28.03.1983

Parzival Luther

„Martin Luther“. Fernsehfilm von Theodor Schübel (Buch) und Rainer Wolffhardt (Regie). ZDF. 1. April, 20.15 Uhr; 3. April, 20.30 Uhr.
Du wirst eingehen wie eine Primel im Keller", droht Vater Luther, als ihm der Sohn erklärt, er werde ins Kloster gehen. "Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne, aber Schaden nähme an seiner Seele", verteidigt Martin seinen Entschluß.
"Sie kommen aus Sachsen, wo die hübschen Mädchen wachsen", begrüßt die fesche Magd einen Mönch, der Bruder Martin auf der Wartburg besucht. "Das ist die Lage, Prosit", doziert Landgraf Philipp von Hessen, bevor er Luther dazu überredet, ihm einen Persilschein für eine Doppelehe auszustellen.
So hilflos von Platitüde zu Platitüde holpern nicht immer die Dialoge in dem drei Stunden und 25 Minuten langen Luther-Film, den das ZDF in zwei Teilen am Karfreitag und Ostersonntag sendet. Gelegentlich wird deutlich, was der Autor Theodor Schübel zeigen wollte: Luthers politische Naivität, sein Unverständnis für die aufständischen Bauern, seine Ahnungslosigkeit gegenüber dem kirchlichen Fiskalismus.
Doch diese schwachen Lichtblicke werden allzuoft durch Klischees verdeckt oder bleiben für den Zuschauer unverständlich, weil die Hintergründe nicht dargestellt werden. Das liegt zum Teil daran, daß die Routiniers, Schübel und der Regisseur Rainer Wolffhardt, alles bringen wollten: Luther von A bis Z, von Ablaß bis Zölibat.
Es ist sicher schwer, einen homo religiosus wie Luther glaubhaft vorzuzeigen. Fromme Sprüche reichen dazu nicht aus, und ein sich schlaflos auf dem Kirchenboden S.214 wälzender Mönch hat mit Luthers quälenden Anfechtungen nichts zu tun. Es sind die Grenzen der Routine, die den Film lediglich zu einem bunten Bilderbogen geraten ließen, mit blassen Figuren, denen zwar die Masken gut stehen, aber die Überzeugungskraft fehlt.
Er habe, um sich auf die Rolle vorzubereiten, Richard Friedenthals Luther-Biographie gelesen, vertraute Luther-Darsteller Lambert Hamel der Münchner "Abendzeitung" an, weil er nicht ein Schauspieler sei, "der eine Rolle nur über den Kopf erarbeitet". Und die Frucht solch kopfloser Lektüre? Hamel: "Auch Luther war kein Theoretiker, er hatte eine große theatralische Begabung, war ein hervorragender Redner, ein toller Schreiber, sehr lebendig und spontan."
Luther "war ein Parzival", behauptet Hamel - der Wittenberger Mönch möge ihm verzeihen, denn das hat dem Mimen jemand eingeredet. Aber so ist dieser Hamel-Luther dann auch: gütig und tolerant, naiv und lieb, kurzum ein Reformator aus dem Reformhaus, der Käthchens selbstgebrautes Bier lobt.
Auch die anderen Figuren kränkeln an Buch und Regie: Kardinal Cajetan, ein hilfloser Schwätzer, Erzbischof Albrecht von Mainz, ein dummer Junge, der Ablaßhändler Johann Tetzel, ein betrügerischer Waschmittel-Vertreter, Andreas Karlstadt, ein kraftloser Holzhacker, und Papst Leo X., ein seniler Bariton mit einer Darmfistel.
Thomas Müntzers (hätte der Autor doch Ernst Blochs Buch gelesen]) Kanzelstreit mit Luther hört und sieht sich an wie der Wettkampf zweier Marktschreier - wer länger durchhält, kommt ins Buch der Rekorde.
Ganz sicher wollten Schübel und Wolffhardt niemandem weh tun, den Protestanten nicht und nicht den Katholiken. Luthers wortgewaltiger Kampf gegen das "Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet", ist nur noch ein harmloses Geplänkel. Die theologische Auseinandersetzung über Ablaß und Rechtfertigung wird nur so nebenbei abgehandelt.
Die politische und geistige Korruption von Papst, Kardinälen und Pfarrern, die verhängnisvolle Verquickung von weltlicher und geistlicher Macht, das in Jahrhunderten aufgestaute Mißtrauen in Deutschland gegen die römische Kurie, das ganze politische, soziale und geistige Umfeld, aus dem erst verständlich wird, warum der Wittenberger Mönch zum Reformator werden konnte, haben Schübel und Wolffhardt einer relativ heilen Welt geopfert, in der lediglich einige böse Fürsten sich an Klostergut bereichern und einige renitente Bauern die Leibeigenschaft beseitigen wollen.
Zu dieser heilen Welt gehört auch, daß Luthers fatale Polemik gegen die Juden mit keinem Wort erwähnt wird, auch nicht sein fast pathologischer Haß, mit dem er den ehemaligen Freund Karlstadt verfolgte, und schließlich auch nicht die folgenreiche Auslieferung seiner Kirche an die Landesfürsten.
Warum haben die Luther-Filmer Philipp Melanchthon, den engsten Vertrauten des Reformators, ganz aus dem Spiel gelassen? Warum auch den Johannes Eck, zweifellos der intelligenteste Gegner Luthers, warum die dramatischen Ereignisse um die Entstehung der "Confessio Augustana", warum die aufschlußreichen Tischgespräche?
Statt dessen zweifelhafte historische Klischees:
* die dröhnenden Hammerschläge an die Schloßkirche zu Wittenberg, mit denen Luther seine 95 Thesen annagelt - was von der modernen Lutherforschung mit guten Gründen bezweifelt wird;
* der geflügelte Satz "Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen", vor Kaiser Karl V. auf dem Reichstag zu Worms - den Luther nie gesprochen hat;
* die Verbrennung der Bannandrohnungsbulle Papst Leos X. durch Luther vor den Toren Wittenbergs - was nicht bewiesen ist.
"Wir wollten ja keinen Film machen, in dem zwar alles stimmte, der aber vor lauter Akribie im Detail den dramaturgisch-dynamischen Bogen zu verlieren drohte", so versucht Regisseur Wolffhardt zu erwartender Kritik zuvorzukommen. "Uns ging es nicht um Wirklichkeit, sondern um Wahrheit."
Dieses Bemühen um Wahrheit Autor und Regisseur absprechen zu wollen, wäre ungerecht. Nur die Wahrheit, was immer sie im Fall Luther sein mag, verlangt mehr als nur Routine. Vogelgezwitscher, reichlich über alle Szenen verstreut, schafft noch lange keine Atmosphäre, und Bibelzitate sind noch lange kein Beleg für Wahrheit.
Insgesamt 38 Sendungen um und über Luther werden die deutschen Fernsehzuschauer in diesem Jahr einschalten können. Zum Beispiel: "Luther und Marx", "Luther und die Frauen", "Luther und die Juden", "Martin Luther als Liederkomponist". Es ist also noch einiges zu erwarten.
Die erste Pflichtübung zum Luther-Jahr stimmt nicht hoffnungsfroh.
Helmut Gumnior

DER SPIEGEL 13/1983
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 13/1983
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Parzival Luther

  • Senioren in der JVA Waldheim: Gebrechliche Gangster
  • Geflüchtete in der Ausbildung: Mohammad soll bleiben - in Deutschland, im Betrieb
  • Vom Winde verweht: Sturm deckt Haus ab
  • Australien: Seargent Edwards hat's noch drauf