10.10.1983

RECHTSRADIKALENester ausheben

Beim Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Türkei in Berlin droht politische Konfrontation: Rowdies und Neonazis haben den „Kampf gegen die Kanaken“ angesagt, Linke halten dagegen. *
Vor dem Spiel überreichten junge Frauen in Landestracht Blumengebinde an deutsche Gäste. Auf den Rängen teilten Türken mit Deutschen Obst und Gebäck. Der Ruf "Deutsche raus", den einige hundert zu Beginn noch skandierten, ging unter im spontanen Beifall der 73 000 Zuschauer.
Nach dem 3:0-Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen die Türkei,
Mitte April in Izmir, lobten bundesdeutsche Sportkommentatoren die "tolle Stimmung" auf den Tribünen. Auch "Deutschfeindlichkeit" habe es keine gegeben, "im Hotel nicht, auf der Straße nicht und auch nicht im Stadion".
Ganz anders stehen die Vorzeichen für das Rückspiel am 26. Oktober im Olympia-Stadion zu Berlin. Das deutschtürkische Match, bei dem es um die Europameisterschaftsqualifikation geht, könnte nach Einschätzung Berliner Sicherheitsexperten "zu einer Begegnung der unheimlichen Art" werden.
Nicht die geläufige Randale aggressiver und alkoholisierter Fans verunsichert die Polizei. Sorge bereiten den Veranstaltern und Behörden diffuse Kampfgemeinschaften von Rechtsradikalen und Fußball-Rowdies, die sich gegenwärtig in mehreren westdeutschen Großstädten zusammenfinden. Aus Anlaß des Türken-Gastspiels werden bundesweit Anhänger für eine zentrale Demonstration gegen Ausländer und alles Linke mobilisiert.
In Kaiserslautern rufen Flugblätter "alle deutschen Fußball-Fans!!!" zum "Kampf gegen das stinkende Türkenpack" auf. In Berlin sammelt Reinhard Golibersuch, ein "Kameradschaftsführer" der "Nationalen Aktivisten Großberlin", ausländerfeindliches Gefolge. In Hamburg kursieren Strategiepapiere einer "Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten", die bei ihren Aktionen auch Anhänger von Jugendbanden als "nützliche Idioten" (Hamburgs Verfassungsschutz-Chef Christian Lochte) einsetzt.
Die rechtsradikalen Gruppierungen, zu denen auch der ehemalige Bundeswehrleutnant und Neonazi Michael Kühnen, 28, gehört, haben wahlweise für den Tag vor oder nach dem Länderspiel einen "Aufmarsch in Kreuzberg" avisiert, bei dem sie "im Einvernehmen" mit den rechtsradikalen türkischen Grauen Wölfen "linke Türkennester" ausheben wollen.
Andere rechte Polit- und Fußballfan-Gruppen kündigen an, unmittelbar während des Berliner Türken-Gastspiels ein "Signal für das gesamte Volk Deutschlands" zu setzen. Beim Aufmarsch dabeisein wollen Anhänger der Berliner Stadion-Gang "Zyklon B" und die "Skinheads" (Motto: "Berlin, Berlin, Eisern Berlin"); dazu einige "polizeilich relevante rockerähnliche" Gruppen aus Nordrhein-Westfalen, die schon im voraus die Parole "Kreuzberg muß brennen" ausgegeben haben.
Den angesagten Berlin-Reisenden geht es nicht nur um Rabatz und Provokation. Sie rechnen auch, angesichts weit verbreiteter Ausländerfeindlichkeit, mit telegen wirksamer Solidarisierung, speziell im Stadionrund in einer anonymen, womöglich vom Spielgeschehen aufgeputschten Menge.
Fußball-Stadien sind längst beliebte Kulisse für Rechtsradikale. In Kaiserslautern Schicken Fans den Gegner in Sprechchören "nach Auschwitz". Junge Nationaldemokraten engagieren sich bei der Berliner Fan-Gruppe "Spree-Randale"; bei der "Adler-Front" in Frankfurt wurden ehemalige Mitglieder der "Wehrsportgruppe Hoffmann" aktiv.
Die "Skins" - die Stiefel hochgeschnürt, die Köpfe kahl geschoren - ziehen in ihren mit NS-Emblemen bestickten Fliegerjacken grölend zum Fußballplatz, pöbeln gegen Passanten und zetteln Schlägereien an.
Zum Haß-Gegner am Fußball-Samstag werden dann Minderheiten - vor allem die "Scheiß-Türken", die, so ein Länderspiel-Aufruf, "die Zukunft eines starken Deutschland gefährden". In Berlin mischte eine Fanhorde ein türkisches Gemüsegeschäft auf. In Kaiserslautern schlugen Skinheads einen jungen Türken mit einem Baseball-Schläger krankenhausreif. "Die Skins sind diejenigen", berichtet Walter Warstedt vom deutschausländischen Freundschaftskreis in Kaiserslautern, "die auf der Welle der Vorurteile gegenüber Ausländern die Randale machen."
Die Berliner Innenbehörde nimmt die verbalen Attacken gegen das bevorstehende Länderspiel durchaus ernst. Die Justiz will gleich mehrere Staatsanwälte und Richter vor Ort in Bereitschaft halten. Die Polizei plant den Einsatz von Video-Kameras und eine starke "Uniform-Präsenz". Die Beamten wollen zivile Greiftrupps aufstellen, um notfalls auch einige der rabiaten Fußball-Gäste vorsorglich festzunehmen. Der Berliner Staatsschutzchef Manfred Ganschow möchte gern ein Spiel "wie jedes andere" erleben und dies mit "einer gesamtpolizeilichen Aktion" erreichen.
Auch Berliner Linke mobilisieren, voran die Alternative Liste. Geplant ist, gleichsam zur Entspannung, ein zusätzliches deutsch-türkisches Fußball-Turnier mit zwölf lokalen Mannschaften. Bei rechten Umtrieben in Kreuzbergs Türken-Vierteln wollen linksgesinnte "Streetfighter" dafür sorgen, daß "die Faschisten nicht mehr so rauskommen dürfen, wie sie reingekommen sind".
Gewerkschafter der IG Metall und Studentenverbände kaufen vorzeitig Eintrittskarten auf, damit möglichst viele Deutsche türkischen Freunden und Kollegen beim Länderspiel Geleitschutz geben können.
Der Berliner Oberstaatsanwalt Matthias Priestoph, seit Jahren als "Stadion-Staatsanwalt" dicht an der wilden Fan-Szene, glaubt zu wissen, wie sich die angesagte Randale verhindern läßt: "durch ein volles Stadion und ein gutes Spiel".

DER SPIEGEL 41/1983
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