14.11.1983

FILMÜberreizte Roboter

„Die Erben“. Spielfilm von Walter Bannert. Österreich 1982. 97 Minuten; Farbe. *
Dieser Film ist eine Zumutung. Obwohl er von jugendlichen Neo-Nazis handelt, gibt er anderthalb Stunden lang keine Ruhe.
Keine einzige Sequenz, in der man ein antifaschistisches Nickerchen einlegen könnte, nirgendwo eine erbauliche Gegenwelt zu den von gleichgültiger Gewalttätigkeit und gereizter Kameraderie geprägten Umgangsformen der Neo-Nazis.
Nicht einmal eindeutige, schon gar nicht als gut oder böse identifizierbare Motive für die Antriebskräfte der in überreizter Stumpfsinnigkeit handelnden Personen liefert dieser bodenlose Film.
Im Mittelpunkt stehen oder werden umhergetrieben die beiden Jugendlichen Thomas und Charly.
Thomas, gespielt von Nikolas Vogel, dem Sohn des Schauspielers Peter Vogel, stammt aus einer Aufsteigerfamilie, deren Oberhaupt es mit Hilfe seiner vom sozialen Ehrgeiz zerfressenen Frau vom Lkw-Fahrer zum Spediteur gebracht hat.
Das Familienleben besteht aus rigiden Ermahnungen der Eltern, nicht mit dem Stuhl zu wackeln, den Mund zu halten und nicht noch mal ein derart miserables Schulzeugnis nach Hause zu bringen.
Charly, gespielt von Roger Schauer, wächst im Modell einer proletarischen Familie auf, wo der ständig betrunkene Vater das Schlagen hat. Eine Lehre mußte Charly abbrechen, als die Firma pleite ging. Jetzt ernährt er sich von kleinen Diebstählen.
Es sind dies zwei durchaus grobschlächtige Sozialkonstruktionen, die jedoch nicht als Erklärungsschema demonstrativ benutzt werden, sondern im Gegenteil nur die Zufälligkeit betonen, mit der Jugendliche unter grundverschiedenen Voraussetzungen bei den Neo-Nazis landen oder, umgekehrt, auf dieselben Milieu-Bedingungen ganz unterschiedlich reagieren, wie Thomas'' Bruder, den es nicht zu den Neo-Nazis verschlagen, der sich dem Cello-Spiel in der Abgeschlossenheit seines Zimmers verschrieben hat.
Kein Film über die Jugend also, wohl aber die furchterregende Wahrheit über eine abstoßende Gesellschaft von triumphierend tauben Ohren, die als nervtötender Lärmkörper ständig präsent ist.
Eltern und Kinder schreien sich an, von den Klassenkameraden wird Thomas im geschlossenen Chor als "brauner Dreck" zusammengesungen, der Lastwagenfahrer flucht und gestikuliert, weil ihm ein Polizeiwagen den Weg versperrt, unter den Tritten von Gegendemonstranten krachen rechtsradikale Wahlplakate zusammen, aus dem Jugendklub der Neo-Nazis tönen alte Kampflieder, der Spediteur tobt am Telephon über einen Fehler der Buchhaltung, in der Kneipe steigern sich schwer dahockende Körper in einmütige Erregung über Profifußballer, die das Tor nicht treffen: Es ist, als ob jeder auf einem Pulverfaß säße. Es ist zum Davonlaufen.
Charly und Thomas kommen zufällig am Jugendklub der rechtsradikalen Nationalen Einheitspartei (NEP) vorbei und bleiben da irgendwie hängen. Einheitliche Kluft und das Parteiabzeichen, Kameradschaftsabende und die Mitarbeit im Wahlkampf geben ihnen das Gefühl einer Zugehörigkeit.
Die hilflosen jugendlichen Gesichter verzerren sich bei den Neo-Nazis zu menschenleeren Masken verzweifelter Stärke. Das bei der Bewegung, die etwas Vages wie Ordnung und Linie in die Welt bringen will, geborgte Selbstbewußtsein fordert dem Körper die äußerste Anspannung ab.
Sie bewegen sich untereinander eckig und rempelnd, wo sie kameradschaftliche Zuneigung zeigen wollen; vakuumverpackt in ihrer schwarzen Lederkluft, sind sie von jeglichem Gefühlsleben abgeschnitten. Die Neo-Nazis passen gut in die Gesellschaft der überreizten toten Seelen.
In einer längeren Szene liefern sich Neo-Nazis und Antifaschisten eine wüste Straßenschlacht. Die Kamera geht so nahe auf das brutale Getümmel, daß nur noch ohne Bewußtsein aufeinander einschlagende, sozusagen herrenlos gewordene Körper zu sehen sind, die den gespenstischen Einsatzbefehl inhaltsleerer Reizworte - braunes Pack, linkes Gesindel - vollstrecken.
Für die Politik und das Wahlziel ihrer Nazi-Partei, ins Parlament zu kommen, haben Thomas und Charly im Ernst nicht den geringsten Sinn.
Als sie nach einer nächtlichen, ohne Wissen der auf eine weiße Weste bedachten Parteileitung durchgeführten Vergeltungsaktion gegen eine Kneipe der Antifaschisten von einem Funktionär wegen mangelnder Parteidisziplin getadelt werden, können sie nur müde die Augenbrauen hochziehen.
Sie werfen dem Mann das Parteiabzeichen wie leeren Plunder vor die Füße und schließen sich einer Wehrsportgruppe an.
Die Schule hat Thomas inzwischen geschmissen, zu Hause hat die Mutter ihn aufgefordert, sich nie wieder blicken zu lassen, nachdem er sie als Mörderin seines Bruders bezeichnet hatte, der sich das Leben nahm.
Der Weg der Freunde Thomas und Charly zur Wehrsportgruppe wird freilich weder als menschliche Tragödie noch als politische Radikalisierung noch als das Resultat irgendeiner zielbewußt gezogenen Konsequenz dargestellt. Sie sind jetzt eben einfach bei diesem militanten Kampfbund wie andere sich umbringen, eine Banklehre machen oder Kinder kriegen und auch nicht wissen warum.
Sie robben unter Stacheldrahtverhauen hindurch, sie lernen Kopfschuß, Nackenschuß, Fangschuß und so weiter, sie treten zum Fahnenappell an: Es geschieht mit betriebsamer Selbstverständlichkeit, _(Mit Nikolas Vogel (r.). )
die Schießübungen machen sogar Spaß.
Als die beiden Freunde eines Abends zu Charly nach Hause kommen, sitzt die Schwester erstarrt auf der Bettkante: der Vater hat sie gerade vergewaltigt.
Die Jungen stürmen in seine Stammkneipe, Thomas schwört, Charlys Vater umzubringen. Tatsächlich zieht er einen Revolver aus dem Hosenbund, richtet die Mündung, wie gelernt, auf den Kopf und zögert. Dann, woher sollte er die Skrupel auch nehmen, drückt er ab. Thomas und Charly blicken sich ratlos an. Ende des österreichischen Spielfilms "Die Erben".
Der Wiener Regisseur Walter Bannert hat mit diesem seinem zweiten Spielfilm ein wahrhaft starkes Stück produziert.
Er mutet dem Kinopublikum zu, bei den Neo-Nazis zu verweilen, ihren unappetitlichen Angeber-Parolen zu lauschen, ihre "SA marschiert"-Gesänge geduldig bis zu Ende anzuhören.
Die Zuschauer werden gezwungen, den rechtsradikalen Fabelwesen ins menschliche Auge zu sehen.
Kein schöner Anblick. Denn die Neo-Nazis sind gerade so entseelt und abgestumpft und gleichgültig gegen den Rest der Welt wie die anderen Überlebensroboter dieser Gesellschaft auch.
Daß der Film aus Österreich kommt und mit staatlichen Zuschüssen der Republik Österreich produziert wurde, macht ihn nur noch ungemütlicher. Denn der bewährte, in seinem sittlichen Empfinden verletzte deutsche Steuerzahler, der mit dem Geldsack zu erschlagen pflegt, was ihm nicht in den Kopf will, muß sich hier mit der ungewohnten Rolle des Kino-Zuschauers abfinden.
Christian Schultz-Gerstein
Mit Nikolas Vogel (r.).
Von Christian Schultz-Gerstein

DER SPIEGEL 46/1983
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