31.10.1983

NEONAZISWeg zum Fan

Beim Berliner Länderspiel blitzten rechtsradikale Türkenfeinde ab. Doch die Neonazis gewinnen in deutschen Fußballstadien zunehmend Resonanz. *
Geisterstunde bei Neonazis: In einer Wohnung im West-Berliner Wedding, in der sich einen Tag vor dem Fußballänderspiel gegen die Türkei ein internationaler Auflauf von Presse- und Kameraleuten drängte, hallte die Stimme eines Führers. Michael Kühnen, Vormann der "Aktionsfront Nationaler Sozialisten" (ANS), sprach zur Versammlung - über Lautsprecher.
Wenngleich aus Sicherheitsgründen nicht anwesend ("Du weißt ja, der Staatsschutz"), dozierte Kühnen von irgendwoher, angeblich aus einem Versteck in Berlin, von "gesunden Elementen", "Überfremdung" und bevorstehenden Aktionen. Nach zwanzig Minuten endete die Show. Das sei, so der Gastgeber, der 23jährige Kühnen-Adlatus Reinhard Golibersuch, die Spanne, die der Staatsschutz benötige, um den Anrufer zu ermitteln.
Was freilich längst geschehen war. Beamtete Telephonexperten lassen wissen, daß Kühnen, der angegeben hatte, "auf konspirativem Weg" nach West-Berlin gereist zu sein, in Wahrheit aus sicherer Entfernung, von Westdeutschland aus, zum Publikum sprach.
Das Kühnen-Stück war symptomatisch. Wie der ANS-Führer selbst, so hatten auch seine westdeutschen Getreuen _(unten: am Mittwoch vergangener Woche im ) _(Berliner Olympia-Stadion. )
angesichts eines angekündigten Aufgebots von 6000 Polizisten von ihren Androhungen, aus Anlaß des Länderspiels solle Kreuzberg brennen, sollten "linke Türkennester" ausgehoben werden, Abstand genommen. Im Block 11 des Olympia-Stadions blieb die örtliche Krawallgarde - etwa 1000 Skinheads, "Hertha-Frösche" und eigenständige Nazi-Adepten - weitgehend unter sich.
Gleichwohl gehörte der Nazi-Habitus in den Klub-Fan-Kurven, wo man mit "Sieg Heil" den Hitler-Gruß tauscht und "Immel nach Auschwitz" verwünscht, längst zum Bundesliga-Alltag. Die Stimmungsmache vor dem Türkenspiel entsprach durchaus dem Originalton der Fanatikerkurve, diesmal allerdings schlimmer denn je.
In den Texten ungezählter Rechtsaußen-Flugblätter quoll es von Mord, Rassistendünkel und Deutschtümelei. Hie "stinkendes Türkenpack", "orientalische Bastarde", dort ein "starkes Deutschland", mit "Ehre und Anstand im Leibe". In den meisten anonym verfaßten Hetzpapieren ("Kampfgruppe Prinz Eugen", "Fans von Hertha BSC") ging es nicht mehr um Fußball; angekündigt war "Aufmarsch in Kreuzberg", "Kebab-Buden in Flammen".
Daß es schließlich nicht so kam, kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß westdeutsche Neonazi-Gruppierungen systematisch darangegangen sind, den buntgemischten, bislang nur in ihrer Gewaltbereitschaft geeinten Fan-Kurven auch zu einem politischen Gemeinschaftsziel zu verhelfen. Seit geraumer Zeit gewinnen Verfassungsschützer und Politabteilungen der Kriminalpolizei das "ganz eindeutige Meldebild" von einer Annäherung beider Blöcke.
Den Weg zum Fan wies erstmals der wegen Volksverhetzung und Gewaltverherrlichung abgestrafte Ex-Bundeswehrleutnant Michael Kühnen seinen Anhängern von der ANS. In einem Informationsbrief "zur politischen Lage der Bewegung" werden ANS-Leute aufgefordert, sich bundesweit mit der Fußballszene zu befassen, mit den Fan-Klubs und den Skinheads, den kahlgeschorenen Jungbrutalos. Die stehen unter dem SS-Motto "Unsere Ehre heißt Treue" (T-Shirt-Beschriftung) treu zusammen, wenn es gilt, auf Fans auswärtiger Vereine und Angehörige ausländischer Minderheiten einzudreschen.
Kühnen-Spezi Reinhard Golibersuch, ein kürzlich aus dem Bundesgebiet zugezogener Installateur, ist nach eigenen Angaben im Frühsommer von seinem ANS-Oberen mit der Zellen-Bildung in Berlin beauftragt worden. Seither war er schon fleißig am Werk. Bald war die Gründung der "Nationalen Aktivisten Großberlin" bewältigt, Golibersuch als "Kameradschaftsführer" bestallt. In seiner Wohnung beschlagnahmte die Polizei vorletzte Woche eine Kartei mit 41 Namen, "von Leuten, von denen ich hoffe, daß sie zum Kameradschaftsabend kommen" (Golibersuch). Die meisten
kannte die Kripo schon als Neonazi- und Skinhead-Aktivisten.
Das sind exakt jene Jungmänner-Kreise, die Kühnen sucht, um seine angeblich schon 500köpfige Gefolgschaft aufzustocken - Leute, "die uns sehr helfen, aber politisch noch nicht ganz zu uns gehören". Statthalter Golibersuch ging die Kneipen ab; vor allem in der Charlottenburger "Kajüte", wo die Skins zu Hause sind, wurde er bei Bier und Sprüchen fündig.
Staatsschützer bescheinigen den ANS-Rekruten auch schon beachtliche Fortschritte bei ihrer Arbeit, "das nazistische Gebaren solcher Leute mit einer politischen Überzeugung auszustatten, so daß es schließlich wirklich Nazis sind".
Bei der Frankfurter Fan-Truppe "Adler-Front" beispielsweise zeigten sich schon Altgediente aus der "Wehrsportgruppe Hoffmann", Adler-Leute verteilten beim SS-Treffen in Bad Hersfeld Flugblätter. Viele von Hannovers "Roten Wölfen" haben sich, seit Torerfolge des örtlichen Klubs "96" rar geworden sind, mehr der Hakenkreuzfahne und der Hitler-Nostalgie ("Die wußten noch, wofür sie kämpfen") zugewandt. Beim Karlsruher Fan-Klub "Phönix" kursierten Flugblätter mit Führer-Porträts und NSDAP-Propaganda - "Wir sind wieder da".
Besonders nachhaltig verfilzen sich Fußball-Randale und rechter Untergrund in der Westkurve des Hamburger Volksparkstadions. Da mischen im rabiaten HSV-Freundeskreis "Löwen" immer wieder Veteranen der früheren "Hansa-Bande" Michael Kühnens mit, Skinheads sowie Schläger von der früheren "Savage Army".
Diese Koalition fand nicht von ungefähr zueinander. Viele der Jugendlichen _(Vor dem Länderspiel letzte Woche. )
sehen sich im Zeichen von Arbeitslosigkeit und Ausbildungsmisere im gesellschaftlichen Niemandsland - den Mißerfolgserlebnissen an der Schule folgt die vergebliche Suche nach Lehrstellen. Zwar fehlt die Perspektive, doch dafür gibt es Feindbilder zur Genüge.
Die im Elternhaus vermißte Geborgenheit wird in der wilden Gruppe gesucht. Da gibt es Kommunikation, Anerkennung und etwas wie Familien-Ersatz. So findet ein "Klub gleichgesinnter Versager" zusammen, wie Reinhard Fingerhuth, ein Jugendexperte bei der Berliner Polizei, herausfand: Autoritäre Einstellungen und die große Sehnsucht nach einfachen Lösungen vermischen sich zu einer brisanten Gemütslage.
Jugendexperten fanden heraus, daß unter Jugendlichen die Arbeitslosigkeit die Gewaltbereitschaft steigert. Je länger die Arbeitslosigkeit andauert, je offener die Sympathie mit dem Rechtsextremismus. Eine Studie der Berliner Freien Universität stellte bei einer Untersuchung zur "NS-Renaissance unter Jugendlichen" allerdings auch unter Oberschülern eine Zunahme von "pronazistischem Protestgebaren" fest.
Daß die geplante Türkenhatz so gründlich mißriet, stiftet rechtsaußen seither Frustration. Die Mobilisierung der Stadionmassen unterblieb schon allein, weil das Gästeteam sich von Derwalls Wackeren 1:5 abservieren ließ. Von den westdeutschen Bundesbrüdern im Stich gelassen, von der Polizei auch noch ihrer örtlichen Speerspitzen beraubt - 60 Aktivisten wurden festgenommen -, trollten sich die Kolonnen am Ende unverrichteter Dinge.
Polizeitaktik gab ihnen den Rest: Die Beamtenkette, die beim Abmarsch auf der Heerstraße nach dem Spiel die rechten Gruppen von den übrigen Abrückenden trennte, bildete unverhofft an einer Kreuzung einen 90-Grad-Knick. Das friedliche Volk zog geradeaus, fügsam bog die entnervte Rechte ab in die Nebenstraße.
unten: am Mittwoch vergangener Woche im Berliner Olympia-Stadion. Vor dem Länderspiel letzte Woche.

DER SPIEGEL 44/1983
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