf engstem Raum (zwei Meter mal drei Meter achtzig)
zu verwirklichen; schließlich Manfred Schmidt, der zum Mörder wurde, weil er den Mangel an "großzügigem Stil" im Kopf nicht mehr aushalten konnte.
Kulisse des scheinbar absurden Geschehens ist Babylon, dargestellt durch die Stadt Frankfurt am Main: eine Stadt, in der Fachwerkhäuser aus U-Bahn-Schächten sprießen und in der die öffentlichen Plätze nach den strategischen Bedürfnissen von Hundertschaften der Polizei und des Bundesgrenzschutzes zurechtgestutzt werden. Babylon als Metapher der "reinen Rationalität", die auf Perfektion und Vollendung aus ist und doch die Erde unbewohnbar wie den Mond macht.
Dabei ist "Die Macht der Gefühle" keineswegs ein resignativer Film. Alexander Kluge ist kein Zertrümmerer und Zerstörer. Vor die Wahl gestellt zwischen der gefühlsduseligen Euphorie der rechtskonservativen und den Depressionen der sozial-liberalen Koalition, die auf der Gefühlsseite durch Wehleidigkeit zugrunde ging, entscheidet sich Kluges dialektische Phantasie für keins von beiden. (Kluges Filme sind immer auch ein verschlüsselter Kommentar zur aktuellen politischen Situation.)
Kluges Phantasie geht vielmehr in die Tiefe, fängt an zu graben, entdeckt die Arbeitsweise der Gefühle, ihren Hunger nach Sinn, den nur eine an der Realität, an den Gefühlen und ihren Widersprüchen orientierte Rationalität stillen kann.
Ich gebe zu, daß ich Kluges Ausflügen und Abschweifungen in die Gebiete der Metaphysik und Mystik, zu dem, was er in den Nebensätzen seiner "Oberrabbis" Benjamin, Adorno, Bloch, Marx findet ("wenn sie betont leise werden"), nur schwer folgen kann.
Aber Kluges vorsichtiger Optimismus braucht viele Prämissen. So ist das Happy-End von Knautsch-Bettys und Schleichs Geschichte, der "Abbau eines Verbrechens durch Kooperation", an vier schier unerfüllbare Märchenbedingungen geknüpft: Erstens: Eine Frau muß "um ihrer selbst willen" gekauft werden. Zweitens: Ein Toter muß zum Leben erweckt werden. Drittens: Der lebende Tote muß über drei Grenzen gebracht werden. Viertens: Das alles erfordert eine lange Zeit unbezahlter Schwerstarbeit. Dann sind sich die beiden nähergekommen: "Mit der Zeit wird die Technik besser ..."
Warum sind Alexander Kluges Filme so schwer zu verstehen? Im Gegensatz zu seinem "Oberrabbi" Adorno plädiert er ja - auch hier unorthodox - für einen offenen, grenzüberschreitenden Film, der Verbindungen zur Literatur, zu den Gefühlen, zur Rationalität und ganz bestimmt nicht zuletzt zum Publikum herstellen will.
Kluge macht den Vorschlag, der Zuschauer solle sich aus dem überreichen Angebot das aussuchen, was bei ihm bestimmte Assoziationsketten auslöse.
Solle sich gewissermaßen wie in einem Warenhaus bedienen mit dem, was seiner Person zusage, solle seinen eigenen Film im Kopf herstellen.
Ich bezweifle, daß das über das übliche Maß hinaus (wie der Zuschauer das bei jedem Film macht) möglich ist. Zudem bietet "Die Macht der Gefühle", anders als die "Tagesschau", wenn man einmal diesen rohen Vergleich anstellt, einen objektiven Sinnzusammenhang, den man, wie ich, ausgerüstet mit Textbuch, Gedächtnisprotokoll und Kluges Schriften, rekonstruieren kann. Aber wer macht sich schon diese Arbeit?
Weithin benutzt "Die Macht der Gefühle" nicht die Geradeaus-Logik des Common sense, sondern verfährt nach den Methoden der dialektischen Phantasie, die versucht, die Kompliziertheit unseres gesellschaftlichen Systems durch Widersprüche und Fehler hindurch zu verstehen.
Das erschwert die von Kluge gewünschte "Offenheit" seiner Filme, den Zugang zum Publikum, und ist offensichtlich doch unvermeidlich: "Fehler", die man machen muß. Vermeidbar aber erscheint mir die Verwendung einer bestimmten Begrifflichkeit, die das gefühlsmäßige Verstehen - und Kluge selbst versteht das Kino als ein Medium der Gefühle - verhindert.
Ich denke an die Sequenz Panzer/ verletztes Kind/Krieg der Nibelungen/ Trauerfeier. Wenn ich das verletzte Kind sehe, sauge ich mich an der Besonderheit dieses einzigartigen Bildes fest. Meine Gefühle forschen nach, ob sie etwas vergessen haben, nehmen die spezifische Sinnlichkeit dieses Bildes auf, Schmerz und Entsetzen bilden sich heraus. Jetzt folgen die Bilder aus Fritz Langs "Nibelungen". Meine Gefühle sind verwirrt. Die Gefühle sind träge, Kluge nennt sie konservativ. Das neue Bild ist ein Schock, die Gefühlsproduktion stirbt ab, der Verstand muß per Begriffsbildung die Verbindung herstellen. Später, beim Versuch des Erinnerns und Verstehens des Films, wird mir mein Gefühl nicht helfen, wird sich verweigern.
Ich glaube, die Methode, die Kluge in den Spielfilmepisoden verwendet, ist produktiver: Dort versucht er, den gewohnten Sinnzusammenhang von innen her aufzuknacken. Das gelingt ihm. Ich erinnere mich. _(Susanne von Borsody (Knautsch-Betty). )
Susanne von Borsody (Knautsch-Betty).
Von Burghard Schlicht

DER SPIEGEL 39/1983
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 39/1983
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Gefühle glauben an einen glücklichen Ausgang

  • Waldbrand in Brandenburg: Feuer auf ehemaligem Truppenübungsplatz
  • Kicken für die Karriere: Ein neuer Özil für Rot-Weiß Essen?
  • Hessen: Weltkriegsbombe hinterlässt riesigen Krater auf Getreidefeld
  • Stunt-Video aus Thailand: Mit dem Wakeboard über den Wochenmarkt