21.02.1983

US-JAPANERJagd eröffnet

Nach dem Angriff auf Pearl Harbor sperrten die USA 1941 fast 110 000 eingebürgerte Japaner in Internierungslager. Drei Ex-Insassen klagen jetzt auf Wiedergutmachung.
Sie blieben unter sich in ihren Gettos, lebten vom Obstanbau und Gemüseverkauf, waren in Amerika geboren und Staatsbürger der Vereinigten Staaten oder, durch langen Aufenthalt, zumindest anerkannt als "legale Fremde".
Doch dann, am 7. Dezember 1941, zerbombte Japans Luftwaffe Amerikas Pazifik-Flotte in Pearl Harbor. Innerhalb weniger Wochen wurden die Amerikaner japanischer Herkunft zu einer fanatisch gehaßten Minderheit.
Ihre Wohnquartiere wurden zu "militärischen Gebieten", sie mußten sich an nächtliche Ausgangssperren halten und sahen sich unverhohlenem Rassenhaß ausgesetzt. Schilder in Drugstores erklärten: "Jagdsaison auf Japaner eröffnet - Lizenzen in unbegrenzter Zahl hier erhältlich." Das Photoblatt "Life" veröffentlichte "Richtlinien", wie Japaner von anderen Asiaten zu unterscheiden seien. Und Zeitungskommentare nannten die Japan-Amerikaner "kleine gelbe Leute", die es darauf abgesehen hätten, "unser grünes Kalifornien" zu stehlen.
Nicht viel anders reagierten Politiker und Militärs. Zweieinhalb Monate nach "Amerikas Tag der Schande" unterzeichnete Präsident Franklin Delano Roosevelt die Executive Order 9066, die S.142 zur rechtlichen Grundlage für die folgenden Maßnahmen wurde:
FBI-Agenten und Soldaten riegelten Gebiete mit starker japanisch-amerikanischer Bevölkerung ab, Bundespolizisten drangen in Wohnungen ein, beschlagnahmten Radios, Kameras und Taschenlampen, sperrten Sparkonten und befahlen schließlich den Bewohnern, ihr Bündel zu packen und sich zum Abtransport bereitzuhalten.
Mit Greyhound-Bussen und Sonderzügen wurden damals insgesamt 109 347 Amerikaner japanischer Herkunft aus den Küstenstaaten Washington, Oregon und Kalifornien sowie aus Süd-Arizona auf zehn Internierungslager fern der Pazifik-Küste verteilt. Dort verbrachten sie die folgenden drei Jahre, bewacht wie Kriegsgefangene, hinter Stacheldraht und in der qualvollen Enge teerpappebeschlagener Behelfsbaracken.
Gegen diesen Bruch ihrer verfassungsmäßig garantierten Bürgerrechte reichten im vorigen Monat drei der damals Internierten bei den Distriktsgerichten von Seattle (US-Staat Washington), Portland in Oregon und San Francisco (Kalifornien) gleichlautende Klagen ein.
Gordon Hirabayashi, Minoru Yasui und Fred Korematsu beschuldigten die USA "mehrmaliger fehlerhafter ... ungesetzlicher Amtsführung", die darauf abgezielt habe, "die Gerichte und die Nation in die Irre zu führen und zu betrügen".
So habe das US-Justizministerium beispielsweise wissentlich Informationen unterschlagen, die den Vorwurf entkräfteten, die Amerikaner japanischer Herkunft würden zugunsten Japans "Spionage und Sabotage" betreiben.
Urheber dieser These war der damalige Militärkommandant der Westküste, General John L. DeWitt. Er hatte dem Kriegsministerium einen Bericht übergeben, in dem er seine asiatischen Mitbürger als Mitglieder einer "feindlichen Rasse" bezeichnete, deren "rassische Charakteristika" sie "anfällig für Illoyalität" machten.
Der General gab an, "Hunderte von Meldungen über nächtliche Lichtsignale an der Küste" erhalten sowie offenbar geheime, "nicht identifizierbare Funckontakte abgehört" zu haben.
Die Bundespolizei FBI unter ihrem damaligen Direktor J. Edgar Hoover ging jedem in DeWitts Bericht aufgeführten Fall nach: Nicht einer war stichhaltig. Weder das FBI noch die gleichzeitig fahndende Spionageabteilung der U.S. Navy hatte je Lichtzeichen ausgemacht, die darauf hingedeutet hätten, daß mögliche Kollaborateure von der US-Küste aus japanischen U-Booten im Pazifik Nachrichten übermittelten.
Ebenso negativ war das Untersuchungsergebnis der für den Funkverkehr zuständigen Kommunikationsbehörde FCC. Behörden-Chef George Sterling S.143 hielt die Abhörspezialisten der Army für "unfähig und schlecht ausgebildet" und den General DeWitt für besessen "von dem Glauben, die Wälder seien voller Japaner und ihren Sendegeräten".
Aufgrund der Navy-, FBI- und FCC-Recherchen hielten Anwälte des Justizministeriums in einer Fußnote fest, daß die Angaben des Army-Generals "zweifelsfrei und absichtlich Fälschungen" seien und "den detaillierten Informationen widersprechen, die wir besitzen".
Doch weder diese Fußnote noch die ausführlichen Berichte der Bundesbehörden, die den rassistischen General DeWitt ("Ein Jap bleibt ein Jap, egal, ob der Jap ein Staatsbürger ist oder nicht") widerlegten, tauchten je in den offiziellen Dokumenten des Justizministeriums auf.
Präsident Roosevelt wußte ebensowenig von den Lügen seines Generals, als er die Internierungsorder unterzeichnete, wie die Richter des Supreme Court, als sie im Verlauf des Krieges über die Rechtmäßigkeit der nächtlichen Ausgangssperre für Japano-Amerikaner befanden - und sie bestätigten.
Wie das Kriegsministerium seinerzeit die Einwände des Justizministeriums tilgte, geht aus den Klageschriften hervor, die den Gerichten in Seattle, Portland und San Francisco vorliegen. Die einschlägigen Dokumente hatte sich Peter H. Irons, Hauptanwalt der drei Kläger und Professor für Politische Wissenschaften an der University of California in San Diego, von Regierungsbehörden aushändigen lassen.
Besonders aktiv, so geht aus den vier Jahrzehnte unter Verschluß gehaltenen Schriftstücken hervor, hatte der damalige Unterstaatssekretär im Kriegsministerium und spätere US-Hochkommissar in Nachkriegs-Deutschland, John J. McCloy, den falschen Report des Generals DeWitt durchgedrückt.
Aktenkundig ist etwa, daß auf McCloys Betreiben der Druck einer Stellungnahme des Justizministeriums mit den entlastenden FBI- und FCC-Befunden gestoppt wurde. Und McCloy war es auch, der den damaligen Chefanwalt Charles Fahy überredete, alle Hinweise auf die offensichtliche Unglaubwürdigkeit von DeWitts Berichten herauszunehmen. Überdies ließ McCloy die zusammenfassende Fußnote durch einen nichtssagenden Zusatz ersetzen.
Den Vorwurf, er habe durch seine Manipulationen die Internierung Unschuldiger herbeigeführt, will McCloy auch heute noch nicht gelten lassen. Vor einem Untersuchungsausschuß des Kongresses, der die Hintergründe für die Internierung der 110 000 aufhellen soll, erklärte McCloy die Maßnahmen für "angemessen und wohlüberlegt sowie human durchgeführt".
Daß sich die Vereinigten Staaten bis heute nicht für die rassistische und rechtswidrige Behandlung entschuldigt, weder beschlagnahmte Vermögen in voller Höhe ersetzt noch anderweitige Schäden wiedergutgemacht haben, focht McCloy nicht an. "40 Jahre nach der Tat" sei es "nicht angebracht, den Schaden zu bestimmen" und Reparationen zu zahlen.
Der Internierungsausschuß aber, dessen Bericht noch in diesem Monat veröffentlicht werden soll, mochte sich dieser Ansicht nicht anschließen. Dem Vernehmen nach will der Ausschuß dem Kongreß empfehlen, jeder damals internierten Familie 25 000 Dollar zu zahlen.

DER SPIEGEL 8/1983
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