24.01.1983

Der eiserne Griff der Verehrer

SPIEGEL-Redakteur Christian Schultz-Gerstein über den Koeppen-Kult
Seit mehr als zwei Jahrzehnten erklingen die Lobeshymnen in den deutschen Feuilletons. Sie gelten dem "Autor der drei bedeutendsten Nachkriegsromane" ("Die Zeit"), einem "der besten Stilisten und wichtigsten Romanciers der deutschen Nachkriegsliteratur" ("FAZ"), dessen Prosawerke nicht nur der Kritiker Reich-Ranicki zu den "wichtigsten und aufregendsten" zählt, "die in deutscher Sprache nach 1945 geschrieben wurden".
Das Objekt dieser geharnischten Superlative ist der 76 Jahre alte, in München lebende Romancier Wolfgang Koeppen, der von 1951 bis 1954 die drei Romane "Tauben im Gras", "Das Treibhaus" und "Der Tod in Rom" - jeden im zügigen Tempo von drei Monaten - geschrieben hat.
Seither hat Koeppen keinen Roman mehr veröffentlicht, lediglich ein schmales Prosabändchen ist 1976 als Fragment unter dem Titel "Jugend" erschienen. Zwar kündigte er immer wieder ein neues Epos an, teilte auch die Titel der jeweils unmittelbar vor der Vollendung stehenden Werke mit, die "Ein Maskenball" oder "In Staub mit allen Feinden Brandenburgs" hießen - erschienen aber ist der neue Koeppen-Roman bis auf den heutigen Tag nicht.
Dafür hat der Suhrkamp Verlag ihn für Herbst 1983 abermals in Aussicht gestellt. Diesmal soll das Werk "Tasso" heißen.
Doch eben diese seit nahezu 30 Jahren nicht geschriebenen Werke sind die Grundlage des an Kuriositäten reichen Koeppen-Kultes, der spätestens seit 1972 im Duett mit Siegfried Unseld zelebriert wird, der den zuvor von Goverts verlegten Koeppen mit Vorschüssen an den Suhrkamp-Verlag band in der Hoffnung, den Autor des neuen "Ulysses" engagiert zu haben - eine Fehlspekulation, die der Suhrkamp-lastige Literaturbetrieb in einen Glücksgriff umdichtete.
"Wolfgang Koeppen ist einer unserer größten Schriftsteller", schrieb 1971 die "Frankfurter Rundschau". Begründung: "Er ist es auch, weil er so lange geschwiegen hat und vielleicht noch lange schweigen wird."
Dieses Kriterium, das den Rang eines Schriftstellers daraus ableitet, daß er nichts schreibt, ist nicht etwa, wie man meinen sollte, dem Gelächter des Literaturbetriebs anheimgefallen, sondern gehört zum festen Repertoire der Koeppen-Verehrung.
Im November 1982 konnte man es wieder einmal - in der "Stuttgarter Zeitung" - lesen, daß es Koeppens nicht geschriebene Werke seien, "die ihn zum poeta laureatus erheben und die ihn aus der Schar der Textlieferanten und Zeilenschinder herausragen lassen".
Die gleichermaßen hohe Wertschätzung der epischen Abstinenz und der Epik Koeppens ist zwar eine handfeste Beleidigung des Romanciers, doch die Liebe zu ihm macht seine Verehrer derart blind, daß sie ihn längst nicht mehr als leibhaftige Person zu sehen vermögen, sondern ihn als Knetmasse ihrer Bewunderung benutzen.
So verfiel schon 1966 der "FAZ"-Kritiker Karl Korn, als er Koeppen zum 60. Geburtstag gratulierte, unwillkürlich in die Vergangenheitsform und rief dem Lebenden nach: "Und dieser Koeppen konnte schreiben. Er hatte bei den Richtigen gelernt, von Joyce bis Faulkner ..."
Nicht anders verheimlichen die Koeppen-Mythologen hartnäckig die öffentliche Existenz des Meisters und pflegen die Legende vom weltabgewandten Einsiedler, der "sich den Blicken der Öffentlichkeit entzieht" ("Die Zeit"), der "dem voyeuristischen Interesse der Medien" ausweicht ("Frankfurter Rundschau") und "sich nicht ehrgeizbeladen nach vorn drängt" ("Die Welt"). Noch 1981 stellte Koeppen-Bewunderer Ulrich Greiner in der "Zeit" definitiv fest: "In den Medien erscheint er nicht."
Wie bitte? Im März 1975 war Koeppen zu Gast in Hans Werner Richters TV-Plauderei "Open End"; im Mai 1975 berichtete er in einem Fernsehfilm über sein Verhältnis zum Amt des Stadtschreibers S.168 von Bergen-Enkheim; im Oktober 1980 war im dritten Programm des WDR ein Film über Koeppen zu sehen; im Juni 1981 strahlte der Bayerische Rundfunk ein einstündiges Gespräch mit Koeppen aus; zuletzt konnte man Koeppen im April 1982 in der TV-Sendung "Autor-Scooter" sehen.
Nach demselben Verfahren der generösen Unterschlagung von Fakten, die an den tatsächlichen, leibhaftigen Koeppen erinnern, weben seine irdischen Stellvertreter an dem Märchen vom verkannten Dichter, bei dessen Würdigung "die literarische Öffentlichkeit" versagt (Greiner) habe.
Koeppens erster, 1951 erschienener Nachkriegsroman wurde gleich gefeiert wegen seiner "künstlerischen und geistigen Intensität", wurde als "großer Wurf" gepriesen, den man, wie etwa Rudolf Krämer-Badoni, "bewundert, ganz einfach bewundert" hat.
"Eine Sensation", "ein bedeutendes Buch", "eine literarische Kostbarkeit", ein "Künstler von unbedingtestem Formanspruch" schallte es dem Romancier Koeppen aus der literarischen Öffentlichkeit der 50er Jahre entgegen. Eine Minderheit nur, die da befand, was Koeppen schreibe, sei "nicht gestaltet", sei nur "hingesagt" und "unverdaut".
"Es ist richtig, daß die Mehrheit der damaligen Rezensenten sich zustimmend äußerte", muß denn auch Koeppen-Anwalt Greiner gestehen, nachdem er eben noch das Versagen der literarischen Öffentlichkeit konstatiert hatte.
Überdies hat Koeppen zahllose Auszeichnungen erhalten: vom Büchner-Preis, den er 1962 bekam, bis zum Münchner Kulturpreis, den die bayrische Landeshauptstadt 1982 an Koeppen vergab.
Doch die Sage vom großen Dichter, den die Mitwelt nicht zu würdigen weiß, gehört nach wie vor zur Liturgie jeder Koeppen-Andacht.
Daß man Koeppen allen Tatsachen zum Trotz zum hilflosen Subjekt herunterbetet, das sich vor lauter Schüchternheit und Mißerfolg nicht in die Öffentlichkeit traut, die sich durch Ignoranz an ihm versündigt hat, an dieser Version vom Pflegefall halten seine Verehrer schon deshalb so zäh fest, weil sie selber darin die Hauptrolle spielen.
Wenn sie in den Medien beispielsweise behaupten, Koeppen erscheine nicht in den Medien, so meinen sie lediglich, ohne sie erschiene er nicht in den Medien. Wenn sie Koeppens literarische Bedeutung preisen, die leider von der Restwelt verkannt werde, so geben sie nur beiläufig zu verstehen, daß Koeppens literarische Bedeutung ohne sie gleich Null wäre.
Und wenn sie Koeppens Nicht-Werke feierlich zu Meisterleistungen eines poeta laureatus erheben, dann wollen sie nur ganz schlicht sagen, daß das Beste und Wichtigste an Koeppen nicht seine Werke, sondern sie, seine Verehrer, sind.
Weil der Koeppen-Kult so ganz ohne Koeppen aber nun auch wieder nicht funktioniert, muß das Objekt von Zeit zu Zeit aktiviert werden.
Nachdem bislang alle Versuche fehlgeschlagen sind, den neuen großen Roman aus ihm herauszuloben, nachdem alle Preise und verbalen Superlative Koeppen offenkundig nicht beflügelt, sondern eher gelähmt haben, hat die "FAZ" nun endlich doch einen Weg gefunden, dem schweigenden Romancier ein neues Epos abzuringen.
Anfang Januar begann das Blatt mit dem Vorabdruck dieses Werkes. In einer Einführung wurde es vorgestellt unter der Überschrift "Nach 48 Jahren", scheinbar der Titel des Romans, denn in der Unterzeile hieß es erläuternd: "Wolfgang Koeppens Roman als Vorabdruck in der F.A.Z.".
Der Roman heißt freilich nicht "Nach 48 Jahren", sondern er heißt "Die Mauer schwankt", er ist auch nicht, wie sonst bei vorabgedruckten "FAZ"-Romanen üblich, neu, sondern stammt aus dem Jahre 1935 und gehört damit in die Kategorie jener Werke, welche die "FAZ" unter der Rubrik "Romane von gestern - heute gelesen" zu würdigen pflegt.
Aber Koeppens Verehrer schrecken eben vor nichts zurück, auch nicht davor, sein episches Schweigen auf eigene Faust zu brechen.
So abstoßend der Koeppen-Kult ist, so lehrreich ist er auch. In keiner anderen Inszenierung des Literaturbetriebs spielen Literaturkritiker derart ungeschminkt ihre Haupt- und Lieblingsrolle: die Rolle des Zuhälters, der auf eigene Rechnung die Schriftsteller dichten läßt, und der, wenn sie nicht wollen, zur Not auch nachzuhelfen weiß.

DER SPIEGEL 4/1983
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