25.04.1983

„Das beste Baby ist ein totes Baby“

Babys werden von ihren Eltern ertränkt, wenn es keine Jungen sind, Jungen dagegen werden zu hohen Preisen verkauft: Folgen der Verordnung des chinesischen Staates, daß jede Familie nur noch ein Kind haben darf. Eine Frau, die ein Baby bekommen will, muß sich in eine Schwangerschaftsliste ihrer Arbeitseinheit eintragen, Patrouillen der Partei kontrollieren, wer „illegal“ schwanger geworden ist. Abtreibung wird dann zur Pflicht.
In Kanton warf eine junge Witwe ihre beiden Kinder in einen See, Grund: Sie wollte wieder heiraten und mit ihrem neuen Mann ein "erstes und einziges Kind" haben - denn der Staat erlaubt ihr nur ein Kind.
In einer Kommune der Provinz Schantung flehte eine Bäuerin, die kurz vor der Entbindung stand, die Hebamme an, sie möge ihr Kind ersticken, wenn es ein Mädchen sei. Anderenfalls werde ihr Mann sie schwer schlagen. Bei einer neuen Schwangerschaft könne es dann vielleicht ja der erwünschte Junge werden.
In einer Kommune der Provinz Kuangtung wurde eine Gruppe schwangerer Frauen, einige bereits im achten Monat, auf einen Lastwagen verfrachtet und gegen ihren Willen zur Abtreibung in eine Klinik gebracht.
Dramen wie diese dokumentieren die Auswüchse der wohl schärfsten Geburtenkontrolle der Welt. Sie wurde vor drei Jahren in China zur Eindämmung des Bevölkerungswachstums eingeführt, und der Lohn ließ nicht auf sich warten: Im März erhielt der Chef der chinesischen Kommission für Familienplanung den erstmals verliehenen "Bevölkerungspreis" der Uno, weil es Peking gelungen war, das Bevölkerungswachstum auf 1,4 Prozent zu senken - mit welchen, teils wenig humanen Methoden, nahm die Uno nicht zur Kenntnis.
Was derzeit in China in Sachen Geburtenkontrolle abläuft, ist durchaus preiswürdig, wenn auch in einem ganz anderen Sinn, als die politisch blauäugigen Uno-Idealisten wahrhaben wollen.
Der bevölkerungspolitisch-statistische Hintergrund der derzeitigen Kampagne gegen den Kinderreichtum scheint unabweisbar zu sein: Alle zwei Sekunden wird ein neuer Chinese geboren, täglich sind es 47 520. Jährlich vermehrt sich die eine Milliarde Chinesen, so die Volkszählung des letzten Sommers, um weitere 11,5 Millionen.
Von den 20,6 Millionen 1981 geborenen Kindern waren vier Millionen trotz aller Geburtenkontrollen bereits Dritt-, Viert- oder gar Fünftgeborene. Auch heute hat jedes chinesische Ehepaar im statistischen Durchschnitt immer noch 2,2 Kinder.
Wird die Geburtenrate nicht bald drastisch gesenkt, ist Chinas großer Plan, bis zum Jahre 2000 die 1980 verkündeten "Vier Modernisierungen" (Industrie, Landwirtschaft, Landesverteidigung, Wissenschaft und Technik) durchzuführen, zum Scheitern verurteilt. Denn alles, S.155 was das Land mehr produzieren kann als früher, würde von der weitergewachsenen Bevölkerung verbraucht.
"Wenn die Bevölkerungszahl nicht auf 1,2 Milliarden eingedämmt wird", schrieb Kommentator Wang Shengkan am 17. Februar in der Pekinger "Volkszeitung", "wird es den Chinesen um die Jahrhundertwende nicht viel besser gehen."
Und so stehen die chinesischen Führer denn tatsächlich unter einem Zwang, dem sie durch Zwangsmaßnahmen gegenüber dem Volk zu entkommen hoffen: In den ländlichen Gebieten, in denen 80 Prozent der Chinesen leben, ist der Mangel an Agrarland bereits fühlbar geworden. 1949 noch kamen auf den Kopf der Bevölkerung 0,2 Hektar, heute ist es schon nur noch die Hälfte.
Konsequenz: Obwohl die Getreideproduktion erheblich stieg, wird jedem Chinesen heute ein jährliches Getreidekontingent von 316 Kilo zugeteilt, halb soviel wie unter der Tang-Dynastie vor über 1000 Jahren.
Mao Tse-tung hatte das Bevölkerungsproblem überhaupt noch nicht gesehen - einer seiner größten, mit Sicherheit sein folgenschwerster Fehler. "Mehr Menschen bedeuten mehr Ideen, mehr Enthusiasmus und mehr Energie", lautete einer der meistzitierten Aussprüche des Großen Steuermanns.
Als Professor Ma Yinchu es wagte, Mao zu widersprechen, und erklärte, ohne Geburtenkontrolle werde das Land in die Katastrophe stürzen, wurde er als S.157 "Reaktionär" bezeichnet und 18 Jahre lang zum Schweigen verurteilt. "Nur wer das Volk nicht liebt, kann von ihm verlangen, keine Kinder zu haben", warf das Regime ihm vor.
Professor Ma jedoch hatte recht. Die Kommunistische Partei aber mußte bis zum Tode Maos (1976) warten, ehe sie diese Politik ändern konnte. Zunächst hieß die Parole: "Pro Ehepaar zwei Kinder." Seit 1980 lautet das offizielle Gebot: "Pro Ehepaar nur ein Kind."
"Wir sind ein sozialistisches Land", sagte Staatsberaterin Chen Muhua, als Kandidatin des Politbüros die höchste Beamtin in der kommunistischen Hierarchie Chinas. "Wenn wir die landwirtschaftliche und die industrielle Produktion planen können, sollten wir auch in der Lage sein, die Produktion von Leben zu planen."
Dieser Plan nun sieht eine strikte Durchführung des Grundsatzes "Pro Ehepaar nur ein Kind" vor. In den Einzelheiten allerdings unterscheidet er sich von Region zu Region und von Stadt zu Stadt.
Generell hebt ein Katalog von Strafen und Belohnungen darauf ab, Heirat und damit Fortpflanzung tunlichst hinauszuzögern, Verhütungsmittel leicht zugänglich zu machen und bei "illegaler Schwangerschaft" eine Abtreibung zu erleichtern oder gar zu erzwingen.
Das rigorose Kontrollsystem, das 1949 nach dem Sieg der Kommunisten in China eingeführt wurde, dürfte einen wirksamen Vollzug dieser Maßnahmen erleichtern: Jeder Chinese gehört einer Arbeitseinheit an, einer sogenannten "Danwei", sei es Fabrik, Schule, landwirtschaftliche Produktionseinheit oder der Künstlerverband.
Die Danwei in Gestalt ihres kommunistischen Parteisekretärs überwacht das Leben ihrer Mitglieder in praktisch allen Bereichen: Sie zahlt die Gehälter und weist die Wohnungen zu, verteilt die Lebensmittelkarten und gibt die Bezugsscheine für Fahrräder aus. Inzwischen entscheidet die Danwei auch, ob und wann ihre Mitglieder Kinder haben dürfen.
Das legale Verfahren läuft wie folgt ab: Wenn ein Ehepaar sich ein Kind wünscht, trägt die Frau sich in die Gebärliste ihrer Danwei ein. Da jede Einheit aufgrund der Zahl ihrer Mitglieder nur über eine gewisse Kinderquote verfügt, muß jede Frau warten, bis sie an der Reihe ist.
Manche Arbeitseinheiten führen über die monatliche Periode ihrer weiblichen Mitglieder sogar Buch, weil sie meinen, damit die Reihenfolge legaler Schwangerschaften besser festlegen zu können und gleichzeitig die Frauen zu kontrollieren, die illegal, also ohne Genehmigung ihrer Danwei, schwanger werden. In solchem Fall ist die Danwei für die vorzunehmende Abtreibung verantwortlich.
Die gesamte Einheit engagiert sich, die zugewiesene Kinderquote einzuhalten, weil die Mitglieder dann entsprechende Prämien und Preise erhalten. Also ist der soziale Druck auf die Frauen und Familien groß. Hält sich eine Frau nicht an diese Regeln, werden nicht nur sie und ihre Familie, sondern wird auch ihre ganze Danwei bestraft.
Die von der jeweiligen Arbeitseinheit ausgestellte "Schwangerschaftsgenehmigung" gilt für ein Jahr. Wird die zur Schwangerschaft berechtigte Frau innerhalb dieses Jahres nicht schwanger, kann sie Verlängerung um ein weiteres Jahr beantragen.
In manchen Teilen Chinas, zum Beispiel in Kanton, werden Schwangere nur gegen Vorlage dieser Genehmigung überhaupt ärztlich untersucht und zur Entbindung in eine Staatsklinik aufgenommen. In anderen Gebieten, in denen eifrige Parteikader Stichproben-Kontrollen "illegaler Schwangerschaften" eingeführt haben, müssen die Frauen ihre Schwangerschaftsgenehmigung stets bei sich tragen, um sie den "Schwangerschaftspatrouillen" vorzeigen zu können, die jede schwangerschaftsverdächtige Frau kontrollieren.
In Dongguan in der südlichen Provinz Kuangtung beobachtete ein chinesischer S.160 Journalist aus Hongkong, wie eine Gruppe illegal schwangerer Frauen zusammengetrieben wurde: "Einigen waren Handschellen angelegt, alle wurden auf Lastwagen verfrachtet. Als sich die Fahrzeuge in Bewegung setzten, ertönte großes Wehklagen." Im Bezirkskrankenhaus bekamen die Frauen eine Spritze, und schon bald darauf hatten alle eine Fehlgeburt.
Früher wurde eine Abtreibung in der Regel nur bis zum dritten Schwangerschaftsmonat vorgenommen. Seit Einführung der verschärften Geburtenkontrolle gilt der Eingriff auch bis zum siebten Monat als üblich und normal.
In einigen Regionen haben die Ärzte vor allem ländlicher Krankenhäuser Anweisung von der Partei, das dritte oder vierte Kind eines Ehepaares im Zweifelsfall nicht am Leben zu erhalten und den Eltern zu erklären, dieses Kind sei tot geboren. In einem Bezirkskrankenhaus der östlichen Provinz Hopei stellte der Parteisekretär unlängst das Schild auf: "Das beste Baby ist ein totes Baby". Das löste unter den Ärzten Protest aus - sie streikten.
Die Zwangsabtreibungen in einem späten Schwangerschaftsstadium führen zu Konflikten vor allem auf dem Land, wo männliche Nachkommenschaft dringend gewünscht wird. Im Februar dieses Jahres wurde ein Bauer einer Kommune der Provinz Schantung vom dortigen Parteikader gezwungen, seine im achten Monat schwangere Frau zur Abtreibung ins Krankenhaus zu bringen.
Das Ehepaar hatte bereits zwei Töchter. Nach dem Eingriff stellte sich heraus, daß das getötete Baby ein Junge war. Daraufhin ging der Bauer zum Haus des Parteikaders und tötete unter dem Ruf "Jetzt sind wir quitt" dessen dreijährigen Sohn mit einem Küchenmesser.
Seit die Parteiorganisationen den Auftrag haben, die Geburtenkontrolle so streng wie möglich durchzuführen, sind viele Kliniken dazu übergegangen, den Frauen unmittelbar nach der Geburt des ersten Kindes intrauterine Verhütungsmittel einzusetzen. Frauen, die schon ihr zweites oder drittes Kind geboren und damit ihre Quote weit überschritten haben, werden durch Tubenligatur sterilisiert - Einwilligung nicht erforderlich.
Die Entfernung amtlich eingesetzter Verhütungsmittel bei Bäuerinnen, die trotz offiziellen Verbots mehr Kinder haben wollen, gehört inzwischen zu den von der Parteipresse verurteilten "Untergrund-Aktivitäten", mit denen skrupellose Helfer Geld verdienen. Der Preis schwankt zwischen fünf und 20 Jüan. Offizielle Stellen warnten zwar vor diesen Eingriffen, da sie oft mit rostigen Instrumenten vorgenommen würden; S.163 Gerichte verhängen Urteile, die abschreckend wirken sollen. So wurde im März in Peking ein Mann hingerichtet, weil er 83 Frauen ein eingesetztes Verhütungsmittel entfernt (und angeblich 16 von ihnen dabei vergewaltigt) hatte.
Die "Untergrund-Aktivitäten" jedoch werden fortgesetzt, da reguläre Ärzte kein Verhütungsmittel entfernen dürfen. Ärzte, die solche Eingriffe dennoch vorgenommen hatten, wurden bereits der "Obstruktion der Geburtenkontrolle" angeklagt.
Um diese Praxis zu unterbinden, haben einige Bezirke sogenannte Röntgenpatrouillen eingesetzt. So wurden in der Provinz Honan sechs Teams mit Röntgengeräten in die Kommunen geschickt. Stellte sich heraus, daß eine Frau ihr Verhütungsmittel entfernt hatte, mußte sie es sofort ersetzen lassen.
Da der Vollzug der verschärften Geburtenkontrolle den örtlichen Behörden unterliegt, wird sie in einigen Gebieten flexibler gehandhabt als in anderen. Die Chinesen wissen natürlich nicht, welche Regionen geburtenfreundlicher sind.
In den Kommunen der Provinz Schantung, deren Funktionäre die Kontrolle illegaler Schwangerschaften besonders streng handhaben, ist es inzwischen beinahe üblich geworden, daß Frauen, die im siebten oder achten Monat schwanger sind, "ihre Verwandten" in der Provinz Schansi besuchen, in der die Kontrollen weniger rigoros ausfallen, und dort ihr Kind zur Welt bringen. Nach einigen Monaten kehren Mutter und Kind dann zurück. In den meisten Fällen haben sie dann nur eine Geldstrafe zu gewärtigen.
Diese Geldstrafe besteht meist aus einer Pauschalzahlung an den Staat: in einigen Gebieten 400 Jüan für das zweite, 800 Jüan für das dritte Kind. (Monatsverdienst eines Durchschnittschinesen: 50 Jüan). Die Strafe kann in Raten gezahlt werden.
In gewissen Bezirken der Provinz Hopei beträgt die Rate für das zweite Kind jährlich 50 Jüan - zahlbar für einen Zeitraum von 14 Jahren.
Geldstrafen selbst dieser Höhe scheinen aber die Bauern nicht sonderlich abzuschrecken. Viele südchinesische Familien etwa, die Verwandte in Hongkong oder in Südostasien haben, erhalten von ihren Auslands-Verwandten Geldüberweisungen, speziell für den Zweck, ihre Kinder-Strafe zahlen zu können.
Der offiziell ausgeübte Druck, nur ein Kind zu haben, hat die traditionelle, auf dem Lande ohnehin noch lebendige Einstellung wieder verstärkt, daß Jungen wichtiger, also wünschenswerter seien als Mädchen: Söhne garantieren den Fortbestand der Familie, bleiben zu Hause und sind für den Unterhalt der Eltern verantwortlich, wenn die nicht mehr arbeiten können. Jungen erscheinen in dieser Wertung als Stütze der Familie, Mädchen dagegen als Belastung. Wenn ein Ehepaar also nur ein Kind haben darf, dann muß es wenigstens ein Junge sein.
Die sozialen Folgen liegen auf der Hand: Frauen, die von ihren Männern mißhandelt, von ihren Schwiegermüttern verflucht und von ihren Nachbarn verachtet werden, weil sie Mädchen gebären. Jährlich begehen viele Frauen aus diesem Grund Selbstmord.
Die Zeitungen sind voll von solchen Schicksalen. So veröffentlichte die Pekinger "Volkszeitung" am 23. Februar einen langen Brief von 15 Frauen aus der Provinz Anhwei. Unter der Überschrift S.164 "Wir fordern eine zweite Befreiung" beklagen sich die Leserinnen, daß sie "unter der Schande und dem Kummer", nur Mädchen geboren zu haben, seit Einführung der verschärften Geburtenkontrolle "geradezu unmenschlich leiden".
Es gibt aber auch schwere kriminelle Folgen. In einigen Dörfern der Provinz Kuangtung stellen die Bauern bei der Niederkunft einen Eimer mit Wasser neben das Bett der Gebärenden - ist das Kind ein Mädchen, wird es sofort ertränkt.
In der Provinz Kiangsu wurden in Flüssen, auf Feldern und selbst in öffentlichen Toiletten die Leichen neugeborener Mädchen gefunden. Kindermord an Mädchen ist inzwischen so verbreitet, daß die Zeitung der chinesischen Jugend einen aufrüttelnden Appell veröffentlichte, "die neugeborenen Mädchen zu retten".
Ministerpräsident Zhao Ziyang und Parteichef Hu Yaobang sahen sich veranlaßt, auf die Bedeutung der Frau in der Gesellschaft hinzuweisen und frauenfeindliche Relikte aus der Feudalzeit zu verurteilen.
Auch die Presse hat sich des Themas inzwischen angenommen. So veröffentlichte die "Peking Rundschau" einen Beitrag ihres zuständigen Redakteurs, der seine Leser unter Hinweis auf einen Artikel des Ehegesetzes daran erinnerte, daß Kindermord ein Verbrechen sei. Nach diesem Artikel sind "Kindermord durch Ertränken und andere Vergehen, durch die Kindern schwerer Schaden zugefügt wird, verboten".
Die Pekinger "Volkszeitung" wiederum entsandte zwei Reporter, die das Problem in ganz China recherchieren sollten. Ihre Schlußfolgerungen, in der "Volkszeitung" vom 31. Januar 1983 veröffentlicht, waren eindeutig. Die Recherchen in mehreren Provinzen und Städten hatten ergeben, daß die überwiegende Mehrheit ausgesetzter, verstümmelter und getöteter Kinder - abgesehen von kranken und verkrüppelten Jungen - Mädchen waren, daß die Waisenhäuser in einigen Bezirken zu 99 Prozent mit Mädchen belegt sind und in einem nicht genannten Bezirk allein in zwei Monaten 65 Kinder ausgesetzt wurden, allesamt Mädchen.
Die "Zeitung der chinesischen Jugend" brachte am 5. Februar 1983 den ernüchternden Bericht über einen Bauern des Bezirks Litscheng in der Provinz Schantung, der seine vierjährige Tochter ertränkte, als er erfuhr, daß seine Frau erneut schwanger war: Eine Wahrsagerin hatte ihm prophezeit, dieses Mal werde sie einen Jungen gebären - und ein zweites Kind wollte er vermeiden.
Der Bauer wurde verhaftet und zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Seine Frau schenkte einem neuen Kind das Leben - wiederum ein Mädchen.
Auch das chinesische Juristenblatt sah sich zu einer Stellungnahme veranlaßt. S.165 Unter der Überschrift "Das Ertränken von Babys ist eine gesetzwidrige Handlung" brachte es einen Artikel, in dem es hieß, früher seien Neugeborene wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten der Eltern getötet worden, heute habe der Kindermord andere Gründe.
Das Blatt führte als Beispiel an: Eltern, die bereits eine Tochter haben, möchten es noch einmal versuchen, um womöglich einen Sohn zu bekommen. Also töten sie das Mädchen.
Der Artikel schließt mit dem Hinweis, daß "Kinder nicht das persönliche Eigentum der Eltern sind und diese daher nicht nach freiem Belieben mit ihnen verfahren können".
Der Wunsch nach einem Sohn hat bereits zu einem schwunghaften Kinderhandel geführt. Die Tageszeitung "Gung Ming" berichtete unlängst über einen Entführungsfall in der Provinz Szetschuan: Der zweijährige Liu Yi wurde beim Spielen an einen "Menschenhändler" verkauft. Der wiederum verkaufte den Jungen an ein kinderloses Ehepaar in der Provinz Hopei für 450 Jüan weiter. Nach langem Suchen wurde der Junge gefunden und an seine Eltern zurückgegeben, die erneut 200 Jüan auf den Tisch legen mußten.
Mädchen dagegen brauchen nicht entführt zu werden - die Eltern verkaufen sie oft selbst an Familien, die Frauen für ihre Söhne suchen.
So berichtete die Tageszeitung der Provinz Szetschuan über ein 15jähriges Mädchen aus Tschengtu, das von seinen Eltern für 750 Jüan an eine Familie in der Provinz Honan verkauft wurde, weil S.168 deren Sohn eine Braut suchte. Das Mädchen jedoch lief weg, die Sache wurde bekannt. Die Leser der Zeitung rührte der Vorfall so sehr, daß sie Geld sammelten, um das Mädchen zurückzukaufen.
Allein in Szetschuan wurden im letzten Jahr 68 Prozesse wegen "Mädchenverkaufs" angestrengt, 83 Menschenhändler verurteilt.
Eine einträgliche Geldquelle für einfallsreiche Landsleute ist das verzweifelte Verlangen unzähliger Familien nach einem Sohn bei verordneter Ein-Kind-Ehe ohnehin längst geworden. So stellte ein Chinese namens Cui Jongtsian im Bezirk Hua der Provinz Honan eine "geschlechtsumwandelnde Wunderdroge" her, die das Geschlecht des Fötus ändern könne, wenn man sie in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft nimmt.
"Hundertprozentig wirksam" lautete der Werbespruch der 10 000 Broschüren, die er drucken ließ und in vier Provinzen verteilte. Kosten der Droge: 35 Jüan. Folgen: leichte Vergiftungserscheinungen. Der Mann wurde verhaftet, seine Droge beschlagnahmt.
In den größeren Städten preisen einige Krankenhäuser Verfahren an, das Geschlecht des Kindes vor der Geburt zu erkennen und so den Eltern im Falle eines unerwünschten Mädchens Gelegeheit zur Abtreibung zu geben. Diese Praxis jedoch wurde von Wissenschaftlern angegriffen: Sie würde das bereits offensichtliche Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen in der chinesischen Bevölkerung noch verschärfen.
Nach der Volkszählung von 1982 kommen in China heute 106,3 Männer auf jeweils 100 Frauen. "Dieses Mißverhältnis ist gefährlich", schrieb das sozialwissenschaftliche Blatt "Gansu". "Setzt es sich fort, wird uns das Gesetz der Natur in 20 Jahren erbarmungslos strafen, wenn unsere Söhne keine Möglichkeit mehr haben, eine eigene Familie zu gründen."
Eine weitere Langzeitfolge des Zwangs zur Ein-Kind-Familie ist bereits fühlbar: Der Chinese der Bürgerkriegs- und Revolutionszeit war robust, war es gewohnt, in großen Familien zu überleben, war abgehärtet durch das oft schwierige Zusammenleben mit anderen Kindern. Von frühester Jugend an war ihm bewußt, daß der begrenzte Lebensmittelvorrat geteilt werden mußte. Die Politik der Geburtenkontrolle bringt nun eine völlig andere Generation von Kindern hervor: einsam, verzärtelt, verwöhnt.
Eine erste Untersuchung, die in einem Schanghaier Kindergarten unter Einzelkindern durchgeführt wurde, ergab: "Diese Kinder achten weder ihre Eltern noch ihre Umgebung. Sie sind in bezug auf Essen und Kleidung sehr wählerisch. Sie sind egoistisch, kümmern sich nicht um andere und können nicht auf sich selbst aufpassen." Eine ähnliche Studie über einen Kindergarten in einem westlichen Bezirk Pekings kam zu der Schlußfolgerung: "Einzelkinder weisen weit mehr Schwächen auf als andere Kinder."
Chinesische Pädagogen sorgen sich über diese Entwicklung. 32 Bücher wurden über das Problem bereits geschrieben; sie enthalten Anleitungen für Eltern, wie sie ihre Einzelkinder erziehen sollen.
Während die Experten mithin solche langfristigen Konsequenzen durchaus sehen, bekräftigen Regierung und Partei erneut, daß sie diese einmal eingeschlagene Politik energisch fortführen wollen: S.171 Seit Anfang des Jahres läuft eine großangelegte Kampagne, welche die Notwendigkeit der Geburtenkontrolle unterstreicht, alle einschlägigen Methoden und Verfahren propagiert und die Bevölkerung von den Nachteilen großen Kinderreichtums zu überzeugen sucht.
"Ein Kind bedeutet Glückseligkeit" verkünden die Großplakate, die inzwischen in jeder Stadt angeschlagen sind und auf denen ein lächelndes Ehepaar mit einem einzigen Baby zu sehen ist.
Eine Druckerei in Schanghai griff auf das in China bekannte väterliche Bild zurück, auf dem Karl Marx das Baby seiner erwachsenen Tochter hält. Das Poster war zum chinesischen Neujahr (13. Februar) in allen Buchhandlungen zu haben. Motto: "Glücklich die Ein-Kind-Familie".
Die Pekinger "Abendnachrichten" stellten, historisch getreuer, ihren Lesern dar, daß sich Marxens Kinderreichtum - er hatte acht Kinder - "negativ auf seinen Kampf und seine Lebensumstände" ausgewirkt habe.
Die Vorteile für Ehepaare, die sich verpflichten, nur ein Kind zu haben, werden im ganzen Lande groß herausgestellt: garantierte Lebensmittelmarken für jedes Kind, gesicherter Platz im Kindergarten, kostenlose Erziehung und Vorrang bei Wohnungs-Zuweisung.
Gegen Vorlage einer Bescheinigung, daß sie nur ein Kind haben, können Ein-Kind-Ehepaare in Sonderläden 30 Prozent Rabatt auf Lebensmittel, Kleidung und Spielzeug für ihr Kind bekommen. In einigen Schulen werden Einzelkinder vor anderen Kindern geimpft, in einigen Krankenhäusern Einzelkinder, die an Kinderlähmung leiden, vorrangig vor anderen behandelt - so verkommt die Gleichheitsidee des großen Mao Tsetung im Dienst der Bevölkerungspolitik.
Bisher haben sich in ganz China 12,5 Millionen Ehepaare verpflichtet, nur ein Kind zu haben, meist Stadtbewohner. In den Städten, in denen der Wohnraum begrenzt ist und die Menschen Arbeit haben, die ihnen im Pensionsalter eine Rente garantiert, schwindet allmählich die traditionelle Verhaltensweise, mehr Kinder zu haben, um der sozialen Sicherheit im Alter willen.
Auf dem Land dagegen, wo immer noch 80 Prozent der Chinesen leben, geriet das von Teng Hsiao-ping eingeführte System der Eigeninitiativen mit dem Grundsatz "Mehr Produktion - mehr Geld" zu einem "Mehr Kinder - mehr Produktion". Mithin sieht auf dem Land alles ganz anders aus.
In den nächsten drei Jahren werden etwa 26 Millionen Paare im Jahr heiraten und Kinder in die Welt setzen - es sind Erwachsene, die während des großen, von Mao Tse-tung inspirierten Baby-Booms heranwuchsen und selbst geneigt sind, viele Kinder zu haben.
Die Geburtenkontrolle wird daher noch verschärft werden müssen, wenn die Regierung die Bevölkerungsexplosion in den Griff bekommen will. Bislang beweisen allein die gegen Parteimitglieder wegen "illegaler" Kinder verhängten Strafen, daß die neue Politik der Geburtenkontrolle nicht funktioniert.
In einer Kommune der Provinz Hopei sah sich eine Frau aus der Partei ausgeschlossen, weil sie ein viertes Mal schwanger wurde und die von der Partei befohlene Abtreibung verweigerte.
In Kanton wurde ein hoher Kader ebenfalls aus der Partei ausgeschlossen und verlor sogar seinen Job. Sein Vergehen war in der Tat unentschuldbar: Bereits Vater von sechs Töchtern, versuchte er noch ein siebtes Mal, endlich einen Sohn zu zeugen.

DER SPIEGEL 17/1983
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 17/1983
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Das beste Baby ist ein totes Baby“

  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling