19.12.2015

VerlageDer feine Herr Fedotow

Springer hat sein Russlandgeschäft an einen dubiosen Moskauer Unternehmer verkauft. Unklar ist, woher dieser sein Geld hat.
Es war 17.24 Uhr an einem kalten Mittwoch im Oktober, als eine E-Mail aus der Berliner Axel-Springer-Zentrale unter den Moskauer Redakteuren des Verlags für Wut und Enttäuschung sorgte. "Man hat uns verkauft wie eine Herde Schafe", sagt einer der Journalisten des Wirtschaftsmagazins "Forbes", das Springer in Russland elf Jahre lang in Lizenz herausgegeben hat.
Die Redaktion verstand zwar die schwierige Lage der Deutschen. Der Kreml hatte im Herbst vergangenen Jahres verfügt, dass Ausländer ab Januar 2016 nur noch Minderheitsbeteiligungen von höchstens 20 Prozent an russischen Medien halten dürfen. Es war eine angekündigte Zwangsenteignung großer Medienhäuser wie Burda, Hearst aus den USA und der Schweizer Edipresse.
Die Journalisten konnten allerdings nicht nachvollziehen, warum der Verkauf am Ende derart handstreichartig über die Bühne ging und wieso Springer kampflos aufgab, statt es auf eine Schließung ankommen zu lassen und vor ein internationales Schiedsgericht zu ziehen. Ein Verlag, dessen Blätter "Bild" und "Welt" in Deutschland regelmäßig die russische Politik und Menschenrechtsverletzungen anprangern. "Leider beschränkt sich die Tapferkeit vor Putin auf Artikel und Sonntagsreden, in denen die Pressefreiheit beschworen wird", sagt der "Forbes"-Redakteur.
Denn der Verlag hat seine Tochterfirma, die in Russland auch eine Lizenzausgabe von "Geo" und das Tratschblatt "OK!" herausgibt, für gerade einmal zwei Millionen Euro verkauft, wie Marktinsider sagen. Und ausgerechnet an einen Mann, dessen Leumund nicht der beste ist: Alexander Fedotow.
Wenige Anrufe bei Branchenkennern sowie ehemaligen Mitarbeitern und Geschäftspartnern hätten genügt, um zu erfahren, dass Fedotow seinen Redakteuren immer wieder monatelang keine Gehälter zahlte. Und dass er seit den Neunzigerjahren engen Umgang mit Leuten pflegt, die im Ruf stehen, zur Moskauer Halbwelt zu gehören. Springer möchte "diese Spekulationen" nicht kommentieren. "Wir haben unsere Handlungsoptionen sorgfältig geprüft", teilte der Verlag mit. Der Käufer sei von der "russischen ,Forbes'-Redaktion und der lokalen Geschäftsführung mit ausgewählt und akzeptiert worden". Die Moskauer Springer-Geschäftsführerin wollte sich nicht äußern.
Kaum war der Vertrag abgeschlossen, meldete sich der neue Eigentümer per Interview zu Wort. "Forbes" werde künftig weniger politisch und auf der Website weniger nachrichtlich sein, sagte Fedotow. Erst danach stattete er seinen neuen Redakteuren einen Besuch ab.
Die stolze "Forbes"-Redaktion hatte jahrelang über schmutzige Deals von Geschäftsleuten aus dem Freundeskreis von Präsident Putin berichtet. Nun aber gehört das Blatt einem Mann, den ehemalige Mitarbeiter als Musterbeispiel jenes Banditenkapitalismus beschreiben, den die Redaktion stets bekämpft hat.
Für die Lizenzausgaben verschiedener Hochglanzzeitschriften, vom amerikanischen "Golf Digest" über das französische Modemagazin "L'Officiel" bis zur italienischen Designerbibel "Interni", soll Fedotows Firma Artcom Media zwischen 15 und 20 Millionen Euro ausgegeben haben, schätzen Branchenexperten. Für die russische Ausgabe von "L'Officiel" verpflichtete er außerdem die Starjournalistin und Glamourlady Xenia Sobtschak als Chefin.
Die meisten seiner Zeitschriften haben geringe Auflagen und wenig Anzeigen. Woher aber kommt das Geld für immer neue Erwerbungen, wenn einerseits kein teurer Name groß genug ist, andererseits die Einnahmen eher bescheiden sind?
Wer diese Frage stellt, bekommt in Moskau schnell, aber immer anonym abenteuerliche Geschichten zu hören. Von Geldwäsche ist die Rede und davon, dass Fedotow nur "ein Strohmann für mafiöse Banker, Immobilienhaie und Spitzenpolitiker" sei. Dann fallen die Namen eines Senators, eines früheren Gouverneurs und eines ehemaligen Ministers. Fedotow wollte sich gegenüber dem SPIEGEL weder zu diesen Vorwürfen noch zu den Details seiner Übernahme von Axel Springer Russia äußern. "Wir werden ,Forbes' entsprechend seinen weltweit hohen Standards weiterentwickeln", ließ er mitteilen.
Fedotow wohnt in der streng bewachten Villensiedlung Schukowka 21 an der Rubljowka, der Straße der Reichen und Schönen in Moskaus Westen. Präsident Putin und Premier Dmitrij Medwedew haben hier ihre Residenzen und Oligarchen wie Roman Abramowitsch ihre neuzeitlichen Schlösser. Fedotow gehört zu den Gesellschaftern von Schukowka 21, zusammen mit dem stramm nationalistischen Senator Dmitrij Sablin, der Vizechef des Veteranenverbands der Afghanistankämpfer ist, und dem früheren Vorstandschef der Absolut-Bank Alexander Swetakow. Die Bank soll über Jahre Fedotows Medien finanziert haben, behaupten ehemalige Mitarbeiter.
In Schukowka 21 hat sich auch der ukrainische Magnat Sergej Kurtschenko niedergelassen. Der 30-Jährige war als enger Gefolgsmann des korrupten gestürzten Kiewer Herrschers Wiktor Janukowytsch zu einem Milliardenvermögen gekommen. Bis heute gibt er die ukrainische Ausgabe von "Forbes" heraus, obwohl er wegen des Ukrainekonflikts auf der amerikanischen und europäischen Sanktionsliste steht.
In Russland und auf der Krim hat Kurtschenko innerhalb kürzester Zeit und mit Unterstützung von Wladislaw Surkow, einem der wichtigsten Putin-Berater, ein Dutzend regionale Medien unter seine Kontrolle gebracht. Sollte Kurtschenko Fedotow beim Kauf der Springer-Medien unter die Arme gegriffen haben, wäre es für Springer eine besondere Blamage.
Ende vergangenen Monats lud Alexander Fedotow zum Launch der deutschen Lizenzausgabe des Hochglanzmagazins "L'Officiel" in die Paris Bar nach Berlin. Das Blatt gehört ihm über eine Briefkastenfirma auf Zypern. Seine Redaktion sitzt in der Taubenstraße 26 – nur zehn Fußminuten vom Springer-Verlag entfernt.
Von Matthias Schepp

DER SPIEGEL 52/2015
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