10.10.1983

Vatertags-Tour durch den Raketenwald

SPIEGEL-Redakteur Christian Schultz-Gerstein über die linke Wende im Kulturbetrieb *
Links ist, wenn man trotzdem lacht. Die linken deutschen Feuilleton-Intellektuellen wollen jedenfalls nicht länger mit Schwarzsehern und Miesmachern verwechselt werden. Sie haben in der diesjährigen Meinungs- und Bekenntnissaison eine für Linke ungewöhnliche Wende vollzogen: die Wende zu Optimismus und Lebensfreude.
Im Kulturteil der "Frankfurter Rundschau" attackiert der Linksliterat Jürgen Manthey plötzlich "Misanthropen", mokiert sich Wolfram Schütte "über die herrschende Grämlichkeit" und fordert "die Intelligenz" dazu auf, mit der Zeit Schritt zu halten, "statt unter ihr mißmutig wegzutauchen".
Die "Zeit" lobt einen Roman ausdrücklich dafür, daß er ohne "depressive Psychologie" auskomme, und begeistert sich für ein anderes Buch, weil es der "Fadheit verkopften Wissens" die "Lachtradition" satirischer Weisheit vorziehe.
Auch außerhalb der Feuilletons, in der Friedensbewegung, sind die ums Überleben bangenden Linken bei bester Laune.
Protestversammlungen gegen Atomraketen und für die Erhaltung der vom Untergang bedrohten Menschheit nennen sich denn auch "Feste", gelegentlich wird auch schon zur "Anti-Atom-Fete" eingeladen.
Und was herrschte zuletzt beim Hamburger "Friedensfest" im St.-Pauli-Stadion? Wut, Ohnmacht, Haß, Resignation? "Zwei Tage herrschte Begeisterung", applaudierte der "Zeit"-Reporter, vom Rüstungswahnsinn-Frohsinn spürbar angetan.
In dieser linken KdF-Stimmung wird selbst noch das an sich ja wenig unterhaltsame "Fasten für den Frieden" wie eine mit dem "Blauen Bock" konkurrierende Veranstaltung aufgezogen.
Das Programm etwa der Frankfurter Initiatoren einer zweiwöchigen Fasten-Aktion liest sich wie der Veranstaltungskalender für zur Fröhlichkeit verdammte Pauschaltouristen.
Der "Bunte Abend zum Kennenlernen" fehlt so wenig wie der "Tanzabend", auf dem hier freilich nicht Walzer oder Rock ''n'' Roll, sondern "Friedenstänze" dargeboten werden sollen. Ein "Abschiedsfest (anschl. geruhsames Ausklingen)" rundet die Fastenaktion ab, die, wie der Veranstalter glaubt, "sicher ein großes Fest wird".
Nicht anders entdeckten die Linken in Mutlangen die schönen Seiten des Lebens.
Pfarrer Albertz pries im Rundfunk die überm künftigen Standort der "Pershing 2" aufgehende Sonne: "ein wunderschöner Anblick".
Von dieser bei den Linken eingezogenen, zwischen pastoraler Beschaulichkeit und vorsätzlicher Ausgelassenheit schwankenden Urlaubslaune wurde selbst der sonst grabesernste Kulturkritiker der "Frankfurter Rundschau", Wolfram Schütte, erfaßt.
In einer Buchbesprechung drängte es auch ihn, ein Bekenntnis zum prallen Leben jenseits trockener Gelehrsamkeit abzulegen, indem er kundtat, daß für ihn ein "Bordellbesuch" "attraktiver" sei, "als einen akademischen Behördenbau zu besichtigen".
Man könnte die disparaten Indizien für die Wende der Linken zu Philosophien des Feierabends, an dem man die Sau rausläßt, die Schönheit der Natur genießt oder, wie die Frankfurter Hungerkünstler, "Politik mit Herz" macht, für zufällige Einzelerscheinungen halten, denen keine allgemeine Tendenz innewohnt, wenn nicht zugleich die linke Feierabendmentalität allergisch auf jegliche Ruhestörung durch politisierende _(Während der Blockade des amerikanischen ) _(Armee-Depots im württembergischen ) _(Mutlangen. )
Theoretiker reagieren würde. So höhnt man jetzt in den sich links gebärdenden Feuilletons jener analytischen Anstrengungen, mit denen man vor Jahren selber noch Eindruck geschunden hatte.
Schrecklich, schüttelt sich nun der progressive Literatur-Professor Jörg Drews in der "Zeit": dieses "kommunikationstheoretische Gequassel"; zum Weggucken der "zur Gräulichkeit vergiftete Theorie-Baum"; verwerflich das Handwerk der "Ideologiekritik", die nichts als "Rechthaberei" ist und nur, dazu feige "von hinten", "den Gegner fertigmachen will"; überhaupt, diese "totalitäre Besserwisserei", "die ''Dialektik'' heißt".
In dasselbe Horn stößt die "Frankfurter Rundschau", wenn sie beifällig einen Autor zitiert, der hoch und heilig verspricht, "das Lazarett kritischer Theorien" nicht zu vergößern, sondern "Erheiterungsarbeit" zu leisten.
Und das immer noch vom linken Prestige des aufrechten Ganges zehrende Blatt delektiert sich allen Ernstes an der Heiterkeitsphilosophie eines "nüchternen, lustorientierten Lebens, das mit Gegebenheiten zu rechnen gelernt hat", an einer Philosophie, die doch nur ungefragt auf die rechten Standard-Ressentiments gegen die weltfremden, in utopische Theorien verbohrten Linken, die nicht lachen können, antwortet und bei den Rechten Abbitte tut, indem sie die Läuterung der Linken zu nüchternen Tatsachen-Menschen bekanntmacht.
Dieselben Linken, die, wie Schütte oder Drews, in den siebziger Jahren noch bedenklich die Stirn gerunzelt haben, als die Verlage Luchterhand und Suhrkamp Hand an ihre linkstheoretischen Buchreihen legten, die machen nun mit der größten Selbstverständlichkeit einen großen Bogen um akademische Lehrgebäude.
Die Herausgeber eines bei Rowohlt erschienenen "Lexikons linker Gemeinplätze", die sich ausdrücklich der Linken zurechnen, feiern ihren grußlosen Abschied vom analytischen Denken gar als den Nachweis linker Lernfähigkeit.
Wie und warum die Apo-Begriffe zu Gemeinplätzen verkamen, das, so schreiben sie in ihrem Vorwort, wollen sie nicht ergründen. Denn: "Das wäre wieder so eine linksrhetorische Figur: Ursachen aufzählen, Gründe benennen ..."
Den Kopf zu Hause zu lassen, darum bitten auch die bereits erwähnten Veranstalter des Frankfurter Friedensfastens die Teilnehmer.
Um dem "wesentlichen Ziel" ihrer Aktion, der "Abrüstung", näherzukommen, streben sie zuallererst "die persönliche Abrüstung" an, die "in der kleinen und großen Gruppe" dann eine "Begegnung von Herz zu Herz" ermöglichen soll, eine Begegnung "von Mensch zu Mensch, und nicht von Kopf zu Kopf".
So machen die Linken ihren Frieden mit den Gegebenheiten, indem sie die schlechte Außenwelt nach innen verlegen, um die Kriegsgefahr in der Selbsterfahrungsgruppe zu bannen.
Diese Abrüstungsphilosophie, daß jeder erst einmal vor seiner eigenen Tür zu kehren und das Gewaltpotential in seiner Seele abbauen solle, kannte man bislang nur aus abseitigen "Es-ist-fünf-vor-Zwölf"-Broschüren.
Inzwischen wird die Weisheitslehre von der Gefahr, die nicht in Giftgas-Depots, nicht in Raketen-Stationen, sondern tief drinnen in der Seele des Menschen lagert, auch im linken "Zeit"-Feuilleton propagiert.
Dort meditiert Ulrich Greiner, einer der führenden Weichmacher harter Fakten, "über einige Naivitäten in der Friedensdiskussion" und beklagt die Unfähigkeit der Rüstungsgegner, sich selbst als das größte Friedenshindernis zu erkennen.
"Die Teufel (der Friedensbewegung) heißen Reagan und Weinberger. Von den Teufeln in ihrer eigenen Brust weiß sie nichts. Die Wurzel allen Unheils sieht sie in den Militärs, in der Rüstungsindustrie, in den Politikern."
Welch ein Irrglaube! "Der Krieg beginnt in uns selber", und kein Friede auf Erden wird sein, wenn die Friedensbewegung nicht endlich erkennt, "daß wir die Bombe sind".
Hat man erst einmal den Unterschied eingeebnet zwischen Menschen, die durch Knopfdruck Atombomben zünden, und Menschen, die durch Knopfdruck lediglich das Fernsehgerät einschalten _(Am 3./4. September 1983. )
können, ist es erst einmal einerlei geworden, ob "wir alle" den Schalter für "die Bombe in uns" bedienen und damit "Dalli-Dalli" auslösen, oder in Hiroschima fällt wirklich eine runter, dann allerdings erledigt sich jegliche linke Gesellschaftstheorie, die in den Relationen von Machtverhältnissen, deren Opfern und deren Nutznießern denkt, ganz von selbst.
Aber sieht man nur "den" Menschen und von Machtverhältnissen ab, verlegt man widrige Tatsachen nur von der Außenwelt ins Menschenherz, in das ja bekanntlich niemand hineinsieht, dann kann man auch links von "Bild" und "Bunte" mißmutigen Schwarzsehern und faden Theoretikern die schönen Seiten des Lebens vorrechnen.
Weil aber die Linken im Kulturbetrieb ihren Anspruch, kritische Intellektuelle zu sein, immer noch aufrechterhalten, dürfen sie nicht geradewegs die Misanthropen schelten und den Frohsinn der gesunden Seelen preisen.
Um nicht mit rechtskonservativen Gesundbetern verwechselt zu werden, haben sie daher desorientierende Sprachregelungen entwickelt, mit denen sie, wie sich das für Linke gehört, erst die bestehenden Zustände vom Raketen- bis zum richtigen, von saurem Regen bedrohten Wald anprangern und ihnen nach getaner Pflichtübung dann in rhetorische Höhen entrinnen, aus denen die Atombombe von der Eisbombe, Reagan und Andropow von uns allen nicht mehr zu unterscheiden sind.
Eingehüllt ins intellektuelle Inkognito feierlicher Beliebigkeit, entdeckt der Kulturbetrieb, daß das Leben lebenswert ist, entdeckt etwa Literaturkritiker Peter Hamm in einer Rezension des jüngsten Handke-Romans "eine wieder einleuchtend gewordene Welt".
Zu der ebenso grund- wie gedankenlosen Anerkennung der bestehenden Verhältnisse fühlten sich die linken Feuilletonisten von einem promovierten Aussteiger mit Poona-Erfahrung ermächtigt, der in einem zweibändigen, bei Suhrkamp erschienenen Werk mit dem Titel "Kritik der zynischen Vernunft" auf 1000 Seiten ein Credo zum "frechen Realismus" ablegt und dafür plädiert, der Wirklichkeit als Frechdachs zu trotzen mit den "kleinen Formeln", die da heißen: "Na und! und Warum nicht?"
Der kecke Peter Sloterdijk, 36, und schon ein bißchen weise, verbittet sich das "dumme Nihilismusgeschwätz", das "demagogische Gejammer über den bösen Fortschritt". Der "Sprung ins Leben selbst", nicht "theoretische Haltung", nicht "Kopfwissen und Gelehrtentum", nicht "Vorlesungen und philosophische Seminare" - "ekstatische Flut", "ozeanisches Fest", Brüste "mit der Süße von reifen Birnen", "Feier", "Hingabe": das ist es, was "die Devitalisierung einer Kultur" aufhält, doziert der Lebemann, der zwei dicke Bände vollschreibt, um sich als Zwillingsbruder des Diogenes
auszuweisen, von dem es heißt, auch er habe zu denen gehört, "die das Leben wichtiger nehmen als das Schreiben".
Auf seinem "Weg zur Lebenstüchtigkeit" gewinnt der philosophierende Busengreifer nicht zuletzt auch der Manneskraft von Feldherren noch positive Seiten ab, die Kriege für einen Teil des menschlichen Lebens, wie es nun einmal ist, hielten.
Dieser kriegerische Realismus hat, so Sloterdijk, "im Bösen gewiß" sein Werk getan, aber - doch, es gibt hier noch ein Aber - aber "im Guten vielleicht" auch. Ja, weiß man''s denn, ob nicht kommende Kriege auch ihr Gutes haben werden, zum Beispiel, daß sie das "dumme Nihilismusgeschwätz" beenden.
Mit seinen verschwitzten Männerphantasien, mit dem stickigen Casino-Bekenntnis zu Brüsten, Ärschen und zum öffentlich urinierenden Diogenes, mit dieser johlenden Vatertags-Tour durch die Kulturgeschichte hat Sloterdijk den linken Feuilletonisten so sehr aus der Seele gesprochen, daß sie ihn im Chor als ihren philosophischen Erlöser und als Vordenker dieses Jahrzehnts priesen, dessen kleinbürgerlich-ohnmächtige Machtwünsche ihnen sogleich Befehle waren.
Erkenntnisse der Art, daß "die Atombombe der wirkliche Buddha des Westens" sei, weil "ihre Ruhe und ihre Ironie" ihm gleichen, tun sie nicht als blanken Stuß ab, sondern würdigen sie ebenso als einen entscheidenden Beitrag zur Friedensdiskussion wie Sloterdijks herrische Feststellung: "Die Bombe fordert von uns weder Kampf noch Resignation, sondern Selbsterfahrung."
Im Brustton von Friedenskämpfern fahren sie auch dort noch fort, beifällig zu zitieren, wo Sloterdijk der Atombombe eine "Mission" zuweist. Den geschwätzigen Philosophen-Darsteller, der deutsches Brauchtum wiederbelebt und "die ästhetische Moderne" wie auch andere Ausdrucksformen "des Nein", die nur unsere "Glücksfähigkeit" bedrohen, als Gefahr, als "eine Kunst vergifteter Pralinen" definiert, erheben sie zum Avantgardisten des linken Kulturbetriebs.
Als hätten all die linken Kulturarbeiter bei Friedrich Zimmermann ein Drehbuch liegen und ihm versprochen, im Kulturbetrieb ihren Beitrag zur inneren Sicherheit der Bundesrepublik zu leisten, wenn er ihnen nur die Film-Förderungsmittel bewilligt, gerade so schwören sie jetzt auf ein Denkverhalten nach der Parole: "Verstehen heißt einverstanden sein."
Das haben die linken Pantomimen im Kulturbetrieb nun wieder ihrem Sloterdijk begierig von den Lippen abgelesen.
Denn um einverstanden zu sein, muß man nur die eine, dazu das Bewußtsein revolutionierende Qualifikation besitzen: gar nichts zu verstehen.
Während der Blockade des amerikanischen Armee-Depots im württembergischen Mutlangen. Am 3./4. September 1983.
Von Christian Schultz-Gerstein

DER SPIEGEL 41/1983
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