05.12.2015

SyrienDer Mitmach-Krieg

Im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ erwägt die westliche Allianz eine Zusammenarbeit mit der syrischen Armee. Assads Bodentruppen sind aber nicht nur zu schwach, um den IS zu besiegen. Sie haben auch kein Interesse daran.
Es war Markt am vergangenen Sonntagmorgen in dem kleinen Städtchen Ariha in Syriens Nordwestprovinz Idlib. Die Stadt, bekannt für ihre legendären tiefroten Kirschen, war erst im Mai von verschiedenen Rebellengruppen der Provinz erobert worden. Sie liegt fernab der Front und noch viel weiter entfernt vom Machtbereich des "Islamischen Staates" (IS). Und doch wurde sie von der russischen Luftwaffe bombardiert.
Die Menschen auf dem Markt hatten keine Chance zu fliehen. Sekunden nachdem das nahende Dröhnen der russischen Suchoi-Jets zu hören war, schlugen die Bomben ein, töteten Passanten, Gemüsehändler, ganze Familien. "Ich sah zerfetzte, herumgeschleuderte Körper, Kinder, die nach ihren Eltern riefen", sagte Stunden später ein Rettungssanitäter.
Einen Tag zuvor, kurz vor zehn am Morgen, traf es auch die Kleinstadt Safarana nordöstlich von Homs. Eine erste Fassbombe, abgeworfen von einem Hubschrauber der syrischen Streitkräfte, tötete einen Mann und ein junges Mädchen, verletzte mehr als ein Dutzend Menschen. Kaum waren diese in eine Notklinik gebracht worden, gingen zwei weitere Fassbomben vor dem Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen nieder, töteten Patienten und Sanitäter, die sich um die ankommenden Verletzten kümmerten.
Nichts Neues in Syrien, wo die Jets der syrischen und russischen Luftstreitkräfte ungehindert Märkte, Krankenhäuser, Bäckereien und überhaupt jeden Ort in den aufständischen Provinzen attackieren, wo viele Menschen zu treffen sind. Russlands Regierung stimmte zwar vor knapp zwei Jahren für die Uno-Resolution 2139, die Angriffe auf Zivilisten in Syrien zu einem sofortigen Ende bringen sollte. Das hindert die Russen nun aber nicht, genau solche Angriffe seit Ende September hundertfach selbst zu fliegen. Und dieses Vorgehen wiederum hindert die Franzosen nicht daran, trotzdem mit Russland über koordinierte Luftschläge zu verhandeln, über einen gemeinsamen Kampf gegen den IS.
Drei Wochen nach den Anschlägen von Paris hat sich Europa in Stellung gebracht für diesen Krieg gegen den "Islamischen Staat". Ein Krieg, der als Sammelbegriff höchst unterschiedliche Dinge vereint und für den es keine Strategie gibt. Französische und seit dieser Woche auch britische Jets fliegen nun Angriffe auf den IS in Syrien. Es ist ein Luftkrieg, an dem sich auch Deutschland bald beteiligen wird. Deutsche Tornados werden mit ihrer hochauflösenden Ausrüstung Bomben-ziele orten, A-310-Flugzeuge werden in der Luft Kampfjets betanken, eine deutsche Fregatte soll im Mittelmeer einem französischen Flugzeugträger Geleitschutz geben.
Doch was jenseits der überschaubaren Luftunterstützung in Berlin und Paris diskutiert wird, ist das weitaus heiklere, völlig unklare Engagement am Boden. Ausgerechnet Frankreichs Regierung, lange Zeit erklärter Gegner von Baschar al-Assad, brachte den Diktator und dessen Truppen nun als möglichen Partner in einer gemeinsamen Allianz gegen den IS ins Gespräch.
Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sagte mit Blick auf Syrien: "Es gibt Teile der Truppen, die man sehr wohl – wie in dem Beispiel Irak, wo ja sehr erfolgreich die Ausbildung der lokalen Truppen stattgefunden hat – auch hier nehmen kann." Anschließend stellte ihr Sprecher klar, dass dies nicht gelte, sofern die Truppen unter Assads Kommando stünden. Aber das Thema ist in der Welt: eine Zusammenarbeit mit Assad. Der Terror des IS in Europa scheint den Diktator in Teilen zu rehabilitieren.
Außenminister Frank-Walter Steinmeier schlug sogar vor, die Kämpfe zwischen Regierung und Opposition könnten ja "zunächst stillgelegt" werden. Aus Steinmeiers Worten spricht das Unverständnis darüber, dass sich die Kriegsparteien "im Kampf gegeneinander verschleißen", anstatt gemeinsam gegen den IS zu kämpfen. Aber die Wirklichkeit am Boden verweigert sich der Ratio.
In den Kampfzonen Syriens ist vom potenziellen Partner Europas nicht mehr viel zu sehen: Syriens offizielle Armee ist nur noch eine Formation unter vielen, leidet unter geringer Kampfmoral und Soldatenmangel. Zwangsrekrutierungen sind für viele junge Syrer aus Damaskus, Tartus und Lattakia inzwischen der wichtigste Grund, sich dem Flüchtlingsstrom nach Europa anzuschließen. Auch aus diesem Grund gingen die ursprünglichen Pläne der Russen in Syrien nicht auf.
Diese sahen vor, die Rebellen in Idlib, Aleppo, Hama und Homs zunächst mit massiven Luftangriffen zur Aufgabe zu zwingen. Anschließend sollten Assads Bodentruppen vorrücken und die Gebiete wieder besetzen. Doch als deren Panzerverbände im Oktober dort einrollten, wo die russischen Jets zuvor ihre Angriffe geflogen hatten, kamen sie nicht weit. Denn die örtlichen Rebellen waren nicht geflohen, sondern hatten sich eingegraben.
Mit von den USA gelieferten Tow-Panzerabwehrraketen sowie erbeuteter oder von korrupten Offizieren erworbenen russischen Antipanzerwaffen trafen sie etwa 20 Panzer, bis die übrigen abdrehten. Auch die Bodenoffensive der Armee südlich von Aleppo kam rasch zum Erliegen, während Rebellen bei Hama eine lang umkämpfte Stadt einnehmen konnten.
Assads Armee ist nicht nur ausgezehrt. Sie ist auch keine syrische Streitmacht mehr. Seit zwei Jahren schon treten an der Front zunehmend Ausländer an: iranische "Revolutionswächter", irakische Milizen, libanesische Hisbollah-Einheiten und schiitische Afghanen aus dem Volk der Hazara, die in Irans Gefängnissen zwangsrekrutiert werden zum Einsatz in Syrien. Internen iranischen Angaben zufolge sollen 10 000 bis 20 000 von ihnen im Land kämpfen. Das führt zu sonderbaren Szenen: In Daraa, ganz im Süden, suchten Rebellen Mitte November nach Persisch-Dolmetschern, nachdem plötzlich eine Offensive mit 2500 Afghanen anrollte.
Es ist der erste internationale schiitische Dschihad der Geschichte, mit dem schon seit 2012 die demografische Unterlegenheit von Assads Truppen ausgeglichen wurde. Er hat seine Niederlage verhindert, aber auch keinen Sieg ermöglicht. Zudem kommen die Befehle nicht mehr ausschließlich aus dem syrischen Offizierskorps: Iranische Offiziere befehligen ihre sowie afghanische Einheiten und planen Offensiven auch für die Syrer. Hisbollah-Kommandeure koordinieren ihrerseits kleine Elitegruppen. Iraker befehligen irakische und pakistanische Milizen. Und die Russen lassen sich sowieso von niemandem reinreden.
Und nicht nur innerhalb der schiitischen Truppen gibt es irrwitzige Allianzen. So sahen nördlich von Aleppo verdutzte Anti-Assad-Rebellen auf einmal amerikanische Humvees, das legendär gewordene Symbol der IS-Sturmangriffe, von denen die Dschihadisten im Sommer 2014 Hunderte im Irak erbeuteten, vom Regimegebiet auf sich zurollen: "Wir dachten, nur der IS hat Humvees erbeutet. Aber die schiitischen Milizen auf Assads Seite nutzen die auch", so Osama Abu Zaid, ein örtlicher Rechtsberater verschiedener Gruppen der Freien Syrischen Armee (FSA).
Auch anderswo gibt es eine erstaunliche räumliche und zeitliche Nähe von Angriffen der Assad-Unterstützer und des IS: So raste Anfang November bei der Stadt Tal Rifaat in Nordsyrien ein IS-Selbstmordattentäter mit seinem Wagen auf die Basis einer FSA-Brigade zu und detonierte seine Bombe, allerdings ohne größeren Schaden anzurichten. Eine halbe Stunde später, so zwei Zeugen, griffen russische Jets denselben Stützpunkt erstmals an.
Alles Zufall? Vermutlich nicht. Dutzendfach haben Assads Truppen und der IS seit 2014 zeitlich abgestimmt Rebellengruppen angegriffen, hat die Luftwaffe deren Stellungen bombardiert und der IS sie am Boden beschossen. Selbst das US-Außenministerium verkündete Anfang Juni: Das Regime verschone IS-Stellungen nicht nur, sondern stärke aktiv deren Gefechtslage.
Assad und der IS sind einander dienlich, um langfristig überleben zu können. Wenn nur noch sie beide existieren, wird die Welt keine Alternative zu Assad mehr sehen. Denn die Rebellen, in all ihrer Bandbreite von Nationalisten bis zu radikalen Islamisten, stellen die größte Gefahr für Assad und den IS dar. Den besiegten Sunniten, die zwei Drittel der syrischen Bevölkerung und das Gros der Rebellen ausmachen, würde dann, außer Unterwerfung und Exil, nur noch der IS als Alternative bleiben.
Wären die Rebellen besiegt, vernichtet, verschwunden, würden das Regime und die Dschihadisten jeweils in einer Monopolstellung landen, aus der heraus weder Assad den IS besiegen kann, noch umgekehrt – für beide eine weitaus bessere Aussicht, als gestürzt (Assad) oder vollständig geschlagen (IS) zu werden.
Im Vergleich zu den anderen beiden Lagern wird die syrische Opposition im Westen kaum noch wahrgenommen. Das liegt auch an ihrer unübersichtlichen Struktur: Es gibt Dutzende größere Rebellengruppen und Hunderte kleine Einheiten vor allem auf lokaler Ebene. Sie kooperieren durchaus, aber Zusammenschlüsse scheitern oft an den ideologischen Differenzen ihrer ausländischen Unterstützer.
Großbritanniens Premier David Cameron präsentierte letzte Woche Zahlen, denen zufolge etwa 70 000 Rebellen zu den moderaten Kräften zählen. Daneben existierten zwei große islamistische Gruppen, Ahrar al-Scham im Norden mit 15 000 und die "Dschaisch al-Islam" mit 12 500 Kämpfern nördlich von Damaskus. Die mit al-Qaida alliierte Nusra-Front zähle 6000 bis 10 000 Mann. Kaum hatte Cameron die Zahlen genannt, gab es Nachfragen, ob diese 70 000 Rebellen bereitstünden, als Partner des Westens gegen den IS zu Felde zu ziehen. Doch zum einen tun sie dies seit Januar 2014, zum anderen kämpfen sie zuvörderst gegen Assad.
In diese Lage Bodentruppen zu schicken oder auch nur die russisch-syrischen Offensiven zu legitimieren, würde Europa unfreiwillig als Assads Vasallen dastehen lassen. Abgesehen davon müsste der Diktator erst einmal mit Truppen verstärkt werden, um gegen den Gegner halbwegs erfolgreich vorrücken zu können.
Und selbst wenn man alle militärischen Probleme beiseitelässt, stellt sich die große moralische Frage: Will und würde der Westen wirklich Seite an Seite mit einem Regime in den Kampf ziehen, das zum Machterhalt gegen die eigene Bevölkerung bis auf die Atombombe so ziemlich alles eingesetzt hat, was die Waffenarsenale hergeben? Und was soll überhaupt passieren, wenn man den IS besiegt und vertrieben hat, aus Rakka, Deir al-Sor, Bab, Manbidsch, Abu Kamal? Wem sollten diese Gebiete übereignet werden?
Assad wohl eher nicht, damit hätte man den Krieg drei Jahre zurückgedreht, und alles begänne von vorn: Die Rebellengruppen würden abermals versuchen, Assads Truppen zu vertreiben – und irgendwann würde der IS erneut zuschlagen.
Dieser erklärte Hauptfeind aller internationalen Bemühungen gerät jetzt aus dem Blickfeld von zwei der wichtigsten ausländischen Akteure in Syrien. Denn seit dem türkischen Abschuss eines russischen Jets heizen die beiden Präsidenten Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan einen Stellvertreterkrieg in der Provinz Aleppo an, in dem seit Tagen kurdische IS-Gegner auf sunnitische IS-Gegner schießen. Russische Jets bombardieren nun erst recht syrische Orte entlang der türkischen Grenze, der türkische Geheimdienst schickt Waffen und Munition zum Kampf gegen die Kurden. Für die beiden empfindlichen Präsidenten-Egos ist Syrien das perfekte Spielfeld, die kurdischen YPG und Rebelleneinheiten aufeinanderzuhetzen, die bis dato gegen den IS gekämpft hatten.
Und der "Islamische Staat"? Der war in den letzten Monaten durchaus unter Druck gekommen durch die anhaltenden Luftangriffe der US-geführten Koalition. Nicht, weil er größere Gebiete verlor – sondern weil er keine neuen mehr erobern konnte. Seine Beuteökonomie und sein Propaganda-Image aber machen Siege notwendig. Das "Kalifat" wird finanziell klamm, außerdem wollen sich viele der ausländischen Kämpfer nicht mehr an der Front verheizen lassen. Eine Ausweitung der alliierten Luftangriffe könnte den Druck durchaus erhöhen.
Aber solange seine Feinde damit beschäftigt sind, sich untereinander zu bekriegen, kann der IS weitermachen. Am Mittwoch eroberte er die zuvor von russischen Jets bombardierte Kleinstadt Kafra nördlich von Aleppo.
Von Christoph Reuter

DER SPIEGEL 50/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Syrien:
Der Mitmach-Krieg

  • Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle
  • David Cameron im Interview: "Bereue ich es? Ja!"
  • Klippenspringerin Anna Bader: "Da oben bin ich unantastbar"
  • Buhrufe in Luxemburg: Boris Johnson schwänzt Pressekonferenz