17.10.1983

„Ich lieb' dich nicht, du liebst mich nicht“

DDR-Jugendszene (III): Die Friedensbewegung / Von Peter Wensierski und Wolfgang Büscher *
Im Wittenberger Lutherhof, zwischen staatlicher Lutherhalle und kirchlichem Lutherhaus, versammeln sich mehr als tausend Menschen um einen Amboß. Eine Gruppe musiziert, Dias werden auf die Außenwand des Lutherhauses projiziert. Die Menge wartet auf ein ungewöhnliches Schauspiel.
Ein muskulöser Mann mit einem Schwert in der Hand tritt hinter den Amboß. "Den kenn'' ich", sagt ein Jugendlicher, "der war hier in Wittenberg Kunstschmied, jetzt schafft er in ''nem VEB." Der Schmied beginnt seine Arbeit, bringt das Schwert in einer Esse zum Glühen, läßt den Hammer niedersausen.
Die Jugendlichen fallen in den Rhythmus der Schläge ein, klatschen mit. Eine halbe Stunde lang, unterbrochen von Ruhepausen, bearbeitet der Schmied das Metall. Die Schwertspitze krümmt sich, aus der Waffe wird eine Pflugschar.
Pastor Friedrich Schorlemmer begleitet das Spektakel, spricht über die Vision, daß "wir Spieße zu Sicheln", "Raketenmäntel zu Wasserbehältern", "Zerstörer zu Passagierdampfern", "Kampf- zu Rettungshubschraubern" machen, "Träume in Wirklichkeit" umsetzen.
So wird, Ende September auf dem Kirchentag der sächsischen Protestanten in Wittenberg, ein Sieg gefeiert: Über den Staat, der das Abzeichen der kirchlichen Friedensbewegung "Schwerter zu Pflugscharen" verboten, die Träger des Aufnähers drangsaliert hat.
Als "schweren Symbolfehler" hatte der sächsische Bischof Johannes Hempel schon zwei Wochen vor dem Wittenberger Treffen die eineinhalb Jahre dauernde Verbots- und Verfolgungsaktion des Staates bezeichnet. Volkspolizisten, Chefs und Lehrer betätigten sich so lange als Jäger und Sammler, bis der größte Teil der Abzeichen einkassiert war. Damit habe es nun ein Ende; "viel Vertrauen" sei, so Hempel, "vor allem unter der Jugend zerstört worden".
Die jungen Leute lassen sich von ihrem Engagement für den Frieden nicht abbringen.
Unter dem kirchlichen Motto "Vertrauen wagen" klären sie über Raketen und Rüstungswahn auf, protestieren gegen Militarisierung und Kriegsspielzeug, mengten sich zu Pfingsten dieses Jahres vielerorts in die Friedensmärsche der staatstreuen "Freien Deutschen Jugend" (FDJ).
Leipzig, Gneisenaustraße. Es klingelt an der Wohnungstür. Janine wischt sich die vom Schildermalen verschmierten Hände ab und öffnet. Es ist Stefan.
"Was ist? Lassen die uns?" Stefan kommt gerade von der FDJ-Bezirksleitung, wo er die Teilnahme an der offiziellen "Friedensmanifestation" am kommenden Tag besprechen wollte. Die autonome Friedensgruppe möchte mit eigenen Transparenten und Parolen auftreten. _(Beim Kirchentag Ende September; das ) _(Schwert wird zu einer Pflugschar ) _(umgeschmiedet. )
Stefan zuckt mit den Achseln: "Sieht so aus."
Aus allen Ecken der Wohnung kommen die anderen herbei. Jetzt wird erst einmal Tee gekocht, dann muß Stefan alles genau erzählen. 50 Leute etwa haben zugesagt, so wie sie, morgen mit dabeizusein. Wochenlang lagen sie miteinander im Streit, ob so etwas überhaupt Sinn hat oder nicht.
"Wenn wir es nicht schaffen, über unseren eigenen Kreis hinaus zu wirken, hat unser Engagement keinen Erfolg", argumentieren die einen. "Wenn wir bei der FDJ mitmarschieren, haben wir bei der Bevölkerung total verspielt, dann werden wir doch mit denen in einen Topf geworfen", die anderen.
Diskussionen wie in Leipzig gab es im vergangenen Frühjahr in vielen Zirkeln der ostdeutschen Friedensbewegung. In den meisten Städten der DDR setzten sich jene durch, die fürs Mitmachen beim Spektakel der Staatsjugend FDJ plädierten. Die "privaten" Friedensfreunde in Potsdam, Jena, Halle, Zittau, Cottbus, Magdeburg und anderswo wollten beim Pfingsttreffen der FDJ zeigen, daß sie keine exotische Randgruppe der sozialistischen Gesellschaft sind.
Am nächsten Morgen erscheint die Leipziger Gruppe mit ihren Friedensparolen am Aufstellungsplatz. Dort werden sie schon erwartet. Ein Beauftragter des Rates des Kreises will plötzlich von den Absprachen mit der FDJ-Bezirksleitung nichts mehr wissen: "Kommt nicht in die Tüte. Wir lassen uns doch nicht unsere schöne Demonstration kaputtmachen."
Flinke Helfer sind zur Stelle, sammeln alle nichtoffiziellen Plakate ein. Dafür gibt''s sogar eine ordentliche Quittung - deutsche Gründlichkeit (Ost).
Friedensrunen, Losungen gegen Kriegsspielzeug, Parolen zur Friedenserziehung wandern in einen bereitgestellten Barkas-Kombi. Selbst die Forderung nach atomwaffenfreien Zonen findet keine Gnade, obwohl sie zum Repertoire der SED-Agitation gehört.
Die umstehenden Ordner grinsen. Doch ein böser Ton kommt auf beiden Seiten nicht auf. Noch sind hier die Spielregeln halt so, und die Parteikader vor Ort erfüllen ohne besondere Verbissenheit nur ihre Pflicht.
Stefan, Janine und die anderen laufen schließlich ohne Schilder mit: Die Friedenssticker an ihren Szene-Klamotten, die Versuche, eigene Friedenslieder zu singen, lenken die Aufmerksamkeit ohnehin auf sie. Nach der Demonstration kommen die meisten ins Gespräch mit Leuten, "die wir sonst niemals kennengelernt hätten", wie die Gruppe hinterher bilanziert.
Anderswo reagierten die Funktionäre flexibler. In Pritzwalk durfte schon im vergangenen Jahr eine kirchliche Gruppe an der FDJ-Friedensmanifestation zu Pfingsten teilnehmen. Ein örtlicher SED-Mann lobte im Genossen-Kreis: "Das schienen mir die einzigen wirklich engagierten Teilnehmer gewesen zu sein." Der Auftritt war wochenlang Gesprächsthema in der Kleinstadt.
So ganz falsch lag der Genosse mit seinem Urteil wohl nicht. Für den Frieden sind natürlich alle in der DDR, doch für viele Bürger ist so ein Marsch nur eine von vielen lästigen Pflichtübungen, zu der man erscheint, weil Anwesenheit dem eigenen Fortkommen dient.
Das weiß auch die Partei. Rechtzeitig zum Pfingsttreffen 1983 änderte sie ihre Taktik: Funktionäre ließen durchblicken, in diesem Jahr könne jeder an der Friedensdemo teilnehmen - "mit dem Recht auf Selbstdarstellung".
Wo dieses Recht endet, blieb allerdings den örtlichen Behörden überlassen. Und die zeigten nicht überall ein so weites Herz wie in Pritzwalk oder im Oberlausitzer Zittau. Dort prangten FDJlern und biederen Bürgern von Transparenten und Plakaten ungewohnte Parolen entgegen: "Für Friedenserziehung
in den Schulen", "Kriegsspielzeug? Eltern haften für ihre Kinder", "Für wahrhaften, nicht wehrhaften Frieden in Ost und West", "Abrüsten statt Aufrüsten", und: "Gegen Waffen Frieden schaffen".
Erst zwei Stunden vor Beginn der Demonstration genehmigten die örtlichen Organe den privaten Schilderwald. Damit alles seine Ordnung hatte, wurde der Gruppe ein Stellplatz in den Reihen der übrigen Friedensfreunde zugewiesen.
Die Initiative von unten brachte den Demo-Plan durcheinander: Vor der Zittauer Johanniskirche bildeten sich spontane Diskussionsrunden, einige aus der Friedensgruppe verteilten Blumen. Die Reaktionen reichten von Lachen über Unsicherheit bis zur totalen Ablehnung: "Damit könnt ihr keinen imperialistischen Angriff abwehren."
Ob die FDJ den freien Zulauf bei ihren alljährlichen Pfingstmeetings weiterhin dulden wird, ist zweifelhaft. Denn nicht überall lassen es die Friedensgruppen mit der schlichten Teilnahme am FDJ-Aufmarsch bewenden. In Halle etwa schrieben sie an den Jugendverband, sie wollten gern mit der FDJ über den Frieden und die Wege dahin in einen "konstruktiven Dialog" treten. Hundert unterschrieben und bekamen sogar Antwort.
Doch die war negativ. Die FDJ-Leitung teilte mit, sie anerkenne keine Gruppen und diskutiere folglich auch nicht mit ihnen, wohl aber sei sie zu Einzelgesprächen bereit. Bei diesen Solodarbietungen indes kam nichts heraus. Ein Teilnehmer: "Die haben halt ihre Linie abgespult, und dann hat man sich irgendwann wieder verabschiedet."
In Potsdam wurden die SED-Leute direkter: "Eine Teilnahme an offiziellen Demonstrationen wie in diesem Jahr", so erklärten sie einem Jugendlichen knapp, werde "ganz sicher nicht wieder vorkommen". Und selbst im liberalen Zittau ließ der Rat des Bezirkes wissen, "ein nächstes Mal wird es kaum geben".
Die Widersprüche bei der Behandlung der Friedensbewegung durch die SED zeigen das Dilemma, in das die Partei geraten ist: Einerseits können die Einheitssozialisten die Friedensaktivisten nicht einfach ins Abseits schieben oder als Oppositionelle kriminalisieren, wollen sie nicht ihre eigene Glaubwürdigkeit als führende Friedenskraft aufs Spiel setzen. Deshalb vertreten nicht wenige Funktionäre die Linie: "Wir müssen uns um die Einheit aller Friedenskräfte bemühen."
Andererseits fürchtet die ostdeutsche Staatspartei jedes Anzeichen von unkontrollierter Spontaneität wie die Pest - als Beginn von Subversion und Chaos. "Unsere Demonstrationen", so das Gegenargument, "dürfen keine Happenings für Staatsfeinde werden." Bei den Nichtorganisierten handle es sich vor allem
um Solidarnosc-Agitatoren, Anarchisten und Agenten.
Die Leitung des DDR-Kirchenbundes aber will daran festhalten, daß christliche Friedensgruppen eigenständig an den staatlichen Aufmärschen teilnehmen sollen. Im September appellierten Kirchenführer an die Partei: "Fragen und eigene Lösungsvorschläge zu den offiziell vertretenen Auffassungen dürfen nicht sofort als gegen Staat und Gesellschaft gerichtet verdächtigt werden."
Dann übten die protestantischen Kirchenmänner Kritik: "Wir bedauern, daß bei der ''Friedensmanifestation der Jugend'', Pfingsten 1983, Christen zwar eingeladen wurden, mit eigenen Losungen teilzunehmen, dann aber weithin ausgeschlossen, verdächtigt oder gar gewaltsam ferngehalten wurden." In Zukunft hofft man "auf das Mitdenken und Mitgehen unserer Partner" in der Gesellschaft.
Ähnlich unsicher wie den ungebetenen Pfingstdemonstranten begegnet die SED einer anderen Form von Friedenseinsatz: der "Friedenswerkstatt" der evangelischen Kirche.
Während kirchliche Gruppen in der DDR-Metropole im Juli schon zum zweiten Mal ein solches Friedensseminar veranstalteten, "wäre das bei uns", so schätzt ein Weimarer Kirchenmann die Lage ein, "völlig undenkbar".
Organisiert ist die Friedenswerkstatt als offenes Diskussionsforum und Informationsbörse, mit Info-Ständen zu Sicherheitspolitik, Zivilschutz oder Bausoldaten-Einheiten, in denen Wehrdienstverweigerer eine Art militärischen Ersatzdienst ohne Waffe ableisten können. Parteileute sind willkommen, einige Gäste aus dem Westen zugelassen.
Welche Fortschritte die DDR-Friedensbewegung in nur einem Jahr gemacht
hat, zeigte sich bei der zweiten Friedenswerkstatt in der Ost-Berliner Erlöserkirche, Motto: "Sprich mal frei." Für zehn Stunden blühte da im Juli 1983 auf dem abgelegenen Kirchengrundstück am S-Bahnhof Rummelsburg eine politische Kultur auf, von der die 3000 Teilnehmer im Alltag nur träumen können.
Die neue Basisbewegung stellte sich in ihrer ganzen Breite dar, Umweltschützer meldeten sich ebenso zu Wort wie Schwulengruppen (siehe Kasten Seite 119) und Fraueninitiativen.
Eine Podiumsdiskussion gehörte zu den Höhepunkten. Mit von der Partie - in diesem Rahmen höchst ungewöhnlich - ein Funktionär der DDR-CDU und Mitglied der staatlichen Friedensbewegung, Carl Ordnung. Der erntete Gelächter, als er behauptete, die DDR sei doch nach innen friedlich.
Für den Magdeburger Pfarrer Hans Tschiche dagegen gab es Beifall, als er Ordnung entgegenhielt: "Es geht nicht an, daß man außenpolitisch nach Frieden ruft und innenpolitisch ein Klima der Angst und der Disziplinierung schafft." Nach Tschiches Ansicht könnte nur Verweigerung die Politiker dazu bringen, "das Vernünftige zu tun".
Die einzige Frau unter den zehn Podiumsteilnehmern, eine Vertreterin der DDR-weiten Gruppe "Frauen für den Frieden", bekam ebenfalls großen Applaus für die Feststellung, daß es an der Zeit sei, den Friedenswillen auch außerhalb der Kirche zu dokumentieren. Die gängigen Verleumdungen müßten endlich aufhören, denn "wir sind keine von außen angestifteten Provokateure".
Die Anwesenheit westlicher Gesinnungsgenossen empfinden nicht nur die kirchlichen Veranstalter, sondern auch viele Teilnehmer als problematisch. Zu unterschiedlich ist der Stil, zu groß die Angst, unter den Verdacht der Abhängigkeit vom Klassenfeind zu geraten.
"Ich finde es schade und bedauerlich, daß ein ausländischer Gast zuerst spricht, wenn wir uns hier schon mal zu einer öffentlichen Aussprache versammeln", kritisiert eine Frau aus Wittenberg die Auftritte von Westlern in der "Speaker''s Corner". Im Privatgespräch wird sie deutlicher: "Ich habe den Eindruck, diese West-Leute spielen sich hier nur auf und interessieren sich nicht wirklich für uns. Es ist wohl schon Mode geworden bei euch, hier mal dabeigewesen zu sein."
Verdächtig ist den Ost-Pazifisten auch das professionelle Polit-Gehabe mancher Friedensfreunde (West). Da sie sich im SED-System ohnehin nicht im großen Stil organisieren können, ist den ostdeutschen Friedensfreunden moralische Integrität und persönliches Engagement wichtiger als politische Wirkung.
SED-konformen Teilnehmern an der Friedenswerkstatt war das Ganze nicht geheuer. Danach moserten sie über den "Pazifisten-Jahrmarkt". Systemkritiker hätten den Freiraum einer "sogenannten Friedenswerkstatt" genutzt, sich mit Gleichgesinnten zu verbrüdern. "Schon tauchen Vorschläge auf", sorgte sich ein Mitglied der regimenahen "Christlichen Friedenskonferenz" (CFK), "wie die Schaffung eines Korrespondenz-Büros, einer Material-Zentrale und einer elastischen Organisation kleiner abgeschlossener Gruppen."
Wie verunsichert die Genossen sind, demonstrierten sie in Rostock. In der Hafenstadt gibt es eine vielköpfige Gemeinde kirchlicher Friedensfreunde. Seit Januar letzten Jahres findet jeden Monat in der Evangelischen Studentengemeinde ein Friedensgottesdienst statt. Anfangs kamen zwei Dutzend, inzwischen sind es bis zu 750.
Zum 13. Mai hatte die Kirche die FDJ-Bezirksleitung und den Ortsverein der "Christlichen Friedenskonferenz" bei einem Friedensseminar zur Podiumsdiskussion gebeten. Nicht zum ersten Mal, aber diesmal sagten die Geladenen zu, die CFK-Leute nach langem Zögern, die FDJler spontan. Doch als der FDJ-Zentralrat in Ost-Berlin von der Sache Wind bekam, zogen die Cheffunktionäre die Notbremse. Kurz vor Diskussionsbeginn kam die Absage.
Dabei hatte sich die Zusammenarbeit zwischen Rostocker Friedensspontis und Staatsjugend gut angelassen. Im November 1982 lud die FDJ ins Mensa-Foyer zum Friedensfest. Man wollte über die Alternative "Frieden schaffen ohne Waffen oder bewaffneten Schutz des Sozialismus" miteinander reden.
Die Rostocker Christenjugend erschien in Sollstärke, CFK-Mann Gert Wendelborn referierte. "Schwerter zu Pflugscharen" sei ein "dunkles Wort", erläuterte der Theologe von der Rostocker Uni seinen jungen Glaubensbrüdern. Die FDJler hörten es gern.
Eine echte Debatte entzündete sich im Foyer. Dort hatte die FDJ eine "Friedenswand"
aufgebaut, die mit kontroversen Parolen, Sprüchen und Symbolen bepinselt wurde. Diskussionstrauben bildeten sich und besprachen, was im Saal ausgeklammert worden war.
Zusätzlich irritiert sind die SED-Oberen und vor allem die Staatsschützer des Sicherheitsministers Erich Mielke durch eine Bewegung, der sie selbst - wenn auch ungewollt - zum Leben verholfen haben. Zum 1. Mai 1982 verabschiedete die DDR-Volkskammer ein neues Wehrgesetz, nach dem auch Frauen, wenn die Lage der sozialistischen Nation es erfordert, zur Nationalen Volksarmee gezogen werden können.
Keine sechs Wochen später hatte die DDR eine weitere Neuererinitiative - die "Frauen für den Frieden". Bei der Ost-Berliner Friedenswerkstatt 1982 traten sie erstmals öffentlich auf. Im Herbst desselben Jahres schrieben sie einen Brief an Erich Honecker, Kopie an Volkskammer und Ministerrat; Tenor: Zu dem neuen Gesetz müsse das Volk befragt werden. Die Unterschriften kamen aus Dresden, Ost-Berlin und Halle, die Unterzeichnerinnen gehörten überwiegend zum kirchlichen und zum Künstlermilieu.
Die Staatsorgane scheinen sich erst einmal ein Bild von dem neuen Phänomen machen zu wollen. Zurückgeschlagen hat das Regime bislang jederifalls noch nicht so recht.
Nur die Ost-Berliner Malerin Bärbel Bohley verlor ihren Posten im Vorstand des Verbandes Bildender Künstler der Hauptstadt und sieht sich, wie manche andere der Frauen, unter "ständigem Druck".
Ansonsten verlegt sich die Staatsmacht erst mal auf psychologische Kriegsführung: Überall in der Republik wurden die Friedensfrauen zu Verhören oder Gesprächen gebeten. Parallel dazu bearbeiteten die Herren von der Stasi die Ehegatten, von Mann zu Mann - Originalton: "Können Sie nicht ein bißchen besser auf Ihre Frau aufpassen?"
Die Friedensfrauen selbst treffen bei der Stasi häufig auf eine krude Mischung aus Fiesheit und Drohungen: "Was Sie versuchen, hat doch keinen Sinn. Solche Frauen will man weder im Osten noch im Westen, ihr bleibt immer Außenseiter." Und: "Wenn man''s ganz genau nimmt, könnte man eigentlich Paragraph 106 anwenden" - staatsfeindliche Hetze.
Wenn die Frauen nach einem Vormittag bei der "Diskussionfraktion" heimkommen und feststellen, daß inzwischen die "Haussuchungsfraktion" ihr Tagwerk verrichtet hat, kommt Verbitterung auf.
Dennoch vermuten die Attackierten "eher Hilflosigkeit bei den Organen" als gezielte Taktik. Vom Ost-Berliner Magistrat bekamen die Friedensfrauen sogar staatsbürgerliche Zuverlässigkeit bescheinigt.
Auf einen Protestbrief gegen die rüde Ausbürgerung des Jenaer Friedensstreiters Roland Jahn antwortete die Behörde freundlich, der Jahn habe sich strafbar gemacht, da sollten sich die Friedensfrauen nicht einmischen, zumal sie selbst sich doch bei ihren Aktivitäten an die Gesetze hielten.
Weniger feinfühlig sprang ein Ost-Berliner VEB-Kollektiv mit einer Kollegin um: Mit so einer, die aufsässige Hetzbriefe unterschreibe, wolle man nicht mehr zusammenarbeiten - die Friedensfrau kündigte.
"Bist du wahnsinnig, dich mit denen einzulassen" - Vorhaltungen dieser Art bekamen die Unterzeichnerinnen des
Briefes an Honecker oft zu hören. Und: "Dir geht''s doch gut, damit machst du dir alles kaputt."
Als nach der Friedensdekade Ende 1981 Peace-Aufnäher auf Zehntausenden Blusen und Hemdsärmeln überall auftauchten, gab es ähnlich widersprüchliche Szenen wie bei den Pfingstmärschen der FDJ. Auf Straßen und Schulhöfen spielte die Volkspolizei Schnitzeljagd. Sobald sich aber dieselben Leute in Gotteshäusern und Kirchgärten zu Klein- und Großveranstaltungen versammelten, ließ man sie gewähren.
Am 6. August dieses Jahres, dem "Hiroschima-Tag", trafen sich in der Ost-Berliner Erlöserkirche vierzehn, in der Hallenser Marktkirche um die hundert und in der Stadtkirche von Teterow ein gutes Dutzend autonome Friedensfreunde zum gemeinsamen Fasten. Die "Christliche Frauengruppe Hohenthurm" aus Halle hatte die Aktion angeregt, um sich auf diese Weise mit Fastenden in aller Welt zu solidarisieren.
Die DDR-Faster, die sich auf Luftmatratzen und in Schlafsäcken um die Altäre der drei Kirchen lagerten, wollten unterschiedlich lange darben. In Teterow und Halle einmal rund um die Uhr, in Ost-Berlin eine ganze Woche. Nirgendwo gab es Schwierigkeiten mit Behörden, wenn die Aktionisten nur eine Auflage einhielten: keinen Schritt über die Kirchenschwelle. In Ost-Berlin mußte ein Transparent, das draußen an der Kirche hing, abgenommen werden, _(Auf einem Plakat, mit dem er in Jena ) _(gegen seine Exmatrikulation ) _(protestierte. )
nachdem es in der "Tagesschau" gezeigt worden war.
Noch etwas löst bei staatlichen Stellen den Griff zur Notbremse aus: Anzeichen von ost-westlicher Pazifistenverbrüderung. Während der beiden Ost-Berliner Friedenswerkstätten 1982 und 1983 wurde zahlreichen Westlern die Einreise verweigert. Und zum "Europäischen Friedenskongreß" im vergangenen Mai durften Pazifismus-verdächtige Ost-Rentner nicht nach West-Berlin ausreisen.
Auch den Vorschlag, persönliche Friedensverträge zwischen Ost- und Westdeutschen abzuschließen, blockten die Funktionäre prompt ab. Vor den Kirchentagen in Eisleben und Magdeburg im Juni ermahnten die Behörden die Veranstalter, solche Ost-West-Verträge dürften auf gar keinen Fall propagiert oder gar organisiert werden.
Doch das Projekt ist inzwischen von Friedenszirkeln in Mecklenburg und Sachsen in Gang gebracht worden. In einem gemeinsamen Aufruf fordern sie persönliche Friedensverträge zwischen einzelnen Personen als "Abrüstung von unten".
In dem Papier wird kein einheitlicher Vertragstext vorgeschlagen. Statt dessen geben die Autoren Anregungen für individuelle Briefe. In einem ersten solcher Schreiben, die bereits zu Hunderten über die deutsch-deutsche Grenze gehen, heißt es: "Wir erklären, daß wir nicht aufeinander schießen werden. Wir beabsichtigen, gegenseitiges Verständnis und Vertrauen zu fördern, Informationen auszutauschen und bei Besuchen an Friedensveranstaltungen der anderen Seite teilzunehmen."
Privatpersonen in der Bundesrepublik haben sich zur Organisation des Projekts zu einer "Sammelstelle" zusammengefunden. Die Synode des DDR-Kirchenbundes begrüßte auf ihrer Septembertagung in Potsdam "spontane Aktionen" in der kirchlichen Friedensarbeit und auch die Friedensbriefe.
Die unterschiedliche Behandlung der autonomen Friedensszene läßt vermuten, daß die SED-Führung (noch) uneins ist, wie sie mit den Störenfrieden im eigenen Land umgehen soll. Sie verweigert sich zwar allen Forderungen der Autonomen, zugleich aber läßt sie die für die Macht der Partei nicht ungefährlichen Diskussionen in den Friedenszirkeln über Friedenssicherung statt Wehrkundeunterricht und gegen den allgegenwärtigen Militarismus in Medien und Öffentlichkeit laufen.
"Sozialer Friedensdienst" komme nicht in Frage, erklärte SED-Mann Klaus Gysi, Staatssekretär für Kirchenfragen beim Ministerrat, im September 1981 vor Studenten der Ost-Berliner Humboldt-Universität. Doch die Partei tolerierte, daß sich Tausende von jungen DDR-Bürgern in kirchlichen Foren und Initiativen für einen zivilen Ersatzdienst engagierten.
Den jungen Leuten bleibt vor dieser Gummi-Taktik nur der Ausweg in eine Alternativkultur, so bescheiden diese auch sein mag. Da ihnen der Weg in die Politik versperrt wird, drucken sie eben Postkarten mit pazifistischen Motiven, malen Anti-Kriegsplakate, treffen sich in den überall im Lande aufblühenden Friedensgruppen. Und sie erfahren, daß manches machbar ist, was ihre Eltern nie zu tun gewagt hätten.
Doch mit derlei Erfolgserlebnissen, so fürchten die Friedensgruppen, könnte es schon bald vorbei sein.
"Wenn erst ganz zum Jahresende in der BRD ''Pershing 2'' und Cruise Missiles stationiert werden, könnten wir ja unsere Friedensdekade im November noch gerade so durchbringen", so ein
sächsischer Jugendpfarrer. Für die Zeit danach aber sieht er rabenschwarz: Wenn der DDR-Regierung, deren Politik in den vergangenen Jahren darauf ausgerichtet war, die Nachrüstung zu verhindern, "von Reagan jedes Kalkül unter den Füßen weggezogen wird, dann ist hier Feierabend mit unseren Spielwiesen".
Die Gefahr für die eigene Existenz hat den Horizont der DDR-Pazifisten über den ostdeutschen Kirchturm hinaus geweitet. Zunächst hatten sie fast nur die Militarisierung im eigenen Land im Blick. Keine der Publikumsfragen beim ersten Dresdner Friedensforum im Februar 1982 galt Polen, der Bundesrepublik oder internationalen Konflikten. Wenn jetzt in kirchlichen Stellungnahmen immer wieder die westliche Nachrüstung angegriffen wird, ist das alles andere als eine Pflichtübung an die Adresse Erich Honeckers.
Im März versammelten sich 120 Vertreter von über 30 Friedensgruppen aus der Berlin-Brandenburgischen Kirche im Ost-Berliner Stadtjugendpfarramt. Einmütig stellten sie sich hinter den schwedischen Vorschlag einer atomwaffenfreien Zone an der Grenze beider Militärblöcke in Europa und ausdrücklich auch hinter die eigene Regierung, die den Plan des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme unterstützt.
Die Ost-Berliner Theologische Studienabteilung beim DDR-Kirchenbund trat im April beiden deutschen Regierungen auf die Füße: Sie sollten zu gleichen Teilen Rüstungsgelder streichen, Soldaten nach Hause schicken und das eingesparte Geld den Polen abgeben, um die Lage in Europa zu stabilisieren.
Gegenwärtig wird in DDR-Friedensgruppen darüber nachgedacht, wie man wenigstens symbolisch auf die Kohl-Regierung
einwirken könne. Optimisten setzen auf "ein gewisses moralisches Gewicht von uns in der West-Öffentlichkeit".
Unterstützung bekamen sie zum Auftakt des "heißen Herbstes" von ihren Oberhirten in beiden deutschen Staaten: Zum Anti-Kriegstag am 1. September appellierten der Vorsitzende des DDR-Kirchenbundes, Bischof Johannes Hempel, und der Ratsvorsitzende der EKD, Landesbischof Eduard Lohse, in einem gemeinsamen Brief an Helmut Kohl und Erich Honecker "auf das dringlichste, sich im Rahmen der jeweiligen Bündnissysteme mit aller Kraft dafür einzusetzen, daß die Verhandlungen in Genf erfolgreich verlaufen, eine spürbare Verringerung der beiderseitigen Waffensysteme erreicht wird und es zu keiner weiteren Aufrüstung in Mitteleuropa kommt".
Zur Furcht vor den Folgen der Nachrüstung kommen hausgemachte Schwierigkeiten der Friedensgruppen. Zwar erhielten sie innerhalb weniger Monate Zulauf von Zehntausenden Jugendlichen, aber die Fluktuation ist vor allem in den heterogenen neuen Gruppen groß. Koordination oder auch nur geregelte Information untereinander gibt es kaum. Die Friedenskreise treffen sich meist nur auf Kirchentagen. "Von dem, was ich hier erlebe, muß ich auf meinem Dorf das ganze Jahr zehren", klagte eine 20jährige beim Rostocker Christentreffen.
Die Amtskirche versucht, sich auf ihre Weise auf den erwarteten Klimasturz einzustellen: Allzu unbequeme Randgruppen werden ferngehalten, Pfarrer und Bischöfe versuchen, eine politische Überfremdung der eigenen Aktivitäten zu verhindern. Der Ost-Berliner Konsistorialpräsident Manfred Stolpe: "Wir sind schließlich kein Oppositionslokal."
Auch das Ausreiseproblem lastet mitunter schwer auf der kirchlichen Friedensarbeit. In Jena, bis vor kurzem eines der Zentren der Friedensbewegung, "kamen doch auf 20 Friedensgrüppler 15 Ausreisis", höhnt ein Friedensarbeiter. Der Jena-Mythos ist verblaßt, seit die Behörden einen Pulk von renitenten jungen Leuten abgeschoben haben.
Ausreisewillige kommen von weither, um auf dem Platz der Kosmonauten in der Jenaer Innenstadt für ihren Trip nach Westen zu demonstrieren. Die alte Universitätsstadt ist in den Ruf gekommen, eine todsichere Abschußrampe in die Bundesrepublik zu sein. DDR-müde Bürger, die glauben, als Friedenskämpfer schneller aus dem Land zu kommen, könnten, so fürchten die Friedensaktivisten, auch anderswo die Glaubwürdigkeit der Bewegung untergraben.
SED-Intellektuellen, die kritisch zum System stehen, kommt der Drang nach Westen nicht nur in der Friedensbewegung, sondern in der ganzen neuen Jugendszene zupaß, um sich selbst zu salvieren. "Dieses ganze Prenzlauer Berg-Milieu kotzt mich an. Die gefallen sich in ihrem Alternativ- oder Künstler-Purismus und haben letzten Endes doch nur die Ausreise im Kopf", so ein Ost-Berliner Wissenschaftler.
Doch hinter solchen Sprüchen steckt in Wahrheit dieselbe Unsicherheit, die auch die Parteiführung plagt. Viele etablierte Intelligenzler sehen die Probleme - vom Umweltschutz bis zur atomaren Apokalypse -, die von den Alternativen jetzt der DDR-Gesellschaft bewußt gemacht werden. Doch jahrelang glaubten
sie, die neuen Fragen mit marxistischen Denkkategorien lösen zu können.
Nun müssen sie umdenken: Die jungen Protestler interessieren sich nicht für Karl Marx und Rosa Luxemburg, sondern für das Gewaltlosen-Idol Gandhi und die Bergpredigt. Neuerdings tauchen denn auch Leute bei Jugendveranstaltungen oder in kirchlichen Debattierrunden auf, die mit der Kirche früher nichts im Sinn hatten.
Die Ost-Berliner Friedenswerkstatt etwa wird monatelang von Dutzenden kleiner Arbeitsgruppen vorbereitet. Bei solchen Gelegenheiten entsteht und festigt sich die Kommunikation zwischen der Ärztin aus der staatlichen Psychiatrie und dem kirchlichen Basisarbeiter, dem Biologen und dem kirchlichen Umweltschützer, dem nachdenklichen Parteigenossen und dem Pfarrer.
An gemeinsamen Themen fehlt es nicht: der wachsende Alkoholismus in der DDR, die Gleichgültigkeit der schweigenden Mehrheit, die Möglichkeiten für selbständige Initiativen.
Trotz solcher hoffnungsvollen Ansätze können sich viele aus der jungen DDR-Friedensbewegung einen breiten Einbruch in die DDR-Gesellschaft nicht vorstellen. Wer die Frage nach der Zukunft stellt, dem wird meist bloß das Problem-Abc vorbuchstabiert: Ausreiser, Beziehungsclinch mit dem Staat, Cruise-Missile-Schock.
Viele kirchliche Mitarbeiter fühlen sich überfordert in der Rolle, in die sie in den letzten drei Jahren hineingewachsen sind. Vom Staat mißverstanden, vom Westen vermarktet, von den Jugendlichen bedrängt, von der Kirchenspitze gebremst - so sehen sie sich selbst auf einer eigentlich unmöglichen Gratwanderung.
Wie gefährlich die sein kann, bekamen einige am 1. September, den die DDR als "Weltfriedenstag" feiert, zu spüren.
In mehreren Orten verhafteten die Behörden Friedensstreiter, die meisten allerdings nur vorübergehend. Teilnehmern der Ost-Berliner "Friedenskette" zwischen amerikanischer und sowjetischer Botschaft wurde, als sie noch zur Marienkirche am Alexanderplatz weiterzogen, gedroht: "Beim nächsten Mal wird''s ernst."
Schockierend wirkten die Verurteilung des Hallenser Jugenddiakons Lothar Rochau zu drei Jahren Gefängnis und die Verhaftung der Bibliotheksassistentin Kathrin Eigenfeld, die zusammen mit Rochau "offene Jugendarbeit" betrieben hatte (SPIEGEL 39/1983). Die Friedensfrauen meldeten sich mit einer von über 200 Menschen unterzeichneten Eingabe zu Wort, überall äußerten Kirchenleute in Gesprächen mit Repräsentanten des Staates ihr Unverständnis.
Die SED-Führung, so empfinden es viele Aktive unter den Protestanten, steht eigentlich bei der Kirche in der Schuld. Ein Jugendarbeiter: "Wenn die Parteileute nur wüßten, wie sehr ich manchmal die jungen Leute zügeln muß, dann könnten die uns eigentlich unheimlich dankbar sein." Er fühlt sich wie mancher seiner Kollegen zum unfreiwilligen Anwalt des Staates gemacht: "Man könnte meinen, ich bin in dieser Kleinstadt der einzige, der sich um Jugendliche kümmert, auch dann, wenn es schwierig wird." Erst wenn der Rat der Stadt den Eindruck gewönne, er habe nicht mehr alles unter Kontrolle, seien die amtlichen Helfer plötzlich da.
Der Kirchenmann teilt die Heranwachsenden in drei Gruppen ein: *___Die einen handeln nach der Devise, "es ist sowieso bald ____alles am Arsch, dann will ich wenigstens noch mal ____kompromißlos leben"; *___die anderen denken bloß ans Abhauen; *___der "immer noch größte Teil will bloß seine Mark machen ____und seine Ruhe haben".
Wo man heute in der DDR auch hinkommt und ehrliche Gesprächspartner hat, fallen bald Stichworte wie "Werteverlust" oder "Legitimationskrise des Systems". Solche Gespräche sind selten
von Feindseligkeit gegen Partei und Staat bestimmt, weit mehr von einer Mischung aus Traurigkeit, Ratlosigkeit, Galgenhumor, Achselzucken und Abwarten.
"Alles ist so schrecklich festgefahren. Es herrscht eine Stimmung wie im Westen zu Zeiten Konrad Adenauers: nur keine Experimente. Jeder ist froh, wenn er sich irgendwie aus dieser oder jener Affäre ziehen kann, für die er dann nicht mehr verantwortlich ist."
Der Mann aus Rostock, der das sagt, glaubt daher, das neue kritische Bewußtsein, das sich in Friedensbewegung, Ökogruppen und unter Partei-Intellektuellen entwickelt, sei für die DDR-Gesellschaft von unschätzbarem Wert: "Da sind genau die Leute dabei, die sich wirklich Gedanken machen, die sich verantwortlich fühlen für dieses Land, für die Zukunft ihrer Kinder. Darum engagieren sie sich doch in Friedens- oder Ökologiegruppen, darum treten sie doch an die Öffentlichkeit, selbst wenn es Nachteile für sie bedeuten kann, darum machen sie doch ein Leben in irgendwelchen Nischen nicht mehr mit."
Dieses Potential dürfe man nicht unproduktiv verrotten lassen oder immer nur unterdrücken. "Doch die Partei fürchtet sich nahezu traumatisch vor allem, was sich ohne sie regt. Darum können wir sie immer wieder nur geduldig überzeugen, und das wird lange - für viele von uns vielleicht zu lange - dauern. Aber in der Partei sind doch auch nur Menschen, die müssen das doch irgendwann einsehen."
Auch leitende Kirchenmänner reden den SED-Funktionären ins Gewissen. Bischof Hempel, der eine um sich greifende Verbitterung und Enttäuschung unter DDR-Bürgern beklagt, warnt vor der "selbstschädigenden Verkümmerung von Potenzen" in der Gesellschaft.
Solche Geduld bringen viele Jugendliche, vor allem jene, die schon einmal hart angefaßt wurden, längst nicht mehr auf. "Das sind doch Mumien" - mit dieser Meinung über die Etablierten stehen die Punker nicht allein.
Auch die selbstbewußte Mitstreiterin einer stabilen Friedensgruppe aus dem Süden der Republik wirkt frustriert, wenn sie auf die schweigende Mehrheit im Arbeiter-und-Bauern-Staat zu sprechen kommt: "Die meisten sind doch zufrieden. Die sind voll ausgelastet mit Rackern für Trabi und Couchgarnitur."
Ein Funktionär des Kulturbundes aus Dresden fürchtet sich gar vor latentem Haß des Normalbürgers auf Intellektuelle, Künstler und Außenseiter: "Keine drei Monate würden die hier brauchen, dann hätten wir die schönste Pogromstimmung."
Wenn der Sachse die Äußerungen einiger Jugendlicher beim Ost-Berliner Festival "Rock für den Frieden" im Januar gehört hätte, würde er sich vielleicht ein Sicherheitsschloß zulegen. "Nicht jammern und picheln - hammern und sicheln" stand im Rock-Palast zu lesen. Gefragt, was ihnen dazu einfalle, antworteten zwei Lehrlinge: "Na, ist doch klar! Wenn alle anständig arbeiten würden, dann ging''s uns auch besser hier." Und eins wollte der eine mal sagen: "Diese ganzen Miesmacher und Nörgler stehn mir bis hier oben hin - die sollen arbeiten, und damit basta."
So kommt die SED-Parole "Leiste was, dann kannst du dir was leisten" unten an.
Eine Kasseler Jugendgruppe, die 1982 Thüringen bereiste, notierte erschrocken die Erlebnisse von Ost-Pazifisten in einer Kleinstadt bei Eisenach: "Grünjacken! Asoziales Pack! Ihr kriegt hier nichts, macht, daß ihr raus kommt!" - mit diesen Worten weigerte sich der Kneipenwirt, bei dem die DDR-Jugendlichen ihr Bier trinken wollten, sie zu bedienen.
Mancher Parteiführer dürfte Gefallen daran finden, wenn schon nicht in der Liebe des Volkes zum Staat, dann wenigstens im Haß der Massen auf die Andersartigen zu baden. Der Gleichklang der antipolnischen Ressentiments von unten und der Anti-Reform-Agitation von oben in der DDR während der Streiks in Polen hat gezeigt, daß und wie so was funktioniert.
Mit dieser geistigen Null-Lösung aber wird die SED nicht mehr weit kommen. In der DDR sind kreative Potentiale herangewachsen, die niemand eingeplant hatte. Die Neuerer nehmen sich das Recht auf eigenständiges öffentliches Engagement einfach heraus, beanspruchen dies als Gewohnheitsrecht.
"Ich bin nicht gefragt worden, was ich zur Pershing 2 und zur SS-20 sage, ich sag''s trotzdem", verkündete ein älterer Kirchenmann bei der Potsdamer Synode. Die Jungen denken ohnehin so.
Die SED wird lernen müssen, daß die Normalisierung im Innern, die sie sich seit 30 Jahren wünscht, ihren Preis hat: ein gewisses Maß an Vielfalt und Farbe im Land, Freiräume für Kreativität und Phantasie.
Solche Freiräume bietet der unruhigen Jugend einstweilen nur die Kirche. Doch auf die Dauer werden den jungen Leuten die Trockenübungen im Kirchenschiff nicht genügen. Wenn sich die SED nicht bald öffnet, könnten es schnell immer mehr Jugendliche werden, die, frei nach dem Da-da-da-Text der westdeutschen Rockgruppe "Trio", skandieren: "Dee-Dee-Err - ich lieb'' dich nicht, du liebst mich nicht."
Die Serie erscheint in erweiterter Fassung als Buch: Wolfgang Büscher/Peter Wensierski: "Null Bock auf DDR. Aussteigerjugend im anderen Deutschland". SPIEGEL-BUCH 47, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1983, 192 Seiten; 14 Mark. _(Beim Kirchentag in Wittenberg. )
Beim Kirchentag Ende September; das Schwert wird zu einer Pflugschar umgeschmiedet. Auf einem Plakat, mit dem er in Jena gegen seine Exmatrikulation protestierte. Beim Kirchentag in Wittenberg.
Von P. Wensierski und W. Büscher

DER SPIEGEL 42/1983
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