06.06.1983

Die Traurigkeit nimmt zu

Reaktionen der Berliner Homosexuellen-Szene auf Aids *
Nur im Gegenlicht werfen die geschwollenen Lymphknoten an Hals und Nacken dunkle Schatten. Dann sehen sie wie eine Kette aus, ganz harmlos auf den ersten Blick. Der Mann zieht den Seidenschal zurecht, der sein Kainszeichen verhüllen soll. Aids gilt nicht als Empfehlung.
In der Berliner Schwulenbar, nachts zwischen zwei und drei, hält er sich mit beiden Händen am Tresen fest. Tanzen? Nein, nein, heute nicht. Es hat schon soviel Kraft gekostet, mal wieder loszuziehen. Früher, noch vor einem halben Jahr, war er jede Nacht unterwegs gewesen, jede. Die Szene war sein Zuhause.
Das ist vorbei. Der Mann nimmt Abschied. Er will zurück nach Baden-Württemberg, Mutter wartet schon. Sie will ihn gesund pflegen. Was hat er nur? Was bringt er mit? Es ist die Traurigkeit, denn seine Halskette ist ein Strick - und er weiß das. Seine Mutter ahnt nichts davon.
Aids-Patienten, sagen die Ärzte, geht es wie Krebskranken, nur noch schlechter. Es ist ein langes Siechtum, und die Phasen der Hoffnung fehlen fast gänzlich. Das heimtückische Leiden trifft zudem gerade jene, die über körperliche Attraktivität, Gesundheit und Potenz in besonders reichem Maße verfügten und großzügig damit umgingen: auf der "Liegewiese" in der Männersauna, im türkisch-römischen Bad, im Whirlpool, im "Ruheraum" der Bar - überall dort, wo jeder jeden lieben darf, gratis, nur der Lust anheimgegeben.
Berlin, "Gay-Metropole Europas", wie das Reisebüro "Mantours" rühmt, wo "über 60 Gay-Bars, Saunen, Cafes und Läden Sie willkommen heißen" - hier findet "jeder, ob jung, alt, hart oder soft, alles und vor allem: schnell Kontakt".
Es ist eine eigene Welt, die Subkultur der homosexuellen Männer Berlins, zwanzig-, vielleicht dreißigtausend Glieder stark; von der Bevölkerung toleriert, denn Homos sind höflich und haben Geld; auch von der Polizei gänzlich verschont, wohl aus den gleichen Gründen. Jetzt aber fürchtet man sich vor zweierlei Übeln: der Krankheit Aids, die einzelnen Homos den Tod bringen wird, und - schlimmer noch - vor dem heterosexuellen Echo auf Aids, das allen Homosexuellen die große Freiheit zur Lust von Amts wegen wieder nehmen könnte.
Um den Berliner Nollendorfplatz herum (wo die härteren Gays feiern) und am unteren Ku'damm (Heimstätte der softigeren Männer) wabern die Gerüchte: Schon seien hundert Berliner Homos an Aids erkrankt - es sind rund vierzig; der Senat überlege Quarantänemaßnahmen und das Verbot der promiskuitiven Saunereien. "Auf alle Fälle", rät im Discoraum von "Tom's Bar" ein Lederschwuler, "Hände weg von Negern und Amis!" Angeblich faßt die keiner mehr an.
Ein paar Straßenecken weiter darf man sich von dunklen Männern aber noch anregen lassen. Gay-Pornos, Hardcore mit Negern als Solisten, laufen stumm, ohne Anfang, ohne Ende, im Hintergrund der Bar. Das Gespräch dreht sich um Freunde aus Hamburg, die fürs Wochenende erwartet wurden, aber wohl nicht mehr kommen werden: Berlin, hat der eine telephonisch mitgeteilt, sei im Moment einfach zu gefährlich. Nur fünf Wuppertaler fürchten sich nicht. Nach einem 600-Kilometer-Marathon, sicher kein Vergnügen, erreichen sie morgens um drei die Berliner Szene "Schön, daß ihr da seid", sagt der Bal keeper.
Offenbar scheidet das Aids-Fieber seine potentiellen Opfer in zwei Fraktionen: Lämmer, die sich fürchten, und Wölfe, die hoffen, daß es sie schon nicht erwischen wird. Die Wölfe sind deutlich in der Mehrzahl. Ist es bei Heteros denn anders? Wer glaubt schon, daß er Lungenkrebs kriegt, nur vom Rauchen? Wer wird Abstinenzler, weil die Leber drückt?
Dennoch ist der Bedarf an Informationen groß. In der Szene will man endlich genau wissen, was Sache ist. Die "Schwulen Ärzte und Therapeuten", ein eigener Verein, werden mit Fragen bedrängt. Doch so genau wissen die es selber nicht. Am aufklärenden Flugblatt wird lange herumgedoktert. Es soll die Ängste nehmen, vor allem die irrationalen: vor dem Händedruck, der Aids angeblich schon weiterreicht (er tut es nicht), und der Hepatitis-Schutzimpfung, die Aids ins Blut bringen soll (auch nur ein Aberglaube).
Aber nützt es, fragen die Lämmer, sich noch öfter zu waschen, sich zu desinfizieren und desodorieren, wie es Ästheten-Art ist? Oder ist das Ganze nur ein Glücksspiel, wie die Wölfe meinen, eine Sache des "one wrong fuck"?
Daß es die Promiskuität sein soll, die an Leid und Tod Schuld trägt, will niemand glauben. In der Homo-Szene halten das fast alle für ein Gerücht, in repressiver Absicht von Heteros gestreut. Vom Mehrverkehr, dem vielgeliebten, will keiner Abschied nehmen.
Den kreuzbraven Rat zu Monogamie hat der Homo-Szene bislang auch noch niemand angetragen. Selbst das Bundesgesundheitsamt rät auf Flugblättern zur zur Mäßigung, der Begrenzung der Partner auf eine überschaubare Zahl, nicht zur Männertreue oder gar zum Verzicht. Dabei gilt für Aids, streng genommen, daß es zwischen zwei gesunden, monogamen Männern nicht entstehen kann. Zu Aids gehören immer drei. Das ist das ethische Minimum.
Wem die Stunde schlägt, ist ungewiß. Aids trägt nicht die Trompete vor sich her. Viele fürchten sich und tasten nach den Lymphknoten an Leisten und Nacken. Beides zusammen soll beweisend sein, ist es aber nicht. In der "Tropenmedizinischen Beratungsstelle der Landesimpfanstalt Berlin", wo sich die meisten Kranken sammeln und nur als Nummer, nicht mit Namen registriert werden, herrscht immer stärkerer Andrang. Auch die Traurigkeit nimmt zu.
Sie findet in der Szene, wo das Leben pulst, keinen Raum. Noch begleitet niemand von den alten Freunden die Sterbenskranken. Es gibt keinen seelischen Beistand und keine Hilfe. Wer Aids hat, der ist wieder ganz allein.

DER SPIEGEL 23/1983
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