05.12.2015

SPIEGEL-Gespräch„Brad?“

In ihrem ersten gemeinsamen Film seit Langem spielen Angelina Jolie und Brad Pitt ein Ehepaar in einer existenziellen Krise. Reiner Zufall, oder?
Eine Assistentin öffnet die Tür zu einer Hotelsuite in New York, und dort sitzen tatsächlich Brad Pitt und seine Ehefrau Angelina Jolie Pitt einträchtig nebeneinander. Der Anblick überrascht für eine Sekunde. Die mediale Omnipräsenz des Paares führt dazu, dass man die beiden eher für ein gut aussehendes Konzept hält, aber nicht für ein Ehepaar, das schweigend in einem Hotelzimmer sitzt und wartet, dass etwas passiert.
Vor gut zehn Jahren, so geht die Geschichte, haben die beiden sich bei den Dreharbeiten zu "Mr. & Mrs. Smith" verliebt. Vergangenes Jahr haben sie geheiratet und, quasi als Flitterwochenersatz, zum ersten Mal wieder einen Film zusammen gedreht. In "By the Sea", der nächste Woche in Deutschland in die Kinos kommt, spielen Pitt und Jolie nicht nur die Hauptrollen, Jolie hat den Film auch selbst geschrieben und Regie geführt. Es ist ein düsterer, deprimierender Film geworden, er spielt Mitte der Siebzigerjahre und ist offensichtlich inspiriert vom europäischen Autorenkino jener Zeit. Pitt und Jolie spielen ein kinderloses Paar, Roland und Vanessa, das sich im Urlaub in einer französischen Meerespension beinahe selbst zerstört, vor allem als ein junges, frisch verheiratetes (und ständig vögelndes) Paar in das Zimmer nebenan zieht.
Als der Film beinahe fertig war, erfuhr Jolie, dass ihre Blutwerte auf ein erhöhtes Eierstockkrebsrisiko hindeuteten. Sie ließ sich präventiv die Eierstöcke und Eileiter entfernen und erklärte diesen radikalen Schritt in einem Artikel in der "New York Times". Zwei Jahre zuvor hatte sie sich schon, ebenfalls präventiv, die Brüste amputieren lassen. Sowohl ihre Mutter wie auch Großmutter waren jung an Krebs gestorben.
Jolie, 40, sieht bestürzend schön aus, wenn auch sehr dünn. Brad Pitt, 51, hat sich für dieses Treffen als französischer Autorenfilmer verkleidet: Er trägt eine randlose Brille, Schiebermütze und eine altmodische Anzugweste über dem Pullover, lehnt sich erst mal zurück und wartet ab. Er hat sich ganz offenkundig vorgenommen, seine Frau hier die Arbeit machen zu lassen.
SPIEGEL: Mrs Jolie, Mr Pitt, nach allem, was man hört, nach den Fotos, die man von Ihnen kennt, und wie Sie beide hier jetzt so sitzen, scheinen Sie ein glücklich verheiratetes Paar zu sein. Wieso also ein Film darüber, wie schwer eine solche Ehe irgendwann sein kann?
Jolie: Ich habe schon vor Jahren begonnen, das Drehbuch zu diesem Film zu schreiben, lange bevor ich selbst Regie geführt habe. Ich schrieb also mit großer Freiheit und hatte mir vorgenommen, meinen eigenen Schmerz und meine Trauer zu erkunden. Meine Mutter war damals gerade gestorben, sehr jung, mit 56, an Krebs. Sie war keine glückliche Frau gewesen. Ich wollte ihr Leben und ihr Leid verstehen. Meine Trauer handelte nicht nur davon, dass ich sie verloren hatte. Sondern vor allem davon, dass sie eine Frau war, die ein unerfülltes Leben geführt hatte. Eine Frau, die ihr Leben lang unerlöst blieb.
SPIEGEL: Warum?
Jolie: Sie war eine Künstlerin, die nie Künstlerin wurde. Sie lebte die meiste Zeit ihres Lebens allein, ihre Ehe ...
SPIEGEL: ... mit dem Oscarpreisträger Jon Voight ...
Jolie: ... war nicht glücklich. Nach ihrem Tod wollte ich verstehen, wer sie war und wie sie sich zeitlebens gefühlt hat. Dazu habe ich mir eine Anordnung von drei Paaren überlegt, die in dem Film aufeinandertreffen: ein frisch verheiratetes Paar, das den Schmerz noch vor sich hat; ein Paar, das mittendrin ist und sich vielleicht trennt, gespielt von Brad und mir, und ein Paar, das verstanden hatte, wohin mit dem Schmerz und wie so ein gemeinsames Leben vielleicht funktionieren kann, nur dass es da zu spät war, weil einer der beiden schon tot ist.
SPIEGEL: Sie spielen eine Frau, die dunkel, depressiv und auch böse ist.
Jolie: Grauenhaft. Als ich am Skript arbeitete, wusste ich noch nicht, ob sie sich umbringen würde oder nicht. Ich wusste auch nicht, ob sie mit ihrem Mann zusammenbleiben würde. Um das Drehbuch beenden zu können, musste ich verstehen, warum Frauen in solche Depressionen verfallen. Es war also therapeutisch.
SPIEGEL: Was haben Sie über sich verstanden?
Jolie: Ich glaube, dass für uns Frauen die Wurzel der Depression darin liegt, dass uns irgendwann unser Körper im Stich lässt.
SPIEGEL: Interessant, so etwas von einer Frau wie Ihnen zu hören.
Jolie: Der Körper dieser Frau ist ein Symbol ihrer Fruchtbarkeit, ein Symbol dafür, Frau zu sein. Ihr Körper war ihr Beitrag zu dieser Welt – als Künstlerin, als Mutter, als Ehefrau, als Liebhaberin. Aber sich selbst empfand sie als leeres Gefäß. Sie wusste nicht, wie sie weiterleben soll, mit all ihren Dämonen.
SPIEGEL: Der Ehemann kämpft, doch er versteht lange nicht, was eigentlich mit seiner Frau los ist, die doch mal so toll und attraktiv war. Ihm geht es um seine Verwirklichung, nämlich um einen Roman, den er nicht schreiben kann. Er trinkt stattdessen, auch weil er seine Frau nicht erträgt. Wie viel Schuld trifft ihn?
Pitt: Ich glaube, man kann ihm nicht die Schuld geben. Er versteht vieles von dem nicht, das stimmt, aber er kämpft verzweifelt dafür, die Beziehung wieder aufs Gleis zu kriegen. Aber er weiß nicht wie und greift zur Flasche. Steht am nächsten Tag wieder auf, versucht es auf eine andere Art, scheitert wieder. Greift zur Flasche, wird wütend. Geht wieder auf sie zu am nächsten Tag, liebt sie immer noch.
SPIEGEL: Das Deprimierende an dem Film ist, dass das Problem offenbar nicht darin besteht, dass die beiden sich nicht mehr lieben. Sie lieben sich, aber trotzdem ist es der blanke Horror.
Jolie: Die Wahrheit ist doch: Wir sind alle nicht gut in Beziehungen. Jeder von uns hat so viel Zeug, an dem er arbeiten müsste. Wir könnten alle besser sein.
SPIEGEL: Sie beide sind sehr beschäftigt und sehr erfolgreich in Ihrem Beruf. Dazu haben Sie diese Schar von Kindern. Ist das nicht alles sehr anstrengend, und gibt es nicht automatisch viel Streit?
Pitt: Warten Sie mal. Ich grübele immer noch über das, was Sie eben gesagt haben: dass Liebe nicht genug ist, eine funktionierende Beziehung zu führen. Der alte Barmann, in der Bar, in der ich mich jeden Abend betrinke, der selbst über den Tod seiner Frau trauert, sagt mir: Liebe sie einfach. Ich denke über diesen Satz viel nach.
Jolie: Du redest ständig darüber. Warum eigentlich?
Pitt: Weil es natürlich nicht einfach ist, jemanden zu lieben, der nur garstig ist. Aber unsere Zeit ist beschränkt. Deine
Operation, zum Beispiel, es kann so schnell etwas passieren. Wir sollten unsere Zeit nicht verschwenden für unsere vermeintlichen Kümmernisse und die ewigen Kämpfe. Wir müssen das überwinden und immer den Menschen sehen, in den man sich ursprünglich verliebt hat. Diese Erkenntnis bleibt mir aus der Arbeit an dem Film.
Jolie: Schwer genug.
Pitt: Im Film flehe ich sie immer wieder an: Sag mir endlich, was mit dir los ist.
Jolie: Aber natürlich kann jemand, der schwer depressiv ist, nicht einfach sagen, was los ist. Und wenn Sie fragen, was die Dreharbeiten zu diesem Film für unsere Ehe bedeutet haben: Wir hatten zum Glück unsere Kinder.
Pitt: Sie wohnten nicht weit weg vom Set. Jolie: Sie gingen dort jeden Tag zur Schule, und wenn wir abends nach Hause kamen von unserem Ehedrama, ging es sofort um Gute-Nacht-Geschichten, Stundenpläne.
Pitt: Tischtennis!
Jolie: Kinder erinnern dich daran, dass du keine Wahl hast. Du musst dich zusammenreißen.
SPIEGEL: Machen Kinder Beziehungen einfacher oder schwieriger?
Jolie: Einfacher, glaube ich. Aber natürlich muss man sich daran gewöhnen, dass einem das eigene Leben nicht mehr gehört.
Pitt: Was für eine Erlösung!
Jolie: Ja, Brad, aber für Männer ist es, glaube ich, schon schwierig: Plötzlich ist die Ehefrau umringt von einem Haufen Kinder, und es kommt der Moment, wo du gerade nicht an erster Stelle kommst. Sind Sie verheiratet?
SPIEGEL: Seit ein paar Wochen.
Jolie: Herzlichen Glückwunsch!
Pitt: Viel Glück.
Jolie: Als wir zusammengekommen sind, da hatte ich schon ein adoptiertes Kind. Wir hatten also nicht wie andere Paare diese tollen Jahre nur zu zweit. Maddox war immer da. Brad musste sich von Anfang an daran gewöhnen, dass sich um Maddox zuerst gekümmert wurde und nicht um ihn.
SPIEGEL: Wie hat Ihre Frau es eigentlich geschafft, Sie zu überzeugen, in diesem anstrengenden Film mitzuspielen?
Pitt: Sie hat über die Jahre heimlich ein paar Drehbücher geschrieben. Für dich, Angie, war das immer eine kathartische Angelegenheit. Wir haben dieses Drehbuch unter uns immer nur "the crazy one" genannt. Alle rieten uns davon ab – zu hart, zu wenig kommerziell, zu deprimierend. Wir trafen schließlich eine Doppelentscheidung: dass es Zeit war, endlich zu heiraten, und Zeit, diesen schwierigen Film zu machen.
SPIEGEL: Was bedeutet es für das Machtgefüge innerhalb Ihrer Ehe, wenn Ihre Frau Sie als Regisseurin anleitet?
Pitt: Ach ...
Jolie: Wir haben den Film gemeinsam produziert. Insofern hätte Brad, der Produzent, Jolie, der Regisseurin, auch sagen können, dass es so nicht gehe, was sie da mit Brad, dem Schauspieler, anstellt.
Pitt: Ehrlich gesagt, ich mag es, ihr dabei zuzusehen, wie sie Regie führt. Sie ist Schauspielerin und versteht etwas davon, das Gefühl einer Szene in Bilder umzusetzen. Und sie achtet absolut unnachgiebig darauf, dass dieses Gefühl von nichts anderem überstrahlt wird. Sehr interessant. Sehr sexy. Der Gedanke ist mir erst gestern Nacht gekommen. Aber ich schweife ab.
Jolie: Es ist kein Zufall, dass der Film in der Zeit, als wir geheiratet haben, entstand. Und irgendwie gab es immer diese Ahnung, dass das alles keine wirklich gute Idee ist. Aber wir dachten uns: Wenn wir es dann schaffen, könnten wir, genau wie Sie es gesagt haben, vielleicht noch etwas über uns lernen. Uns erschien es so, als sollten wir das ausprobieren, auch auf die Gefahr hin, dass wir scheitern. Besser als einfach zu Hause zu bleiben.
Pitt: Genau. Lass uns doch gleich noch eine Fortsetzung drehen.
SPIEGEL: Was haben Sie denn nun gelernt?
Jolie: Dass ich es nicht mag, mich selbst auf der Leinwand zu sehen. Normalerweise gucke ich nicht die Filme, in denen ich mitspiele. Aber wenn man gleichzeitig Regie führt, lässt sich das nicht vermeiden. Ich hasse das. Lächerlich, grauenhaft.
Pitt: Aber du wirst mich noch mal besetzen, oder?
Jolie: Ich glaube ...
Pitt: Wirst du doch, oder?
Jolie: Nimm deine Hand aus meinem Haar!
SPIEGEL: Würden Sie Ihren Mann noch mal besetzen?
Jolie: Natürlich. Er hat in diesem Film mehr gemacht als sonst. Er hat versucht, so offen und emotional ehrlich zu sein, wie er konnte. Das rührt mich, denn ich weiß, er hat das gemacht, weil ich es war, die hinter der Kamera stand.
SPIEGEL: Verzeihen Sie die Frage, aber nachdem Sie nun die Probleme einer fiktiven Ehe im Film erforscht haben – welche haben Sie in Ihrer Ehe?
Pitt: Hmmm?
SPIEGEL: Welche Probleme haben Sie in Ihrer Ehe?
Pitt: Wir haben keine Probleme, Mann!
SPIEGEL: Ihre Frau hat das in einem großen "Vogue"-Interview gerade selbst gesagt.
Pitt: Wovon reden Sie da?
Jolie: Hört auf! Wir haben auf jeden Fall nicht die Probleme des Paares, das wir im Film spielen. Sonst hätten wir es auch nicht spielen können.
Pitt: Die beiden in dem Film sind ja noch nicht einmal eifersüchtig. Deine Figur will mich in dem Film betrügen – nicht, weil sie den anderen Typen gut findet, sondern nur, um die Beziehung des anderen jüngeren Paares zu zerstören.
Jolie: Ich würde gern sagen, dass ich so etwas niemals tun würde. Das ist echt böse.
Pitt: Krank. Das ist krank, wenn du mich fragst.
Jolie: Ich bin mir bis heute nicht ganz sicher, was das über mich sagt, dass ich solch eine kranke Frauenfigur geschrieben habe. Wenn ich schreibe, hat das etwas Selbsttherapeutisches. Das Problem ist, man weiß oft nicht, warum man das schreibt und was man eigentlich genau damit sagen will. Jetzt, wo die ersten Reaktionen kommen, fange ich an zu begreifen, dass da vielleicht ein paar Dinge in meiner Seele sind. Wahrscheinlich ist es dem Publikum klarer als mir, was ich hier verarbeite.
SPIEGEL: Sie haben vorhin erwähnt, dass der Film auch von Ihrer Mutter erzählt. Als Sie den Film schnitten, erfuhren Sie, dass Sie möglicherweise auch gefährdet sind, an der Krankheit Ihrer Mutter zu erkranken, an Eierstockkrebs. Ihre Mutter ist daran gestorben.
Jolie: Das war gespenstisch. Ich erinnere mich, dass wir vor ihrer Operation auf dem Krankenhausflur eine junge Frau trafen, die weinte. Sie hatte noch keine Kinder und sollte ihre Eierstöcke verlieren. Und natürlich handelt ein sehr wichtiger Teil des Films vom Mutterleib, vom Versagen des Körpers und von Mutterschaft. Das waren Dinge, die mich beschäftigten, und ich habe den Film geschrieben, bevor ich meine beiden Operationen hatte. Als ich mit den Dreharbeiten begann, wusste ich, dass ich mir nach meinen Brüsten irgendwann auch noch die Eierstöcke und die Eileiter würde entfernen lassen müssen. Meine Großmutter ist ja auch an Eierstockkrebs gestorben. Es war sehr merkwürdig, ausgerechnet an diesem Film zu arbeiten, der so viel mit all dem zu tun hatte. Aber irgendwie war es auch schön, wie sich der Kreis schloss. Ich habe sofort Brad angerufen.
Pitt: Puh. Ich war allein in Frankreich. Als ich den Anruf von Angie bekam, war das sehr niederschmetternd. Hier geht es um den Menschen, den du liebst. Die Mutter deiner Kinder. In meinem Kopf entstanden schlimmste Szenarien. Um mich herum war nur noch verdammte, verrottete Nacht. Ich habe mich ins Flugzeug nach Los Angeles gesetzt. Aber dann beginnt man, damit irgendwie klarzukommen. Meine Ehefrau ist sehr gut darin, sich voll auf das naheliegende Problem zu fokussieren: nicht zurückgucken, alle Optionen abwägen, sich informieren, Szenarien antizipieren – und sich dann für den richtigen Weg entscheiden.
SPIEGEL: Was ist Ihr Job in so einer Krise?
Pitt: In solchen Momenten kann man sich seiner Liebe sehr bewusst werden.
SPIEGEL: Sie sind dann cool?
Pitt: Oh, ja. Sehr ruhig, beide übrigens.
Jolie: In Krisen sind wir am besten. Müssen wir auch, allein schon wegen der Kinder. Aufpassen, dass sie bestimmte Sachen nicht mitbekommen und nach wie vor zu ihren Fußballspielen kommen. Das Wichtigste für mich war, Brad, dass du einfach bei mir warst. Das würde ich jedem wünschen, der so etwas durchmachen muss. Dass er da jemanden hat.
SPIEGEL: Die Entfernung der Eierstöcke und der Eileiter löst eine vorzeitige Menopause aus. Verzeihen Sie, darf ich fragen, was sich verändert hat?
Jolie: Ob die Menopause mich ruhiger gemacht hat?
Pitt: Hat sie nicht.
Jolie: Brad lebt jetzt mit einer Frau in den Wechseljahren zusammen. Und ich fühle mich, ehrlich gesagt, weiblicher als früher, falls das für Sie irgendwie Sinn ergibt. Ich bin weicher geworden.
Pitt: Das sagst du die ganze Zeit. Ich habe davon noch nichts gemerkt. Höchstens kleine Aufblitzer.
Jolie: Ich fühle mich weicher, deswegen verhalte ich mich aggressiver. Um mich zu schützen.
Pitt: Das wiederum erklärt einiges. Ich werde darauf achten.
SPIEGEL: Mrs Jolie, bitte verzeihen Sie die etwas peinliche Frage, unangenehmerweise sitzt ja auch noch Ihr Ehemann neben Ihnen.
Pitt: Sie ist vergeben, Mann. Sie können sie nicht haben.
SPIEGEL: Die Regisseurin Angelina Jolie lässt die Schauspielerin Angelina Jolie ziemlich häufig mit entblößter Brust durch den Film laufen. Was wollen Sie damit bezwecken?
Jolie: Nun, genauso gut könnte man fragen: Warum ist Mélanie Laurent, die die Frau im jungen Paar spielt, so oft oben ohne im Film? Das ist Teil der Erzählung. Nacktheit, Sexualität und der Körper allgemein stehen in dem Film für etwas anderes als Erotik. Nacktheit steht hier für Freiheit. Mélanie ist so frei, wogegen ich am Anfang nahezu verhüllt bin. Im Laufe des Films entblättere ich mich, seelisch, aber auch körperlich.
SPIEGEL: Sie haben kein Geheimnis daraus gemacht, dass Sie sich als Prävention Ihre Brüste haben amputieren lassen. Sie ließen sich dann Rekonstruktionen anfertigen. Das heißt, und bitte entschuldigen Sie abermals die intime Frage, in dem Film sieht man die Rekonstruktionen?
Jolie: Ja. Ich habe den Film geschrieben, bevor ich diese Operation hatte. Und ich hielt es für wichtig, dass ich das Drehbuch nicht deswegen änderte. Man ändert Kunst nicht aus solchen Gründen. Als klar wurde, dass Brad und ich in dem Film spielen, hätte man vieles ändern können, viele Szenen, die peinlich oder unangenehm zu spielen waren. Das geht natürlich nicht.
Pitt: Uns ging es so wie Ihnen mit Ihren Fragen: alles ein wenig peinlich.
Jolie: Unabhängig davon finde ich es richtig, Frauen, die wie ich gezwungen waren, eine Mastektomie vornehmen zu lassen, zu zeigen, dass wir immer noch schöne Frauen sind.
SPIEGEL: Das hat funktioniert.
Pitt: Hey!
SPIEGEL: Bisher hat immer noch keiner von Ihnen beantwortet, ob Sie sich nun auch mal streiten oder nicht.
Pitt: Hell, yes. Machen Sie Späße? Ich habe ein ziemliches Temperament.
Jolie: Furchtbares Temperament.
Pitt: Braucht eine Weile, bis ich an den Punkt komme. Aber wenn ich platze, wird es hässlich. Oder?
Jolie: Keine Ahnung. Ich bin dann meist auch nicht so klar. Ich brauche übrigens nicht so lange, bis ich an dem Punkt bin.
Pitt: In der Tat.
SPIEGEL: Und dann?
Pitt: Einer muss dann am nächsten Tag der Erwachsenere sein.
Jolie: Je nachdem, wer in der Nacht zuvor die Linie weiter überschritten hat. Es hält sich ziemlich die Waage. Wenn sich der Rauch gelegt hat, versuchen wir darüber zu reden und es zu verstehen. Für den nächsten Streit. Um dann besser vorbereitet zu sein.
SPIEGEL: Sollten diesen beiden Filmpaare die katastrophalen Tage in dem französischen Dorf überstehen, was wir nicht wissen, wird ihnen danach nicht mehr viel passieren können.
Pitt: Das ist sogar mein Gefühl, was Angie und mich betrifft. Es war nicht einfach, aber der Film hat uns stärker gemacht.
Jolie: Wenn uns als Paar das passiert wäre, wir hätten uns wahrscheinlich getrennt.
Pitt: Meine Figur Roland hat eben mehr Würde als ich.
Jolie: Roland, der Alkoholiker?
Pitt: Er ist kein Alkoholiker. Das waren die Siebzigerjahre.
SPIEGEL: Als Trinker und Kettenraucher sind Sie sehr überzeugend. Sieht so aus, als wüssten Sie, was Sie tun.
Pitt: Oh, ja. Ich kann sehr, sehr gut trinken. Und auch sehr professionell rauchen.
Jolie: Stimmt leider.
Pitt: Darf ich das Schlusswort haben?
SPIEGEL: Bitte.
Pitt: Was ich so mag: Der Film beginnt auf einer Straße, die kein Ende zu haben scheint. Zum Schluss des Films sind wir wieder auf dieser Straße. Nichts ist gelöst, nichts ist repariert. Es wird nicht alles Sonnenschein sein. Es ist immer noch ein langer Weg. Aber sie sind weit gekommen. Und sie müssen weiter voran.
Jolie: Brad?
SPIEGEL: Mrs Jolie, Mr Pitt, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte der Redakteur Philipp Oehmke.
Von Philipp Oehmke

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