06.06.1983

LYRIKEdelster Bestand

Eine von Bundespräsident Carstens edierte Lyrik-Anthologie wurde vom Bertelsmann-Verlag vorläufig zurückgezogen - wegen gravierender editorischer Mängel. *
Der Verlagsprospekt verhieß "unverlierbare Schätze", die Kostbarkeit war in einen marmorierten Schutzumschlag gehüllt und trug, schlicht wie eine Inschrift auf dem Grab des Unbekannten Soldaten, den Titel "Deutsche Gedichte".
Als Herausgeber dieser lyrischen Heldengedenk-Sammlung firmiert denn
auch eine staatstragende Persönlichkeit, der Bundespräsident Karl Carstens.
In seinem Vorwort ehrt Carstens die großen Dichter als "Offenbarung über den inneren Menschen", er bekennt sich "zum edelsten Bestand unserer Sprache" und schildert, was er empfand, "wenn mich ein Gedicht besonders ergriff".
Doch der feierliche Staatsakt zu Ehren der deutschen Dichtung entpuppte sich als Zeremonie der herrenhaften Geringschätzung für Poesie und Poeten.
Herausgeber Carstens war mit den Namen und Versen der bleibenden Dichter derart flüchtig umgegangen, daß der Bertelsmann-Verlag das nunmehr verlustreiche Werk mit den unverlierbaren Schätzen Ende vergangenen Monats aus dem Verkehr zog.
Die Erstauflage von 15 000 Exemplaren wurde eingestampft; Germanisten sitzen derzeit in Bibliotheken bei dem beliebten Spiel, "Original und Fälschung" zu vergleichen. Mitte Juni soll die korrigierte Fassung vorliegen. Ein hartes Stück Arbeit ist bis dahin zu leisten.
Denn der Bundespräsident hat, vom Bertelsmann-Lektorat unbemerkt, nicht nur in seinem mit eigener Hand verfaßten Vorwort etliche Namen, ob von Günter Kunert oder von Max Herrmann-Neiße, verkehrt geschrieben. Auch in den Kurz-Interpretationen, zu denen das Staatsoberhaupt sich hinreißen ließ, wimmelt es von kleinen und großen Fehlern.
Da hapert es einmal mit der Genitivbildung, wenn "das Schicksal eines jüdischen Leidensgenossens" zitiert wird. Ein andermal steht Professor Carstens mit dem Genus auf Kriegsfuß, indem das "Weihnachtslied" zuerst schockiert, dann aber "ihre" Frömmigkeit offenbart, die Weihnachtslied wohlgemerkt.
Was soll''s, wenn man die Regeln der deutschen Sprache schon einmal ignoriert, dann muß man auch nicht wissen, daß "der" Kleinmut nun einmal nicht "die" Kleinmut heißt. Rätselhaft nur, warum Carstens nicht gleich "das" Kleinmut sagt.
Wenn der höchste Repräsentant des Volkes der Dichter und Denker sich aber einer einwandfreien Grammatik befleißigt, dann wird er erst richtig unverbesserlich. So würdigt Carstens etwa ein Gedicht der Ina Seidel, weil sie darin "die Brücke zwischen dem Duft der Linden und der Ewigkeit" zu schlagen weiß.
Ähnlich umspannend, daß alles einerlei wird, ist für Carstens auch die "Begabung" des Dichters Arno Holz: Sie reicht "von der humorvollen Schilderung der eigenen Geburt bis zur Tragör die des vermißten Fischerbootes".
An Georg Trakl hingegen schätzt Carstens die lyrische "Anklage gegen den Krieg, dessen Grauen er" - heiter, in fröhlicher Zuversicht auf den Endsieg? nein - "in düsteren Farben malt".
Wenn der Bundespräsident die deutschen Dichter zum intellektuellen Nulltarif verramscht, dann dürfen wir sie nicht wie Kostbarkeiten behandeln, mag man beim Bertelsmann-Lektorat gedacht haben.
So wurde einem Gedicht von Albrecht Goes ein "und" hinzugefügt, das es im Original nicht gibt; der große Barockdichter Gryphius wird zum Legastheniker, bei dem "die Türme" in Glut "steht", und dem Schriftsteller Reiner Kunze wollte man offenbar die poetischen Flausen ein für allemal austreiben. Die insgesamt 26 Kunze-Verse wurden durch zwei Dutzend Entstellungen von allem künstlerischen Wildwuchs befreit.
Wäre ja auch noch schöner, wenn man so einem Lyriker durchgehen ließe, daß er "das Nichts" klein schreibt, am Satzende _(Bei der Präsentation seiner Anthologie ) _("Deutsche Gedichte" in der Villa ) _(Hammerschmidt. )
keinen Punkt macht und kein Komma setzt, wo schließlich ein Komma hingehört.
Als der Bertelsmann-Verlag mitteilte, daß die "Deutschen Gedichte" wegen schwerwiegender editorischer Mängel vom Markt zurückgezogen werden, sah Carstens keinen Grund, sein Werk nicht zu feiern.
Bei der Präsentation des Lyrik-Flops in der Villa Hammerschmidt zeigte er sich entzückt über die "äußere Aufmachung" des Bandes.
Inzwischen gesteht man im Präsidialamt freilich zerknirscht ein, die von Carstens erwünschte Beschaffung der Korrekturfahnen "wohl nicht mit dem nötigen Nachdruck betrieben zu haben".
Bei der Präsentation seiner Anthologie "Deutsche Gedichte" in der Villa Hammerschmidt.

DER SPIEGEL 23/1983
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