31.10.1983

KORRUPTIONAlles Essig

Korruptionsskandal beim Staatsbauamt Koblenz: Wer Aufträge haben wollte, mußte Aquarelle des Behördenleiters kaufen. *
Als die neue rheinland-pfälzische Landesblindenschule in Neuwied eingeweiht wurde, fand eine Ausstellung des Hobbymalers Anton Lambrich, 56, kaum Beachtung.
Anders war es, wenn Architekten, Bauunternehmer und Handwerker beim Leitenden Baudirektor Anton Lambrich im Staatsbauamt Koblenz-Nord zum dienstlichen Gespräch kamen: "Wollen Sie mit mir eine Rundreise durch Deutschland machen?" pflegte der Künstler dann zu fragen, noch ehe das Geschäftliche erledigt war. Und wer nicht gleich verstand, dem machte Lambrich alles klar: "Eine Rundreise anhand meiner Bildmappen."
Die Baupartner, die sich um staatliche Aufträge bemühten, erfuhren so nebenbei, daß Lambrichs Bilder "auch käuflich" waren. Die Preise der Aquarelle, entworfen nach Postkartenmotiven, lagen bei 2000 Mark. Seit Mitte der siebziger Jahre verdiente der Baudirektor auf diese Weise rund 460 000 Mark nebenbei.
Doch seit einigen Wochen stockt das Geschäft. Der Chef des Koblenzer Staatsbauamtes kam vorübergehend in Untersuchungshaft. Die Zentralstelle für Wirtschaftsstrafsachen der Staatsanwaltschaft Koblenz ermittelt gegen den Landschaftsmaler wegen des Verdachts der Vorteilsannahme.
Vorläufige Zwischenbilanz der Strafverfolger: Außer Lambrich stehen noch acht andere Angestellte des Staatsbauamts im Verdacht, bestochen worden zu sein, ebenso sechs Bedienstete des Staatsbauamtes Idar-Oberstein. "Wir decken einen Korruptionsfall nach dem anderen auf", berichtet Staatsanwalt Jürgen Hennerkes, "das hat es in diesem Umfang bei staatlichen Behörden in Rheinland-Pfalz noch nicht gegeben."
Dahintergekommen war Hennerkes, als er, nach anonymen Anzeigen, bei einer Idar-Obersteiner Baufirma das Büro durchsuchte. Auf dem Schreibtisch des Vizechefs lag die Rechnung eines Subunternehmers, der die Lieferung von Elektrosteckern an die Privatadresse eines Herrn vom Bauamt belegte.
Kaum waren erste Meldungen über den Verdacht der Beamtenbestechung in der Presse zu lesen, gingen weitere Hinweise über korruptes Verhalten von Bauamtsbediensteten bei Polizei und Staatsanwaltschaft ein. Örtliche Bauleiter, Rechnungsprüfer und Sachgebietsleiter, die mit dem Neubau und der Einrichtung des Bundesarchivs in Koblenz (Kosten: 78,4 Millionen Mark) und der Baustelle der Straßburg-Kaserne in Idar-Oberstein betraut waren, wurden belastet.
Einer von ihnen, ergaben die Nachprüfungen, hat sich von einer Verputzer-Kolonne für rund 33 000 Mark das Privathaus im Hunsrück renovieren lassen. Auf einem Beweisstück steht die Notiz: "Diesen Zettel vernichten".
Ein anderer Mitarbeiter wird verdächtigt, Baumaterial im Wert von 30 000 Mark für sein Haus empfangen und als Gegenleistung die formgerechten Abrechnungen der Firma erstellt zu haben, die er dann selber im Amt prüfte und abzeichnete.
Bürosessel und Schreibtische für das Bundesarchiv, die
auf einer Rechnung ans Staatsbauamt standen, entpuppten sich als "komplettes Kinderzimmer" und als "Holz für den Keller" (Ermittlungsbericht), geliefert in das Privathaus eines Prüfers. Ein Programmierer, der bei der vorgesetzten Oberfinanzdirektion Koblenz beim Manipulieren von Firmenabrechnungen vor der Computer-Eingabe half, soll ebenfalls großzügig bedacht worden sein.
Wie Behördenchef Lambrich wurde auch ein Oberinspektor des Staatsbauamtes Koblenz-Nord in Untersuchungshaft genommen. Er erschloß sich zusätzliche Einnahmequellen bei mittelständischen Handwerkern, die mit Staatsaufträgen versorgt sein wollten. Die Kleinunternehmer mußten bei der Freundin des Beamten, einer Versicherungsagentin, Verträge abschließen. Rund 90 000 Mark, ermittelte die Staatsanwaltschaft, gingen als Provision ein.
Als der Oberinspektor heiratete, versandte er seine Hochzeitsanzeigen auch an alle Handwerker, mit denen er dienstlich zu tun hatte. Eine kostbare Kaminuhr im Wohnzimmer zeugt davon, daß sein Kartengruß verstanden worden war.
Rund neunzig Bauunternehmer, Architekten und Statiker werden jetzt von den Koblenzer Ermittlern befragt, ob sie seit 1975 Aquarelle des Behördenleiters Lambrich gekauft haben. Und einige bestätigen, daß sie die Städte- und Landschaftsansichten irgendwo zu Hause liegen haben. "Damit ich auch in Zukunft bedacht wurde" oder "damit gutes Wetter bleibt", sind die gängigsten Antworten bei den Vernehmungen.
Lambrichs penible private Buchhaltung hat den Ermittlern die Aufklärungsarbeit erleichtert. In einem Segment der Kassettendecke seines Hauses in Lahnstein verwahrte er eine Liste aller Bilderkäufer samt der gezahlten Preise. Der Leitende Baudirektor hatte das Versteck preisgegeben, um vorzeitig aus der Untersuchungshaft freizukommen. Der Haftrichter lehnte damals noch ab. Die Verdunkelungsgefahr erschien ihm zu groß, zumal manche Handwerksmeister über die Gründe, weshalb sie einen echten Lambrich im Wohnzimmer aufgehängt haben, "gar nichts" (Hennerkes) sagen wollten.
Für die Handwerker aus Hunsrück, Westerwald und Eifel war es wichtig, bei Ausschreibung von "kleineren, gleichwohl interessanten staatlichen Bauprojekten" (Staatsanwaltschaft) auf eine sogenannte Achter-Liste zu kommen, die von Bau- und Sachgebietsleitern der Staatsbauämter erstellt und vom Koblenzer Amtschef Lambrich ständig überprüft wurde. Nur jene acht Firmen, die auf der Liste verzeichnet waren, wurden regelmäßig aufgefordert, sich an Wettbewerben zu beteiligen.
"Fliege ich von der Liste", erläuterte ein Bildkäufer der Staatsanwaltschaft seine Kaufmotive, "ist alles Essig - also muß ich sehen, daß ich drauf bleibe."

DER SPIEGEL 44/1983
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