19.12.2015

FrankreichDer Alte

Ein Hausbesuch beim 87-jährigen Jean-Marie Le Pen, Mitgründer des rechten Front National, der die Erfolge seiner Tochter Marine nur schwer erträgt. Von Julia Amalia Heyer
Am Ende verabschiedet sich Jean-Marie Le Pen mit einem Handkuss. Es ist eine etwas wacklige Angelegenheit, fast ein Balanceakt, weil der alte Mann auf den ausgetretenen Stufen in der Eingangshalle seiner Villa steht und dabei das Geländer loslassen muss.
Er wünscht charmant alles Gute, dreht sich um und stapft langsam, Stufe für Stufe, den Oberkörper gebeugt, zurück nach oben, in den ersten Stock. Hier liegt sein Büro, in der Etage darüber wohnt seine Tochter Yann.
Jean-Marie Le Pen, 87 Jahre alt, wirkt zufrieden, gelassen fast. Die Menschen, die Journalisten, interessieren sich für ihn, im Augenblick wieder mehr als sonst. Er mag das, er hat es immer gemocht. Vorher war das Fernsehen da, später kommt "Le Monde". Alle wollen hören, was er zu sagen hat, zum Erfolg seiner Partei. Zum Erfolg seiner Tochter und zu dem seiner Enkelin.
Es ist der Donnerstag des sogenannten "entre-deux-tours". So heißen die Tage zwischen den beiden Wahlgängen, in denen die Franzosen ihre Regionalräte wählen. In der ersten Runde, am 6. Dezember, hat der Front National, die Partei, die Jean-Marie Le Pen mitbegründete und deren Vorsitzender er 39 Jahre lang war, so viele Stimmen auf sich vereint wie nie zuvor.
"Lasst uns den Erfolg in einen vernichtenden Sieg verwandeln", schrieb der Alte noch am selben Abend auf Twitter, als hätte ihn seine Tochter nie aus der Partei verstoßen. "Frankreich und die Franzosen zuerst". Er twittert nicht selbst, er ruft seinen Assistenten an und diktiert ihm, was er sagen möchte.
Zum Beispiel, dass er Marschall Pétain, den Chef der Vichy-Kollaborateure, nicht für einen Verräter hält. Dass er seinen berüchtigten Satz, die Gaskammern seien "ein Detail der Geschichte", als nicht anfechtbar sieht. Und dass er sich auch nicht um jeden Preis mit seiner Tochter Marine versöhnen werde. Unterwerfung, schreibt er, sei etwas für den Islam, aber nichts für ihn.
"Ein Erdbeben", hieß es überall in Frankreich nach diesem ersten Wahlgang, aber es klang, als wäre das Wort Erdbeben nur der Deckname für Apokalypse.
Der Premierminister, ein Sozialist, befahl den sozialistischen Kandidaten, sich in Gegenden, wo Le Pens Partei in Führung lag, zugunsten ihrer konservativen Gegner zurückzuziehen. Eine "republikanische Front" bilden gegen die nationale Front, nannte er das. Er beschwor das Szenario eines Bürgerkriegs herauf, sollte die Partei tatsächlich eine Region erobern.
Jean-Marie Le Pen ist guter Dinge, als er an diesem Nachmittag in seinem Büro empfängt. Der Raum gleicht einem gemütlichen Salon; in den Regalen stehen zierliche Zinnsoldaten vor schweren Folianten, unter dem Schreibtisch liegt ein Plüschpanther, gegen Zugluft und kalte Füße. Gerahmte Familienfotos lehnen an Bücherrücken, zwei davon sind auf einem kleinen runden Tisch ausgestellt. Eines zeigt ihn mit seiner zweiten Frau Jany, das andere ihn und seine Tochter Marine.
Le Pen sitzt auf einem Sessel vor dem Kamin, trägt einen fliederfarbenen Kaschmirpullover und einen schwarzen Blazer mit Einstecktuch. Er hört nicht mehr so gut.
Monsieur Le Pen, sind Sie stolz auf den Erfolg des Front National?
"Stolz ist nicht das Wort, das ich benutzen würde. Aber es ist natürlich ein großer Erfolg, wenn man bedenkt, dass wir bis vor Kurzem auf lokaler Ebene gar nicht präsent waren." Er nickt. Leider gebe es ansonsten keinen Grund zur Freude. Weder für Frankreich noch für Europa. Die Situation sei dramatisch, und er hat Zahlen, die das belegen sollen. Er doziert, seine Stimme wird jetzt lauter, kräftiger.
Europa: 700 Millionen Einwohner, Durchschnittsalter 45 Jahre. Eine Frau bekomme hier im Schnitt 1,4 Kinder.
Der Rest der Welt: 6 Milliarden Einwohner, Durchschnittsalter 20 Jahre, die Geburtenrate liege bei etwa 4 Kindern pro Frau, sagt Jean-Marie Le Pen. Es sind seine eigenen Zahlen.
Er sieht einen an, prüfend. Möchte wissen, ob man begriffen hat, was er sagt. "Wir stehen am Anfang einer regelrechten Invasion, deren Ausmaße wir noch gar nicht erfasst haben."
Wer fällt wo ein?
"Einwanderer, Migranten, bei uns in Europa. Sehen Sie, die Leute haben jetzt begriffen, dass ich recht hatte. Dass das, was ich seit Langem prophezeie, jetzt tatsächlich eintrifft." Er triumphiert nicht, er stellt fest. Die vielleicht höchste Kunst der Selbstgefälligkeit.
Der Politiker Jean-Marie Le Pen hantierte gern mit Gefahr und mit Angst; sie dienten ihm als Instrumente. Beide sind Geschwister des Unmuts, aus dem sich der Front National bis heute nährt.
Aber während der Alte keine Scheu hatte, sich auch mit Rechtsradikalen und Holocaust-Leugnern zu umgeben, achtet seine Tochter sorgsam auf das Bild, das ihre Partei nach außen abgibt. Sie hat sich bemüht, die Spuren des Vaters zu verwischen. Und doch gibt es viele, die glauben, dass es sich dabei eher um Strategie als um Überzeugung handelt. "Faschistisches" könne er an Marine Le Pen nicht entdecken, schrieb der Historiker Jacques Juillard, doch sie sei sicherlich xenophob. Bisher scheint ihre Strategie aufzugehen, mit ihr ist das Gedankengut des Front in der Mitte der Gesellschaft angelangt.
Von heute aus betrachtet, wirkt es manchmal, als seien Jean-Marie Le Pen, dieser wuchtige Mann und seine hässlichen Parolen, das Ungemach in einer damals recht heilen Welt gewesen. Jahrzehntelang prangerte Jean-Marie Le Pen die "insécurité" an, die vermeintliche Unsicherheit. Aber erst jetzt, nach zwei Terroranschlägen, ist Frankreich tatsächlich bis ins Mark erschüttert. Ein Großteil der Franzosen, mehr als 80 Prozent, befürworten strengere Sicherheitsvorkehrungen, darunter auch Grenzkontrollen. Für Jean-Marie Le Pen ist das Beleg seiner hellseherischen Kraft. Er hat ihn kommen sehen, den Niedergang. Sein Problem ist: Er ist nicht mehr am Ruder. Seine Tochter führt die Partei, die er begründet und der er seinen Namen eingebrannt hat. Und er tut sich schwer mit ihrem Erfolg.
Wenn Le Pen aus seinem Fenster schaut, blickt er über ganz Paris, eine großartige Aussicht. Hier, auf seinem Hügel in Saint-Cloud, liegt die Stadt ihm zu Füßen. Das Anwesen hat ihm ein Anhänger Mitte der Siebzigerjahre vermacht, zusammen mit sehr viel Geld. Ein Palais aus der Zeit Napoleons III., 430 Quadratmeter, dazu ein mehrere Hektar großer Garten. Manchmal steht er auf der Terrasse und zoomt mit einem Fernglas den Élysée heran, den Präsidentenpalast.
Bis zum vergangenen Jahr lebte hier, in der Villa Montretout, auch Marine Le Pen. Sie sagt, sie sei ausgezogen, weil die Hunde ihres Vaters ihr Kätzchen Artémis getötet hätten. Le Pen, die Tochter, liebt Katzen. Der Vater mag Hunde lieber.
Jean-Marie Le Pen schüttelt den Kopf. Die Katze, sagt er, sei aus dem Fenster gefallen, habe sich verletzt, und die Hunde hätten sie für einen Fellball gehalten und damit gespielt. Marine Le Pens Auszug aus Montretout läutete die Endphase ihres familiären Zerwürfnisses ein. Des Streits, den Jean-Marie Le Pen als "Vatermord" klassifiziert. Die Familie Le Pen, das bedeutet griechische Tragödie, gemischt mit "Denver-Clan". Es gibt auch Anleihen von "House of Cards" und "König Lear".
Hat Ihre Partei sich verändert unter Marine Le Pen?
Nein, sagt der Alte trotzig. Sie sei weiter gewachsen, gewiss, aber das sei den Umständen geschuldet. Massenarbeitslosigkeit, Flüchtlingskrise, Terrorismus. Seine Themen. "Marine sagt nichts, was ich nicht auch gesagt habe." Dass sie es war, die den Front für andere Wählerschichten, für Akademiker und Besserverdienende, geöffnet hat, dass die Partei nie so erfolgreich war wie unter ihrer Führung, darüber verliert er kein Wort. Vielleicht weil sie ihn, den Vater, dafür geopfert hat.
Marine Le Pen hat sich Berater gesucht, die er nicht mag. Den Ehemann seiner ältesten Tochter Marie-Caroline etwa, der sich vor fast 20 Jahren Le Pens Widersachern anschloss, als sie sich vom Front abspalteten. Mit Marie-Caroline spricht ihr Vater bis heute kein Wort. Die Enkelkinder lässt er ins Haus, sie nicht.
Zu den Menschen, die Jean-Marie Le Pen verachtet, gehört auch Florian Philippot, ein Eliteschulabsolvent und mittlerweile Nummer zwei des Front. Er ist Marines Chefstratege und ihr vielleicht engster Vertrauter. Philippot sagt, er habe den alten Le Pen nie gewählt. Der Alte glaubt, dass in Wirklichkeit "Monsieur Philippot" hinter seinem Ausschluss steckt.
Wenn man ihn fragt, warum seine Tochter Marine und auch Marion, seine Enkelin, nun so viel beliebter seien als er, blickt er einem in die Augen und sagt: "Ich darf Sie daran erinnern, dass ich bei den Europawahlen 33 Prozent in der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur geholt habe, dass ich 1988 bei den Präsidentschaftswahlen 15 Prozent erreicht habe und 2002 in der Stichwahl gegen Chirac angetreten bin." Marine habe kein besseres Ergebnis vorzuweisen, sagt er, 18 Prozent bei den Präsidentschaftswahlen, genau wie er. "C'est tout", er lehnt sich zurück. 64 Wahlkämpfe hat er in seinem Leben bestritten.
Jean-Marie Le Pen sieht sich als Schöpfer, und beide, Partei und Tochter, vielleicht auch die schöne, erfolgreiche Enkelin Marion, als seine Kreaturen.
2011, in ihrer Antrittsrede als Vorsitzende, sagte Marine Le Pen: "Wir alle haben Jean-Marie Le Pen viel zu verdanken, ich schulde ihm noch mehr. Er hat aus mir
nicht nur die Politikerin gemacht – sondern auch die Frau, die ich heute bin." Ihre Worte berühren ihn immer noch, er erinnert sich gern an diese Rede.
Monsieur Le Pen, wie sehen Sie Ihre Tochter heute?
"Marine ist gut in der Kommunikation, sie kann das, Debatten im Fernsehen, im Radio." Er bricht ab, um seine Enkelin zu loben, die an diesem Tag Geburtstag hat. Marion, sagt er, sei vielleicht die bessere Rednerin; sie könne sehr gut improvisieren. So, wie auch er immer frei gesprochen habe. Marion, sagt er, sei jetzt 26 Jahre alt – "Stellen Sie sich vor! 26!" –, und sie sei brillant.
Er selbst war es, der sie davon überzeugte, in die Politik zu gehen. Marion habe zuerst nicht gewollt, sie studiere doch, schrieb sie ihm in einem Brief. "Wie können wir junge Leute überzeugen, sich für uns zu engagieren, wenn du, als Mitglied dieser Familie, es nicht tust?", fragte er sie. Da hat sie eingewilligt. Und wurde prompt, genau wie ihr Großvater mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor für die kleinbürgerlichen Poujadisten, zur jüngsten Abgeordneten der Nationalversammlung gewählt.
Hinter Le Pens Sessel steht das Modell eines Dreimasters; er ist Bretone, und er liebt Schiffe, das Meer. Sein Vater, ein Fischer, starb, als sein Boot von einer Mine gesprengt wurde. Jean-Marie war 14 Jahre alt, den toten Vater identifizierte er an dessen Tätowierung. "Ich weiß, was Krieg bedeutet", sagt Jean-Marie Le Pen an diesem Nachmittag. "Das ist mein großer Vorteil."
Er war mit der Fremdenlegion in Saigon, als die Franzosen aus Indochina abzogen. Später kämpfte er für den Verbleib Algeriens bei Frankreich. "Ihr wolltet kein französisches Algerien, jetzt werdet ihr ein algerisches Frankreich bekommen", verkündete er. Er zitiert den Satz bis heute gern.
Der Front National geht 1972 aus der rechten Sammelbewegung Ordre nouveau hervor; zu Beginn dreht sich alles um den Kampf gegen den Kommunismus und gegen Abtreibung. Mitbegründer an der Seite Jean-Marie Le Pens ist François Duprat, ein Antisemit, der vor einer jüdischen Weltverschwörung warnt und das Existenzrecht Israels infrage stellt. Er wird 1978 bei einem Attentat getötet.
Am Sonntagabend, nach dem ersten Wahlgang, hat Jean-Marie Le Pen seine Tochter angerufen und ihr gratuliert. Sie habe sich nur kühl bedankt, erzählt er. Er versteht nicht, warum sich die Tochter nicht mit ihm versöhnen will. "Warum bestraft sie mich für ein Interview, in dem ich nur sage, was ich schon fünfmal gesagt habe?"
In diesem Interview sagen Sie, die Gaskammern seien "ein Detail der Geschichte des Zweiten Weltkriegs".
"Ja, und? Ich sage, die Gaskammern sind ein Detail der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Was ist daran skandalös?" Er habe die Existenz der Gaskammern nie geleugnet, auch wenn er sie selbst nicht gesehen habe. Sie seien eben ein Detail, eine Episode dieses Krieges "wie so viele Episoden; wie Stalingrad oder die Atombomben auf Japan".
Um zu zeigen, dass er und niemand sonst das Opfer ist, erzählt er die Fabel "Der Wolf und das Lamm" von La Fontaine. Der Alte sieht sich in der Rolle des Lamms, das der Wolf fressen möchte.
Die anderen sind schuld, immer.
Die anderen, so sieht er es, haben ihn zum Antisemiten gemacht, denn "Politik bedeutet Kampf, und dem Gegner sind alle Mittel recht". Sie hetzen ihm die Justiz auf den Hals, diffamieren ihn. An der Wand in seinem Büro lehnt ein Plakat, unter seinem Porträt prangt der Satz: "Niemand bringt mich zum Schweigen".
Im Frühsommer 2014, kurz nach dem Erfolg des Front bei den Europawahlen, erklärte der jüdische Sänger Patrick Bruel, er werde in Städten, die vom Front regiert werden, nicht mehr auftreten. In einer Videobotschaft an seine Anhänger entgegnete Jean-Marie Le Pen ihm lachend: "Das nächste Mal machen wir aus ihm eine Ofenladung." Seine Tochter, die Vorsitzende, entschuldigte sich öffentlich für den "politischen Fehler" des Vaters.
Er sei ein freier Mann, sagt Le Pen dazu. Seine Bemerkung sei "ohne jegliche antisemitische Konnotation" gewesen.
Jean-Marie Le Pen in seinem Sessel, in seinem Büro, singt jetzt Édith Piaf. Es wird dunkel, in der Ferne beginnt der Eiffelturm zu funkeln.
Rien de rien, non, je ne regrette rien.
Er bereut nichts.
Drei Tage später, beim zweiten Wahlgang, gelingt es weder seiner Tochter noch seiner Enkelin, eine Region zu erobern.
"Wenn sie verliert, liegt es daran, dass sie mich ausgeschlossen hat", hatte der Alte an jenem Nachmittag noch gesagt. ■

"Die Menschen haben begriffen, dass das, was ich seit Langem prophezeie, jetzt eintrifft."

* Jean-Marie Le Pen mit Ehefrau Pierrette (M.), Töchtern Marie-Caroline (stehend), Marine, Yann.
Von Julia Amalia Heyer

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