28.11.1983

TROPHÄENLouvre ausräumen

Die Franzosen schachern mit den Berlinern um alte Kriegsbeute: Das Pariser Militärmuseum fordert einen geraubten Napoleon zurück. *
Als die alliierten Sieger nach 1945 in Berlin ihre Sektoren besetzten, entdeckten sie ein Überbleibsel, das von Preußen-Deutschlands Kriegsruhm kündete: die Siegessäule, 1873 eingeweiht "als Mahnung für alle, die nach uns Deutschlands und Preußens Geschick zu leiten berufen werden".
Droben, auf hohem Obelisk, thronte eine 700 Zentner schwere "Viktoria", vom Bildhauer Friedrich Drake nach dem Ebenbild seiner Tochter Margarete gefertigt. Drunten, auf Granitsockel, dokumentierten vier Bronzereliefs Preußen-Siege über die Dänen bei den Düppeler Schanzen (1864), gegen die Österreicher (1866) und die Franzosen (1870 und 1871) - allesamt als "eherne Kriegschronik" gegossen aus dem Sud eingeschmolzener Beutekanonen.
Die Pflege der Erinnerung, besonders an die Schmach von Versailles, wo Wilhelm I. 1871 zum deutschen Kaiser ausgerufen wurde, verletzte den Nationalstolz der französischen Besatzer.
Erst wollten sie das Denkmal sprengen. Nachdem dieser Plan nicht verwirklicht worden war, ließ der französische Oberbefehlshaber alle Zeugnisse preußischer Gloria, die sein Land belasteten, nach Hause holen. Darunter ein Relief, das die Kapitulation von Sedan am 2.
September 1870 zeigt, ein zweites, das den 1871er Triumphzug von Wilhelm und Bismarck durch das Brandenburger Tor darstellt, die siegreichen Generale von Moltke und Manteuffel sowie lorbeerbekränzte Jungfrauen im Gefolge.
Seither mußten die Berliner ohne die bronzenen Zeugnisse die Fernsicht unterm güldenen Faltenrock ihrer "Goldelse", wie sie im Volksmund heißt, genießen, verlangten aber stets die Rückgabe der Reliefs. Nun sollen zumindest die Sedan-Sieger wieder heimkehren.
Mitte Oktober überbrachte der gaullistische Bürgermeister von Paris, Jacques Chirac, seinem christdemokratischen Berliner Amtskollegen Richard von Weizsacker die frohe Kunde, daß seine Kommune das Sedan-Relief, das in den Besitz der Pariser übergegangen sei, in Kürze den Berlinern zurückgeben wolle - ohne Gegengabe, als Geschenk.
Bürgermeister Weizsäcker dankte für die "große Geste". Sie belege, daß aus deutsch-französischer Rivalität und Feindschaft eine Freundschaft geworden sei, die "große Bedeutung für die Zukunft Europas" habe.
Die zweite Bronze freilich, die seinerzeit in französischen Staatsbesitz überging und in einem Hof des Pariser Invalidendoms vom Nationalen Militärmuseum gehütet wird, ist nicht so leicht zu haben. Frankreichs Verteidigungsminister Charles Hernu, dem das Armeemuseum untersteht, fordert als Gegenleistung die Rückgabe eines geraubten Napoleon.
Als Tauschobjekt, Bronze gegen Leinwand, haben sich die Franzosen ein Gemälde ausgeguckt, das der preußische Feldmarschall Fürst Blücher 1813 bei einem Frankreich-Feldzug hatte mitgehen lassen: das Kunstwerk "Napoleon Bonaparte beim Übergang über den Sankt-Bernhard-Paß" des französischen Malers Jacques Louis David.
Das Bild, von Blücher einst den Hohenzollern vermacht, hängt in Berlins Schloß Charlottenburg und wird von Kunstsachverständigen auf einige Millionen Mark geschätzt. Das Bronze-Relief dagegen, das die Berliner zurückerbitten, ist künstlerisch eher belanglos und hat, als Ausdruck des damaligen Zeitgeistes, allenfalls Erinnerungswert.
Die Berliner, die sich von ihrem Napoleon auf keinen Fall trennen wollen, halten das französische Ansinnen zudem für unmoralisch, denn anders als der deutsche Feldherr, mehr ein Gelegenheitsdieb, sei der große Napoleon auf seinen Schlachtzügen ein sachverständig zugreifender Kunsträuber gewesen.
Der Hausherr von Schloß Charlottenburg, Professor Martin Sperlich, verweist darauf, daß eigens beauftragte Kunstkommissäre in Napoleons Auftrag bei den damals Besiegten massenhaft Kunstgüter konfiszierten. Wenn die alle an die Ursprungsorte zurückgebracht werden sollten, so Sperlich, "müßte man fast den ganzen Louvre ausräumen".
Die dezenten Versuche der Berliner Verhandlungspartner, mittels moralischer Gegenrechnung die Geschichte zu erledigen, verfingen bei den Franzosen ebensowenig wie frühere Bemühungen des Senats, die Siegessäulen-Bronzen als Freundschaftsgabe zu erhalten. Schon 1978 hatte der damalige Regierende Bürgermeister Dietrich Stobbe vergeblich an die "Festigkeit und Stärke" des französischen Volkes appelliert, "Historie vorurteilslos zu sehen".
Die Franzosen revanchierten sich mit einem historisch beziehungsreichen Gruß. Sie schickten Stobbe eine Neujahrskarte, auf der, Reproduktion eines alten Stichs, Napoleon nach Unterwerfung der Preußen durchs Brandenburger Tor reitet.

DER SPIEGEL 48/1983
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