26.09.1983

Der rasende Mitläufer

SPIEGEL-Redakteur Christian Schultz-Gerstein über Rainald Goetz und seinen Roman „Irre“ *
Zum diesjährigen Klagenfurter Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis wurde, wie schon immer, viel getuschelt und geunkt. Welcher Autor den Preis schon deshalb nicht bekäme, weil Reich-Ranicki ihn nicht leiden könne; wer eigentlich der Favorit für den Preis sei, aber mit Sicherheit leer ausgehen werde, weil er gerade einen anderen Literatur-Preis erhalten habe, und so weiter.
In diese routinierte Geschwätzigkeit, mit der man sich im literarischen Leben, in Klagenfurt zumal, die Zeit totschlägt, drang dieses Jahr das beunruhigende Gerücht, es befinde sich unter den eingeladenen Autoren ein "Genie", "einer der" - mehr wollten Verleger und Lektor nicht verraten.
Äußerlich unterschied sich Rainald Goetz von den anderen Literaten, die sich allemal unauffällig, über Äußerlichkeiten erhaben geben, durch einen gewissen punkmäßigen Aufzug mit gefärbten Haarsträhnen, Turnschuhen und dem unerläßlichen Hundehalsband ums Handgelenk. In der ihm zugedachten Eigenschaft als Genie tat er mir ein bißchen leid, weil sein Anblick mich nur an die streberhaft modernen jungen Leute in Herbert Reineckers "Kommissar" erinnerte.
Der Streber als Punker, das hat ja nun wirklich gerade noch gefehlt.
Tatsächlich entblödete sich Goetz auch nicht, mit brav die Regeln verletzender Verspätung zu seiner Lesung zu erscheinen. Nunmehr gekleidet wie zur Konfirmation, trug er ein Prosastück vor, das sich, wie denn sonst, "Subito" nannte.
Darin streberte er gegen den von lauter Nullen betriebenen Literaturbetrieb im allgemeinen und gegen die "Klagenfurter Scheiße" im besonderen. Und weil ein Streber-Punker nicht ohne Rasierklinge aus dem Haus geht, hatte Goetz auch die Rasierklinge dabei und ritzte sich die Stirn, aus der das Blut strömte, bis ihm schlecht und der Vorgang auch für die Medien zu einer Nachricht wurde. - Abends saß der Bluter von Klagenfurt kleinlaut und sichtlich anlehnungsbedürftig in einem Lokal, auf der sensationell geschlitzten Stirn nichts als ein lächerliches Hansaplast über der telegenen Wunde.
So wieder unter die klatschsüchtigen Literaten zu gehen, das hatte ja nun fast schon wieder ein bißchen waghalsige Größe.
Auch in seinem demonstrativ ausgeflippten Prosastück hatte es eine kurze Passage gegeben, die einem nahezu Ehrfurcht einflößte.
"Der Bahnhof", hieß es da, "hat mit seiner Fassade düster im Rücken gesogen, die Penner haben Raspe ohne eine Begierde angebettelt, das war ein kleiner Hauch von der Seite, aber stracks ist Raspe vorangegangen ..."
Aber dann wieder lautes, ätzendes Zeug und diese muffige Rasierklingen-Geschichte. Natürlich war Rainald Goetz, ohne einen Preis bekommen zu haben, der mediale Sieger von Klagenfurt: Blut und Literatur, das konnten sich die blutleeren Feuilletons nicht entgehen lassen.
Wie weiland Peter Handke in Princeton mit seiner Beschimpfung der Gruppe 47, so war Rainald Goetz nun mit seinem Klagenfurter Blutauftritt bekannt geworden.
Seinen ersten Roman kann eine Literaturredaktion jetzt nur noch vorsätzlich ignorieren.
Und richtig, das Goetz-Buch war noch gar nicht öffentlich, nur in Vorausexemplaren für die Literaturexperten erschienen, da setzte auch schon ein mystifikatorisches Raunen ein. Man hörte von Literaten, die den Roman derart bewunderten, daß sie sich außerstande sahen, eine Rezension zu verfassen. Andere stammelten nur, ob man das Buch von Goetz schon gelesen habe.
Es ist dieser erste Roman des 1954 geborenen Rainald Goetz allerdings ein erschütterndes und ein in seiner selbstmitleidlosen Unerbittlichkeit Furcht erregendes Buch.
Im ersten Teil erscheint Raspe, die Hauptfigur, Assistenzarzt an einer psychiatrischen Klinik, als zerfetzter, durch die alltäglichen Erfahrungen im medizinischen Wahnbetrieb von Schuld, Ohnmacht und himmelschreiendem Größenwahn geschüttelter Ich-Erzähler und Mittäter.
Mal steigert er sich angesichts des in Karriere-Rivalitäten, Kantinenklatsch und Aktenordnern verschwindenden Patientenunglücks ins "klare Bewußtsein der Sendung", auserwählt zu sein, den Weißkitteln, "den Ahnungslosen", den wahren Weg zu zeigen.
Dann verfällt er auch schon wieder in eine kalte Ohnmacht und betrachtet mit einer wie Rache anmutenden Tatenlosigkeit den Sekundenzeiger seiner Uhr, wie er die Minuten und die Stunden eine nach der andern tötet.
Goetz stimmt nun allerdings nicht das wohlfeile moralische Schießbuden-Lamento gegen eine seelenlose Psychiatrie an, schon deshalb nicht, weil sein Protagonist bei allen Skrupeln und Einsichten ein geradezu rasender Mitläufer ist, der als Agent seiner "Blitzkarrierephantasien" den Ober- und Chefärzten an den Lippen hängt, Kongresse besucht, Referate hält und stets zu Diensten ist, wo er bei Vorgesetzten Pluspunkte sammeln kann.
Raspes Kopf wird zum "Echoraum", der von den Stimmen der Kollegen widerhallt, bis er selber genauso redet wie sie. Er weiß, daß die Patienten zu ihren Leiden einen jahrelangen Weg zurückgelegt haben, aber er speist sie nun auch mit diesen eiligen Formeln der abwesenden Teilnahme ab, die nur noch in Medikamenten denkt. Wohl ist ihm, versteht sich, nicht dabei. "Können wir nicht doch irgendwie helfen?" fragt er sich dann, um "merkwürdig gestärkt", die Akte des Patienten Wörmann aufzuschlagen, der Raspe entnehmen wird, welche Dosis welcher Medikamente in diesem Fall angezeigt ist.
Raspe (oder Goetz) schont sich nicht. Keine Ausrede läßt er sich durchgehen, keine bessere Einsicht als Rechtfertigung für die Fortsetzung seines Mitläufertums gelten.
"Raspe schämte sich", heißt es an einer Stelle. "Er war so willig, er war so behende, er funktionierte so gut." Aber im selben Atemzug tut er derlei zerknirschte Selbstanklagen auch schon als bloße "Nachtgedanken" ab.
Die Qualen dieses gelehrigen Psychiatrie-Funktionärs, der nach oben kommen
will in einer von ihm als menschenverachtend erkannten Institution, werden zum Schock, wenn er deren, wenn er seine Opfer nur einmal nicht mit den toten Augen der Macht, nicht aus der betriebsblinden Kittel-Perspektive wahrnimmt.
Einem Vorgesetzten, Professor Schlüssler, ist für die gleich beginnende Vorlesung kurzfristig ein Demonstrations-Patient ausgefallen. Der beflissene Raspe sorgt Hals über Kopf für Ersatz aus seinem Patienten-Bestand und sitzt nun als Zuschauer zwischen den Studenten im Hörsaal. Der Professor bittet die Schwester, "den Herrn Fottner", das Objekt von Raspes Dienstbarkeit, hereinzubringen. Was Raspe, außer Dienst, jetzt sieht, spottet aller Karriere-Gedanken und aller medizinischen Wissenschaft.
"Nur ein Paar Pantoffeln war Herr Fottner. Die kämpfen sich millimeterweise gegen den mächtigen Wunsch nach Stillstand und endgültiger Ruhe durch die blauschwarze Maserung des Linoleums. Wollte nicht auch das Linoleum die Pantoffeln halten und sich anverwandeln? Einfach Boden werden, Getretenes, und ewig liegen. Aber die Pantoffeln waren nicht einmal Pantoffeln, Feierabend Fernsehbier, sondern Schlapfen, Schlürfendes also, farblos und abgewetzt, das noch nie hoch wollte, weg vom Boden, immer schon nur geschleift wurde und Verzweiflungsschuhwerk war. Gegenüber diesen durch den Boden sich voran schiebenden Schlapfen hing der restliche Mensch ganz zurück."
Wenige Seiten später fährt es aus Raspe heraus wie der klemmende Korken aus der Flasche: "Ich will nicht werden wie ich bin."
Tatsächlich ist Raspe im letzten Teil des Romans nicht mehr Assistenzarzt in der psychiatrischen Klinik, sondern Mitarbeiter im kulturellen Leben, weil er nach mehreren Wochen Nichtstun "jetzt in meine Leere gerne etwas hineinfüllen" würde, "vielleicht eben eine Kultur".
So zufällig und grundlos das Motiv für Raspes Absprung in den Kulturbetrieb ist, so plausibel ist die hämmernde Unnachsichtigkeit, mit der er ausgewählte Repräsentanten dieses Betriebs verfolgt.
Wenn er gegen "die depperte Gescheitheit" eines Achternbusch-Routiniers Amok läuft, wenn er im "Schlamm des Verantwortungsvollen Denkens (VD)" wühlt, wenn er sich die Ohren zuhält vor dem "gewohnheitsmäßig wacker empörten Tonfall" und vor all den "dümmsten engagierten Richtigkeiten" in den Medien, wenn er "ÖkoMumpitz, FriedensHetze, nicht zu vergessen die Medien-, Video- und Computer-Gefahr", nicht ertragen kann, dann wütet immer der ehemalige Assistenzarzt Raspe mit seiner "Trauer über das Gar Keinem Helfen Nicht Können". "Diese Trauer brennt und sengt in einem. Als Asche könnte man unten aus seinem Ärztekittel unten raus fallen."
Vor dieses verzweifelte Bewußtsein werden von Raspe die Kulturgrößen zitiert, die nicht anders als die Weißkittel in seiner Klinik mit routinierter Anteilnahme über jedes Glück oder Elend triumphieren, indem sie es zum bloßen Anlaß nehmen, ihre Verfügungsgewalt, ihre Verantwortung zu demonstrieren. Raspe treibt sie, "die dummkritischen Verantwortungsbürger", die nichts erschüttern kann, die nur einen ahnunglosen Durchblick haben, in einer "Peinsackparade" vor sich her.
Da gibt es nun kein Halten mehr, auch nicht vor dem Thron von Raspes Gott, dem Dichter "Ee" wie Hans Magnus Enzensberger.
Der hatte ihm einmal gestanden, "ein Spieler" zu sein, aber "nur Risiko-Spiele" zu machen. "Bravo, nieder mit den Zillionen Kultur-Langweilern!" hatte Raspe gerufen.
Jetzt aber erscheint ihm auch der Dichter "Ee" als ein nur besonders gewiefter Langweiler, der jedes Risiko scheut und "mit brillanten Formulierungen gratisrecht" hat.
Auch der scheinbar ständig von neuen Erkenntnissen umgetriebene Enzensberger nur ein kulturbetriebsames Gewohnheitstier, von dem inzwischen "der Letzte Landarzt schon heute" weiß, daß er sich doch längst bereits in die "morgige ultraneueste Ecke" davongemacht hat.
Die Kultur, mit der Raspe seine Leere füllen wollte, ist selbst eine Leere, am Ende hat er nicht einmal mehr Lust, "Peinsäcke zu verdreschen". "Doch was jetzt?" fragt er, abermals ratlos.
Berechtigte Frage.
Von Christian Schultz-Gerstein

DER SPIEGEL 39/1983
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