02.05.1983

ZEITGESCHICHTEAlles ist hin

Warum flog Staatschef de Gaulle während der Mai-Unruhen 1968 zu General Massu nach Baden-Baden? Massu gibt seine Version.
Fallschirmjägergeneral Jacques Massu, Oberbefehlshaber der französischen Truppen in der Bundesrepublik, hielt in rotem Rollkragenpullover und alter Kordhose Siesta im Wintergarten seiner Baden-Badener Residenz.
Um 14.45 Uhr ging das Telephon. Fregattenkapitän Francois Flohic meldete sich, der Adjutant des Staatspräsidenten de Gaulle: "Lassen Sie den Landeplatz markieren. Ich komme in fünf Minuten mit dem General und Madame de Gaulle zu Ihnen. Wir stehen auf dem Flugplatz Baden-Oos."
Das war am 29. Mai 1968, dem Tag, als das von Studentenrevolte, Barrikadenkampf und Generalstreik geschüttelte Frankreich ungläubig vernahm, Charles de Gaulle sei mit unbekanntem Ziel im Hubschrauber entschwunden.
Fünf Tage zuvor hatte der General im Fernsehen an sein Volk appelliert und ein Referendum über die "Erneuerung" des Landes angekündigt. Doch die Antwort waren Straßenaufstände, wilde Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei in Paris wie in der Provinz gewesen, eine fast totale Lähmung des politischen Lebens.
De Gaulles mysteriöser Flug über den Rhein ist noch heute eine der geheimnisvollsten Episoden der Staatskrise vor 15 Jahren. Jacques Massu, bewährter General im Algerienkrieg und nun für eine Zeitspanne von etwa einer Stunde der einzige Zeuge der Flucht de Gaulles, hat jetzt seine Version des Ereignisses veröffentlicht,
( General Massu: "Baden 68. Souvenirs ) ( d''une fidelite gaulliste". Plon, Paris; ) ( 154 Seiten, 60 Franc. )
und er läßt keinen Zweifel daran, daß de Gaulle bei seiner Ankunft in Deutschland ein gebrochener Mann war.
"Tout est foutu" (alles ist hin), das sollen die ersten Worte de Gaulles gegenüber seinem alten Getreuen Massu gewesen sein, als er in Baden-Baden landete. Der Präsident: "Die Kommunisten haben eine totale Lähmung des Landes provoziert. Ich habe nichts mehr in der Gewalt. Deshalb ziehe ich mich zurück, und da ich mich und meine Familie in Frankreich bedroht fühle, suche ich bei Ihnen Zuflucht, um mir darüber klar zu werden, was ich machen soll."
Unter vier Augen saßen die beiden Generäle dann in Massus Büro, in dem auch ein Photo de Gaulles aus der Zeit der Rheinlandbesetzung hing. Massu: "Ich merke sofort, daß der General nicht mehr er selbst ist, vor mir sitzt ein angeschlagener, müder Mann."
Massu gibt nicht preis, ob und was sein unverhoffter Gast sonst noch berichtete. Er erweckt statt dessen den Eindruck, als ob er, Massu, unermüdlich auf de Gaulle eingeredet habe, um ihn zur Rückkehr in den Elysee-Palast zu bewegen: "Die Front ist in Frankreich, und für Sie ist sie in Paris."
Massu spielte damals, so schreibt er heute, das "schwierigste Match meiner Karriere". Nach über einer Stunde stand de Gaulle unvermittelt auf, umarmte seinen Gastgeber und erklärte ihm: "Ich fahre ab] Rufen Sie meine Frau]"
Um 16.45 Uhr war der Blitzbesuch zu Ende, de Gaulle kehrte an Bord einer Alouette 3 nach Frankreich und an die Macht zurück. Die Fünfte Republik war gerettet, dank der Überredungskünste des alten Haudegens Massu. Allerdings - elf Monate später - trat Republikgründer Charles de Gaulle dann doch zurück.
Eigentlich wollte Massu seine angebliche Großtat als Geheimnis für sich behalten, obschon de Gaulle sich ähnlich S.158 geäußert hat wie er. Im Juni 1968 gestand der Staatschef in einem Fernsehinterview: "Ja, am 29. Mai war ich versucht, mich zurückzuziehen." Auch Georges Pompidou, zu jener Zeit Premierminister, sprach in seinen 1982 posthum veröffentlichten Memoiren von einer "Krise der Entmutigung", die de Gaulle durchgemacht habe.
Gegen diesen wenig glorreichen Ablauf hat sich indes ein weiterer General in seinen Memoiren entschieden verwahrt: Alain de Boissieu, Schwiegersohn und Vertrauter de Gaulles. Für ihn ist völlig klar, daß der Flug nach Baden-Baden ein genialer Bluff war.
Angeblich hatte ihm sein Schwiegervater, bevor er in Paris den Hubschrauber bestieg, anvertraut: "Ich möchte die Franzosen, einschließlich der Regierung, in Zweifel und Unruhe stürzen, um die Lage wieder in den Griff zu bekommen."
Pompidou und Massu wären folglich als erste auf den Bluff hereingefallen. Das hält wiederum Jacques Richard, ehemals Massus Adjutant in Baden-Baden, für Geschichtsfälschung. Er erinnert sich genau an die Sätze seines Vorgesetzten, die dieser in einer Gesprächspause von sich gab: "Er (de Gaulle) ist störrisch wie ein Esel und läßt nicht von seiner Entscheidung ab, alles hinzuschmeißen] Er hat den Weltuntergang an die Wand gemalt."
Kurioserweise hat de Gaulles Adjutant, Fregattenkapitän Francois Flohic, das gleiche Ereignis anders in Erinnerung. Für ihn steht fest: "Die Wirklichkeit ist ganz anders als das, was General Massu uns vormacht", so Flohic in einem Interview.
Der Flug nach Baden-Baden diente dem General laut Flohic lediglich dazu, eine "eindeutige Reaktion" zu seinen Gunsten zu provozieren - also Bluff. Im übrigen könne das Gespräch unter vier Augen nur einige Minuten gedauert haben. Flohic: "Ich habe präzise Aufzeichnungen gemacht."
Warum Massu seine Version gerade jetzt unters Volk bringt, glaubt der Fernsehproduzent Armand Jammot zu wissen. Am 7. Juni hat er nämlich im Programm des Senders "Antenne 2" eine Debatte über "Baden 1968" angesetzt, die von einem eigens gedrehten Film eingeleitet wird. Der Titel: "Der General ist verschwunden". Drehbuchautor: Francois Flohic.
Massu wurde dazu nicht gehört. "Wir haben General Massu nicht befragt, weil er durch die Geheimhaltungspflicht gebunden war", argumentiert Jammot.
Massu hat da eine ganz andere Vermutung. Er glaubt, daß den Franzosen ein mutloser Charles de Gaulle auch heute noch nicht zugemutet werden soll. Massu aber beharrt: "Die Tatsachen zu verfälschen, selbst um die Legende um den General zu verschönen, wäre eine Beleidigung seines Andenkens."
S.155 General Massu: "Baden 68. Souvenirs d''une fidelite gaulliste". Plon, Paris; 154 Seiten, 60 Franc. *

DER SPIEGEL 18/1983
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