24.10.1983

„Wir vom neuen Anfang sind zu oft unklar“

Bernd Rabehl über Ulrich Chaussy „Die drei Leben des Rudi Dutschke“ Rabehl, 45, war 1967/68 Mitglied im Bundesvorstand des „Sozialistischen Deutschen Studentenbundes“ (SDS) und Weggenosse Dutschkes; er lehrt heute als Professor auf Zeit an der Freien Universität Berlin politische Soziologie. *
Wo sie gedächtnislos als geraffte Zeit montiert werden, die "wilden" endsechziger Jahre, bedienen sich politische Feuilletonisten, Festredner, Filmemacher der immer gleichen Symbolik: Demonstranten, Wasserwerfer, Polizisten, Parolen, "teach ins", der Aktionsrhythmus "Ho Ho Ho Tschi-minh", der Beatles-Rocksong "Revolution", betroffene Gestik von befrackten Politikern, Geschrei, Aufruhr, Schüsse. Und immer wieder wird der bewußtlose Blick des Raffers ein Gesicht, eine Gestalt in den Mittelpunkt rücken, mit abgeschabter Lederjacke, schwarzen Haaren, unrasiert, stechendem Blick, schneidender Stimme, abgehackten Satzfetzen, faszinierten Zuhörern - Rudi Dutschke.
Rudi Dutschke an der Spitze von Aufruhr, bei Großveranstaltungen, als Sprecher des SDS, im Interview, auf dem Podium, vor der Fernsehkamera; Rudi D. als Markenzeichen für "Aufbruch" oder "Umbruch" im westlichen Deutschland.
Viele haben bisher über ihn geschrieben, und auch viel Gedrucktes von Rudi Dutschke liegt vor. Keiner jedoch hat bisher das Wagnis auf sich genommen, eine politische Biographie zu verfassen. Die Feinde haben sich abgemüht, ihn als Abenteurer, als Zwangscharakter, als Utopisten, als Antikommunisten oder Antidemokraten abzustempeln. Die Freunde betonen seine Aufrichtigkeit, seinen aufrechten Gang. Sie verhalten sich mit solch einem Lob ähnlich wie die Feinde: Sie behandeln ihn wie einen "toten Hund". Für die aktuelle Situation scheinen die Gedanken und Schriften von Rudi D. keine Bedeutung zu besitzen. Er soll als Symbolfigur der "sechziger Jahre" eingemauert bleiben.
Ein Journalist hat jetzt gegen diese Legendenbildung Position bezogen, Ulrich Chaussy in seinem biographischen Versuch "Die drei Leben des Rudi Dutschke". Über fünfzig Freunde, Bekannte, Zeitzeugen wurden befragt. In den Archiven von Rundfunk- und Fernsehanstalten stöberte Chaussy die Reportagen und Berichte über die "Revolte", über die Rolle von Rudi D., über das Attentat von 1968 auf. Aus unzähligen Zeitungsartikeln, Denunziationen und Bewunderungen von damals und heute, aus Briefen, Tagebuchaufzeichnungen und Niederschriften von Rudi und seinen Freunden, aus den Prozeßakten über den Attentäter Josef Bachmann stammen die wichtigsten Konturen des Chaussyschen Dutschke-Bildes.
Für Eingeweihte sind sicherlich keine neuen Erkenntnisse in dieser Biographie enthalten. Chaussy schreibt auch nicht für sie, sondern will eine breite Öffentlichkeit erreichen. Zugleich bemüht er sich, Zeitgeschichte zu verbinden mit der Herausbildung eines Sprechers der "Revolte" und mit der Artikulation eines Theoretikers, der diese historische Realität zu ergründen sucht.
Chaussy gelingt es, die Privatsphäre von Rudi D., sein Verhältnis zur Mutter, zum Vater, zu den Freunden, zur "geliebten" Frau, zu seinen Kindern ein Stück aufzuhellen und in Verbindung zu bringen mit den politischen Aktivitäten. Drei Lebensabschnitte beeinflussen das Handeln und Denken von Rudi Dutschke: Kindheit und Jugend in der DDR; Flucht nach West-Berlin, Kenntnisnahme der westlichen Wirklichkeit, Protest; und schließlich das Attentat, die Genesung, die Rückkehr in die Politik.
Chaussy kann die Sympathie mit seinem "Helden" nicht verbergen. Trotzdem wird hier keine banale Verehrergeschichte zu Papier gebracht. Chaussy besitzt genügend Kritik und auch Distanz, um Brüche, Ungereimtheiten, auch Fehler im Leben und Denken von Rudi D. aufzudecken. Und er kann schreiben.
Von den unmittelbar Beteiligten der "Revolte" hat sich niemand an solch eine Aufarbeitung gewagt. Lebensgeschichtlich in die Ereignisse verwickelt, wären dabei allzuviel Rechtfertigungen, Verdrehungen oder Verurteilungen herausgekommen. Chaussy entgeht diesen Gefahren. Außerdem weiß er, daß die Wurzeln der sozialen Bewegungen von heute in die Studentenrevolten zurückreichen. Die Revolteure von 1968 besaßen so etwas wie eine theoretische Konzeption. Diese für die Gegenwart am Beispiel von Rudi D. zu übersetzen und zu aktualisieren, darin sieht Chaussy sicherlich eine Aufgabe dieses Buches.
Im Nachwort verdeutlicht er, daß seine Arbeit wohl nicht die letzte Dutschke-Biographie sein wird. Erst wenn die Archive des Verfassungsschutzes, des Staatssicherheitsdienstes und anderer Geheimdienste ihre Dutschke-Dossiers zugänglich machen, werden neue Daten und Zusammenhänge eine andere Darstellung ermöglichen.
In einem Brief an die befreundete Familie Gollwitzer schreibt Rudi D.: "Wir vom 'neuen Anfang' sind nur zu oft unklar für die verschiedenen Schichten des Volkes." Für ihn gibt es keinen Zweifel, daß die antiautoritäre Revolte einen politischen Einschnitt in die westdeutsche
Nachkriegsgeschichte gerissen hat. Unruhe hat das gesamte Volk erfaßt. Der Attentäter Bachmann, der ihn am 11. April 1968 niedergeschossen hatte, wird in diesem Brief als Opfer und als Akteur gekennzeichnet.
Aufgehetzt von der Rechtspresse, die Dutschke in den finsteren Farben des Verderbers und Verschwörers malt, begeht Bachmann den Mordanschlag. Gleichzeitig ist er Beispiel dafür, daß die schier erstarrten Verhältnisse in Bewegung geraten. Dutschke ermahnt Bachmann, keinen Selbstmord aus Verzweiflung zu begehen. Wie ein Appell an die gemeinsame Wut klingt der Satz: "Ich hasse die bestehende Ruhe und Ordnung dieses beschissenen Staates." Und als klärenden Hinweis fügt er hinzu, daß er die Diktatur der Stalinisten und Parteibürokraten im Osten genauso verabscheut. Diese Ausführungen enthalten programmatische Züge seines Denkens.
Chaussy unterstreicht, daß Rudi D. in frühen wie in späten Äußerungen die Überzeugung vertritt, jenes Gleichgewicht der Politik, das nach 1945 auf internationalen Konferenzen festgelegt wurde und das nach innen jeweils bestimmte Verfassungen und Staatsformen in Ost und West möglich machte, sei grundsätzlich erschüttert worden. Die Kolonialrevolutionen sprengen den inneren und äußeren Frieden. Von außen wird "Bewegung" in die Gesellschaften Westeuropas hineingetragen, die in doppelter Weise reagieren.
Von staatlicher Seite wird Front gemacht gegen die Erschütterungen, indem die Unterdrücker der Befreiungskämpfe unterstützt werden (Algerien, Kongo, Vietnam). Die westliche Linksintelligenz nimmt diese Herausforderung an. Gegen eine staatliche Formierung kann sich nur eine Opposition behaupten, die internationale Unterdrückung ablehnt und zugleich nach innen gegen Formierungspolitik, gegen Leistungsmoral und Gehorsamspflicht protestiert. In dieser Verweigerung werden Elemente der Solidarität, der Gemeinschaft und Emanzipation wiederentdeckt.
Nach Dutschke steht solch eine Opposition quer zu den bestehenden Parteien und sozialen Klassen. Die herrschenden Politikformen werden angezweifelt. Sie muß vor allem ausscheren aus dem Machtanspruch der beiden Blöcke und darf sich nicht in die Rolle des "nützlichen Idioten" für Russen oder Amerikaner drängen lassen.
Solch ein Denken ist nicht angewiesen auf die Krücken der Vergangenheit. Die überkommenen Theorien von Revolution und Emanzipation besitzen für Rudi D. nur soweit Interesse, soweit sie Antwort geben für die konkrete Situation. Nur mit dieser Absicht schöpft er die Marx, Bakunin, die Lenin, Trotzki, Bloch und Marcuse aus.
Chaussy gelingt es, diesen roten Faden in den frühen und späten Schriften von Rudi D. nachzuweisen und zu verknüpfen mit den Ereignissen, die sein Denken beeinflussen. Rudi D. flüchtet aus der DDR, weil er mit der Diktatur, mit der Berufsbeschränkung, mit der inneren Militarisierung dieser Gesellschaft nicht einverstanden ist. Er wendet sich gegen die Verhältnisse im Westen, weil sie Tendenzen zum Notstandsstaat, zu Polizeikontrollen, zur Manipulation, zum Stumpfsinn in sich tragen.
Der Revolutionär Dutschke wird von den Verhältnissen in beiden Deutschlands geprägt. Diesseits der Mauer schält sich ein "autoritärer Staat" heraus, wird die Freiheitssehnsucht der Menschen durch Konsum und Bevormundung zugedeckt, jenseits der Mauer besitzt die Diktatur eine despotische Grundlage,
trotz staatlicher Planung und Wirtschaft sind keine Übergänge oder Ansätze zum Sozialismus vorhanden. In politischen Kommentaren, aber auch in seiner Dissertation will Dutschke den Beweis antreten.
Diese zweifach gewendete Radikalität schafft Unverständnis und Feindschaft. Chaussy spricht damit zwei Probleme im Denken von Rudi D. an. Er ist bemüht, die neue Opposition aus der überbrachten Freund-Feind-Schablone herauszuhalten. In der Regelverletzung, in den Aktionen und Provokationen wird eine befreiende Politik angestrebt. Er formuliert zugleich mit der Aktualität der Revolte einen politischen Existentialismus. Die aufgebrachte Linksintelligenz, die Erniedrigten und Beleidigten sind aufgerufen zum Widerstand. Die Zeit ist reif.
In einem Vorwort zu einer Che-Guevara-Schrift schreibt Dutschke: "Auf der einen Seite liegt im Haß gegen jedwede Form der Unterdrückung ein militanter Humanismus. Auf der anderen Seite macht auch der Haß gegen die Unterdrücker die Stimme heiser, besteht die Gefahr der revolutionären Verdinglichung, die das emanzipatorische Interesse nicht mehr in den Mittelpunkt stellt."
Die Versteinerung des Hasses geschieht nicht einseitig. Die "wehrhafte Demokratie" schafft sich Feinde und treibt den Protest in den Aufruhr. Die Kumpanei mit dem amerikanischen Krieg in Vietnam, die Denunziationen der neuen Opposition über Presse, Fernsehen und Funk, die Einengung des Demonstrationsrechts, der Aufmarsch der Polizei und schließlich die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 - all das sind Indizien für eine Mobilmachung von Staat und Parteien gegen den inneren Feind. Auch das Attentat auf Rudi D. ist damit Ergebnis einer Reihe von Provokationen. So entsteht der Haß in der Protestbewegung.
Der schwierige Prozeß der Genesung ist für Rudi D. verbunden mit der Aufarbeitung der vorhergehenden zwei Lebensabschnitte. Er muß die Sprache neu erlernen, und er formuliert die Worte, die Begriffe, indem er sich erinnert, sich Ereignisse, Freunde, Theorien, Parolen neu einprägt und mit diesem Lernen die Erinnerung aus der Dunkelheit des Vergessens zerrt. Die Heilung kann nur im Ausland erfolgen: in Italien, in England, in Dänemark. Überall holt ihn die Vergangenheit ein, muß er die Flucht antreten vor neugierigen Reportern und vor neuer Bedrohung.
In seinen ersten Anmerkungen zu den Briefen, die ihm anläßlich seiner schweren Kopfverletzung zugingen, schreibt er: "Unsere Alternative zu der herrschenden Gewalt ist die sich steigernde Gegengewalt. Oder sollen wir uns weiterhin ununterbrochen kaputtmachen lassen?" Aus diesen Sätzen sprechen Verbitterung und Angst.
Doch in den langen Jahren der Gesundung schafft er sich Klarheit. Nicht ein Mythos von Gewalt, nicht Haß, nicht Rache können Elemente von Befreiung und Emanzipation sein. Solch eine mehr emotionale Haltung läßt sich auf den Gewaltapparat ein und übernimmt dessen Härte und Brutalität. Der moderne Staat ist hochgerüstet und ausstaffiert mit der modernen Überwachungstechnik. Er ist nicht durch einen Gewaltstreich zu überwinden. Die Politik der Überzeugung, der Verweigerung, der konkreten Emanzipation und Demokratie besitzt Chancen, Massen zu gewinnen und Alternativen abzustecken.
Mitte der siebziger Jahre geht ein Bild durch die Presse. Rudi reckt am Grabe von Holger Meins die Faust: "Holger, der Kampf geht weiter." Er bejubelt nicht die Gewaltaktionen der "RAF". Er demonstriert, daß auch diese Gruppe ihren Ursprung in der Apo besitzt. Er zeigt seine Ehrfurcht vor dem toten Genossen, bleibt sich jedoch bewußt, daß diese Stadtguerilleros mit der Form ihres Kampfes den Inhalt des gemeinsamen Aufbruchs aufgegeben haben. Nach den Morden an Buback, Ponto, Schleyer stellt er folgende Überlegung an: "Der individuelle Terror ist Terror, der später in die individuelle despotische Herrschaft führt, aber nicht in den Sozialismus."
Heute lassen die ökologische Bedrohung der "Gattung" Mensch und der Kampf gegen die Hochrüstung in der Protestszene abermals einen neuen Existentialismus entstehen: Das Schweinesystem müsse überwunden, neue Zärtlichkeiten gewonnen werden. Falls es überhaupt so etwas gibt wie "Lehren" der Geschichte - die politische Biographie über Dutschke kann dazu beitragen, daß der Haß nicht versteinert und daß die Mythologien aufgelöst werden in eine konkrete Anstrengung der sozialen Emanzipation.
Von Bernd Rabehl

DER SPIEGEL 43/1983
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 43/1983
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Wir vom neuen Anfang sind zu oft unklar“

  • Umstrittenes Staudammprojekt: Historische Stadt in der Türkei versinkt
  • Wir drehen eine Runde: Elektrisch surfen
  • "Lady Liberty": Demokratie-Aktivisten errichten Statue in Hongkong
  • Filmstarts: "Man kriegt, was man verdient hat."