12.12.2015

SerienkritikDie Asche am Hemd

Wenn die Nazis gewonnen hätten: „The Man in the High Castle“ erzählt die Nachkriegsgeschichte neu.
Officer Wells hat sich arrangiert mit der neuen Ordnung. Er ist ein guter Streifenpolizist, so wie er früher ein guter Soldat war, als er noch gegen jene in den Krieg zog, die heute seine Vorgesetzten sind. Er erinnere sich eigentlich kaum noch, wofür er damals gekämpft hat, sagt er. Er versucht nur, ein anständiger Amerikaner zu sein: kontrolliert die Papiere von Fremden, weil das eben seine Aufgabe ist, hilft ihnen aber auch, ohne zu zögern, beim Reifenwechsel. Ein Mann, der anderen sein Sandwich anbietet, wenn er merkt, dass sie Hunger haben.
Auch an den Rauch hat er sich gewöhnt, der immer dienstags vom Krankenhaus herüberzieht, wenn sie dort die Krüppel und die unheilbar Kranken verbrennen. An die Ascheflocken, die dann an seinem Hemd kleben. "Entlastet den Staat", sagt Wells. Statt Sheriffstern steckt an seiner Brust ein Hakenkreuz. Aus der Ferne kann man das eine ohnehin kaum vom anderen unterscheiden.
Das Verstörende an der neuen Amazon-Serie "The Man in the High Castle" ist nicht einmal, dass sie eine Welt entwirft, in der Japan und Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewonnen und die USA unter sich aufgeteilt haben. Sondern, dass sie nahelegt, wie schnell aus braven Amerikanern brave Nazis werden können.
Ausgedacht hat sich diese Welt der Science-Fiction-Autor Philip K. Dick, er schildert sie in seinem 1962 erschienenen Roman "Das Orakel vom Berge"; erst jetzt hat der Fernsehmann Frank Spotnitz ("Akte X") die oft geplante Fassung für Film und Fernsehen übernommen. Die zehn Folgen der ersten Staffel sind seit Kurzem auf Amazon Prime abrufbar, vom 18. Dezember an gibt es dort die synchronisierte Fassung.
Die Geschichte folgt lose den Vorgaben des Buches: Japan kontrolliert Anfang der Sechzigerjahre die US-Staaten an der Pazifikküste, die Nazis herrschen über den größeren Teil östlich der Rocky Mountains, dazwischen gibt es eine schmale, kaputt gewirtschaftete neutrale Zone. Die junge Aikido-Expertin Juliana (Alexa Davalos) gerät in den Bann eines Untergrund-Widerstandsfilms mit dem Titel "Schwer liegt die Heuschrecke" (bei Dick war es ein Buch) und macht sich – wie auch die Nazis – auf die Suche nach dessen Schöpfer, dem "Mann im hohen Schloss".
Die Erwartungen bei Amazon sind groß. Das ehemals als reines Online-Versandhaus bekannte Unternehmen versucht sich seit ein paar Jahren auch als Anbieter von selbst produzierten Serien. Einzig nennenswerter Erfolg war bislang die hervorragende, günstig produzierte Transgender-Comedy "Transparent", die eher ein Nischenpublikum erreicht. "The Man in the High Castle" soll nun das Amazon-Äquivalent zu "House of Cards" (Netflix) oder "Game of Thrones" (HBO) werden: ein großer, epischer, anspruchsvoller Hit.
Dafür wurde viel Geld in die Serie gepumpt, was man den schaurigen, aber spektakulären Bildern eines Hakenkreuz-beflaggten New York oder eines zu Klein-Tokio gewordenen San Francisco auch ansieht. Gespart aber wurde offenbar an den Schauspielern und Autoren, die eher aus der B-Liga Hollywoods rekrutiert wurden. In den ersten vier Folgen sind die Hauptfiguren nicht viel mehr als knallige Abziehbilder von gutmütigen, glattgesichtigen Widerständlern und hässlichen, in knarzigem Bass sprechenden Bösewichten.
Erst in der zweiten Hälfte der Staffel deutet sich an, was aus der Serie werden könnte: wenn sich der Fokus immer mehr von Juliana auf den Obergruppenführer John Smith (Rufus Sewell) verschiebt, der dann nicht mehr nur als Nazimonster gezeigt wird, sondern auch als liebender Ehemann und Vater, der überzeugt ist, das Richtige für Amerika zu tun. Den seine Vorstadtnachbarn in den Hamptons immer mit einem fröhlichen "Sieg Heil" begrüßen. Der noch eisern an den von Parkinson geschwächten Führer glaubt, während andere Nazigrößen dessen Sturz planen und einen Krieg gegen Japan anzetteln wollen. Smith hingegen hat doch nur den Frieden im Sinn. Kann das ein ganz schlechter Mann sein?
Es ist erschreckend und faszinierend, wie man als Zuschauer auf die Seite eines Naziverbrechers gezogen werden kann, wenn man die Welt aus seiner Perspektive sieht – wie schnell man eingelullt wird von warmen Worten und vermeintlich hehren Absichten. Nur um wenig später mitzuerleben, wie dieser Mann ausdruckslos einen alten Freund dem Tod ausliefert oder einen Verräter vom Dach eines Hochhauses stößt.
So gern wir an das Gegenteil glauben möchten, erinnert "The Man in the High Castle" daran, dass in entscheidenden Momenten der Weltgeschichte nicht unbedingt die moralisch Anständigeren gewinnen. Und daran, wie schnell man sich einem Regime anpassen kann, das man zuvor noch für den Inbegriff des Bösen hielt.
Wenn man nur ein bisschen Asche aushalten kann.
Von Daniel Sander

DER SPIEGEL 51/2015
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