24.12.2015

Linke„Es war Nötigung“

Der ehemalige Fraktionschef Gregor Gysi, 67, hat auch nach seinem Abschied keine Zeit, hadert mit Sahra Wagenknecht und versucht, Oskar Lafontaine zu verstehen.
SPIEGEL: Herr Gysi, Sie sind nicht mehr Fraktionsvorsitzender. Ist Weihnachten dieses Jahr anders?
Gysi: Ich hatte schon eine Woche vorher fast alle Geschenke zusammen. Früher bin ich erst am 24. morgens losgesprintet.
SPIEGEL: Bei Ihrem Abschied haben Sie sich öffentlich unter Tränen bei Ihrer Familie dafür entschuldigt, dass Sie immer so wenig Zeit hatten. Ist es jetzt besser?
Gysi: Nein, mehr Zeit habe ich noch nicht, aber wenigstens ein anderes Gefühl für meine Familie. Ich kann mich meinen Kindern gegenüber besser öffnen, ihnen zuhören und auf ihre Probleme eingehen. Das ist ein wichtiger Qualitätsunterschied.
SPIEGEL: Sie wollten weniger Termine haben, aber wir sehen Sie noch genauso oft in Talkshows wie früher.
Gysi: Ich werde jetzt doppelt so viel eingeladen, weil alle davon ausgehen, dass ich mehr Zeit habe. Insofern nerve ich mich. Ich habe die Herrschaft über meinen Kalender noch nicht zurückgewonnen. Bis Mai bin ich ausgebucht. Mein Fahrer meint, dass ich so viel zusage, weil ich jetzt alleine wohne und abends nicht gern allein zu Hause bin. Da kann auch etwas dran sein.
SPIEGEL: Spüren Sie den Machtverlust?
Gysi: Ich werde am Flughafen nur nicht mehr durch die Kontrollen gewunken.
SPIEGEL: Das ist ja fast tragisch. Und sonst?
Gysi: Das Problem ist ein anderes. Ich muss für mich eine neue Rolle im Bundestag finden. Ansonsten will ich politisch wirksam bleiben, aber in einem neuen Sinn, als Gesellschaftspolitiker. Ein Politiker muss sich mit Anträgen und Anfragen beschäftigen, ein Gesellschaftspolitiker muss auf generelle Entwicklungen achten und Vorschläge unterbreiten.
SPIEGEL: Das klingt eher so, als wollten sie dem Klein-Klein und dem Sektierertum in Ihrer Partei entfliehen.
Gysi: Na ja, so schlimm ist es nun auch wieder nicht, aber natürlich stimmt es, dass die Linke noch lernen muss, mit mehr Toleranz auf andere Ansichten zu reagieren.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Gysi: Im Kern muss die Partei irgendwann akzeptieren, dass Konservative wie Freie Demokraten, Grüne oder Sozialdemokraten gleichberechtigt existieren. Und das fällt der Linken noch schwer, weil wir natürlich von Geburt an davon ausgehen, immer im Recht zu sein.
SPIEGEL: Keiner scheint mehr an die eigene Unfehlbarkeit zu glauben als Ihr alter Mitstreiter Oskar Lafontaine. Wie blicken Sie inzwischen auf ihn? War er mehr Fluch für Sie oder mehr Segen?
Gysi: Ohne ihn gäbe es die weit akzeptierte Linke nicht. Seine Beweggründe waren andere als meine. Seine hatten etwas mit der SPD zu tun und mit Gerhard Schröder. Er wollte gegen sie ein Zeichen setzen. Aber wir hatten das gleiche Ziel. Als er die Sozialdemokraten verlassen hat und die WASG mit der PDS vereinen wollte, war ich gar nicht mehr in der Politik. Lafontaine machte meine Rückkehr zu einer Bedingung. Es war im Grunde eine positive Nötigung, und sie hat mein Leben verändert. Ich habe lange darüber nachgedacht. Ich sah die Chance, die PDS zu retten, deren Mitgliederzahl im Osten ja von Jahr zu Jahr deutlich abnahm. Irgendwann hätte sich diese Partei historisch erledigt. Dass Lafontaine andere Motive hatte, fand ich in diesem Moment nicht so schlimm.
SPIEGEL: Was war Ihre schwerste Auseinandersetzung mit ihm?
Gysi: Abgesehen vom Göttinger Parteitag war es die, als er nach Iran fahren und auch Ahmadinejad besuchen wollte. In der Außenpolitik tickt er eben anders, das gilt auch für die Flüchtlingsfrage und Europa. Doch in Wahrheit ging es um etwas anderes: Wer einmal SPD-Vorsitzender war, muss offenbar ständig rechtfertigen, dass es richtig war, die eigene Partei verlassen zu haben. Deshalb kann er nicht aufhören. Er muss sich immer weiter etwas beweisen. Unter diesem Druck stehe ich nicht.
SPIEGEL: Sie meinen, er muss beweisen, dass die SPD unrecht hatte und er recht?
Gysi: Günter Grass hat über Lafontaine gesagt, er sei der größte Verräter der SPD. Das ist sehr hart. Jetzt hat Lafontaine das Gefühl, beweisen zu müssen, dass die SPD den falschen Weg gegangen ist und geht. Das stimmt und trotzdem, Lafontaine ist ein großer Politiker und muss eigentlich über seinen Schatten springen können.
SPIEGEL: Ist er es, der einer rot-rot-grünen Koalition im Bund im Wege steht?
Gysi: In allen drei Parteien gibt es genügend Leute, die das nicht wollen. Aber die Linke hat gerade jetzt eine große Verantwortung. Sie muss begreifen, dass wir alle verlieren werden, wenn es uns nicht gelingt, ein funktionierendes, überzeugendes, linkes Projekt gegen die Rechts-Entwicklung in Europa und in Deutschland auf die Beine zu stellen.
SPIEGEL: Wen meinen Sie mit "alle"?
Gysi: Wir können die AfD nur überwinden, wenn die Union Opposition wird. Erst dann kann sie wieder eine Haltung einnehmen, die die AfD überflüssig macht. Die Linke hat aus meiner Sicht die Pflicht, zusammen mit SPD und Grünen ein linkes Projekt gegen die jetzige Entwicklung Europas und Deutschlands zu setzen. Kann sein, dass es scheitert. Aber wir sind verpflichtet, es zumindest zu versuchen, wie es in Portugal geschieht.
SPIEGEL: Solange Sahra Wagenknecht die Bundeswehr mit dem IS vergleicht, sehen wir schwarz für Ihr Projekt.
Gysi: Man muss vorsichtig sein mit solchen Vergleichen. Ich fand die Bombardierung Dresdens durch Amerikaner und Briten völlig falsch, aber man kann sie deshalb noch lange nicht mit Hitler vergleichen. So wie man diejenigen, die gegen den "Islamischen Staat" kämpfen, nicht mit dem "Islamischen Staat" gleichsetzen kann. Es gibt Leute bei uns, die zugespitzte Formulierungen lieben. Aber wenn ich mehr Menschen gewinnen will, muss ich auch eine andere Sprache sprechen können.
SPIEGEL: Warum spitzt Wagenknecht so zu?
Gysi: Sie bekommt viele zustimmende Briefe und fühlt sich dadurch bestätigt. Und sie umgibt sich mit Leuten, die ihre zugespitzte Art mögen. Sie ist aber gut, und ich werde jetzt kein Gesamturteil über Sahra Wagenknecht abgeben, schon deshalb nicht, weil sie meine Nachfolgerin ist und ich sie vorgeschlagen habe.
SPIEGEL: Sie schadet Ihrem linken Projekt.
Gysi: Nein, das Projekt muss ernst genommen werden. Dietmar Bartsch hat eine große Verantwortung. Er muss mit ihr einen Kompromiss finden, der es ermöglicht, auf die anderen Parteien zuzugehen. Ich glaube auch, dass die beiden das wissen. Und ich hoffe, dass sie die Aufgabe erfolgreich wahrnehmen werden.
SPIEGEL: Sie waren jahrelang Fraktionsvorsitzender. Warum sind Sie das Projekt nicht selbst angegangen?
Gysi: Ich glaube, dass die Zeit dafür nicht reif war. Jetzt stehen wir vor einer neuen schwierigen Situation, weil die Gefahr droht, dass sich ganz Europa einschließlich Deutschland nach rechts verschiebt. Vielleicht ist sogar die EU gefährdet, die immerhin den Frieden zwischen ihren Mitgliedsländern garantiert. Vor 1933 war es ein Versagen von KPD und SPD, dass sie nicht mal im Ansatz Gemeinsamkeiten gegen die Nazis gefunden haben.
SPIEGEL: Welche Rolle spielt Lafontaine heute noch?
Gysi: Er ist wichtig. Erstens ist er Fraktionsvorsitzender in einem Landtag, und zweitens kann er über Sahra Wagenknecht versuchen, Einfluss zu nehmen. Er bespricht sicher vieles mit ihr. Wenn ich verheiratet und meine Frau Fraktionsvorsitzende der Linken wäre, würde ich das auch machen. Insofern gibt es dort gegenseitige Einflüsse, er spielt also immer noch eine wichtige Rolle.
SPIEGEL: Nutzt er Sahra Wagenknecht als Hebel, um der SPD weiterhin Schaden zuzufügen und einen sozialdemokratischen Kanzler zu verhindern?
Gysi: Nein, darüber ist er hinweg. Außerdem schadet sich die SPD selbst genug, dazu braucht sie nicht Lafontaine.
SPIEGEL: Und wenn es so weit wäre, und Lafontaine würde Sie wieder anrufen und sagen, das geht nur mit dir?
Gysi: Das macht er bestimmt nicht. Außerdem bin ich in einem Alter, wo das nicht mehr sein muss. Das muss jetzt die nächste Generation machen.
SPIEGEL: Es hätte keinen Reiz für Sie?
Gysi: Das einzige Ministerium, das mich reizen könnte, wäre das Außenministerium, und dazu müsste ich perfekt Englisch sprechen. Tue ich aber nicht.
Interview: Christiane Hoffmann, Marc Hujer
Von Christiane Hoffmann und Marc Hujer

DER SPIEGEL 53/2015
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