31.10.1983

STÄDTEMehr Höflichkeit

Der Chef des Statistischen Amtes in Köln, ein Kritiker der Volkszählung, ist der Stadtverwaltung unbequem geworden. *
Wann immer sich Erhard Hruschka, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Städtestatistiker, in den letzten Jahren für die Volkszählung stark machte, bekam der Oberzähler aus den eigenen Reihen Kritik zu hören - von seinem Kollegen Manfred Güllner, Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Köln.
"Die Fragebögen", befand der Sozialwissenschaftler Güllner, seien "schreckliche Behördenformulare", die beim Bürger "ein Klima des Mißtrauens" hervorriefen, "ohne tatsächlichen Informationsnutzen für die amtliche Statistik" zu erbringen. Die Volkszählungsaktion sei schlicht "hirnrissig".
Die Kritik behielt der Erhebungsexperte, der mit seinem "statistischen Bauchladen" (Werner Höfer) im vergangenen Jahr die Ergebnisse der Hamburg- und Hessen-Wahl genauer vorhersagte als die großen Umfrageinstitute und bundesweit im "Ruf hoher Treffsicherheit" ("Die Zeit") steht, nicht für sich. Ob in Aufsätzen für die "Blätter für deutsche und internationale Politik" ("Volkszählung 1983: Ein deutsches Übel") oder in Interviews für Boulevardblätter, ob in den ARD-"Tagesthemen" oder im "Mittagsmagazin" des Westdeutschen Rundfunks - Güllner legte sich in allen Medien quer zur staatstragenden Verbandsmeinung.
Nun droht ihm die Stadt Köln mit der Kündigung, weil er sich, wie Güllner selber formuliert, "gegen die Volkszählung zu weit aus dem Fenster gehängt hat". Die Kölner Stadtoberen haben offenkundig genug von einem Mann, der ihnen seit Jahren zusetzte, wo er nur konnte.
Zwar gewann Güllner, bis 1978 bei Infas in Bad Godesberg, als Leiter des Kölner Statistischen Amtes mit Arbeiten über "Behinderte im Stadtverkehr" oder über die "Einstellung der Kölner zu ihren ausländischen Mitbürgern" viel Beachtung. Aber zum Verdruß seiner Vorgesetzten ließ der Sozialwissenschaftler auch untersuchen, wer die vielen schönen Kölner Ausstellungen wie etwa die "westkunst" denn eigentlich besucht.
Das Ergebnis traf die Kulturverwalter tief. Trotz gezielter Bemühungen der Stadt machten Arbeiter unter den Besuchern ganze eineinhalb Prozent aus. Für den Kulturdezernenten Peter Nestler eine kaum faßbare Vorstellung und - weil nicht sein kann, was nicht sein darfeine "wahnwitzige Verfälschung".
Wenig Freunde gewann Güllner auch mit seiner Untersuchung über die Stadtflucht der Kölner Bevölkerung. Galt unter den lokalen Stadtplanern als gesichert, daß die Abwanderung aus Köln nur durch Wohnumfeldverbesserungen wie Fußgängerpassagen oder Fassadenverschönerungen aufgehalten werden könnte, widerlegte Güllner diese These. Nicht das Wohnumfeld, sondern der Mangel an geeigneten Wohnungen, so ermittelte er, vertreibe die Bürger aus der Stadt.
Als Güllner dann auch noch an der geplanten Volkszählung herumnörgelte, war es den Oberkölnern zuviel. Güllners direkter Vorgesetzter, Stadtentwicklungsdezernent Rüdiger Göb, sah durch die öffentlich geäußerten Bedenken seines Amtsleiters den "Staatszweck gefährdet", Oberstadtdirektor Kurt Rossa
ordnete eine "arbeitsrechtliche Überprüfung" des Falles Güllner an.
Da aber die Beanstandungen wohl selbst in den Augen der gestrengen Vorgesetzten kaum dem Arbeitsgericht standhalten würden, blieb die angedrohte "Abmahnung"-letzter Schritt vor der Kündigung - zu diesem Punkt aus. Aber es fanden sich andere Gründe, den störrischen Statistiker zu maßregeln.
Weil Güllner etwa angeblich "ohne Wissen von Herrn Dr. Göb" (Rossa) an einer Image-Studie der Stadt Nürnberg mitgewirkt und einer "Sofortweisung" Göbs erst nach drei Tagen Folge geleistet, es darüber hinaus gewagt hatte, ohne Genehmigung seines Vorgesetzten Lokalredakteuren Auskünfte zu geben, und überhaupt in seinem ganzen "Verhalten gegenüber Herrn Beigeordneten Dr. Göb" es an der gebotenen "Höflichkeit und Achtung" hatte mangeln lassen, war der Statistiker aus der Sicht des Stadtchefs seinen "arbeitsvertraglichen Pflichten" nicht nachgekommen. Im "Wiederholungsfall", das gab Verwaltungschef Rossa seinem Amtsleiter Güllner schriftlich, könne in Zukunft deshalb jeder Punkt "für sich eine Kündigung nach sich ziehen". Güllner klagte dagegen.
Während der Oberstadtdirektor sicher ist, die Abmahnung demnächst auch vor dem Kölner Arbeitsgericht "durchsetzen" zu können, mußte ein anderer Güllner-Widersacher eine Schlappe hinnehmen. Ein von Erhard Hruschka initiiertes Ausschluß-Verfahren gegen Güllner aus dem Verband der Städtestatistiker fand bei den Kollegen keine Mehrheit.

DER SPIEGEL 44/1983
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