19.12.2015

KommentarDatenbank der Illusionen

Wie sich verhindern lässt, dass Großprojekte außer Kontrolle geraten
Die Briten ziehen gerade das größte Bauvorhaben Europas durch. Quer durch den Großraum London führt bald die neue Bahnlinie "Crossrail"; 118 Kilometer ist sie lang, 21 Kilometer verlaufen in neu gebohrten Tunnels durch kaum berechenbaren Untergrund – komplizierter geht es kaum. Dennoch ist der Bau nur wenig in Verzug, sogar das Budget wird bislang eingehalten. Vielleicht hätten die Briten auch die Elbphilharmonie und den Hauptstadtflughafen errichten sollen.
Aber nun kommt Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) mit seinem neuen "Aktionsplan Großprojekte". Das Ziel: Kostenwahrheit und Termintreue auch auf deutschen Großbaustellen. Es gibt darin vernünftige Maßnahmen. Planer sollen ihre Bauten schon vorm ersten Spatenstich als digitale Modelle am Computer errichten, mit Zugriff für alle beteiligten Firmen – diese hätten dann das Ganze im Blick und müssten nicht für sich dahinwerkeln.
Vor allem aber besteht der Aktionsplan aus allerhand ewigen Wahrheiten ("erst planen, dann bauen") und herzensguten Absichten ("in der Praxis gelebte partnerschaftliche Zusammenarbeit"). Es gehe, so heißt es, um einen "Kulturwandel" auf dem Bau.
Handfeste Regeln wären hilfreicher. Die Hertie School of Governance hat 170 deutsche Bauprojekte untersucht. Im Schnitt liegen sie um 63 Prozent über dem Budget. Die Autoren der Studie empfehlen deshalb den Zwang zu realistischer Planung – nach dem Vorbild der Briten. Hinter deren Kostendisziplin steckt der Stadtplaner Bent Flyvbjerg. Der erforscht in Oxford seit Jahren, wie Megaprojekte in aller Welt außer Kontrolle geraten. Die Planer in ihrer Begeisterung unterschätzen meist Kosten und Aufwand (manchmal absichtlich). Skrupellose Baufirmen können das systematisch ausnutzen. Solche Mechanismen der Kostenfallen unterbindet man nicht mit Aufrufen zur Partnerschaftlichkeit.
Flyvbjerg hat ein internationales Register von Opernhäusern, Brücken und Sportstadien angelegt. Detailliert ist darin aufgeschlüsselt, um wie viel jeweils der Etat überzogen wurde – eine Datenbank der teuren Illusionen. Wer in Großbritannien Megabauten plant, muss nachschlagen, wie vergleichbare Projekte ausgingen. Die Genehmigung gibt es erst, wenn in die Kostenprognose der passende Blauäugigkeitsfaktor eingepreist ist. Flyvbjerg könnte sich vorstellen, die Anforderungen noch zu verschärfen: Warum sollen Planer nicht haften für Fehler – und belohnt werden, wenn sie im Rahmen bleiben? Nix Kulturwandel also. Stattdessen ganz altmodisch: Empirie, Kontrolle, Sanktionen.
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 52/2015
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