14.11.1983

MENSCHENVERSUCHEUngezügelte Bosheit

Ein pensionierter Amtsarzt, der an KZ-Häftlingen ein Mittel gegen Giftgas erprobt hat, wurde jetzt wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. *
Häftling Nummer 6545 wand sich in Hustenkrämpfen. Er spuckte Schleim, dann Blut. Als seine Kräfte schwanden, drangen Lungenfetzen aus dem verzerrten Mund. Der Todeskampf dauerte vier Stunden.
Am 18. Juni 1944, um die Mittagszeit, starb Adalbert Eckstein, damals 20, im elsässischen Konzentrationslager Natzweiler-Struthof qualvoll an einem schweren Ödem der Atmungsorgane.
Was dem Landfahrer Eckstein und drei Freunden seinerzeit widerfuhr, ist nun, fast vier Jahrzehnte später, Gegenstand eines Gerichtsverfahrens in Bonn. Gegen Dr. med. Helmut Rühl, 65, hat die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Beihilfe zum vierfachen Mord erhoben.
Gesühnt werden soll eines jener wissenschaftlich verbrämten Experimente, die während des Zweiten Weltkrieges an Tausenden von KZ-Häftlingen vorgenommen worden sind - an Juden, Zigeunern, Kriegsgefangenen, "Asozialen". Die Tötung der Versuchspersonen wurde zumindest in Kauf genommen oder war sogar beabsichtigt.
Vordergründig reklamierten die Ärzte für die Todesarbeit wissenschaftliches Bedürfnis. Aber was in den Konzentrationslagern wirklich geschah, beschreibt der Frankfurter Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich als "Untaten von ungezügelter und zugleich bürokratischsachlich organisierter Lieblosigkeit, Bosheit und Mordgier".
Da wurde beispielsweise gestoppt, wie lange ein künstlich unterkühlter Mensch überleben kann, und gemessen, bei welcher Körpertemperatur der Tod eintritt. In Unterdruckkammern wurde der freie Fall aus 20 000 Meter Höhe simuliert, um die Auswirkungen des Sauerstoffmangels zu studieren. Die Gefangenen bekamen Impfstoffe, etwa gegen Fleckfieber, injiziert - und manche blieben, obwohl mit Fleckfieber infiziert, ungeimpft.
Die Tests waren, wie der amerikanische Militärgerichtshof beim Nürnberger Ärzteprozeß 1946/47 feststellte, gekennzeichnet von "Grausamkeiten, Qualen, verstümmelnden Verletzungen und Todesfällen".
22 Männer und eine Frau, die ehemalige Ravensbrücker Lagerärztin Hertha _(In Dachau; der Mann hat nach ) _(Luftdruckabsenkung bei einem Test in ) _(einer Unterdruckkammer das Bewußtsein ) _(verloren. )
Oberheuser, mußten sich wegen tödlicher Experimente vor dem Nürnberger Tribunal verantworten. Nach 139 Verhandlungstagen wurden sieben Angeklagte zum Tode verurteilt, sieben wurden freigesprochen, die übrigen erhielten Haftstrafen von zehn Jahren bis lebenslang.
Doch es waren weit mehr Mediziner gewesen, die im Nazi-Reich Hitler statt Hippokrates folgten. "Von ungefähr 30 000 damals in Deutschland tätigen Ärzten", notierte Mitscherlich, der als Leiter einer deutschen Ärztekommission den Nürnberger Prozeß beobachtete, "haben etwa 350 Medizinverbrechen begangen." Einer, meint die Staatsanwaltschaft jetzt beweisen zu können, sei Rühl gewesen.
Was damals im KZ Natzweiler-Struthof geschah, war bereits in Nürnberg aktenkundig. Und auch der Name Rühl - allerdings in der englischen Schreibweise Ruhl - tauchte da schon mal auf: als Unterzeichner von Berichten über Menschenversuche.
Rühls Doktorvater an der Universität Straßburg, Medizin-Professor Otto Bickenbach, hatte 1939 ein Vorbeugungsmittel gegen das Giftgas Phosgen entwickelt: Hexamethylentetramin, auch als Urotropin bezeichnet, hatte sich, oral eingenommen oder intravenös gespritzt, bei Versuchen mit Katzen und Menschenaffen bewährt.
Der "Reichsführer SS", Heinrich Himmler, der - wie es im Nazi-Jargon hieß - "die Bereitstellung von Konzentrationslagerhäftlingen" für medizinische Experimente offiziell zu genehmigen hatte, zeigte jedoch zunächst wenig Interesse an Bickenbachs Forschungsergebnis. Erst als deutsche Geheimdienstler 1943 meldeten, die Alliierten würden demnächst auf den Gefechtsfeldern Gase wie Lost und Phosgen verschießen, gab Himmler Weisung, Experimente an Menschen vorzunehmen.
Bickenbach, der später wegen Mordes in Metz vor Gericht gestellt und zu langjähriger Zwangsarbeit verurteilt wurde, schilderte bei seiner ersten Einvernahme die Art der Phosgen-Versuche - das Gerichtsprotokoll fand als "Doc. No. 3848" Eingang in den Nürnberger Ärzteprozeß. Er habe, berichtete Bickenbach, zunächst "ein Experiment an mir selbst vorgenommen" und dann an vermutlich 54 Häftlingen, wobei er sich "nicht mehr genau an die Zahlen erinnere"; jedenfalls sei nur "eine einzige Person ... infolge des Experimentes krank" geworden.
Doch Himmler verlangte eine weitere Versuchsreihe, "bei der", so ermittelte der Staatsanwalt, "zugleich geschützte und ungeschützte Personen dem Gas ausgesetzt werden sollten".
Rühls Aufgabe soll es gewesen sein, "mit Hilfe einer von ihm erstellten Apparatur" (Staatsanwaltschaft) in einer eigens dafür gebauten, 20 Kubikmeter großen Kammer die jeweiligen Gaskonzentrationen zu messen, die ständig erhöht wurden. Den sogenannten Kontrollpersonen wurde eine schützende Behandlung vorgetäuscht. Vier Menschen starben im Juni und im August 1944 nachweislich, Adalbert Eckstein war der jüngste. Im Protokoll eines der tödlichen Experimente ("Über die Schutzwirkung des Hexamethylentetramins auf die Phosgenvergiftung") heißt es: _____" Der intravenös Geschützte blieb gesund und zeigte " _____" nicht die geringsten Beschwerden oder Symptome, der oral " _____" Geschützte bekam ein leichtes Lungenödem, später eine " _____" Bronchopneumonie und Pleuritis, " _(Bronchopneumonie = Lungenentzündung, ) _(Pleuritis = Rippenfellentzündung. ) _____" die er überwand. Eine Kontrollperson überlebte ihr " _____" Lungenödem ebenfalls, die zweite starb nach wenigen " _____" Stunden, die Sektion ergab den charakteristischen Befund " _____" eines sehr schweren Lungenödems. "
Einser-Mediziner Rühl wurde nach Kriegsende Stadtarzt in Bochum, Anfang der sechziger Jahre dann Amtsarzt im Rhein-Sieg-Kreis. Gelegentlich trat er als Sachverständiger vor Gericht auf. Ein gegen ihn in Abwesenheit verhängtes französisches Todesurteil "wegen Giftbeibringung" und ein später eingestelltes Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Bochum waren ihm bei seinem Berufsweg nicht hinderlich.
Nach einer Strafanzeige wurden im Februar 1980 die Ermittlungen gegen den inzwischen zum Leitenden Medizinaldirektor
avancierten Rühl wiederaufgenommen. Dabei stießen die Ermittler in französischen Archiven auf belastende Dokumente.
Rühl, seit Januar 1983 pensioniert und nach Aussage seiner Verteidigung inzwischen verhandlungsunfähig, gab im Ermittlungsverfahren zu, an den Menschenversuchen beteiligt gewesen zu sein. Daß ungeschützte Häftlinge in die Gaskammern geschickt wurden, will er erst im nachhinein erfahren haben.
Rühls ehemaliger Chef Bickenbach hatte schon früh eine Erklärung für seine Tätigkeit im KZ Natzweiler-Struthof gefunden. Er habe, sagte er 1947 laut "Doc. No. 3848", "mit Rücksicht auf Himmlers Befehl" gehandelt. Er gebe aber zu, daß derlei Experimente "der ärztlichen Ethik zuwiderlaufen".
Die Opfer seiner Giftgas-Versuche aber waren für Bickenbach auch da noch "menschliches Material".
In Dachau; der Mann hat nach Luftdruckabsenkung bei einem Test in einer Unterdruckkammer das Bewußtsein verloren. Bronchopneumonie = Lungenentzündung, Pleuritis = Rippenfellentzündung. Der intravenös Geschützte blieb gesund und zeigte nicht die geringsten Beschwerden oder Symptome, der oral Geschützte bekam ein leichtes Lungenödem, später eine Bronchopneumonie und Pleuritis,

DER SPIEGEL 46/1983
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