17.10.1983

SPORTDie Mast-Kur

Fast 20 Millionen Mark investierte Jägermeisterchef Günter Mast in den Bundesligaklub Eintracht Braunschweig. Jetzt will er ihn ganz übernehmen, umtaufen und in eine Aktiengesellschaft umwandeln. *
Fast jeden Tag schickt der Fußball-Bundesligaklub Eintracht Braunschweig Akten ins benachbarte Wolfenbüttel zur Jägermeister KG, die sich mit der Herstellung des bekanntesten deutschen Kräuterlikörs beschäftigt. Bis spät in die Nacht vertiefte sich Firmenchef Günter Mast in die Vermögenslage des Bundesligaklubs. "Es war alles andere als eine Schlummerlektüre", berichtet Mast.
Sein Fazit: Der Präsident hatte immer gedacht, der Schatzmeister kenne den genauen Schuldenstand des Klubs. Der Schatzmeister wiederum verließ sich auf den Präsidenten. "Mitunter verwechselten sie Schulden und Bilanzverluste", monierte Prüfer Mast. Der Schnapsbrenner will jetzt den mit mehreren Millionen Mark ins Debet geratenen Klub, den er seit zehn Jahren mit fast 20 Millionen Mark am Leben gehalten hat, ganz in eigene Regie übernehmen.
"Doch dann gibt es keine Eintracht mehr, sondern nur noch Jägermeister Braunschweig", erklärte Mast. "Und statt des gelben Hemdes werden die Spieler eins in Orange tragen."
Die Trainingsanzüge der Braunschweiger prangten schon seit Jahren in der Firmenfarbe. Das Wappen zeigt nicht mehr wie früher einen Löwen, sondern den Hubertushirsch, Emblem der Firma, die mit ihrem Produkt einen Jahresumsatz von mehr als 270 Millionen Mark erzielt - fast doppelt soviel wie die ganze Bundesliga. Mast: "Wir sind so populär wie Mercedes und Persil."
Die Funktionäre beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) in Frankfurt sind bereit, den Namenswechsel zu schlucken. Es gibt ohnehin kaum noch einen Fußballplatz in der Bundesrepublik, auf dem der Name Jägermeister nicht zu sehen ist. Werber Mast verhehlt seine Absicht nicht: "Ich bin kein Freund des Sports, für mich ist das ein Geschäft, denn der Sport ist das größte Unterhaltungsmedium."
Vor 15 Jahren hatte die Mast-Kur im Sport begonnen. Zwischen fünf und sechs Millionen Mark jährlich setzte die Jägermeister KG in der Sportwerbung ein, das waren rund 20 Prozent des gesamten Werbeetats.
Dem Olympiasieger der Springreiter, Hans Günter Winkler, kaufte Mast zwei Pferde und taufte sie "Jägermeister". "Eins brach sich das Genick", das andere futtert heute in Wolfenbüttel sein Gnadenbrot. Am erfolgreichsten erwiesen sich bis heute die Werbe-Investitionen im Fußball und Automobilsport, weil diese Wettkämpfe besonders häufig im Fernsehen erscheinen.
"Ideen sind wichtig", lehrt Werbemeister Mast die Sportfunktionäre, seinen Jägermeister richtig zu genießen. "Entscheidend ist stets, wie eine Werbekampagne durchgezogen wird."
Mast zog immer voll durch. Schon 1970 garnierte er die Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko mit seinen Spruchbändern. Der Braunschweiger Eintracht zahlte er für den Wildwechsel im Wappen jährlich 500 000 Mark. Als der Klub immer wieder in die roten Zahlen geriet, schoß Mast ("Die genaue Summe weiß ich selber nicht") immer neu Geld zu.
Vor zwei Jahren half er, das Zwölf-Millionen-Projekt des Tribünenneubaus zu finanzieren. Zuletzt bürgte er mit einer Million Mark, um für Braunschweig die Bundesligalizenz zu erhalten.
Deshalb grollte der Geschäftsmann, daß alljährlich neue Verbindlichkeiten bei der Eintracht entstanden. "Buchhaltung ist dort ein Buch mit sieben Siegeln", murrte der Gönner. Vorschläge, selbst Präsident zu werden, lehnte er ab. Aber den Bundesligabetrieb unter eigenem Namen zu übernehmen, nach dem Modell Bayer Leverkusen, das reizt ihn. Nötigenfalls würde er dann sogar Manager werden oder einen seiner Firmenmitarbeiter dazu abstellen.
Noch vor den Braunschweigern hatte Wormatia Worms als erster Verein seinen zerrütteten Finanzen 1967 durch Trikotwerbung für die US-Baumaschinenfirma Caterpillar aufhelfen wollen. Der DFB legte sein Veto ein.
Doch im Fußball zählen Firmen-Kicker zur Tradition. Der Stammverein der Bayer-Werke in Leverkusen ist so alt wie Schalke 04, der Ableger Bayer Uerdingen entstand 1905. "Wenn nicht wir, wer soll den Sport unterstützen", begründete der frühere Leverkusener Präsident Jürgen Schwericke. Die Fans beider Klubs feuern ihre Lieblinge mit dem Kreuz auf der Brust jedenfalls gleich an: "Bayer, Bayer."
"Für den deutschen Fußball könnte Braunschweig jetzt sogar eine Vorreiterrolle übernehmen", lockt Mast. "Wir würden erstmals einen Bundesligaklub als GmbH oder AG führen, was der DFB ja auch gern möchte, aber noch nicht weiß, wie das geht."
Bevor der Umwandlungsprozeß eingeleitet werden kann, müssen die knapp 3000 Mitglieder von Eintracht Braunschweig auf ihrer Jahreshauptversammlung am 28. November mit Zweidrittelmehrheit zustimmen. "Da entscheiden Tennisspieler, Tanzpaare, Schwimmer und Kegler über die Zukunft des Berufsfußballs", zweifelt Mast.
"Ich bin deshalb noch nicht sicher, ob die alten Eintracht-Anhänger den Weg zum modernen Sportklub freigeben", schätzt der Neuerer die Scheu der Traditionalisten ein. "Ich glaube, die würden lieber wie auf dem berühmten Gemälde vom letzten Mann nach der großen Seeschlacht mit wehender Fahne untergehen als zum Jägermeister greifen."
Für die Braunschweiger, die nicht nur gegen den Abstieg, sondern auch gegen monatlich wachsende Schulden kämpfen, wäre das der Rückzug in die Amateurliga. Denn ohne Zuschüsse aus Wolfenbüttel bekämen sie vom DFB für die nächste Saison keine Lizenz mehr.

DER SPIEGEL 42/1983
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