31.10.1983

BÜCHERHerzhaftes Gähnen

Andrej Bitow: „Das Puschkinhaus“. Aus dem Russischen von Natascha Spitz-Wdowin und Sylvia List. Luchterhand Verlag, Darmstadt und Neuwied; 480 Seiten; 38 Mark. *
Am Ufer der Newa, unweit der historischen Zentren Leningrads, erhebt sich ein eher unauffälliges zweistöckiges Gebäude. In früheren Zeiten diente es einem adligen Grundbesitzer als Stadtpalais. Heute trägt es den ehrfurchtgebietenden Namen "Puschkinhaus" und beherbergt ein Literatur-Museum.
Der in Moskau lebende Autor Andrej Bitow, 46, hat das Puschkinhaus zum Titel eines seltsamen Buches gemacht. Der Held, ein Literaturwissenschaftler namens Ljowa Odojewzew, quält sich auf der Suche nach seiner Identität beinahe 500 Seiten lang durch drei Stationen: Kindheit und Jugend zur Stalinzeit, Karriere als verkrachter Liebhaber, endlich eine Wodka-Orgie am Arbeitsplatz im Puschkinhaus. Die Zechtour endet, der Genius loci will es so, in einem Duell mit einem Saufkumpan. Tatwaffen sind die Originalpistolen von Puschkins Duell aus dem Jahre 1837.
Nach Auskunft des Autors soll sein Roman ein "Museum" sein. Das Museum aber präsentiert sich als wirres Puzzle umherirrender Textstücke, denen ein Handlungsfaden so gut wie fehlt. Bei Turgenjew und Lermontow, Dostojewski und Tolstoi borgt sich Bitow seine Charaktere aus. Die Figuren des Buches sind Zitate zweiter Ordnung oder, in der Sprache des platonischen Höhlengleichnisses, Schatten von Schatten.
Den armen Leser, den diese Zitatenmanie verrückt zu machen droht, besänftigt der Autor mit der Erklärung, sein Werk sei ein literarischer Kunstgriff - und sein deutscher Verlag sekundiert: im "Puschkinhaus" könne die "hochsensible analytische Wortkunst" des "westlichsten" Sowjetautors besichtigt werden. Da ließe sich frei nach Brechts Herrn Keuner fragen: Gut, das ist der Kunstgriff, aber wo ist die Literatur?
In der Sowjet-Union ist das Buch verboten. Warum, weiß kein Mensch. Sollte die Zensur aber eines Tages Gnade walten lassen, dann wird das russische Publikum das "Puschkinhaus" wohl als Parabel über den sterilen Literaturbetrieb auffassen: als "vielleicht nicht immer vollendet künstlerisch, doch auf jeden Fall offen und ehrlich", wie Bitow über Bitow plötzlich selbstkritisch einräumt.
Bei seinen Lesern im Westen dagegen dürfte der Autor, der mit der Schriftstellerei nach einer Ausbildung zum Bergbauingenieur begann, wohl seinem unfreiwilligen Naturalismus zum Opfer fallen: Das Porträt der Sowjetgesellschaft kommt den karikierten Verhältnissen so nahe, daß die Lektüre in einem herzhaften Gähnen steckenbleibt.

DER SPIEGEL 44/1983
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