10.10.1983

„Ein Jäger würde mich erstechen“

SPIEGEL-Interview mit dem niedersächsischen Naturschutz-Experten Georg Fruck über die Jagd Georg Fruck, 35, gehört zu den elf Abgeordneten der Grünen im niedersächsischen Landtag, die durch einen Entschließungsantrag an das Parlament die Landesregierung unter Ernst Albrecht (CDU) „zwingen wollen, die Jagd erheblich einzuschränken“. Der Biologielehrer aus Appel in der Nordheide will verhindern, daß zahlreiche Tierarten, die in ihrer Existenz bedroht sind, weiterhin erlegt werden, darunter Hase, Fuchs, Schnepfe und Rebhuhn. Die Abschaffung aller privaten Jägerei, Fernziel der Grünen, soll jetzt noch nicht beantragt werden. Fruck: „Das wäre der zweite Schritt vor dem ersten.“ *
SPIEGEL: Sie wollen den Jägern an den Kragen.
FRUCK: Jedenfalls soweit Jagd nichts anderes ist als eine exklusive Form gesellschaftlicher Begegnung mit dem Prinzip der Lust am Töten.
SPIEGEL: Jäger sind auch Heger. Sie sagen, Jagd sei praktischer Naturschutz.
FRUCK: Danach sieht die Natur auch aus. Jagd sollte nur erlaubt sein, wo sie einem Schutzzweck dient. Wir Grünen fordern: Tiere raus aus dem Jagdrecht, rein in das Naturschutzrecht.
SPIEGEL: Dann gibt es keinen Rehrücken mehr.
FRUCK: Doch. Reh und Wildschwein, Dam- und Rothirsch und auch Wildkaninchen soll man weiterhin jagen. Alles andere nicht, insgesamt über zwanzig Wildarten. Sonst dauert es nicht mehr lange, und es gibt sie nicht mehr.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
FRUCK: Das Rebhuhn. Das ist in einer solchen Notsituation. Für Großwild gibt es präzise Abschußpläne, die festlegen, wieviel Tiere welchen Alters und Geschlechts geschossen werden dürfen. Beim Rebhuhn gibt''s gar nichts, nur die Jagdzeiten. Und dann wird drauflosgeschossen.
SPIEGEL: Wenn es nicht vorher die Greifvögel geschnappt haben. Die wollen Sie aber auch schützen.
FRUCK: Die sind ja geschützt und dürfen nur mit Ausnahmegenehmigungen eines Kreisjägermeisters bejagt werden. Inzwischen gibt es aber bald so viele Ausnahmegenehmigungen wie Bussarde und Habichte. In Niedersachsen gibt es Musterknallbezirke wie Lüneburg, ohne Rücksicht auf Verluste.
SPIEGEL: Statt auf Rebhühner und Habichte sollen die Jäger also auf Wildschweine und Rehe zielen.
FRUCK: Weil die im Sinne von Massentierhaltung durch Zufüttern das ganze Jahr über gepäppelt werden und die Wälder kaputtfressen. Die werden gezüchtet, um geschossen zu werden, damit die Jäger eine Trophäe über dem Sofa haben.
SPIEGEL: Ist das nicht Hege?
FRUCK: Auch der Fasan wird gehegt. Der gehört in den Himalaja, wo er herkommt. Hier hat der nichts zu suchen. Fasane sind hier mal ausgesetzt worden für Gesellschaftsjagden. Man könnte die auch zu Hause töten, wie Brathähnchen. Aber dann geht der Nimbus verloren. Man möchte so einen Vogel eben vom Himmel holen.
SPIEGEL: Immerhin legen die Jäger Feldholzinseln an und pflanzen Hegebüsche, um das Niederwild zu schützen.
FRUCK: Irrtum. Die wollen das Niederwild wieder jagdbar machen und abpüstern.
SPIEGEL: Die Jäger sagen, sie hätten an Stelle des Raubwildes zu handeln, für Wolf und Bär, die bei uns verschwunden sind.
FRUCK: Das ist nun wirklich eines der blödesten Dogmen, ökologischer Hokuspokus. Es ist genau umgekehrt. Nicht die Räuber regulieren die Beute, sondern die Beute gibt den Ausschlag, wie die Räuber zurechtkommen. Ohne Mäuse keine Bussarde. Und unsere Rehe haben zuviel Grünfutter, nicht zuwenig Wölfe. Die Regulation erfolgt durch die Nahrung von unten her. Aber das ist eben dieses hierarchische Räubersystem. Anders wissen es die Jäger nicht.
SPIEGEL: Vielleicht hat es keinen Sinn, das Thema mit Ihnen zu erörtern. Sie sind kein Jäger.
FRUCK: Das ist doch kein Maßstab für mein politisches Handeln. Ich bin Naturschützer.
SPIEGEL: Und eigentlich Biologielehrer. In "Wild und Hund" ist aber zu lesen, daß Jagd immer ein Privileg gewesen sei und der Jäger, wenn er durch den Wald pirscht, schon von der Form her nicht zur Masse gehören könne. Da können Sie gar nicht mitreden.
FRUCK: Typisch, die fühlen sich als Elite. Wissen Sie, das Jagdwesen spiegelt die gesellschaftlichen Verhältnisse wider. Das ist eine Schicht, die auch sonst Schlüsselpositionen bekleidet.
SPIEGEL: Wir kennen auch Jäger, richtig nette Leute ... _(Bei Verhaltensstudien mit Graugänsen. )
FRUCK: ... aber wenn die den grünen Rock anhaben, spielen sie verrückt und sind nicht wiederzuerkennen.
SPIEGEL: Die haben sich qualifiziert und den Jagdschein gemacht.
FRUCK: Der Jagdschein wird doch unter ihresgleichen ausgestellt. Und die Qualifikation besteht darin, ein Reh aufzubrechen und zu wissen, in wie viele Teile zerfällt das Gewehr. In der Tötungstechnik kennen sie sich aus, aber sonst? An Unkenntnis kommt da viel zusammen.
SPIEGEL: Gut, daß kein Jäger hier dabeisitzt.
FRUCK: Der würde mich erstechen. Ich bin sowieso gewarnt worden wegen meiner Initiative. Man hat Angst um meine physische Unversehrtheit.
SPIEGEL: Wohl zu Recht. Jäger gibt es in Hülle und Fülle, 261 909 Damen und Herren nach den letzten Zahlen.
FRUCK: Damen? Die haben da nichts zu melden. Haben Sie schon eine Kreisjägermeisterin gesehen? Nein, das ist eine Männerhorde - Horde nicht im abträglichen Sinn, aber als soziologisches Kennmerkmal - mit starkem Imponiergehabe.
SPIEGEL: Und mit Flinten.
FRUCK: Ja, eine Privatarmee, Gewehr bei Fuß.
SPIEGEL: Wie stehen Sie zu den Anglern? Die töten auch.
FRUCK: Auch das ist so eine Gesellschaft, die sich nicht anders beschäftigen kann, als auf Beute zu gehen.
SPIEGEL: Das möchten Sie austreiben?
FRUCK: Ja, eigentlich möchte ich die Jagd in der bisherigen Form prinzipiell verbieten und ganz abschaffen.
SPIEGEL: Wer soll dann die Hirsche schießen?
FRUCK: Die Regulierung des Artenbestandes, soweit die Natur es allein nicht schafft, ist eine hoheitliche Aufgabe. Wo Schaden durch Wild notwendigerweise kompensiert werden muß, genügt es, wenn Berufsjäger jagdlich regulierend eingreifen. Die Staatsforsten hätten das Personal dazu.
SPIEGEL: Nach alter Definition ist der Förster ein zum Zwecke der Jagd mit Bäumen umstandener Reserveoffizier.
FRUCK: Den Spruch kenne ich nicht. Er trifft auch nicht zu. Förster sind Beamte und mit Jagd nur am Rande beschäftigt. Für sie ist es ein notwendiges Übel, das ihnen aufgegeben ist.
SPIEGEL: Und was sollen dann die vielen privaten Jäger machen?
FRUCK: Die können zum Schützenfest gehen und schießen.
SPIEGEL: Sonst nichts?
FRUCK: Statt die immensen Jagdpachtsummen von zum Teil über 100 000 Mark zu zahlen, könnten sie Land kaufen und versuchen, dort ökologische Stabilität herzustellen. Sie könnten die Tierbestände erforschen. Wie viele es von welchen Tieren gibt, weiß in unserem Land keiner. Sie könnten Tiere beobachten und photographieren. Es gibt Zehntausende von Insekten und anderen kleinen Organismen, es müssen ja nicht Elefanten sein.
SPIEGEL: Ganz schöne Umstellung, die Sie von den Jägern verlangen.
FRUCK: Es geht langfristig darum, das Triebgeschehen der Jägerei umzumünzen in gesellschaftlich notwendige und sinnvolle Maßnahmen.
SPIEGEL: Weidmannsheil.
FRUCK: Gute Wünsche können wir gebrauchen. Es ist das erstemal, daß die heiligste Kuh der Nation angefaßt und eingegattert wird - der heiligste Ochse, sollte ich wohl sagen.
Bei Verhaltensstudien mit Graugänsen.

DER SPIEGEL 41/1983
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