05.12.1983

Die Schnapsidee

Sponsor Günter Mast möchte Eintracht Braunschweig mit seinem Firmennamen schmücken. Später will er eine AG daraus machen. *
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ist auf das Schlimmste gefaßt. Die Mitglieder von Eintracht Braunschweig wählten letzte Woche ihren Sponsor, den Likörfabrikanten Günter Mast, zum Klubpräsidenten.
Am 14. Dezember sollen die Mitglieder der Eintracht schon wieder wählen. Diesmal zwischen dem alten Klubnamen Eintracht und dem neuen Titel "Jägermeister Braunschweig". Jägermeister heißt der erfolgreichste Likör aus dem Hause Mast.
Der DFB mag ihn nicht schlucken. Aufgeschreckt durch die Mast-Kur des mit rund vier Millionen Mark verschuldeten Bundesligaklubs, beschloß er auf seinem Bundestag Ende Oktober, daß kein Klub seinen Vereinsnamen zum Zweck der Werbung verändern dürfe. Mast hatte schon die Firmenwerbung auf den Spielertrikots in der Fußball-Bundesliga eingeführt. 1973 tauschte Eintracht Braunschweig sein Wappentier, den Löwen, gegen das Jägermeister-Markenzeichen, einen Hirsch.
Mast freut sich jetzt auf ein jahrelanges Spiel im Strafraum des DFB. "Erstens ist das kostenlose Werbung für mich, zweitens wird das dauern, angefangen mit der Feststellungsklage bis zum Ende mit einer Verfassungsbeschwerde."
Aber mit der Schnapsidee wäre es noch nicht getan. Mast denkt auch an eine neue Rechtsform für seinen Klub, eine AG oder eine GmbH. "Das möchte ich mit dem DFB gemeinsam durchziehen", beruhigt er die Fußballzentrale in Frankfurt.
Als "sportlichen Berater" zog Mast seinen Duzfreund Paul Breitner heran. Der Weltmeister von 1974 verlangt jedoch eine "AG oder GmbH sofort", denn "dem DFB darf nur noch die Bekanntgabe der Bundesligatabelle überlassen werden".
Doch in Deutschland hatten schon viele Klubs die Vision vom Fußballverein gesehen, der in eine Aktiengesellschaft verwandelt wird. Überall dort, wo der Schuldenstand besonders hoch war und ein Konkurs drohte, forderten die Präsidenten den Fußballsturm zur Börse.
Bei Schalke 04 behauptete Präsident Dr. Hans-Joachim Fenne: "Wenn wir so weiterwurschteln wie bisher, dann ist der bezahlte Fußball bald tot."
Die Männer vom DFB "haben Angst, daß ihnen der bezahlte Fußball verlorengeht und nur noch der Amateursport bleibt", berichtet der Präsident des VfB Stuttgart, Gerhard Mayer-Vorfelder. "Die Sorge ist völlig unbegründet. Lediglich die Finanzkontrolle über die Bundesligisten würde dem DFB entzogen."
Gegenwärtig erteilt der DFB die Bundesligalizenzen nach Gutdünken. Nur im Ausland existieren Fußballklubs als Aktiengesellschaften. Bayern Münchens Europacupgegner Tottenham Hotspur in London gelang es sogar, 14 Millionen Mark Schulden abzubauen und überdies die Tribüne zu renovieren. Auch 1983 wirft die Tottenham Hotspur Public Limited Company einen Brutto-Gewinn von etwa 850 000 Pfund ab.
"Ordnung in den Laden" Eintracht Braunschweig will der neue Präsident Mast erst einmal an der Basis und mit "einem neuen Konzept" bringen. "Bis Weihnachten wird der Verein keine Verpflichtung mehr an Dritte aufweisen", verspricht der Mann, der so aussieht wie der Dorfrichter Adam im "Zerbrochenen Krug".
Aber Mast spielt statt des Biedermanns lieber erst den Saubermann. "Bei Eintracht Braunschweig gab es nicht einmal eine Bilanz, sondern immer nur eine ungenaue Vermögensaufstellung." Neben dem Präsidium, in dem der Verkaufsdirektor einer Brauerei neuerdings Stellvertreter des Likörfabrikanten ist, warb Mast auch einen "hohen Polizeioffizier" an, der im Klubauftrag verhindern soll, daß während des Spiels Zuschauer die Zäune überwinden und gratis zugucken. Das Eintracht-Büro arbeitet nicht mehr in Braunschweig, sondern im Haus der Jägermeister-KG in Wolfenbüttel, mit Mast ("Ich muß alles unter Kontrolle haben") unter einem Dach.
Den Mitgliedern des Klubs scheint die Betriebsamkeit zu imponieren. Als bei der Jahreshauptversammlung der scheidende Präsident Hans Jäcker, vor 20 Jahren Bundesligatorwart der Eintracht, vor der Wahl zwischen einem "Zwang zum Konkurs oder totaler Abhängigkeit" warnte, pfiffen die knapp 600 Zuhörer. Der designierte Präsident, Rechtsanwalt Klaus Leiste, zog seine Kandidatur wegen der zu hohen Verschuldung des Klubs zurück.
Da stellte sich Mast für ein Amt zur Wahl, vor dem er sich in zehn Sponsor-Jahren und nach Investition von etwa 20 Millionen Mark stets gedrückt hatte. "Lieber ich mach das", erklärte er jetzt, "als wieder jemand, dem das Geld unkontrolliert durch die Finger rinnt."
Außerdem soll künftig alles, was im Präsidium beschlossen wird, "absoluter Geheimhaltung" unterliegen. Den neuen Klubchef "empörte es", als ein Mitglied der Alt-Herren-Riege in der Jahreshauptversammlung offenbarte, daß für einen entlassenen Geschäftsführer 600 000 Mark bezahlt werden müßten, weil vergessen worden war, ihm fristgerecht zu kündigen. Mast: "Schwachsinn ist keine Werbung."
Doch die offizielle Werbung mit dem neuen Klubnamen Jägermeister, der in
jedem Stadion, wo Braunschweig spielt, ertönt und in jeder Bundesligatabelle nachzulesen ist, hält DFB-Präsident Hermann Neuberger für ebenso unzumutbar: "Dann hätten wir ja bald Ford Köln und Backpulver Bielefeld auf dem Spielfeld."

DER SPIEGEL 49/1983
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