19.12.2015

SPIEGEL-Gespräch„Denen haben wir es erst mal gezeigt“

RWE-Chef Peter Terium, 52, über den Überlebenskampf des Stromkonzerns, seinen Plan für die Aufspaltung des Unternehmens und den Vorwurf, der größte Klimakiller Europas zu sein
SPIEGEL: Herr Terium, 196 Staaten haben in Paris vereinbart, die Erderwärmung zu stoppen. RWE mit seinen Braunkohlekraftwerken gilt als größter Klimakiller Europas. Welche Konsequenzen ziehen Sie aus den Beschlüssen?
Terium: Zunächst keine. Wir haben uns dazu verpflichtet, den CO2-Ausstoß bis 2050 um 80 bis 95 Prozent zu reduzieren, schon vor Jahren. Aber ich finde es gut, dass es dieses Ziel jetzt auch auf globaler Ebene gibt. Denn Deutschland allein kann das Weltklima nicht retten.
SPIEGEL: Warum gehen Sie nicht mit gutem Beispiel voran und steigen aus der Braunkohle aus, die für das Klima besonders belastend ist?
Terium: Weil die Klimakonferenz ja nicht beschlossen hat, dass wir von heute auf morgen kein CO2 mehr ausstoßen. Sie gibt ein Ziel bis 2050 vor, wie es auch die Bundesrepublik getan hat. Wir werden bis 2020 fünf Blöcke unserer Braunkohlekraftwerke abschalten und damit unsere CO2-Emissionen um rund 15 Prozent reduzieren. In dieser Dekade kommen weitere Kraftwerksblöcke hinzu, bis 2030 werden wir am Standort Inden einen gesamten Tagebau beenden. Damit werden wir die Emissionen um bis zu 50 Prozent reduzieren. Mitte des Jahrhunderts wird Braunkohlestrom bei RWE gar keine Rolle mehr spielen, dann sind alle Tagebaue ausgekohlt.
SPIEGEL: Warum planen Sie dann jetzt noch ein neues Braunkohlekraftwerk und erweitern den Tagebau?
Terium: Wir planen keine Erweiterung, sondern setzen die beschlossenen und genehmigten Pläne um, die wir mit der nordrhein-westfälischen Landesregierung in der sogenannten zweiten Leitentscheidung vereinbart haben. An diesen Rechtsrahmen müssen wir uns halten.
SPIEGEL: Sie wollen also gar kein neues Braunkohlekraftwerk bauen, Sie müssen es?
Terium: Das Genehmigungsverfahren für dieses moderne Braunkohlekraftwerk führen wir fort. Das heißt aber nicht, dass wir es auch bauen. Bei den gegenwärtigen Großhandelspreisen für Strom rechnet sich das nicht. Das weitere Vorgehen werden wir in enger Abstimmung mit der Landesregierung diskutieren.
SPIEGEL: Dennoch wird nach Paris der Druck stärker werden, deutlich schneller aus der Braunkohle auszusteigen.
Terium: Wir stehen zu unseren Verpflichtungen, CO2 zu reduzieren, aber es geht auch darum, den Arbeitsplätzen und der Wertschöpfung in der Region nicht zu schaden. Wir versuchen zusammen mit der Landesregierung, diese drei Ziele auszubalancieren. Deswegen ärgert es mich, dass Sie mir vorwerfen, der größte Klimakiller Europas zu sein. Eine solch populistische These hätte ich vom SPIEGEL nicht erwartet.
SPIEGEL: Das ist keine Polemik, sondern eine Tatsache. Deshalb protestieren nicht nur Umweltschützer seit Monaten in den RWE-Tagebauen. Auch viele Großanleger ziehen ihr Kapital ab, weil sie diese Form der klimaschädlichen Energieerzeugung nicht mehr unterstützen wollen. Ein schnellerer Ausstieg aus der Braunkohle könnte RWE für solche Investoren wieder attraktiver machen.
Terium: Wir denken nicht nur an unsere Aktionäre, sondern auch an unsere Mitarbeiter und an unsere Verpflichtungen zur Rekultivierung des Braunkohleabbaus.
SPIEGEL: Hat RWE dafür keine Rückstellungen gebildet?
Terium: Doch, aber es geht um einige Milliarden Euro. Ein Teil dieser Verpflichtungen muss noch erwirtschaftet werden, das sieht der Plan so vor. Ein sofortiger Ausstieg wäre wirtschaftlich nicht zu vertreten, ganz abgesehen von den Arbeitsplatzverlusten und den sozialen Konsequenzen für die Region.
SPIEGEL: Dennoch kann RWE nicht überleben, wenn die Aktionäre nicht an die Zukunft des Unternehmens glauben. Der Kurs ist um über 85 Prozent zum Höchststand eingebrochen, und Ihr Finanzchef hat ja bereits Mühe, überhaupt noch günstige Kredite zu bekommen.
Terium: Deswegen hat der Aufsichtsrat in der vergangenen Woche beschlossen, das Unternehmen umzustrukturieren und alles, was zukunftsorientiert ist, in ein eigenes Unternehmen zu packen, das sich am Kapitalmarkt finanzieren kann. Einen Teil der Firma wollen wir dann verkaufen. Dieses Geld kommt der Muttergesellschaft und damit den Rückstellungen für die konventionelle Stromerzeugung zugute. Denn wir teilen das Unternehmen nicht, um die Haftungsmasse zu reduzieren.
SPIEGEL: Die neue Tochtergesellschaft wollen Sie Ende nächsten Jahres über eine Kapitalerhöhung an die Börse bringen ...
Terium: ... und das Geld aus dieser Kapitalerhöhung wird nur in der neuen Gesellschaft eingesetzt werden können. Damit haben die Aktionäre die Sicherheit, dass es nicht in das traditionelle Stromgeschäft fließt. Die alte RWE kann dann Aktien der Tochter an die Börse geben, wenn sie Geld braucht, um zum Beispiel die Abwicklung der Kernenergie zu finanzieren.
SPIEGEL: Was könnte diese neue Gesellschaft wert sein?
Terium: Das hängt natürlich von der jeweiligen Marktlage ab, derzeit läge der Börsenwert nach Schätzungen von Analysten bei etwa 20 Milliarden Euro.
SPIEGEL: Der ganze RWE-Konzern ist an der Börse nur noch rund sieben Milliarden Euro wert. Das heißt, die Aktionäre bewerten das traditionelle Stromgeschäft mit minus 13 Milliarden Euro.
Terium: Das zeigt, dass das Unternehmen derzeit nicht die Bewertung kriegt, die es verdient.
SPIEGEL: Die RWE-Aktie ist zum Zockerpapier verkommen, dessen Kurs erheblich schwankt. Sind Sie den Launen des Kapitalmarkts schutzlos ausgeliefert?
Terium: Unsere Aktie ist kein Zockerpapier, aber Zocker versuchen, mit dem Papier ihre Geschäfte zu machen. Spekulative Hedgefonds und sogenannte Shortseller haben darauf gewettet, dass RWE nicht überlebt. Aber denen haben wir es erst einmal gezeigt ...
SPIEGEL: ... weil nach Bekanntgabe Ihrer Aufspaltungspläne der Kurs, wenn auch nur kurzzeitig, um 17 Prozent in die Höhe schoss?
Terium: Diese Spekulanten mussten sich eindecken, um herbe Verluste zu vermeiden. Gerechtigkeit gibt's nicht immer, aber manchmal eben doch.
SPIEGEL: Das klingt nach Genugtuung.
Terium: Ja sicher, man wettet nicht gegen unser Unternehmen. Und schon gar nicht auf eine Pleite, die ich nicht sehe und die auch nicht kommen wird.
SPIEGEL: Sie müssen nicht nur Spekulanten abschrecken, sondern auch seriöse Anleger gewinnen, die an die Zukunft von RWE glauben. Dazu bedarf es überzeugender Geschäftsideen. Woher sollen die kommen?
Terium: Aus der Newco, der neuen Gesellschaft. In der Zukunft werden wir neben den erneuerbaren Energien Netze brauchen, die diesen Strom verteilen. Und wir werden intelligente Lösungen brauchen, um die schwankende Erzeugung und den Verbrauch in Einklang zu bringen. Mit diesen Bereichen machen wir jetzt schon 40 Milliarden Umsatz. Und dieses Geschäft wird weiterwachsen.
SPIEGEL: Warum benötigen Sie dann eine neue Gesellschaft?
Terium: Bisher wird dieses zukunftsträchtige Thema im Gesamtkonzern von drei Risiken überschattet: dem sinkenden Strompreis, der Sorge vor einem Eingreifen der Politik bei der Kernenergie oder der Kohle und der Schwierigkeit, neues Kapital zu beschaffen. Jetzt sagen wir: Das Geld beschaffen wir uns auf eine andere Weise.
SPIEGEL: RWE ist bisher nicht gerade durch große Erfolge bei den erneuerbaren Energien aufgefallen. Sie haben sogar viele Investitionen in diesem Bereich wieder zurückgedreht.
Terium: Es ist richtig, dass wir da Nachholbedarf haben. Deshalb wird ein großer Teil der Investitionen in diesen Bereich gehen. Aber auch das Netz- und das Kundengeschäft werden Wachstumsmotoren sein. Alle drei Bereiche müssen zusammenspielen, sonst wird die Energiewende nicht gelingen.
SPIEGEL: In dieses Geschäft drängen auch Internetgiganten wie Google oder Netzspezialisten wie die Deutsche Telekom. Auch sie wollen die intelligenten Stromnetze kontrollieren und den Strom- und Wärmebedarf in den Haushalten steuern. Kann RWE da mithalten?
Terium: Sicher! Wir haben die Mitarbeiter in den vergangenen Monaten genau für diese neuen Herausforderungen geschult. Wir haben in unserem Haus die Expertise und die Menschen, die diese komplexen Aufgaben bewältigen können. Wo es allein nicht reicht, werden wir uns Partner suchen und mit ihnen zusammenarbeiten. Das ist der Plan. Schon heute kooperieren wir mit Firmen wie Samsung, Google Nest, der Telekom, aber auch mit interessanten Start-ups.
SPIEGEL: Wollen Sie dieses Zukunftsgeschäft führen – oder den Rest, der eher abgewickelt wird?
Terium: Das weiß ich nicht, erst wird über die Inhalte entschieden und am Ende über die Personen. Aber was Sie so despektierlich als Abwicklungsunternehmen bezeichnen, ist dann die Muttergesellschaft eines großen börsennotierten Unternehmens und muss dafür sorgen, dass das System als Ganzes funktioniert und dass wir nicht die Braunkohle von heute auf morgen abschalten, wie Sie das offenbar gern hätten. Ich habe hier einen Vertrag, und ich laufe vor der Verantwortung nicht weg. Aber diejenigen, die den Vertrag mit mir geschlossen haben, werden sich überlegen müssen, wie ich dem Großen und Ganzen am besten dienen kann, und dem werde ich mich dann fügen.
SPIEGEL: Es gibt in der Branche Überlegungen, Bereiche wie die Atomkraft und die Braunkohle in öffentliche Stiftungen zu überführen, dann bliebe von der Muttergesellschaft wenig übrig.
Terium: Das stimmt für die Atomkraft, das diskutiert gerade eine von der Bundesregierung eingesetzte Expertengruppe in Berlin. Für die Braunkohle kommt das nicht infrage.
SPIEGEL: Weshalb? Vorbild für diese Überlegungen ist die von Exwirtschaftsminister Werner Müller geführte RAG-Stiftung in Essen. In diese Stiftung wurde vor einigen Jahren das gesamte Vermögen der Steinkohle eingebracht. Seitdem kümmert sich die Stiftung um die sozial verträgliche Schließung der Zechen und um Altlasten wie das Abpumpen von Grubenwasser unter dem Ruhrgebiet.
Terium: Genau das ist der Unterschied. Ein solches Modell macht Sinn, wenn es Altlasten gibt. Bei der Atomkraft ist das wegen der Endlagerung des Mülls der Fall. Deshalb halten wir die Stiftung auch grundsätzlich für eine gute Idee. Bei der Braunkohle gibt es so etwas nicht. Wenn der Tagebau einmal rekultiviert ist, ist Schluss.
SPIEGEL: Aber wo liegt dann die Zukunft der alten RWE?
Terium: Erst einmal: Nennen Sie mir ein Unternehmen, das sicher sagen kann, bis 2050 gebraucht zu werden. Doch auch danach werden noch Kraftwerkskapazitäten benötigt. Diese Kapazitäten halten wir jedoch nur bereit, wenn dafür bezahlt wird.
SPIEGEL: Sie glauben immer noch, die Bundesregierung würde Stromkonzerne dafür entlohnen, dass sie Kraftwerke als Back-up für den schwankenden Wind- und Solarstrom vorhält?
Terium: Ich glaube, dass wir die Kraftwerke noch eine lange Zeit zu diesem Zweck brauchen werden. Und ich sage, dass wir sie nicht umsonst bereitstellen.
SPIEGEL: Ihre Kritiker glauben, dass sich die gesamten alten Geschäftsbereiche irgendwann nicht mehr rentieren werden und dann der Steuerzahler dafür aufkommen muss. Das, sagen sie, sei der wahre Plan hinter der Abspaltung der Zukunftsbereiche.
Terium: Unser Plan bewirkt doch genau das Gegenteil. Das gesamte Vermögen der neuen Gesellschaft steht für die Verpflichtungen der alten zur Verfügung. Wann immer wir Geld brauchen, können wir Teile dieser Gesellschaft verkaufen. Die Rückstellungen für den Ausstieg aus der Kernenergie sind damit voll hinterlegt.
SPIEGEL: Wobei die Rückstellungen viel zugering sind.
Terium: Jetzt lassen wir mal die Polemik außen vor.
SPIEGEL: Zu diesem Ergebnis kommt immerhin ein Gutachten, das für die Bundesregierung erstellt wurde.
Terium: Es war das Worst-Case-Szenario eines Gutachters. Und die Regierung hat klar gesagt: Die Rückstellungen reichen aus. Von den zehn Milliarden, die wir bei RWE in der Bilanz für den Atomausstieg ausgewiesen haben, ist etwa die Hälfte für den Rückbau der Kernkraftwerke. Das ist eine rein mechanische Arbeit, deren Kosten sich genau kalkulieren lassen. Die Zwischenlagerung machen wir auch schon seit vier Dekaden, die Kosten sind zwar berechenbar, offen ist aber, wie lange wir sie brauchen.
SPIEGEL: Es bleibt die immer noch ungelöste Frage der Endlagerung ...
Terium: ... dieser Bereich ist ungelöst und nicht berechenbar, weil die Politik sich nicht darauf einigen kann, ob sie in Salz, Ton oder Granit lagern will und wo das Endlager sein soll. Darauf haben wir keinen Einfluss. Kann man dafür die Unternehmen verantwortlich machen?
SPIEGEL: Sie schließen also aus, dass am Ende der Steuerzahler für die Altlasten der Atomindustrie aufkommen muss?
Terium: Wir tun alles dafür, dass es nicht so kommt.
SPIEGEL: Herr Terium, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

"Nennen Sie mir ein Unternehmen, das sicher sagen kann, bis 2050 gebraucht zu werden."

* Armin Mahler und Frank Dohmen in Essen.
Von Armin Mahler und Frank Dohmen

DER SPIEGEL 52/2015
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