05.12.2015

BildkritikFrauen vom Fahrersitz

Heldinnen statt Sexobjekte: der Pirelli-Kalender des Jahres 2016
D ie eigentliche Aufgabe dieses Kalenders ist nicht, Monate und Tage und Jahre anzuzeigen, sondern wofür die Zeit reif ist. Die Rede ist vom Pirelli-Kalender 2016, dessen Bilder dieses Mal von der sehr bekannten Fotografin Annie Leibovitz geschossen wurden, und der ganz anders aussieht als sonst. Pirelli, das waren ja immer Salzwasserhaare und durchgedrückte Rücken und ölige Haut und flatternde Vorhänge und "RTL Explosiv"-Berichte von irgendeinem Strand, in denen irgendein Model sagte, was für eine unglaubliche Ehre es sei, sich für diesen Kalender auszuziehen.
Und nun: eine Essayistin, die Jackett trägt und so viele Jahre zählt wie sonst drei Models zusammen. Zwei Musikerinnen. Eine Kunstsammlerin. Eine Menschenrechtsaktivistin, die auch modelt. Eine Sportlerin. Eine Komikerin. Eine Filmemacherin. Eine Produzentin. Fran Lebovitz, Serena Williams, Tavi Gevinson lauten ihre Namen, Amy Schumer, Yoko Ono, Patti Smith, Mellody Hobson, Ava DuVernay, Shirin Neshat. In manchen Fällen sind die Biografien der Abgebildeten interessanter als die Bilder selbst.
In der Sprache der Autobranche, aus der Pirelli stammt, könnte man sagen: Es sind nicht die Frauen von der Motorhaube, es sind die Frauen vom Fahrersitz.
Es ist nicht das erste Mal, dass Leibovitz den Pirelli-Kalender fotografiert hat. Im Jahr 2000 erschien der erste Kalender mit ihren Bildern. Die Bilder von damals sehen ein bisschen nach alten Gemälden aus. Viel blasse Adern unter grünstichiger Haut.
Aber trotzdem passiert hier gerade etwas zum ersten Mal. Etwas ist anders. Etwas ist bedeutsam. Etwas lässt Marketingagenturen eine neue Ära der "Sheroes", der Heldinnen, ausrufen und die "New York Times" von einem Kulturwandel reden. Der "Times" sagt die im Kalender abgebildete Modebloggerin Tavi Gevinson: "Eine nackte, weiße, unbehinderte cis-Frau ist einfach nichts Besonderes. Ich denke, kaum jemand würde sagen: Verdammt, ich hätte lieber die nackten Mädchen gesehen." Auf Twitter beklagt sich jemand: "Das ist nur wieder ein weiblicher Dschihad, der auch noch die letzten Reste von dem zerstören will, was normalen, heterosexuellen Männern gefällt."
Etwas, das mit der Geschichte des Pin-up-Genres zusammenhängt. Diese Geschichte hat sich von Anfang an im Spannungsfeld zwischen zwei Polen bewegt.
Die Geschichte der Pin-up-Fotografie beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts. Gleichzeitig breitet sich die Mittelschicht rasant aus. Einerseits steht das Bild des Pin-up-Girls für Massengeschmack, für Konsumierbarkeit und größtmögliche Verbreitung. Als die Schriftstellerin Edith Wharton 1920 in ihrem Roman "Zeit der Unschuld" das Wohnzimmer eines Neureichen beschrieb, ließ sie ein Pin-up-Motiv an der Wand hängen. Sie nutzte das Gemälde als Symbol für den Geschmack derer, die gerade frisch zu Macht gekommen sind.
Andererseits lässt sich die Geschichte des Pin-ups auch als feministische Geschichte erzählen. Von Anfang an haben Frauen das Genre als Stilmittel genutzt, um ihre eigene Sexualität selbstbewusst darzustellen. Die amerikanische Kunstwissenschaftlerin Maria Elena Buszek hat ein ganzes Buch über die Geschichte des feministischen Pin-ups geschrieben, das bei den bebilderten Visitenkarten der Burlesque-Tänzerinnen des 19. Jahrhunderts beginnt. Sie erzählt darin von der Erfindung des Bildes der emanzipierten "New Woman" an der Wende zum 20. Jahrhundert und von Charles Dana Gibson, der sie in seinen Zeichnungen glamourös idealisierte. Die Geschichte führt von Schauspielerinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wie Ethel Barrymore über die Pin-ups von Alberto Vargas, die sexuelles Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit repräsentierten, bis zu zeitgenössischen Künstlerinnen wie Cindy Sherman oder Annie Sprinkle. Bis an die Pforte der Gegenwart in der nun der Pirelli-Kalender mit Leibovitz' Bildern erscheint.
Was also ist nun passiert? Was sagt es über unsere Gesellschaft, dass Serena Williams das Pin-up-Girl der Gegenwart geworden ist? Warum ist der Pirelli-Kalender dieses Jahr mehr als ein Marketingcoup – nämlich kulturgeschichtlich interessant?
Das Interessante an ihm ist, dass beide Pole der Geschichte zusammenfallen. Darin besteht das historische Moment. Darin liegt die Bedeutung. Darin besteht der Kulturwandel. Darin besteht der Triumph. Darin besteht die Provokation. Darin, und nicht in einer der drei Speckröllchen von Amy Schumer.
Von Maren Keller

DER SPIEGEL 50/2015
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