31.10.1983

Grenada-Invasion: „Ronald Reagans größte Stunde“

Die Supermacht USA fiel über die Mini-Insel Grenada her - konnte aber den Widerstand auf dem Eiland keineswegs im ersten Anlauf brechen. Ronald Reagan meint, Außenpolitik mit dem Einsatz von Marines treiben zu müssen, um angebliche Moskauer Machenschaften auf der Welt zu stoppen. Doch Amerikas Verluste an Menschen wie an Moral stehen in keinem Verhältnis zu dem Gewinn: Sogar die besten Freunde sind schockiert. ____“ Auf dem Spiel steht das Recht eines kleinen Landes, „ _____“ frei von äußerem Druck, Drohungen oder Erpressung selbst „ _____“ darüber entscheiden zu können, wie es seine ureigensten „ _____“ Ziele und Vorstellungen verwirklicht. „ _____“ US-Außenminister George Shultz vorigen Montag als „ _____“ Begründung dafür, daß die Reagan-Regierung ihre Truppen „ _____“ nicht aus dem Libanon abzieht. „
Die USA trugen Trauer. Schwermütig flappten im Washingtoner Nieselregen die auf halbmast festgezurrten Flaggen am Weißen Haus, am Capitol, rund um das Washington Monument, am Heldenfriedhof in Arlington. Die Nation trug Trauer und war zugleich - wie zu Vietnamkriegs-Zeiten - gelähmt von einem Gefühl ohnmächtiger Wut: 12 000 Kilometer von Washington entfernt, in Beirut, hatte ein Kamikaze-Fahrer mitten im US-Hauptquartier seinen Lkw mit einer Tonne Sprengstoff, sich selbst und mehr als 200 Marines in die Luft gejagt (siehe Seite 158).
Ronald Reagan aber sagte den Bürgern des Landes in einer TV-Ansprache: "Unsere Aktionen im Libanon dienen dem Weltfrieden."
Nur zwei Tage später, am Dienstag, 9.07 Uhr Washingtoner Zeit, trat Ronald Reagan noch einmal vor die TV-Kameras - diesmal als Kriegsherr, der einem noch kleineren Land als dem Libanon genau das Schicksal bereitete, vor dem er den Libanon anscheinend um jeden Preis bewahrt wissen will.
"Streitkräfte aus sechs karibischen Demokratien und aus den Vereinigten Staaten", teilte der Präsident mit, seien auf der Karibik-Insel Grenada gelandet - einem winzigen Punkt auf der Weltkarte, gerade doppelt so groß wie die US-Hauptstadt Washington, bislang allenfalls bekannt durch ihre Muskatnüsse, ihre touristischen _(Nach seiner TV-Ansprache am vorigen ) _(Donnerstag. )
Reize und ihre zunehmend unverhohlene Ausrichtung auf Kubas Altrevolutionär Fidel Castro (siehe Seite 153).
Nach einem "gewalttätigen" Staatsstreich "linker Mörder", so Reagan, sei es geboten gewesen, "unsere eigenen Staatsbürger (auf der Insel) zu schützen ... und mitzuhelfen beim Wiederaufbau demokratischer Institutionen auf Grenada". Und weil das wohl allzu fadenscheinig war, sprach er noch einmal, am vorigen Donnerstag, zum Volk:
Nunmehr stellte er die Sowjet-Union als das Expansionszentrum aller Übel dieser Welt vor. Gerade im Libanon und in Grenada unterstütze Moskau "durch ein Netz von Stellvertretern und Terroristen" die Gewalt. Waffenlager und Fernmeldeeinrichtungen auf der Karibik-Insel bewiesen, so der Präsident, daß eine kubanische Besetzung der Insel geplant gewesen sei.
Doch "wir sind ein Land mit globaler Verantwortung" (Reagan) - die Nation des Lichts gleichsam, im Dauerclinch mit den kommunistischen Kräften der Finsternis.
Ronald Reagan hatte, wie so oft bei seinen außenpolitischen Entscheidungen, wieder einmal rot gesehen, hatte hinter jedem Busch der Gewürzinsel einen Kubaner oder Sowjetmenschen ausgemacht und nur allzugern "ja" gesagt, als die sechs Grenada-Nachbarn, von denen kaum einer über eigene Uniformierte verfügt, die USA formell um Beistand "gegen die beispiellose Bedrohung des Friedens und der Sicherheit der Region" baten.
Ein republikanischer Parteifreund des Präsidenten: "Ich glaube, er hat die Gelegenheit begrüßt, in Grenada einmarschieren zu können."
Bestätigt wurde somit in der vorigen Woche, was Reagan-Kritiker - zumal Jimmy Carter im Wahlkampf 1980 - schon immer prophezeit hatten: daß dieser Präsident ohne Zögern bereit sein werde, Amerikas Militärmacht einzusetzen, wann immer sich ihm eine ideologisch zu rechtfertigende Gelegenheit bieten sollte.
Amerikas Verbündete in Europa, jenem Feld eines "möglichen begrenzten Atomkrieges" (Reagan 1981), wurden einmal mehr daran erinnert, daß außenpolitische Anpassungsfähigkeit ihrer Superschutzmacht die Ausnahme, daß imperiales, antikommunistisches Sendungsbewußtsein des kalifornischen Seniors aber die Regel ist.
"Gibt es denn nichts, wofür es sich zu sterben lohnt?" hatte Reagan vor zwei Jahrzehnten starren Blicks auf Moskau gefragt: "Hätte Jesus sein Kreuz nicht tragen sollen?" Daß "eine totalitäre Macht die Welt beherrschen will" - die Sowjet-Union -, daran zu zweifeln hat Reagan seit jener Zeit nicht gelernt.
Seit 1981 kreist Amerikas Außenpolitik um die marmorne Weltanschauung des passionierten "Reader''s Digest"-Konsumenten: "Lassen wir uns nicht täuschen", so Reagan, "die Sowjet-Union steckt hinter allen Unruhen unserer Zeit. Wenn sie nicht das alte Dominospiel betriebe, gäbe es keine Krisenherde in aller Welt."
Amerika hingegen, "dieses gesalbte Land", das "ein göttlicher Plan zwischen die Ozeane gesetzt hat, ein Hafen für die Menschen aus aller Welt, die Glauben und Freiheit lieben" (Reagan) - es spielt im Melodrama des nationalen Konservatismus die Rolle des westlichen Kulturschützers.
Kaum hatte Jimmy Carter das Weiße Haus verlassen, kaum hatte Reagan sein 1,5-Billionen-Dollar-Militärprogramm für die nächsten fünf Jahre verkündet ("Was ist so übel an militärischer Überlegenheit?"), kaum hatte er die Sowjets als habituelle Strauchdiebe ("Sie lügen und betrügen") desavouiert, da veränderte sich die weltpolitische Großwetterlage: *___In Mittelamerika entdeckte Reagans erster ____Außenminister, der fromme Katholik Alexander Haig, "die ____rote Hand" kubanisch-sowjetischer Einflußnahme. Sein ____Dienstvorgesetzter im Weißen Haus: "Jeder, der unsere ____Rechte verletzt, wird in Zukunft nicht mehr mit der ____Zuversicht schlafen gehen dürfen, daß er am nächsten ____Morgen feststellen kann, Amerika habe noch nicht ____gehandelt." Zwei Jahre später infiltrieren von der CIA ____unterstützte Kämpfer ("Contras") das linke Nicaragua, ____kreuzen US-Kriegsschiffe vor fremden Küsten und ____Krisenherden. *___Im Nahen Osten suchte Ronald Reagans "Vikar" (Haig über ____sich selbst) nach einem "strategischen Konsensus" der ____gemäßigten Araber wider die vermutete sowjetische ____Expansion. Zwei Jahre und einen Krieg später fehlt zwar ____der Konsensus, doch fast alle Parteien sind mit neuen ____amerikanischen und sowjetischen Waffen höher gerüstet ____denn je zuvor. *___Reagans Technologie- und Pipeline-Embargo zielte - ____vergeblich - darauf, die Sowjets "auf Sägemehl-Diät" zu ____setzen; statt dessen verstärkte sich der Glaube der ____Kreml-Chefs, mit diesem Mann im Weißen Haus sei kein ____vernünftiges Wort mehr zu wechseln. *___Im rüstungspolitischen Abschreckungspatt zwischen ____Washington und Moskau ist Reagans Rüstungspaket (100 ____neue MX-Raketen, neue Fernbomber und neue ____Atom-Unterseeboote) eine kalkulierte politische ____Kraftgebärde. Die festgefahrenen Genfer ____Rüstungskontrollgespräche lassen befürchten, daß nun ____auch die letzten wesentlichen Verbindungsdrähte ____zwischen Moskau und Washington gerissen sind. *___Ein Ost-West-Gipfel wenn schon nicht der Aussöhnung, so ____doch wenigstens der Konfliktdefinition liegt heute ____ferner denn je. Altdiplomat George Kennan, erster ____Theoretiker der antisowjetischen ____"Eindämmungs"-Strategie der späten 40er Jahre, glaubt ____inzwischen, daß "ein
Krieg in Sicht" sei. Moskau beschrieb die Grenada-Invasion als Beispiel des "internationalen Terrorismus".
Über die amerikanische Außenpolitik spannt sich eine licht- und luftundurchlässige, muffige Ideologie konservativen Missionseifers. Sie wird vorgetragen von Manichäern wie der UN-Botschafterin Jeanne Kirkpatrick (ihr sowjetischer UN-Kollege Trojanowski, so meinte sie vorige Woche, sei "ein Psychopath"), und sie wird ausgeführt von Ministern, die ihrem Exekutivchef im Sendungsbewußtsein nicht nachstehen.
Amerikas gute alte "Arroganz der Macht" (Ex-Senator William Fulbright) - Reagan weiß sie in aller Unschuld vorzuführen: Nichts wundert ihn mehr als die Lieblosigkeit der undankbaren Welt.
Zwar jubelten Ronald Reagans ultrarechte Gefolgsleute, die Grenada-Invasion sei des Präsidenten "größte Stunde" gewesen (Robert A. Viguerie). Schließlich hätten "die Vereinigten Staaten eine moralische Verpflichtung", fügte Gary Jarmin von der "Christian Voice" hinzu, "jene zu befreien, welche die Freiheit suchen. Es bleibt nur zu hoffen, daß dies ein Präzedenzfall ist, daß Nicaragua, Afghanistan und Kambodscha bald folgen werden".
Zumindest Nicaragua, seit Monaten von Konterrevolutionären mit US-Billigung und -Geldern infiltriert, registrierte die Grenada-Invasion mit besonderer Sorge.
Der Rest der Welt und der Rest Amerikas hingegen fanden sich in ihren Zweifeln an dieser Regierung aufs schlimmste bestätigt.
Die Bonner Verbündeten der amerikanischen Invasoren wurden von den Nachrichten aus der Karibik kalt erwischt. Erst als die Meldungen über die Invasion schon aus den Fernschreibern liefen, tauchte US-Botschafter Arthur Burns bei Außenminister Genscher auf, um die Aktion zu rechtfertigen. Der aber bedauerte das Verhalten des Bündnisführers.
Gleichwohl nahm der Außenminister später "Anteil an den Gefühlen des uns befreundeten amerikanischen Volkes" - an welchen?
Nur intern, in der Kabinettssitzung am vorigen Mittwoch, mochten die Koalitionspartner sich eingestehen, wie wenig die Grenada-Invasion in die deutsche Nachrüstungsdebatte paßt: "Die ganze Sache", klagt Regierungssprecher Peter Boenisch, "ist schrecklich."
Die atlantischen Allianzpartner in Europa fühlten sich erneut düpiert. Amerika, das so großen Wert darauf legt, die Europäer an seinen Vorhaben zu beteiligen, wenn''s ums Geld geht, hatte die Partner nicht ernsthaft konsultiert.
Mit steinernem Gesicht hörte zum Beispiel Margaret Thatcher im Unterhaus zu, als der erzkonservative Ulster-Abgeordnete Enoch Powell einen Bogen von Grenada zur bevorstehenden Aufstellung von Cruise Missiles in England schlug: "Wer jetzt noch glaubt, vor einem Abschuß dieser Waffen konsultiert zu werden, lebt in einem Wolkenkuckucksheim."
Überdeutlich zeigt sich im Grenada-Überfall und in Nahost die Unfähigkeit der US-Administration, eine Außenpolitik zu führen, die allen Beteiligten gerecht wird: den USA selbst, ihren Verbündeten und den Objekten ihrer Außenpolitik.
In den Libanon zum Beispiel entsandte Reagan seine Marines als Puffer zwischen israelischen Besatzern und abziehenden Palästinensern. Dieser Rolle
wurden die Ledernacken auch gerecht, die PLO-Kämpfer wurden ausgeschifft, es gab keinerlei Konfrontation zwischen den Kriegsparteien, die Tage zuvor noch um jeden Häuserblock in Beirut gefochten hatten.
Doch kaum waren die PLO-Kämpfer außer Landes, zogen auch die Israelis trotz inständiger Bitten der Amerikaner, zu bleiben, wieder ab - und mit einem Male waren aus den UN-Friedenswahrern Beteiligte am libanesischen Bürgerkrieg geworden, Helfershelfer einer schwächlichen libanesischen Regierung, die kaum mehr kontrolliert als ihre eigenen Amtsgebäude. Offensichtlich hatte niemand in Washington diese Entwicklung vorhergesehen.
So saßen die Marines (und die anderen Truppen der multinationalen Friedensstreitmacht) in der Falle, frei zum Abschuß durch die rivalisierenden Bürgerkriegskräfte in den Hügeln rings um den Schutthaufen Beirut.
"Fünf Jahre nach Camp David und ein Jahr nach dem Reagan-Plan für eine Lösung des Nahostproblems", faßte Carters Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski zusammen, "liegt unsere Nahostpolitik in Scherben."
Brzezinski-Vorgänger Henry Kissinger, vielleicht der beste Nahost-Experte unter allen amerikanischen Politikern, zumindest aber der erfahrenste, bezweifelt öffentlich, ob die Marines gegenwärtig überhaupt eine Aufgabe erfüllen: "Nur dadurch, daß wir sie dort stationieren, kommen wir dem Frieden keinen Schritt näher."
Doch auf die Frage nach der Mission seiner Soldaten im Libanon antwortet Ronald Reagan, so die "New York Times", "nur mit einer kargen Liste von Einzeilen-Slogans" - ein erkennbares Konzept für eine amerikanische Nahostpolitik haben weder er noch seine Mitarbeiter entwickelt.
Verwundern kann das nicht, denn Reagans zweiter Außenminister ist gerade ein gutes Jahr im Amt, Reagans dritter Sicherheitsberater noch dabei, sich einzuarbeiten; einen neuen Nahost-Unterhändler der USA gibt es noch nicht, und Washingtons Botschafter im Libanon ist ebenso ein Neuling wie Washingtons Unterstaatssekretär für den Nahen Osten. Die Karibik-Politik des Weißen Hauses sieht nicht eindrucksvoller aus.
Längst begraben hatten die Reaganauten den Plan einer großzügigen Karibikhilfe: Wie im Nahen Osten, so vertrauten sie auch in der eigenen Region lieber auf die Politik des dicken Knüppels.
Nachdem ihn seine Berater darauf hingewiesen hatten, daß Grenadas Flughafen sowjetischen Flugzeugen dienen könne, war Reagan, in den Worten eines Vertrauten, "geradezu besessen" von der Idee, den Ausbau eines neuen sowjetischen Stützpunktes im Hinterhof der USA verhindern zu müssen.
Und wer zuhören konnte, hätte eigentlich schon Anfang vorigen Jahres wissen müssen, daß Grenada auf Reagans außenpolitischer Prioritätenliste ganz oben stand.
Der Präsident verbrachte zu Ostern ein paar Urlaubstage auf der Karibikinsel Barbados, von wo jetzt die Grenada-Invasion startete. Und es war ein Urlaub, der ihm eigentlich die friedfertige Beschaulichkeit der Inseln hätte demonstrieren können: Statt mit einem traditionellen Salut begrüßten die Ordnungskräfte den mächtigsten Mann der westlichen Welt mangels Kanonen mit der Explosion von 21 Stangen Dynamit, die sie auf einem nahe gelegenen Acker zündeten.
Ronald Reagan aber verlor keine Zeit, um die Politiker von Barbados sowie ihre Kollegen von den Nachbarinseln beim Mittagessen auf die Bedrohung durch Grenada hinzuweisen. Die Insel, so Reagan damals, "trägt den sowjetischen und kubanischen Stempel, das heißt, es wird versuchen, den (marxistischen) Virus unter seinen Nachbarn zu verbreiten".
Daß Reagan bei seinen Anti-Virus-Kampagnen oft dem Ansehen Amerikas unter Freunden schadet, nimmt er durchaus in Kauf: Bei seinen konservativen Landsleuten zählt mehr - Grenada zeigt es -, daß er es dem alten Widersacher Moskau endlich einmal heimgezahlt hat: Nächstes Mal - Nicaragua?
Derlei Kompensationen nationaler Machtunsicherheit in großvolumigen Militärgesten lassen Amerikas Partner immer wieder staunen: Für Washington steht anscheinend täglich die nationale Ehre auf dem Spiel - die religiöse Gewißheit vielleicht, alles in allem doch ein "gesalbtes Land" zu sein.
Nur so jedenfalls ist zu erklären, daß sich Ronald Reagan ausgerechnet jetzt, mitten in der Nachrüstungskrise der Nato, zu einer Neuauflage der Kanonenboot-Diplomatie hinreißen ließ, die schon viele seiner Vorgänger in Verruf gebracht hatte: Niemand war so dankbar wie Moskau, so ausgelassen beinahe, denn mit einem Male saß der Amerikaner mit dem stets erhobenen moralischen Zeigefinger selbst auf der Anklagebank der Weltöffentlichkeit, weil er in ein Land eingefallen war, das nicht so wollte, wie er''s gern hätte.
Wer mochte da noch vom Flug KAL 007, wer von Rußlands Invasion in Afghanistan
reden? "Die Kanonenboot-Diplomatie hat ihren neuen König", erkannte der demokratische Kongreßabgeordnete Edward Markey aus Massachusetts, "rück zur Seite, Teddy Roosevelt!"
Dieser Urahn der amerikanischen "Gunboat Diplomacy" hatte 1904 erstmals Kriegsschiffe gegen den Feind und Marines an Land geschickt, als der nordafrikanische Bandit Raisuli den US-Bürger Ion Perdicaris gekidnappt hatte und Lösegeld forderte.
Teddy Roosevelt schickte ihm ein Telegramm, das nur aus fünf Wörtern bestand: "Perdicaris lebendig oder Raisuli tot". Wenige Stunden später stürmten, um dem Telegramm Nachdruck zu verleihen, in Tanger Marines vom US-Kriegsschiff "Brooklyn" an Land - Perdicaris wurde ohne Gegenleistung freigelassen.
Roosevelts Politik des "dicken Knüppels", die den USA das Recht beanspruchte, "in flagranten Fällen von Fehlverhalten oder Unfähigkeit eine internationale Polizeigewalt auszuüben", blieb nicht auf ihren Erfinder beschränkt. Seine Nachfolger sind ihm bis auf den heutigen Tag gefolgt, wenn es galt, amerikanische Interessen durchzusetzen. Beispiele: *___Von 1912 bis 1913, dann noch einmal von 1926 bis 1933 ____rückten Marines in den mittelamerikanischen Staat ____Nicaragua ein; *___1914 wird das mexikanische Vera Cruz erobert und der ____mexikanische Präsident Victoriano Huerta zum Rücktritt ____gezwungen; *___von 1915 bis 1934 okkupierten Marines die Insel Haiti. ____Sie kamen 1941 mit dem Kanonenboot "Machias" wieder; ____bei dieser Gelegenheit räumen die Marines das gesamte ____Gold aus Port-au-Prince ab, einen Wert von immerhin 500 ____000 Dollar, und transferieren es auf die National City ____Bank in New York.
Amerikanische Interventionen im angeblich weichen Unterleib der USA gab es auch in Guatemala, in Panama, in Kuba oder Kolumbien und vor 18 Jahren in der Dominikanischen Republik. So nimmt es nicht wunder, daß der "Gringo-Überfall" auf Grenada vor allem in Lateinamerika auf herbe Kritik stieß.
Gewiß, Reagans Soldaten konnten den Journalisten, als die nach zweitägiger totaler Nachrichtensperre endlich für ein paar Stunden unter Militärschutz auf die Insel fliegen durften, riesige Waffenlager vorweisen, die den Bedarf der winzigen Grenada-Armee um ein Vielfaches überschritten - was Reagans Verdacht Nahrung gab, die Kubaner hätten auf der Insel etwas im Schilde geführt; gewiß, die in Militärmaschinen heimgeflogenen US-Amerikaner, Studenten meist, küßten, dem Heiligen Vater gleich, bei der Ankunft die amerikanische Rollbahn und schilderten beredt ihre Ängste bis zum Eintreffen der Marines; gewiß, auf der Muskat-Insel waren angeblich, vom amerikanischen Geheimdienst unbemerkt, an die zwei Bataillone kubanischer Bewaffneter in Stellung gegangen; sie lieferten den Invasoren einen erbitterten Kampf, so als verteidigten sie ihre eigene Insel.
Der Überfall der Weltmacht USA auf die Nicht-Macht Grenada, die spontantrotzige Weigerung Reagans, einen Abzug der Marines aus dem Libanon auch nur in Erwägung zu ziehen, legen vielmehr Zeugnis davon ab, daß diese Regierung vor allem an einem interessiert ist: einem, zumindest optischen, außenpolitischen Erfolg, der Ronald Reagan noch fehlt.
Und mag das Ausland auch an der Weisheit seiner Entscheidung zweifeln, mag er mit seiner Aktion auch das moralische Recht verwirkt haben, die Sowjets für ähnliche Abenteuer zu kritisieren - Ronald Reagan ist sich selbst wieder einmal treu geblieben. Was die sowjetische Supermacht unter dem Protest des Westens nicht gegen Polen wagte - militärische Interessenwahrnahme im Vorfeld des direkten Machtbereichs -, die amerikanische Supermacht hat es sich geleistet.
Sie "verleugnet damit den Charakter Amerikas", wie der liberale Kolumnist Anthony Lewis in der "New York Times" schrieb, und stellte selbst jene hochgepriesenen Werte in Frage, die der Westen angeblich so dringend und unter dem Einsatz bedenklicher Mittel gegen den Osten verteidigen muß.
Ronald Reagan aber hat eine ganze Insel, zumindest zeitweilig, vor dem "kommunistischen Zugriff" bewahrt; er hat den USA und dem Westen ein "strategisch wichtiges Eiland" an einer der großen Schiffahrtsstraßen, zumindest zeitweilig, zurückgewonnen - und dabei fielen, bis vorigen Freitag, nur 15 US-Soldaten: Ein großer Tag für Amerika?
Auf dem Spiel steht das Recht eines kleinen Landes, frei von äußerem
Druck, Drohungen oder Erpressung selbst darüber entscheiden zu
können, wie es seine ureigensten Ziele und Vorstellungen
verwirklicht. US-Außenminister George Shultz vorigen Montag als
Begründung dafür, daß die Reagan-Regierung ihre Truppen nicht aus
dem Libanon abzieht.
[Grafiktext]
AMERIKA ZELGT FLAGGE Weltweites militärisches Engagement der USA US-Stützpunkte militärische Einsätze und Droh-Manöver seit Reagans Amtsantritt HONDURAS 1983: Land- und Flottenmanöver um Nikaragua ECUADDR UND PERU seit 1981: militärische Beobachter SÜDAMERIKA 1982: Land- und Flottenmanöver gemeinsam mit Brasilien, Chile, Kolumbien, Ecuador, Peru. Uruguay und Venezuela USA Kuba Panama Bermuda GRENADA 1983: Invasion Grönland Azoren LIBYEN 1981: Flotten-Aufmarsch in der Großen Sythe. Abschuß zweier libyscher Kampfflugzeuge SUDAN 1983: Manöver und Stationierung von zwei Awacs, Kampfflugzeugen und 450 Soldaten Asuncion Island Großbritannien Spanien TSCHAD 1983: Stationierung von Flugzeugabwehr-Raketen EUROPA jährlich: Nato-Manöver Bundesrepublik Griechenland Türkei Italien SINAI 1982/83: Friedenstruppen ÄGYPTEN 1982/83: Manöver SAUDI-ARABIEN 1983: Stationierung von vier Awacs, drei Tankem und 600 Soldaten MITTELMEER 1983: Verstärkung der 6. US-Flotte LIBANON 1982/83: Friedenstruppen PERSISCHER GOLF 1983: Flottenmanöver Oman Somalia SOMALIA 1982/83: Land- und Flottenmanöver INDISCHER OZEAN Große Flottenverbände in ständiger Bereitschaft Madagaskar OMAN 1983: Manöver Diego Garcia Japan Südkorea Okinawa Philippinen Australien NORD-PAZIFIK 1983: japanisch-amerikanische Flottenmanöver vor der sibirischen Küste Guam
[GrafiktextEnde]
Nach seiner TV-Ansprache am vorigen Donnerstag.

DER SPIEGEL 44/1983
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