28.11.1983

AUTORENLärm um nichts

Seit Wochen bekämpfen prominente Schriftsteller den Vorsitzenden ihres Verbandes, Bernt Engelmann. Nach dessen Rücktritt droht dem Verband die Spaltung. *
Am Dienstag vergangener Woche trat nach monatelangen Querelen der Bundesvorstand des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) mit Bernt Engelmann an der Spitze zurück. Im nächsten Frühjahr soll ein neuer Vorsitzender gewählt werden. Daß er selbst dann noch einmal kandidiert, hält Engelmann "im Augenblick für ausgeschlossen".
Damit scheint zumindest der Streit um seine Person beendet zu sein, der Anfang November in einer von 50 namhaften Schriftstellern unterzeichneten Erklärung gipfelte. Darin teilte die Engelmann-Opposition um Günter Graß, Peter Schneider und Hans Christoph Buch dem VS-Vorsitzenden mit, daß sie sich durch ihn "nicht mehr vertreten" fühle, und forderte seinen Rücktritt.
Was sie gegen Engelmann haben? Nichts! Peter Schneider: "Es geht nicht um die Person Engelmanns." Hans Christoph Buch: "Es geht nicht um die Person Engelmanns." Worum es bei diesem als "Krach im VS" ausgerufenen Gezänk geht, das hüllen die Fakten in nur noch dichteren Nebel. Ausgelöst wurde der letzte Streit in dem seit nun fast zwei Jahren mit Austritten und Protesten am Leben erhaltenen VS durch einen unbestimmten Artikel, den die Engelmann-Opposition als Kniefall des VS-Vorsitzenden vor der polnischen Militärregierung zu deuten wußte. In einem gemeinsamen Telegramm an Jaruzelski hatten der VS und der Pen-Club gegen die Auflösung des polnischen Schriftstellerverbandes protestiert und "die umgehende Zulassung eines", also nicht irgendeines, "Verbandes" gefordert, eines Verbandes nämlich, "der die Interessen der Autoren" vertritt.
Sofort, das heißt zwei Monate nach diesem Telegramm, eilte Günter Graß an die Öffentlichkeit, um diesen unmißverständlichen Protest als die Aufforderung zu geißeln, "einen Verband von Quislingen", von Kollaborateuren also, "ins Leben zu rufen".
Graß hatte gesprochen, unerhört fanden nun auch andere Autoren dieses Telegramm. Eine Resolution wurde veröffentlicht, in der man "die feige Haltung" des VS-Vorsitzenden rügte, der die Zulassung "eines" Verbandes gefordert habe statt mutig, wie sie, dem polnischen Diktator entgegenzutreten und ihn mit der Machtfülle eines deutschen Schriftstellers der "Liquidierung" des alten Verbandes anzuklagen und ihm die Wiederzulassung zu befehlen.
Um die "Glaubwürdigkeit" der Schriftsteller, die Engelmanns Opponenten aufs Spiel gesetzt sahen, brachten sie sich dann selber, als sie ihm Intoleranz und Unduldsamkeit gegenüber dem diesjährigen Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, Manes Sperber, vorwarfen.
Sperber hatte in seiner Dankrede gefordert, Europa müsse sich zur atomaren Supermacht entwickeln und "so abschreckend" werden wie die USA und die Sowjet-Union. "Wir müssen", bekräftigte Sperber, "leider selbst gefährlich werden." Engelmann, ebenso wie Graß und seine Mitstreiter ein strikter Gegner der Abschreckungsideologie, reagierte auf die unverhüllt kriegerische Rede mit der Bemerkung, den Friedenspreis habe Sperber wohl "nur irrtümlich" angenommen, er möge ihn doch "schleunigst zurückgeben".
Zensur, Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, rief die Engelmann-Opposition der Friedensfreunde, die, Günter Graß allen voran, das Abschreckungsdenken seit Jahren als lebensgefährlichen Infantilismus brandmarken. Nun plötzlich attestierten sie der Forderung nach noch mehr Atomwaffen Diskussionswürdigkeit.
Engelmann selbst blieb es vorbehalten, seine Widersacher im Recht zu sehen, indem er seine Sperber-Äußerungen als "zu scharf" und lediglich "ironisch gemeint" halbherzig dementierte.
Die Schwäche des VS-Vorsitzenden, der alle Vorwürfe unter Hinweis auf die mehrheitliche Unterstützung durch die VS-Landesverbände bislang locker zurückgewiesen hatte, war jetzt offenkundig geworden. Folgerichtig gründete die Opposition ihren eigenen Verein.
Am vergangenen Montag wählten die in Berlin ansässigen Initiatoren des Engelmann-Widerstandes um Peter Schneider, Yaak Karsunke, Hans Christoph Buch einen neuen Berliner VS-Landesverband, den nunmehr Buch anführt. Diese Wahl einen Tag vor der turnusmäßigen Delegiertenversammlung der VS-Landesverbände in Stuttgart war praktisch die Kriegserklärung der literarischen Prominenz an die namenlose Gewerkschaftsbasis, die hinter Engelmann steht. Der VS-Bundesvorstand quittierte sie mit seinem Rücktritt.
Von einer Spaltung des VS mag niemand offen reden. Doch das Bekenntnis des neuen Berliner VS-Landesvorsitzenden Buch zum Schriftstellerverband gibt bereits die Richtung an: "Wir wollen den VS nicht verlassen, jedenfalls nicht zum jetzigen Zeitpunkt."

DER SPIEGEL 48/1983
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