19.12.1983

BANKENLange gesucht

Die britische Lloyds Bank steigt massiv ins Wertpapiergeschäft ein - über die Reste der Privatbank Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. *
Er freue sich über die neue Partnerschaft, teilte Eric Whittle von Lloyds Bank International in der Frankfurter Zentrale der Privatbank Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. (SMH) mit. Er sehe hier "eine goldene Gelegenheit".
Das ist der Einstieg der Briten bei SMH wohl auch. Die Londoner Bank übernimmt, wie aus einem "Memorandum of understanding" - einer Absprache mit dem Bankenverband - hervorgeht, nur die intakten Teile der Anfang November vor dem Kollaps geretteten Privatbank.
Lloyds-Auslandschef Whittle hat alle Risiken abgelehnt, die in irgendeinem Zusammenhang mit dem IBH-Baumaschinenimperium des Horst-Dieter Esch stehen. Der Konzern war vergangene Woche in Konkurs gegangen.
Auch mit faulen SMH-Krediten an Pelzhändler und den wertlosen Forderungen an die Baufirma Wibau wollen die Engländer nichts zu tun haben. Beide Geschäftsbeziehungen hatten zusammen mit den 900 Millionen Mark Krediten an IBH den Zusammenbruch der Privatbank bewirkt.
Nachdem die deutschen Banken 830 Millionen Mark zusammengebracht hatten, um die SMH vor dem endgültigen Ende zu bewahren, wollen nun die Briten weitermachen. Für noch nicht einmal 100 Millionen Mark werden sie die ertragreichen Sparten der ehemals drittgrößten deutschen Privatbank erhalten: das kurzfristige Industriekreditgeschäft und insbesondere den einträglichen Wertpapierhandel.
Am Geschäft mit Aktien und Anleihen hatten die SMH-Vermögensverwalter bis zuletzt gut verdient. Jahr für Jahr trugen sie regelmäßig zwischen acht und zwölf Millionen Mark zum Gewinn der Bank bei. In den vergangenen zwölf Monaten holten die Wertpapier-Experten der SMH-Bank sogar mindestens 25 Millionen Mark herein.
Von Anfang an hatte sich die SMH, die in den sechziger Jahren durch Fusion der Privatbanken Hengst (Offenbach) sowie Schröder und Münchmeyer aus Hamburg entstanden war, auf das einträgliche Maklergeschäft mit Aktienpaketen und Firmenbeteiligungen spezialisiert. Regie führte Hengst-Schwiegersohn Ferdinand Graf von Galen.
Bis Anfang November, als die Überschuldung der Bank bekannt wurde, galten die SMH-Partner Galen (Kapitalanteil: 40 Prozent) und Hans-Hermann Münchmeyer (Familienanteil: rund 35 Prozent) als geschätzte Vermögensverwalter,
die diskret und professionell mit Milliarden von Fonds- und Treuhandfirmen zu jonglieren verstanden. Nach der Deutschen und der Dresdner Bank galt SMH als führendes Wertpapierinstitut der Bundesrepublik, dessen Anlageentscheidungen häufig die gesamte Börsentendenz bestimmten.
Über sieben Milliarden Mark, so schätzen Insider, haben arabische Petro-Milliardäre, internationale Versicherungen und Firmenpensionskassen über die Bank angelegt. Noch wenige Monate vor dem IBH-Debakel vertraute ein Saudi araber seinem SMH-Berater ein Depot von rund 750 Millionen Mark an.
"Die SMH war für uns", sagt ein Direktor des schweizerischen Bankhauses Julius Bär, "die angesehenste Vermögensverwaltungsgesellschaft in Deutschland."
Da wundert es auch kaum, daß der an der SMH-Rettungsaktion maßgeblich beteiligte Bankenpräsident Hanns Christian Schroeder-Hohenwarth noch vor den Briten starkes Interesse zeigte, SMH-Teile für seine Berliner Handels- und Frankfurter Bank (BHF) zu erwerben. Doch Schroeder-Hohenwarth kam nicht zum Zuge.
Als auf der letzten Mitgliederversammlung des Banken-Verbandes Mitte November der Tagesordnungspunkt "SMH-Erwerb" zur Debatte stand, verließ der Bankenpräsident wegen persönlicher Befangenheit den Sitzungssaal. Seine Konkurrenten stimmten gegen ihn.
So bekamen die Lloyds-Banker ihre Chance. Sie können jetzt durch Übernahme der gesunden SMH-Sparten die Regeln ihres Landes unterlaufen, die den Kreditbanken (Clearing Banks) den Handel mit Aktien und Anleihen im Heimatland verbieten.
Auslandschef Whittle und der designierte SMH-Kontrolleur Paul Brown, ehemaliger Deutschland-Chef von Lloyds Bank International, haben bereits den Kurs festgelegt. Bei einem ersten Rundgang durch alle Abteilungen der Frankfurter Zentrale kündigten sie für Lloyds den "massiven Aufbruch ins Wertpapiergeschäft" an.
Der Entschluß zum SMH-Erwerb sei schnell zustande gekommen, so die beiden Lloyds-Manager, weil sie "schon lange etwas Ähnliches gesucht" hätten. Eine rasche Entscheidung war wohl auch deshalb notwendig, weil Lloyds den Kern der etwa 120 Mann starken Wertpapiertruppe halten möchte. Die Briten schickten bereits in der vergangenen Woche Schreiben an die wichtigsten SMH-Mitarbeiter, in denen ihnen Weiterarbeit unter neuer Leitung zugesichert wird.
Zufriedene Gesichter konnten dabei insbesondere die drei Generalbevollmächtigten der SMH-Bank machen. Sie werden weiterhin auf Einkünfte in Höhe von 150 000 Mark Jahresgehalt plus 200 000 bis 300 000 Mark erfolgsabhängiger Tantieme rechnen können.
Lakonischer Kommentar der Lloyds-Banker: "Am Stil des Hauses wird nichts geändert."
Für die vier ehemaligen Eigentümer der Privatbank dagegen könnte sich viel ändern. Die 38 Gläubiger-Banken nämlich, die jetzt auf den faulen IBH-Krediten hängenbleiben, prüfen bereits, ob sie Ansprüche auf Schadenersatz gegen die persönlich haftenden Gesellschafter anmelden sollen.
Sie glauben, gute Gründe zu haben. Maximilian Hackl, Chef der Bayerischen Vereinsbank, spricht bereits öffentlich von einem "hinreichenden Verdacht des Kreditbetrugs".

DER SPIEGEL 51/1983
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